CfP: Gegenwart und Zukunft europäisch-jüdischer Literaturstudien in einem veränderten Europa (28.02.2019)

Judith Müller's picture

Konferenz der Gesellschaft für europäisch‐jüdische Literaturstudien 2019 in Aachen
Gegenwart und Zukunft europäisch‐jüdischer Literaturstudien in einem veränderten Europa/
Presence and future of European Jewish Literature Studies in a changing Europe

[English follows]
Die Gesellschaft für europäisch‐jüdische Literaturstudien (EJLS) veranstaltet in
Kooperation mit Prof. Dr. Stephan Braese, Ludwig Strauß‐Professor für Europäischjüdische Literatur‐ und Kulturgeschichte an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, eine Konferenz zum Thema Gegenwart und Zukunft europäischjüdischer Literaturstudien in einem veränderten Europa. Die Konferenz wird vom 18. ‐ 20. November 2019 an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen stattfinden. Es ist die achte Konferenz der EJLS.

Nach der Auflösung des Warschauer Paktes und den politischen Umwälzungen in Mittelund Ostmitteleuropa nach 1989/90 war die Perspektive einer neuen „jüdischen
Renaissance in Europa“ (Diana Pinto) aufgekommen. Deutschland – in das besonders
viele Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken einwanderten ‐, aber auch Polen und Ungarn schienen historisch neue Chancen jüdischer Existenz in Europa nach Holocaust und Kaltem Krieg zu eröffnen. 2018 hingegen hat sich das Bild grundlegend gewandelt.
Rechtspopulistische Strömungen, darunter Parteien mit offen rassistischen, auch
antisemitischen Parolen, haben nicht nur in ost‐, sondern auch in mittel‐ und
westeuropäischen Ländern Zulauf erhalten und die öffentlichen politischen Diskurse
tiefgreifend verändert. Während in Polen und Ungarn ein Abbau der Rechtsstaatlichkeit
stattfindet, erhält der rechtsradikale Front National in Frankreich Zulauf; und im September 2017 wurde mit der „Alternative für Deutschland“ eine Partei in den
Deutschen Bundestag gewählt, die eine radikale Umkehr der Gedenkkultur und eine
Anerkennung der Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg fordert.
Auch wenn viele Beobachter meinen, dass der Antisemitismus in Europa nicht
zugenommen habe, sondern lediglich sichtbarer geworden sei, steht außer Frage, dass
sich das öffentliche Klima in Europa verändert hat. Insbesondere aus Frankreich, das in besonderem Maß von antisemitischen Gewalttaten unter islamistischem Vorzeichen
heimgesucht wurde, sind viele Juden nach Israel oder den USA abgewandert. Aber auch in Deutschland finden auf offener Straße und an helllichtem Tag tätliche Angriffe auf Juden statt.

Die Gründung der Gesellschaft für Europäisch‐jüdische Literaturstudien 2006 fiel in eine Zeit, da zum einen der europäische Einigungsprozess in der Öffentlichkeit noch weniger umstritten war, zum andern jedoch eine spezifische Förderungswürdigkeit jüdischer Studien seitens der politischen Administrationen vor allem in Deutschland und Österreich bereits zusehends aberkannt wurde. Erfüllte die politische Unterstützung jüdischer Studien an Universitäten und in der Erwachsenenbildung lange die Funktion einer moralischen Wiedergutmachung, schien „das Ende der Nachkriegszeit“ (James Baker) von dieser Pflicht zu entbinden. Die institutionelle Verankerung jüdischer Studien – und mit ihnen auch die europäisch‐jüdischer Literaturstudien – an den europäischen Universitäten war nie stabil. Die aktuelle Situation in Europa hingegen unterstreicht eindrücklich, dass europäisch‐jüdische Literaturstudien – gerade dank ihres Zugangs zur unverwechselbaren Wahrnehmungsgenauigkeit von Literatur – unverzichtbar ist für die Aufrechterhaltung einer Erinnerungskultur, die das Fundament des Nachkriegs‐Europas gelegt hat.
Die geplante Konferenz zielt darauf, die europäisch‐jüdischen Literaturstudien kritisch
nach ihrer Funktion, ihren Aufgaben und ihrer spezifischen Leistungsfähigkeit in der
Herausforderung durch diese Gegenwart zu befragen. Erwünscht sind Beiträge sowohl
konzeptioneller Art, die – etwa mit disziplingeschichtlichen und wirkungstheoretischen
Seitenblicken – erbrachte Leistungen kritisch bilanzieren und/ oder neue
Akzentsetzungen oder Profilierungen zur Diskussion stellen, die der veränderten
Situation Rechnung tragen. Erwünscht sind aber ebenfalls Beiträge, die an konkreten
Fallbeispielen aus der Geschichte der europäisch‐jüdischen Literatur demonstrieren, auf welche Weise Erfahrungen mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Dissensen schon in der Vergangenheit Eingang in die Literatur gefunden haben und ob und auf welche Weise diese Erfahrungen für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden können. Kritik und Selbstkritik sind nicht weniger willkommen als überzeugende Vorschläge für die
Zukunft. In der Summe soll die Konferenz eine nüchterne Bestandsaufnahme zu einem
Zeitpunkt ermöglichen, da vieles – auch die Arbeitsbedingungen europäisch‐jüdischer
Literaturstudien – in einem tiefgreifenden Wandel stehen. Die Konferenz wird im Auftrag der Gesellschaft für europäisch‐jüdische Literaturstudien organisiert von Stephan Braese, Ludwig Strauß‐Professor für Europäisch‐jüdische Literatur‐ und Kulturgeschichte an der Rheinisch‐Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, und findet ebenda statt. Wir bitten um Vortragsvorschläge (300‐500 Wörter) mit einer kurzen biografischen Notiz und/oder Rückfragen bis zum 28. Februar 2019 an folgende Mailadresse: Tanja Daniels, aedl@germlit.rwth‐aachen.de. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Die Vorträge sollen eine Länge von 25 Minuten nicht überschreiten. Übernachtungskosten werden übernommen, Reisekosten werden nach Möglichkeit erstattet. Es wird von allen Referierenden vorab (und als Bedingung der Teilnahme) eine Konferenzgebühr von 70 Euro erhoben, die eine zweijährige Mitgliedschaft bei der EJLS beinhaltet. Bei Mitgliedern reduziert sich die Konferenzgebühr um den für die Mitgliedschaft schon bezahlten Betrag.


Conference of the Association for European Jewish Literature Studies 2019 in
Aachen

Gegenwart und Zukunft europäisch‐jüdischer Literaturstudien in einem
veränderten Europa/The Present and Future of European Jewish Literary Studies in a Changing Europe


The Association for European Jewish Literature Studies (EJLS) in cooperation with Prof.Stephan Braese, the Ludwig Strauß Professor for European Jewish Literature and
Cultural History at the Rhineland‐Westphalia Technical University of Aachen, announcesa conference on the theme The Present and Future of European Jewish Literary Studies in a Changing Europe. The conference will take place from 18‐20 November 2019 at the Rhineland‐Westphalian Technical University of Aachen. It is the eighth conference of the EJLS.
A new perspective on the “Jewish Renaissance in Europe” (Diana Pinto) emerged after
the dissolution of the Warsaw Pact and the political upheaval in Central and Eastern
Europe in 1989/90. The immigration to Germany of large numbers of Jews from the
former Soviet Republics, as well as developments in Poland and Hungary, seemed to
open up new possibilities for Jewish life in Europe after the Holocaust and the Cold War.
Today, however, the picture has changed radically. Right‐wing populist movements,
including parties that employ openly racist and anti‐Semitic slogans, have altered
political discourse in profound ways. While in Poland and Hungary the Constitutional
State is being undermined, in France the radical right‐wing Front National continues to
attract adherents. Moreover, in September 2017, the “Alternative für Deutschland” was
elected to the German Bundestag on a platform that included demands for a radical turn in commemorative culture and recognition of the achievements of German soldiers
during WWII.
Some observers argue that anti‐Semitism in Europe has not increased but has merely
become more visible; and yet even if this is so the public atmosphere has
unquestionably changed. In France, afflicted by anti‐Semitic violence perpetrated under
an Islamist banner, many Jews have emigrated to Israel or to the United States. In
Germany, attacks on Jews have taken place in broad daylight in the streets.
The Association for European Jewish Literature Studies was founded in 2006, at a time
when European unification was far less contentious than it is today. Even then, however, it was already becoming evident that state administrations, especially in Germany and Austria, regarded Jewish studies as unworthy of political support. While the political backing of Jewish studies in universities and in adult education had for a long time fulfilled the function of moral reparation, “the end of the post‐war period” (James Baker) seemed to release authorities from this responsibility. The institutional anchoring of Jewish studies – and with them the study of European Jewish literature – at European universities was never stable. The current situation in Europe, however, underlines emphatically the indispensability of European Jewish literary studies to a culture of remembrance that laid the foundations for post‐war Europe.
This conference aims at investigating both the tasks and challenges facing European
Jewish literary studies today. Contributions can address conceptual issues or theoretical underpinnings, examine the history or recent developments of the discipline, or present concrete case studies that inform the present. Criticism and self‐criticism are no less welcome than persuasive proposals for the future. As a whole, the conference aims to take stock soberly at a time of profound change—for Europe and for the working European Jewish literary studies alike.
The conference is organized under the aegis of the Association for European Jewish
Literature studies by Stephan Braese, the Ludwig Strauß Professor for European Jewish Literature and Cultural History at the Rhineland‐Westphalian Technical University of Aachen and will take place in Aachen.
Please send proposals for papers (300‐500 words) with a short biographical note
and/or requests for further information to the following address by 28 February, 2019:
Tanja Daniels, aedl@germlit.rwth‐aachen.de. The conference languages are German and English. Presentations should not exceed 25 minutes. Accommodation costs will be covered. Travel expenses will be reimbursed as far as possible. Contributors of papers are required to pay a conference fee of 70 Euro in advance, a fee which comprises EJLS membership for two years. Current members will pay a conference fee that is reduced by the amount that has already been paid. 

 

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Alexander Nebrig] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu