CFP: Workshop zur Funktion unzuverlässigen Erzählens in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Jena (20./21.05.2019)

Annika Bartsch's picture

Friedrich-Schiller-Universität Jena

20./21. Mai 2019

Workshop zur Funktion unzuverlässigen Erzählens in der
deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

 

 

„Mit welcher Überlegenheit auch immer der Erzähler vorgibt,
Bescheid zu wissen, er fischt hier bloß Luft aus der Luft.
Wenn er ehrlich wäre, müßte er passen.“

(Blumenberg S. 82)

In Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg (2012) finden sich Kommentare des Erzählers, die explizit auf dessen eigene Unzuverlässigkeit verweisen. Damit ist Blumenberg kein Einzelfall in er deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Es finden sich zahlreiche Romane, in denen entweder wie in Lewitscharoffs Roman ein offen unzuverlässiges Erzählen festzustellen ist oder ein täuschendes oder axiologisch unzuverlässiges Erzählen vorherrscht. Erzählerische Unzuverlässigkeit ist dabei kein Novum der Gegenwartsliteratur – vielmehr ließe sich eine weitzurückreichende literaturgeschichtliche Tradition dieser Erzählform nachzeichnen. Es scheint jedoch, dass sich ein verstärktes Vorkommen unzuverlässigen Erzählens in der Gegenwartsliteratur beobachten lässt. Diese These bedarf jedoch zum einen einer bislang noch ausstehenden, an den Texten geprüften Bestätigung. Zum anderen fehlt bislang ein umfassenderer Versuch, systematisch nach der Gestalt und Funktion erzählerischer Unzuverlässigkeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zu fragen. Dies ist umso erstaunlicher als die Theorie unzuverlässigen Erzählens seit der Einführung des Begriffs ‚unreliable narrator‘ in Wayne C. Booths The Rhetoric of Fiction (1961) Gegenstand einer intensiven narratologischen Diskussion war und ist.

Der geplante Workshop hat nicht den Anspruch, eine neue Typologie erzählerischer Unzuverlässigkeit aufzustellen. Vielmehr soll auf Grundlage der vorhandenen Modelle nach der Funktion unzuverlässigen Erzählens gefragt werden. Dabei können die Beiträge von Vera Nünning und Ronny Bläß als Ausgangspunkte dienen, in denen anschlussfähige Thesen formuliert werden. Vor allem erscheint eine Herangehensweise sinnvoll, die von den literarischen Texten ausgeht und so versucht, Tendenzen und Muster zu erschließen.

Neben dem Verdacht, dass sich in der Gegenwartsliteratur durch unzuverlässiges Erzählen eine grundsätzliche epistemologische Skepsis äußert, wäre zu untersuchen, inwiefern die Funktion dieser Erzählweise auch darin bestehen könnte, zum Beispiel kulturelles Wissen, ethische Normen oder narrative Traditionen zu hinterfragen. Dabei erscheint es vielversprechend, die Korrelation zwischen verschiedenen Formen erzählerischer Unzuverlässigkeit (etwa den drei Formen nach Kindt/Köppe 2014) und deren Funktionen in den Blick zu nehmen. Es könnten zudem differenzierte Ergebnisse hervorgebracht werden, wenn danach gefragt würde, ob verschiedene narrative Gattungen in Relation zu spezifischen Formen und Funktionen erzählerischer Unzuverlässigkeit stehen. So könnte beispielsweise auch untersucht werden, welche Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens in Gattungen zu finden sind, die auf der Schwelle zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen stehen (z.B. in (Auto-)Biografien), in Gattungen, die historische Stoffe und Materialien bearbeiten (z.B. im historischen Roman), oder ob unzuverlässiges Erzählen auch relevant ist für phantastische Erzählungen und Science-Fiction. Auch ein Vergleich verschiedener thematisch voneinander zu unterscheidender narrativer Gattungen – Kriminalroman, Entwicklungsroman, Psychologischer Roman etc. – im Hinblick auf die Form und Funktion unzuverlässigen Erzählens könnte zu einer systematischen Erfassung des Phänomens innerhalb der Gegenwartsliteratur beitragen.

Es sind Themenvorschläge möglich, die entweder einen systematischen Beitrag zur Funktion erzählerischer Unzuverlässigkeit leisten oder sich mit konkreten Texten und Gattungen innerhalb der Gegenwartsliteratur beschäftigen. Explizit sind auch Beiträge von Nachwuchswissenschaftler*innen erwünscht. Bitte senden Sie ein Abstract (ca. 500 Wörter) für einen ca. 20 minütigen Impulsvortrag bis zum 04.02.2019 an annika.bartsch@uni-jena.de.

Die Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten für Vortragende ist gesichert.

 

 

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Alexander Nebrig] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu