CFP: [Tagungsdaten ergänzt] Zukunft der Sprache – Zukunft der Nation? Debatten um jüdische Sprache und Literatur im Kontext von Mehrsprachigkeit und Nationbuilding, Augsburg (15.01.2019)

Carmen Reichert 's picture

Die Tagung findet statt im Rahmen des BKM-geförderten Projekts „Die
Nationalsprache der Juden oder eine jüdische Sprache? Die Fragen der
Czernowitzer Sprachkonferenz in ihrem zeitgeschichtlichen und räumlichen
Kontext“ vom 25. bis 26.9.2019 in Augsburg


Sprecher/in: Prof. Dr. Bettina Bannasch und Prof. Dr. Alfred Wildfeuer,
wissenschaftliche Koordinatorin: Dr. Carmen Reichert

 

Sprache hat seit Mitte des 18. Jahrhunderts eine wesentliche Bedeutung im
Diskurs über sozialen und kulturellen Wandel der Juden in Europa (Sander L.
Gilman/Stephan Braese). Mit dem Erstarken nationaljüdischer Bewegungen Ende
des 19. Jahrhunderts rückte die Sprachenfrage ins Zentrum des politischen
Interesses. Die gegenwärtige Situation – die bereits zu diesem Zeitpunkt
von einigen als gescheitert betrachtete Emanzipation und Integration, der
anhaltende Antisemitismus, die Nichtanerkennung von Jiddisch und Hebräisch
als nationale Sprachen der Juden in Österreich-Ungarn – empfanden viele
Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als defizitär. Entsprechend entwickelten
sie Strategien, die jüdischen Sprachen und ihre Literaturen auszubauen oder,
wie Dan Miron es für Scholem Alejchem formulierte, aus einer „littérature
mineure“ eine „littérature majeure“ zu machen.  Dabei war die
jüdische Nation bei weitem nicht die einzige, die in Europa um Anerkennung
ihrer Nationalität und ihrer Sprache(n) rang. Die jüdischen
Nationalbewegungen kamen im Vergleich zu den Nachbarn sogar eher spät: Die
polnische Freiheitsbewegung, die Sokolbewegung in Böhmen und Mähren und die
ukrainische Nationalbewegung waren zu diesem Zeitpunkt schon einige
Jahrzehnte alt, hatten aber ihre Ziele noch immer nicht erreicht.

Die erste Hochphase des Zionismus, die auf den ersten Zionistenkongress
folgt, fällt in eine Zeit der großen Hoffnungen und Ideen in Europa. „Wer
die Zukunft vorbereitet, muß über die Gegenwart hinwegblicken können“
lautet die Sentenz, mit welcher Theodor Herzl den Maler Robert die
Binnenerzählung in seiner Erzählung „Das lenkbare Luftschiff“, das eine
Allegorie auf seinen Judenstaat ist, beschließen lässt. Ausgerechnet Herzl,
der der große Ideengeber und Grundsteinleger des modernen jüdischen Staates
im Land Israel war, hatte im Gegensatz zu seinen Zeitgenossinnen und
Zeitgenossen in Mittelost- und Osteuropa und auch im Gegensatz zu den frühen
deutschsprachigen Kulturzionisten die Sprachenfrage nicht im Blick. Indes
setzten zwei andere Idealisten große Meilensteine für die Entwicklung der
jüdischen Sprachen: Während in Jerusalem Eliezer Ben Yehudas Sohn als
erster moderner hebräischer Muttersprachler heranwuchs, plante der Wiener
Jude Nathan Birnbaum die erste große jiddische Sprachkonferenz, auf der er
Jiddisch als Nationalsprache ausrufen wollte. Birnbaum und Ben Yehuda, aber
auch deutsche Kulturzionisten setzten darauf, dass die kommenden Generationen
eine nationale jüdische Sprache haben und diese selbstverständlich für
Literatur und Alltagsleben verwenden würden. Die unsichere politische
Entwicklung in Europa und der Glaube an die Wirkmacht von Literatur und
Dichtung brachten eine neue Art zionistischer und diasporanationalistischer
Literatur hervor, die nicht selten Zukunftsutopien und Vorstellungen von
neuen Juden und einer neuen Gesellschaft enthielten.

Ziel der Tagung, die sich explizit auch an Nachwuchswissenschaftlerinnen und
Nachwuchswissenschaftler richtet, ist es, die Debatte um jüdische
Nationalsprachen und -literaturen im frühen 20. Jahrhundert im Kontext ihrer
Umgebungssprachen und der anderen mittel- und osteuropäischen Nationalismen
zu verstehen. Dabei soll das Augenmerk auch auf den bisher vergleichsweise
schlecht erforschten Bereich des Schulwesens und der Kinder- und
Jugendliteratur gelegt werden. Auch Beiträge, die sich mit Sprachkontakt,
der Bewertung des Jiddischen und seiner Varietäten vor und nach der
Sprachkonferenz und des Jiddischen im Vergleich zu anderen europäischen
Sprachen sowie mit der Standardisierung des Jiddischen und Hebräischen
auseinandersetzen, sind willkommen. Mögliche Leitfragen könnten sein:
Welcher Stellenwert wurde der Sprachenfrage von Jiddischsprecherinnen und
-sprechern und anderssprachigen Jüdinnen und Juden zugewiesen? Wie wurde das
Jiddische im Vergleich zum Hebräischen, Deutschen und den anderen
Umgebungssprachen bewertet? Welche Sprachen wurden dabei in welchen
gesellschaftlichen Kontexten bevorzugt und wie wurden die Entlehnungen von
Sprecherinnen und Sprechern beurteilt? Welche Aussagen können ausgehend von
der Vermittlung des Jiddischen und Hebräischen in Schulen und anderen
Erziehungskontexten über die Sprachenthematik in ihrem jeweiligen
gesellschaftlichen Kontext getroffen werden?

 

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Reisekosten aus Europa und
Übernachtungskosten können voraussichtlich übernommen werden. Die
Publikation eines Tagungsbandes ist geplant.

Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch und Jiddisch.  

Bitte senden Sie Ihre Abstracts (max. eine Seite) bis zum *15.1.2019* an:
carmen.reichert@philhist.uni-augsburg.de [1].

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu