CFP: Convivium. Germanistisches Jahrbuch Polen. Schwerpunkt 2019: Angst und Mut (30.11.2019)

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CONVIVIUM - THEMATISCHER SCHWERPUNKT 2019: Angst und Mut

Unter Angst versteht Heidegger eine Befindlichkeit, während Mut bei ihm nur als Mut zur Angst, zum Blick in den Abgrund vorkommt. Er gebraucht dagegen den Begriff Gemüt, d.h. eine Ableitung des althochdeutschen ‚muot‘, der in der mittelalterlichen Literatur in Verbindung mit ‚maze‘ eine so große Rolle spielte, später jedoch als ‚hohe muot‘, Hochmut, verurteilt wurde. Das Aufklärungszeitalter kann man dagegen mit Kants Spruch „Habe den Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ charakterisieren. Die moderne Literatur scheint das Phänomen Angst mit all seinen Ableitungen (Ängstlichkeit, Angstanfall, Lebensangst, Angstkultur, aber auch Angstlust) und verwandten Begriffen wie Furcht (Furcht vor Berührung, vor Verletzung), Psychose, Phobie, Wahn, Panik zu bevorzugen.

Den letzten Versuch, den mutigen Menschen als Vorbild in die Literatur einzuführen, unternahmen wohl die Ideologen des sozialistischen Realismus mit ihrem Begriff des positiven Helden. Er sollte zeigen, wie man Furcht vor dem Neuen zu überwinden vermag. Der Dissident als derjenige, der den Mut aufbrachte, gegen die bestehende, zumeist totalitäre Ordnung zu protestieren, hat die Schriftsteller und Schriftstellerinnen kaum inspiriert. Mutige Helden scheinen in die Kinder- und Jugend- sowie Science-Fiction-Literatur abgegangen zu sein. Vielleicht haben diejenigen recht, die meinen, dass sich das Positive für künstlerische Gestaltung nicht eignet.

Manche Autoren und Autorinnen vertreten aber auch die Ansicht, dass sie mit der Darstellung von Angst vor … ob ihrer Sinnlosigkeit Mut machen könnten. Sie wollen nicht einer Angstgesellschaft das Wort reden, einem Begriff, den man in letzter Zeit oft als Überschrift zu Presseartikeln antrifft. Gleichzeitig wird immer wieder die Angst vor dem Fremden thematisiert, die Tzvetan Todorov zur Angst vor den Barbaren verallgemeinert. Gegen diese Angst gehen die vielen literarischen Versuche an, sich dem Fremden zu nähern, es zu verstehen. Insgesamt gibt es zum Thema Angst in der Literatur recht viele Studien, aber höchst selten werden Angst und Mut miteinander in Verbindung gebracht.

Aus linguistischer Sicht ist das thematische Spannungsfeld zwischen „Angst und Mut“ noch weitgehend Neuland: Zwar spielt Angst in Krisen- oder Seuchendiskursen (z.B. Wengeler / Ziem 2013; Radeiski 2011) am Rande eine gewisse Rolle. Aber erst in Mobbing-Sequenzen (Marx 2017) oder in Analysen des Migrations- oder Terrorismusdiskurses zeigen sich deutlicher Ansätze der alltagsweltlichen Konstruktion von Angst.

 

Dass das Thema Angst in der Sprachwissenschaft ‚im Kommen‘ ist, zeigte sich Anfang Oktober 2018 auf einer Tagung des Heidelberger Forschungsnetzwerks „Sprache und Wissen“ zum Thema „Sprache und Angst“. Typisch dafür waren zum Beispiel folgende Vorträge: Sprachliche Konstruktion von Angst: Methodische Herausforderungen ihrer Untersuchung und einige Lösungsvorschläge (Natalia Filatkina); Differenzierendes Empfinden. Konzeptuelle Figurationen von Angst und Furcht aus sprachwissenschaftlicher Sicht (Matthias Attig) oder „Unsicherheit und Angst haben zugenommen“. Zur öffentlichen Konstruktion von Angst und Misstrauen im Migrationsdiskurs der letzten Jahre (Milena Belošević / Martin Wengeler).

 

Abzuwarten bleibt aber, ob und wann linguistische Untersuchungen zu sozialen Ermutigungs-Diskursen in den Vordergrund des Interesses treten. Ansätze dazu könnten die MeToo-Debatten, der Diskurs über die so lange verhinderte Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch sein oder ganz aktuell: der weltweite Selbstermächtigungs-Protest von Schülerinnen und Schülern für eine strikt konsequentere Klimapolitik.

Um das Thema „Angst und Mut“ angesiedelt sind vielfältige Aspekte Untersuchungen etwa aus den alltagsweltlich Angst- und Mut-machenden Bereichen Medizin (Radeiski 2013), Internet/Medien (Marx 2019) oder Politik / Geschichte (Antos / Fix / Radeiski 2014).

 

Literatur (Auswahl)

Antos, Gerd / Fix, Ulla / Radeiski, Bettina (eds.) (2014): Rhetorik der Selbsttäuschung. Berlin.

Lübke, Christiane / Delhey, Jan (eds.) (2019): Diagnose Angstgesellschaft? Was wir wirklich über die Gefühlslage der Menschen wissen. Bielefeld.

Marx, Konstanze (2017): Diskursphänomen Cybermobbing. Ein internetlinguistischer Zugang zu [digitaler] Gewalt. Berlin / New York.

Marx, Konstanze (2019): Von Schafen im Wolfspelz – Shitstorms als Symptome einer medialen Emotionskultur. In: Hauser, Stefan / Luginbühl, Martin / Tienken, Susanne (eds.): Mediale Emotionskulturen. Frankfurt a. M (= Sprache–Kommunikation–Medien), 135–154.

Nick, Peter (2003): Ohne Angst verschieden sein: Differenzerfahrungen und Identitätskonstruktionen in der multikulturellen Gesellschaft. Frankfurt a. M.

Radeiski, Bettina (2011): Seuchen, Ängste und Diskurse. Massenkommunikation als diskursives Rollenspiel. Berlin / Boston.

Radeiski, Bettina (2013): Die WHO warnt vor Panik. Beispielhafte Analyse einer Warnung im medialen Diskurs zur Vogelgrippe. In: Behr, Irmtraud / Berdychowska, Sofia (eds.): Prädikative Strukturen in Theorie und Text(en). Frankfurt a. M.

Todorov, Tzvetan (2010), Die Angst vor den Barbaren. Kulturelle Vielfalt versus Kampf der Kulturen. Hamburg.

Wengeler, Martin / Ziem, Alexander (Hg.) (2013): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein fortwährend aktuelles Phänomen. Bremen.

Bis zum 30. November 2019 können literatur-, kultur- und medienwissenschaftliche sowie linguistische Beitragsvorschläge eingereicht werden. Dies gilt ebenso für das Schwerpunktthema wie für allgemeine Themen zu den Rubriken Literaturwissenschaft sowie Linguistik und DaF. Willkommen sind gleichfalls bis zum 30. November Rezensionen zu wissenschaftlichen Publikationen und Berichte über Tagungen und ähnliche Veranstaltungen.

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