CFP: Auszeiten. Temporale Ökonomien des Luxus, Genf (31.05.2019)

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Tagung im Rahmen des SNF-Projekts Luxus und Moderne. Die Ambivalenz des Überflüssigen in Kulturkonzeptionen der Literatur und Ästhetik seit dem 18. Jahrhundert

 
Zeit gilt heute als der wahre Luxus. Zumindest legt ein Blick in Magazine, Ratgeberliteratur und Umfrageergebnisse nahe, dass diese Gleichsetzung zu einem Topos der Gegenwart geworden ist. In der heutigen Hektik sei die Auszeit das neue Statussymbol – so titelte unlängst beispielsweise die Neue Zürcher Zeitung (zumal die Schweiz in einer Statistik der beruflichen Auszeiten als europäische Spitzenreiterin erscheint).
Luxus, verstanden als höchst relative und stets neu auszuhandelnde Kategorie von Überfluss und Überschuss, lässt sich demnach nicht nur auf ein materielles, sondern auch ein zeitliches Maß bzw. Übermaß beziehen. Im Gegensatz zur materiellen Dimension ist jedoch die Korrelation von Luxus und Zeit von der Forschung bisher kaum eigens fokussiert worden.
Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung mit literaturwissenschaftlichem Schwerpunkt nimmt diese vielschichtige Korrelation unter den modernen Bedingungen einer markant erhöhten Ambivalenz des Luxus (vgl. Vogl 2001, Weder/Bergengruen 2011, Erlin 2015) seit seiner ökonomischen und anthropologischen Aufwertung im 18. Jahrhundert (vgl. bereits Sekora 1977, Berry 1994) in den Blick. Bis in die Zeit um 1700 wird ›luxuria‹, d.h. die körperliche und geistige Ausschweifung, v. a. theologisch und moralphilosophisch verhandelt und als eine der sieben Todsünden bzw. als Laster disqualifiziert. Im 18. Jahrhundert erfährt ›Luxus‹ zunächst eine ökonomische Aufwertung, indem der Überfluss verstärkt als Triebfeder von Waren- und Geldzirkulation, von technischem Fortschritt und erhöhter Beschäftigung veranschlagt wird (bes. etwa bei B. Mandeville oder J. Steuart, auf den sich später G.W.F. Hegel bezieht). Hinzu tritt das anthropologische Interesse an Luxusphänomenen, denen – exemplarisch in Unternehmen wie dem Journal des Luxus und der Moden (1782ff.) – eine kultivierende Wirkung (›Verfeinerung‹) zugeschrieben wird. So werden Kultur und Luxus eng liiert, freilich nicht einsinnig positiv; vielmehr potenziert sich die Ambivalenz in den Diskussionen und Präsentationen des Luxus in der Moderne.
Entsprechend zweischneidig ist die Allianz von Zeit und Luxus. ›Zeit ist Geld‹ – die Gleichung, die B. Franklin 1748 formuliert bzw. popularisiert hat, impliziert die Umrechenbarkeit von zeitlichem in materiellen Aufwand und wendet sich gegen Zeitverschwendung analog zu Geldvergeudung. Sie steht in der Tradition jenes ›puritanischen Ethos‹, dem, gemäß M. Webers zuspitzender Beschreibung, der »Zeitverlust durch Geselligkeit, ›faules Gerede‹, Luxus, selbst durch mehr als der Gesundheit nötigen Schlaf« als die »schwerste aller Sünden« gilt (Protestantische Ethik, 1904/5). Bei der Kritik von Zeitverschwendung als Luxus tritt hier zugleich umgekehrt der zeitverschwenderische Aspekt der Beschäftigung mit Luxus hervor (Luxus als Zeitverschwendung). Unter konträrer Wertung findet sich die Position etwa im demonstrativen Müßiggang als Zurschaustellung einer emphatischen »Distanz zur Notwendigkeit« (Bourdieu: La distinction, 1979). Die zeitliche Verausgabung als (vor-)gelebter Luxus kann zum Statussymbol werden, wie dies um 1900 prominent Th. Veblen analysiert, der in seiner Theory of the Leisure Class (1899) nicht nur die wohlbekannte Formel der conspicuous consumption bezüglich materiellen Konsums prägt, sondern analog von conspicuous leisure – ostentativer Freizeit – spricht. Er verbindet seine Analyse freilich mit harscher Kritik, die dann Th.W. Adorno auf den ersten Blick überraschend, aber gut dialektisch wiederum zum Verteidiger von Luxus werden lässt, wenn er Veblen die Vergötzung des ›Utilitätsprinzips‹ vorwirft und die Befreiung von der ›Sklaverei der Zwecke‹ geltend macht (Veblens Angriff auf die Kultur, 1953/54).
Die (Dis-)Qualifizierung als zeitlich akzentuierter Luxus betrifft nun die ›schöne‹ Literatur in speziellem Maß und mehrfacher Hinsicht. Wird Literatur – positiv oder negativ – mit Luxus verbunden, so nicht nur über die materielle, sondern ebenso über die temporale Dimension ihrer Produktion wie Rezeption. Dies zeigt sich im 18. Jahrhundert mit Konzepten wie ›Nebenstundenpoesie‹ und besonders deutlich um 1800, wenn etwa in der ›Lesesucht‹-Debatte der extensive Konsum von Romanen als »Leseluxus« bezeichnet und vorgerechnet wird: »Berechnet man, was leselustige Leute, die ihre bestimmten Berufsarbeiten haben, über dem Lesen versäumen, und was sie während der Zeit hätten verdienen können: so macht beydes […] das Lesen immer zu einem sehr beträchtlichen Artikel des Luxus« (J. Beyer: Über das Bücherlesen, 1796).
Dem Zeitakzent entspricht die Verwendung der Verbform ›luxurieren‹, die Luxus als Tätigkeit perspektiviert – namentlich als poetisches und als rhetorisches Tun: Die ›luxurierende Einbildungskraft‹ wird anthropologisch-poetologisch diskutiert (F. Schiller: Über die ästhetische Erziehung, 1795; E.T.A. Hoffmann: Serapions-Brüder, 1819–21); im Anschluss an die meist pejorative Kennzeichnung des ›stylus luxurians‹ bzw. ›stilus luxuriosus‹ in der Tradition der Rhetorik ist von einem ›luxurierenden‹ Schreibstil die Rede (z. B. bei G.E. Lessing: Laokoon, 1766). Von hier aus lassen sich Verbindungslinien ziehen zur Freud’schen Theorie, in der das (dichterische) Phantasieren als Surrogat des ›kindlichen Spiels‹ und der ›Tagträumerei‹ mit temporalem Luxus verbunden ist, indem es sich – so v. a. in Herbert Marcuses Rezeption – einer Leistungs- und Zeitökonomie verweigert. An die anthropologisch-ästhetische Aufwertung des Luxus um 1800 knüpft im 20. Jahrhundert insbesondere H. Blumenberg an, der das (Sprach-)Verhalten des Menschen gerade als ›Mängelwesen‹ durch das ›Prinzip der Überflüssigkeit‹ charakterisiert und eine entsprechend luxusaffine Metaphorologie entwickelt.
Unter diesen skizzierten Perspektiven lohnt sich der Blick auf die Literatur, die auf eigene und vielfältige Weise an der Verhandlung von Zeit-Luxus beteiligt ist: mit dem Auserzählen der temporalen Dimensionen von materiellem Luxus z. B. bei Darstellungen von pompösen Festen oder opulenten Mahlen, mit der Inszenierung von ›Auszeiten‹ wie Langeweile oder Muße, mit Figuren von Flaneuren, die eine entschleunigte Optik auf die beschleunigte Stadt ausstellen, mit zeitökonomisch dubiosen Gestalten von Müßiggängern und Nichtsnutzen… – um nur einige Beispiele auf der Ebene der Sujets zu nennen. Dabei sind die Verfahren der Texte ebenso aufschlussreich, entsteht doch etwa aus der Verbindung von kritischer Thematisierung des Luxus mit ›luxurierendem Erzählen‹ im Sinne schwelgerischen Schilderns unter rhetorischer Ausschweifung und exzessivem Verbrauch von Erzählzeit eine zentrale Form der Ambivalenz.
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Die Tagung findet vom 19. bis 21. März 2020 in Genf statt. Reise- und Hotelkosten werden übernommen.
Vorgesehen sind Vorträge von max. 30 Minuten Länge. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge mit Titel und Abstract, um die wir bis zum 31. Mai 2019 an ruth.signer@unige.ch, christine.weder@unige.ch, peter.wittemann@unige.ch bitten.
Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Eine aus dem thematischen Zusammenhang der Tagung hervorgehende – zeitnahe – Publikation ist geplant.
Konzeption & Organisation: Dr. des. Ruth Signer, Prof. Dr. Christine Weder, M. A. Peter Wittemann
 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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