CFP: 1938-2018: Eine Bilanz. Österreichische Erinnerungskulturen, Lodz (15.01.2019)

Jakub Gortat's picture

Das Institut für Germanistik der Universität Lodz

und die Lodzer Abteilung des Polnisch-Österreichischen Vereins

laden herzlich zur interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung ein:

1938-2018: Eine Bilanz. Österreichische Erinnerungskulturen.

 

CALL FOR PAPERS

 

Die Tagung wird vom 15. bis zum 16. März 2019 stattfinden. Während der Tagung werden sich die ForscherInnen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen über ihre Untersuchungsergebnisse und Reflexionen über die Erinnerungskultur Österreichs austauschen können. Die OrganisatorInnen der Tagung gehen davon aus, dass den Fragen der Zeitgeschichte und der Vergangenheitsbewältigung in Österreich, etwa im Vergleich zu Deutschland, nicht genug Bedeutung und Aufmerksamkeit in der Forschung beigemessen wird.

Anlass zur Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung in Österreich ist das Jahr 2018, in dem der 80. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an das  Deutsche Reich erinnert wird. Das Ziel der Tagung ist eine wissenschaftliche Reflexion über die kurze, aber turbulente Zeit zwischen 1938 und 1945. Es soll darüber nachgedacht werden, wie die zeitgenössischen österreichischen PolitikerInnen, HistorikerInnen, SchrifstellerInnen und KünsterInnen die Themen des Endes der 1. Republik, des Ständestaates, der "Ostmark" und der Kriegsverbrechen (insbesondere des Holocaust) behandeln und wie sie diese Vergangenheit zu bewältigen versuchen. Interessant wäre auch eine Reflexion, ob die Verwandlungen der österreichischen Erinnerungskultur einzigartig sind oder ob sie in anderen Ländern, die von dem Zweiten Weltkrieg betroffen waren, auch wahrnehmbar werden.

In der österreichischen Erinnerungskultur waren die sog. Achter-Jahre (1918, 1938) wesentlich präsenter als die sog. Vierer-Jahre (1914, 1934). Das Jahr 1918 markierte weniger das Ende des Ersten Weltkriegs als den Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und rief Diskussionen über die Identität des neuen Landes hervor. Der Anschluss des Landes durch das "Dritte Reich" markierte hingegen das Ende der Unabhängigkeit Österreichs. Die Identitätspolitik der frühen Zweiten Republik unterschied sich von der Politik des austrofaschistischen Regimes vor allem in der Definition der ÖsterreicherInnen als Nicht-Deutsche. Die Geschichtspolitik sollte damals nachweisen, dass Österreich sich entweder von dem deutschen Kulturraum abgetrennt habe oder dass das Land nie wirklich deutsch gewesen sei. Das einst antipreußische Geschichtsbild der Regierungen von Dollfuß und Schuschnigg wurde generell antideutsch umgedeutet. Damit ging die Auffassung von Österreich als Nation einher. Der Kampf gegen die Legende der "Ostmark" führte zu neuen Deutungen von historischen Ereignissen und Personen, die um das Jahr  1938 eine wichtige Rolle spielten. Dies trug auch zur Propagierung von neuen Eckpunkten in der österreichischen Zeitgeschichte bei.  

Ein anderes Merkmal der Geschichtspolitik Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg war der Pluralismus von Geschichtskonzeptionen, der noch einige Jahre zuvor nicht möglich war. Aktiv im politischen Sinne waren auf diesem Feld vor allem ÖVP und KPÖ, während der VdU die Gesellschaft von der Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Kulturnation überzeugen wollte. Die SPÖ hingegen hielt sich aus den identitätspolitischen Debatten weitgehend heraus.

1986 hingegen stand die Politik im Bann der so genannten "Waldheim-Affäre". Die Diskussion um die Vergangenheit des damaligen ÖVP-Kandidaten im Bundespräsidentenwahlkampf, Kurt Waldheim, wurde überaus emotional geführt. Diese Auseinandersetzung brachte einen Impuls für die längst fällige Aufarbeitung der braunen Vergangenheit, die auf politischer und kultureller Ebene bis heute im öffentlichen Diskurs Österreichs stattfindet.

Die Themenbereiche der Tagung betreffen die oben nur kurz dargestellte Problematik, darunter auch die Fragen der österreichischen Kollektiverinnerung, Vergangenheitsbewältigung, Geschichtspolitik und der historischen Debatten sowie der Teilnahme der KünstlerInnen an diesen gesellschaftlichen Prozessen. Es sind vor allem (aber nicht nur):

  • Der österreichische Autoritarismus und der „Anschluss“ im öffentlichen Diskurs nach 1945.
  • Der Mythos des ersten Opfers und seine Rolle in der Gestaltung der nationalen Identität der Österreicher.
  • Die Waldheim-Affäre, ihre Folgen und ihre Bewertung aus der heutigen Perspektive.
  • Relativierung der Geschichte durch die politischen Parteien Österreichs.
  • Mauthausen, Rechnitz, Heldenplatz - österreichische Erinnerungsorte?
  • Literarische, filmische und szenische Bearbeitung der Teilnahme Österreichs am Zweiten Weltkrieg; Debatten über die österreichisch-nationale) Identität in den Augen der ausländischen Beobachter.
  • Die österreichische nationale Identität im Auge der ausländischen Medien

 

Wir hoffen auf Ihr Interesse für die oben skizzierten Fragestellungen und bitten, Vortragsthemen (für max. 20 Minuten) samt einem kurzen Abstract (500-1000 Zeichen) bis zum 15. Januar 2019 an Dr. Jakub Gortat auf elektronischem Wege zu schicken: jakub.gortat@uni.lodz.pl

Die Entscheidungen über die Akzeptanz des Themenvorschlags werden bis zum 31. Januar 2019 geschickt.

Die Tagungssprachen sind deutsch und englisch.

Die Tagungsgebühr beträgt 70,- Euro (300 PLN) und umfasst Übernachtungs- und Publikationskosten.

Die Organisatoren planen eine Publikation der Tagungsbeiträge in einem renommierten Verlag.

 

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

 

Leitung

Prof. Dr. habil. Joanna Jabłkowska

Prof. Dr. habil. Małgorzata Kubisiak

Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral

Dr. Jakub Gortat

 

Sekretariat der Tagung

Dr. Jakub Gortat

 

Auswahlbibliographie:

Amann Klaus, Hengauer Hubert, Österreich und der Grosse Krieg, 1914-1918: die andere Seite der Geschichte, Wien 1989.

Bauer, Kurt, Die dunklen Jahre: Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945, Frankfurt 2017.

Fackelman, Christoph, Literatur, Geschichte, Österreich: Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte, Wien 2011.

Good, David; Wodak, Ruth, From World War to Waldheim. Culture and Politics in Austria and the United States, New York 1999.

Hussong, Marion, Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im österreichischen Roman (1945-1969), Tübingen 2000.

Krichbauer, Robert (ed.), Österreichische Nationalgeschichte nach 1945: Die Spiegel der Erinnerung, die Sicht von innen, Wien 1998.

Markus Erwin Haider, Im Streit um die österreichische Nation. Nationale Leitwörter in Österreich 1866-1938, Wien 1998.

Pelinka, Anton, Die gescheiterte Republik: Kultur und Politik in Österreich 1918-1938, Wien 2017.

Pfoser, Alfred, Weigl, Andreas (ed.), Die erste Stunde Null: Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg 2017.

Riemer, Willy (ed.), Austrian Literature and Film in Transition, Riverside 2000.

Scheidl, Günther, Ein Land auf dem "rechten" Weg? Die Entmythisierung der Zweiten Republik in der österreichischen Literatur von 1985 bis 1995, Wien 2003.

Suppanz, Werner, Österreichische Geschichtsbilder: historische Legitimationen in Ständestaat und zweiter Republik, Salzburg 1998.

Thünemann, Holger, Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse: Ein deutsch-österreichischer Vergleich, Idstein 2005.

Utgaard, Peter, Remembering and Forgetting Nazism. Education, National Identity and the Victim Myth in Postwar Austria, New York 2003.

Wodak, Ruth; Cillia, Rudolph; Reisigl, Martin; Liebhart, Karin (Hg.), The Discursive Construction of National Identity, Edinburgh 2009.

 

***

Institute of German Philology at the University of Lodz

and the Lodz Office of the Polish-Austrian Union

would like to invite to the interdisciplinary conference:

1938-2018: A Summing-up. The Austrian Memory Culture.

 

CALL FOR PAPERS

 

The conference will be held on March 15 and 16, 2019. The participants of the conference, representing various academic disciplines will be able to exchange their reflections and the outcomes of their studies on the Austrian memory culture. The conference organizers assume that the problems of modern history, or accounting for the past in Austria, for example in comparison with Germany, are not similarly documented.

An important anniversary in 2018 is a good occasion to discuss the Austrian history and memory culture: it reminds the incorporation of the Austrian state into the German Reich, the so called "Anschluss". The objective of the conference is to reflect on the turbulent period between 1938 and 1945: the end of the "Corporative State", the national identity in the time of the "Ostmark" and the war atrocities (above all Holocaust) and the way Austrian historians, politicians, writers, movie directors and artists have handled with this period. Furthermore, it seems interesting to ask the question if the changes in the memory culture in Austria are unique or if there are some resemblances in other countries which had been inflicted by the Second World War.

The so called “Achter-Jahre” (years with an “8”: 1918, 1938) in the Austrian collective memory have been much more present than the “Viertel-Jahre” (years with an “4”: 1914, 1934). 1918 meant the end of the First World War rather than the disintegration of the Austrian-Hungarian monarchy and occasioned numerous discussions about the identity of the land. Two decades later, in 1938 Austria ceased to exist as an independent state and was incorporated into the "Third Reich". The parole of the new beginning in 1945 and the full independence in 1955 made the question of the world wars vanish from the attention of media and the historians.

The identity politics in the early years of the Second Republic differed from the politics of the Austrian fascist regime above all in the definition of the Austrians considered as Not-Germans. The politics of memory at that time aimed at proving that Austria had either separated itself from the German cultural region or the country had never been German. The anti-Prussian appearance of the Dollfuß and Schuschnigg governments were promptly reinterpreted as generally anti-German, what was tantamount with the idea of Austria as a separate nation. The struggle against the legend of the “Ostmark“ led to new interpretations of the historical developments and people who played a significant politician role 1938.

Another important feature of the politics of memory in Austria after the Second World War was the pluralism of history conceptions which had been hardly imaginable a few years earlier. In this respect, the most active in the political fieldwere ÖVP und KPÖ (Austrian People’s Party and the Communist Party of Austria), whereas VdU (The Federation of Independents) endeavoured to persuade the society to the affiliation of Austria to the German cultural state. SPÖ, in contrary to other parties, remained reserved from the national identity debates.

In 1986 the entire politics was captured by the so called Waldheim affair. The discussion about the past of the candidate of the ÖVP in the presidential election, Kurt Waldheim, was led highly emotionally. The dispute brought about an impulse for a long overdue process of coming to terms with the Nazi past which has still been taking place on the political and cultural level in the Austrian public discourse.

The general questions mentioned above are the main thematic issues of the conference. In detail, we are interested in all problems related to the Austrian collective memory, coming to terms with the past, the politics of memory, historical debates and the attitude of the artists towards the past, as for instance (but not exclusively):

  • The Austro-fascism and the "Anschluss" in the public discourse after 1945
  • The myth of the first victim of Nazi Germany and its role in the national identity of Austrians
  • The Waldheim affair, its consequences and appraisal
  • Relativisation of the history by the political parties in Austria
  • Mauthausen, Rechnitz, Heldenplatz - Austrian sites of memory?
  • Literary, film and theatrical works of coming to terms with the Austrian participation in the Second World War, Holocaust, enforced labor and persecution of minorities
  • Austrian national identity in the eyes of the foreign press

 

We appreciate your interest in the conference and would kindly ask you to send the propositions with the topic of the lecture (for maximum 20 minutes) with an abstract (between 500 and 1 000 characters) until January, 15, 2019 to Jakub Gortat: jakub.gortat@uni.lodz.pl

The decisions with acceptance of the lecture topic will be sent back until January 31, 2019.

The conference will be held in German and English.

The conference fee amounts to 70 Euro (300 PLN) and includes accommodation and the cost of a publication.

The organisation committee would like to have the lectures published in a well-known publishing house in peer-review process.

Should any further questions arise, do not hesitate to contact us.

 

The Organisators

Prof. Joanna Jabłkowska

Prof. Małgorzata Kubisiak

Elżbieta Tomasi-Kapral PhD

Jakub Gortat PhD

 

 

The conference Secretary

Jakub Gortat PhD

 

 

 

Literature:

Amann Klaus, Hengauer Hubert, Österreich und der Grosse Krieg, 1914-1918: die andere Seite der Geschichte, Wien 1989.

Bauer, Kurt, Die dunklen Jahre: Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945, Frankfurt 2017.

Fackelman, Christoph, Literatur, Geschichte, Österreich: Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte, Wien 2011.

Good, David; Wodak, Ruth, From World War to Waldheim. Culture and Politics in Austria and the United States, New York 1999.

Hussong, Marion, Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im österreichischen Roman (1945-1969), Tübingen 2000.

Krichbauer, Robert (ed.), Österreichische Nationalgeschichte nach 1945: Die Spiegel der Erinnerung, die Sicht von innen, Wien 1998.

Markus Erwin Haider, Im Streit um die österreichische Nation. Nationale Leitwörter in Österreich 1866-1938, Wien 1998.

Pelinka, Anton, Die gescheiterte Republik: Kultur und Politik in Österreich 1918-1938, Wien 2017.

Pfoser, Alfred, Weigl, Andreas (ed.), Die erste Stunde Null: Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg 2017.

Riemer, Willy (ed.), Austrian Literature and Film in Transition, Riverside 2000.

Scheidl, Günther, Ein Land auf dem "rechten" Weg? Die Entmythisierung der Zweiten Republik in der österreichischen Literatur von 1985 bis 1995, Wien 2003.

Suppanz, Werner, Österreichische Geschichtsbilder: historische Legitimationen in Ständestaat und zweiter Republik, Salzburg 1998.

Thünemann, Holger, Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse: Ein deutsch-österreichischer Vergleich, Idstein 2005.

Utgaard, Peter, Remembering and Forgetting Nazism. Education, National Identity and the Victim Myth in Postwar Austria, New York 2003.

Wodak, Ruth; Cillia, Rudolph; Reisigl, Martin; Liebhart, Karin (Hg.), The Discursive Construction of National Identity, Edinburgh 2009.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

1938-2018: Eine Bilanz. Österreichische Erinnerungskulturen.
1938-2018: A Summing-up. The Austrian Memory Culture.


Internationale Tagung.
International conference.


Łódź, 22-23.03.2019

Call for papers


Das Institut für Germanistik der Universität Lodz
und die Lodzer Abteilung des Polnisch-Österreichischen Vereins
laden herzlich zur interdisziplinären wissenschaftlichen Tagung ein:
1938-2018: Eine Bilanz. Österreichische Erinnerungskulturen.

Die Tagung wird vom 22. bis zum 23. März 2019 stattfinden. Während der Tagung werden sich die ForscherInnen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen über ihre Untersuchungsergebnisse und Reflexionen über die Erinnerungskultur Österreichs austauschen können. Die OrganisatorInnen der Tagung gehen davon aus, dass den Fragen der Zeitgeschichte und der Vergangenheitsbewältigung in Österreich, etwa im Vergleich zu Deutschland, nicht genug Bedeutung und Aufmerksamkeit in der Forschung beigemessen wird.
Anlass zur Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte und der kollektiven Erinnerung in Österreich ist das Jahr 2018, in dem der 80. Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an das  Deutsche Reich erinnert wird. Das Ziel der Tagung ist eine wissenschaftliche Reflexion über die kurze, aber turbulente Zeit zwischen 1938 und 1945. Es soll darüber nachgedacht werden, wie die zeitgenössischen österreichischen PolitikerInnen, HistorikerInnen, SchrifstellerInnen und KünsterInnen die Themen des Endes der 1. Republik, des Ständestaates, der "Ostmark" und der Kriegsverbrechen (insbesondere des Holocaust) behandeln und wie sie diese Vergangenheit zu bewältigen versuchen. Interessant wäre auch eine Reflexion, ob die Verwandlungen der österreichischen Erinnerungskultur einzigartig sind oder ob sie in anderen Ländern, die von dem Zweiten Weltkrieg betroffen waren, auch wahrnehmbar werden.
In der österreichischen Erinnerungskultur waren die sog. Achter-Jahre (1918, 1938) wesentlich präsenter als die sog. Vierer-Jahre (1914, 1934). Das Jahr 1918 markierte weniger das Ende des Ersten Weltkriegs als den Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und rief Diskussionen über die Identität des neuen Landes hervor. Der Anschluss des Landes durch das "Dritte Reich" markierte hingegen das Ende der Unabhängigkeit Österreichs. Die Identitätspolitik der frühen Zweiten Republik unterschied sich von der Politik des austrofaschistischen Regimes vor allem in der Definition der ÖsterreicherInnen als Nicht-Deutsche. Die Geschichtspolitik sollte damals nachweisen, dass Österreich sich entweder von dem deutschen Kulturraum abgetrennt habe oder dass das Land nie wirklich deutsch gewesen sei. Das einst antipreußische Geschichtsbild der Regierungen von Dollfuß und Schuschnigg wurde generell antideutsch umgedeutet. Damit ging die Auffassung von Österreich als Nation einher. Der Kampf gegen die Legende der "Ostmark" führte zu neuen Deutungen von historischen Ereignissen und Personen, die um das Jahr  1938 eine wichtige Rolle spielten. Dies trug auch zur Propagierung von neuen Eckpunkten in der österreichischen Zeitgeschichte bei.  
Ein anderes Merkmal der Geschichtspolitik Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg war der Pluralismus von Geschichtskonzeptionen, der noch einige Jahre zuvor nicht möglich war. Aktiv im politischen Sinne waren auf diesem Feld vor allem ÖVP und KPÖ, während der VdU die Gesellschaft von der Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Kulturnation überzeugen wollte. Die SPÖ hingegen hielt sich aus den identitätspolitischen Debatten weitgehend heraus.
1986 hingegen stand die Politik im Bann der so genannten "Waldheim-Affäre". Die Diskussion um die Vergangenheit des damaligen ÖVP-Kandidaten im Bundespräsidentenwahlkampf, Kurt Waldheim, wurde überaus emotional geführt. Diese Auseinandersetzung brachte einen Impuls für die längst fällige Aufarbeitung der braunen Vergangenheit, die auf politischer und kultureller Ebene bis heute im öffentlichen Diskurs Österreichs stattfindet.
Die Themenbereiche der Tagung betreffen die oben nur kurz dargestellte Problematik, darunter auch die Fragen der österreichischen Kollektiverinnerung, Vergangenheitsbewältigung, Geschichtspolitik und der historischen Debatten sowie der Teilnahme der KünstlerInnen an diesen gesellschaftlichen Prozessen. Es sind vor allem (aber nicht nur):
•    Der österreichische Autoritarismus und der „Anschluss“ im öffentlichen Diskurs nach 1945.
•    Der Mythos des ersten Opfers und seine Rolle in der Gestaltung der nationalen Identität der Österreicher.
•    Die Waldheim-Affäre, ihre Folgen und ihre Bewertung aus der heutigen Perspektive.
•    Relativierung der Geschichte durch die politischen Parteien Österreichs.
•    Mauthausen, Rechnitz, Heldenplatz - österreichische Erinnerungsorte?
•    Literarische, filmische und szenische Bearbeitung der Teilnahme Österreichs am Zweiten Weltkrieg; Debatten über die österreichisch-nationale) Identität in den Augen der ausländischen Beobachter.
•    Die österreichische nationale Identität im Auge der ausländischen Medien

Wir hoffen auf Ihr Interesse für die oben skizzierten Fragestellungen und bitten, Vortragsthemen (für max. 20 Minuten) samt einem kurzen Abstract (500-1000 Zeichen) bis zum 15. Januar 2019 an Dr. Jakub Gortat auf elektronischem Wege zu schicken: jakub.gortat@uni.lodz.pl
Die Entscheidungen über die Akzeptanz des Themenvorschlags werden bis zum 31. Januar 2019 geschickt.
Die Tagungssprachen sind deutsch und englisch.
Die Tagungsgebühr beträgt 70,- Euro (300 PLN) und umfasst Übernachtungs- und Publikationskosten.
Die Organisatoren planen eine Publikation der Tagungsbeiträge in einem renommierten Verlag.

Bei weiteren Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Leitung
Prof. Dr. habil. Joanna Jabłkowska
Prof. Dr. habil. Małgorzata Kubisiak
Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral
Dr. Jakub Gortat

Sekretariat der Tagung
Dr. Jakub Gortat

Auswahlbibliographie:
Amann Klaus, Hengauer Hubert, Österreich und der Grosse Krieg, 1914-1918: die andere Seite der Geschichte, Wien 1989.
Bauer, Kurt, Die dunklen Jahre: Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945, Frankfurt 2017.
Fackelman, Christoph, Literatur, Geschichte, Österreich: Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte, Wien 2011.
Good, David; Wodak, Ruth, From World War to Waldheim. Culture and Politics in Austria and the United States, New York 1999.
Hussong, Marion, Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im österreichischen Roman (1945-1969), Tübingen 2000.
Krichbauer, Robert (ed.), Österreichische Nationalgeschichte nach 1945: Die Spiegel der Erinnerung, die Sicht von innen, Wien 1998.
Markus Erwin Haider, Im Streit um die österreichische Nation. Nationale Leitwörter in Österreich 1866-1938, Wien 1998.
Pelinka, Anton, Die gescheiterte Republik: Kultur und Politik in Österreich 1918-1938, Wien 2017.
Pfoser, Alfred, Weigl, Andreas (ed.), Die erste Stunde Null: Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg 2017.
Riemer, Willy (ed.), Austrian Literature and Film in Transition, Riverside 2000.
Scheidl, Günther, Ein Land auf dem "rechten" Weg? Die Entmythisierung der Zweiten Republik in der österreichischen Literatur von 1985 bis 1995, Wien 2003.
Suppanz, Werner, Österreichische Geschichtsbilder: historische Legitimationen in Ständestaat und zweiter Republik, Salzburg 1998.
Thünemann, Holger, Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse: Ein deutsch-österreichischer Vergleich, Idstein 2005.
Utgaard, Peter, Remembering and Forgetting Nazism. Education, National Identity and the Victim Myth in Postwar Austria, New York 2003.
Wodak, Ruth; Cillia, Rudolph; Reisigl, Martin; Liebhart, Karin (Hg.), The Discursive Construction of National Identity, Edinburgh 2009. 

 


Institute of German Philology at the University of Lodz
and the Lodz Office of the Polish-Austrian Union
would like to invite to the interdisciplinary conference:
1938-2018: A Summing-up. The Austrian Memory Culture.

 

Call for papers


The conference will be held on March 23 and 23, 2019. The participants of the conference, representing various academic disciplines will be able to exchange their reflections and the outcomes of their studies on the Austrian memory culture. The conference organizers assume that the problems of modern history, or accounting for the past in Austria, for example in comparison with Germany, are not similarly documented.
An important anniversary in 2018 is a good occasion to discuss the Austrian history and memory culture: it reminds the incorporation of the Austrian state into the German Reich, the so called "Anschluss". The objective of the conference is to reflect on the turbulent period between 1938 and 1945: the end of the "Corporative State", the national identity in the time of the "Ostmark" and the war atrocities (above all Holocaust) and the way Austrian historians, politicians, writers, movie directors and artists have handled with this period. Furthermore, it seems interesting to ask the question if the changes in the memory culture in Austria are unique or if there are some resemblances in other countries which had been inflicted by the Second World War. 
The so called “Achter-Jahre” (years with an “8”: 1918, 1938) in the Austrian collective memory have been much more present than the “Viertel-Jahre” (years with an “4”: 1914, 1934). 1918 meant the end of the First World War rather than the disintegration of the Austrian-Hungarian monarchy and occasioned numerous discussions about the identity of the land. Two decades later, in 1938 Austria ceased to exist as an independent state and was incorporated into the "Third Reich". The parole of the new beginning in 1945 and the full independence in 1955 made the question of the world wars vanish from the attention of media and the historians. 
The identity politics in the early years of the Second Republic differed from the politics of the Austrian fascist regime above all in the definition of the Austrians considered as Not-Germans. The politics of memory at that time aimed at proving that Austria had either separated itself from the German cultural region or the country had never been German. The anti-Prussian appearance of the Dollfuß and Schuschnigg governments were promptly reinterpreted as generally anti-German, what was tantamount with the idea of Austria as a separate nation. The struggle against the legend of the “Ostmark“ led to new interpretations of the historical developments and people who played a significant politician role 1938. 
Another important feature of the politics of memory in Austria after the Second World War was the pluralism of history conceptions which had been hardly imaginable a few years earlier. In this respect, the most active in the political fieldwere ÖVP und KPÖ (Austrian People’s Party and the Communist Party of Austria), whereas VdU (The Federation of Independents) endeavoured to persuade the society to the affiliation of Austria to the German cultural state. SPÖ, in contrary to other parties, remained reserved from the national identity debates. 
In 1986 the entire politics was captured by the so called Waldheim affair. The discussion about the past of the candidate of the ÖVP in the presidential election, Kurt Waldheim, was led highly emotionally. The dispute brought about an impulse for a long overdue process of coming to terms with the Nazi past which has still been taking place on the political and cultural level in the Austrian public discourse. 
The general questions mentioned above are the main thematic issues of the conference. In detail, we are interested in all problems related to the Austrian collective memory, coming to terms with the past, the politics of memory, historical debates and the attitude of the artists towards the past, as for instance (but not exclusively): 
•    The Austro-fascism and the "Anschluss" in the public discourse after 1945
•    The myth of the first victim of Nazi Germany and its role in the national identity of Austrians
•    The Waldheim affair, its consequences and appraisal
•    Relativisation of the history by the political parties in Austria
•    Mauthausen, Rechnitz, Heldenplatz - Austrian sites of memory?
•    Literary, film and theatrical works of coming to terms with the Austrian participation in the Second World War, Holocaust, enforced labor and persecution of minorities
•    Austrian national identity in the eyes of the foreign press

We appreciate your interest in the conference and would kindly ask you to send the propositions with the topic of the lecture (for maximum 20 minutes) with an abstract (between 500 and 1 000 characters) until January, 15, 2019 to Jakub Gortat: jakub.gortat@uni.lodz.pl
The decisions with acceptance of the lecture topic will be sent back until January 31, 2019.
The conference will be held in German and English.
The conference fee amounts to 70 Euro (300 PLN) and includes accommodation and the cost of a publication.
The organisation committee would like to have the lectures published in a well-known publishing house in peer-review process.
Should any further questions arise, do not hesitate to contact us.

The Organisators
Prof. Joanna Jabłkowska
Prof. Małgorzata Kubisiak
Elżbieta Tomasi-Kapral PhD
Jakub Gortat PhD


The conference Secretary
Jakub Gortat PhD

Literature:
Amann Klaus, Hengauer Hubert, Österreich und der Grosse Krieg, 1914-1918: die andere Seite der Geschichte, Wien 1989.
Bauer, Kurt, Die dunklen Jahre: Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945, Frankfurt 2017.
Fackelman, Christoph, Literatur, Geschichte, Österreich: Probleme, Perspektiven und Bausteine einer österreichischen Literaturgeschichte, Wien 2011.
Good, David; Wodak, Ruth, From World War to Waldheim. Culture and Politics in Austria and the United States, New York 1999.
Hussong, Marion, Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im österreichischen Roman (1945-1969), Tübingen 2000.
Krichbauer, Robert (ed.), Österreichische Nationalgeschichte nach 1945: Die Spiegel der Erinnerung, die Sicht von innen, Wien 1998.
Markus Erwin Haider, Im Streit um die österreichische Nation. Nationale Leitwörter in Österreich 1866-1938, Wien 1998.
Pelinka, Anton, Die gescheiterte Republik: Kultur und Politik in Österreich 1918-1938, Wien 2017.
Pfoser, Alfred, Weigl, Andreas (ed.), Die erste Stunde Null: Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg 2017.
Riemer, Willy (ed.), Austrian Literature and Film in Transition, Riverside 2000.
Scheidl, Günther, Ein Land auf dem "rechten" Weg? Die Entmythisierung der Zweiten Republik in der österreichischen Literatur von 1985 bis 1995, Wien 2003.
Suppanz, Werner, Österreichische Geschichtsbilder: historische Legitimationen in Ständestaat und zweiter Republik, Salzburg 1998.
Thünemann, Holger, Holocaust-Rezeption und Geschichtskultur. Zentrale Holocaust-Denkmäler in der Kontroverse: Ein deutsch-österreichischer Vergleich, Idstein 2005.
Utgaard, Peter, Remembering and Forgetting Nazism. Education, National Identity and the Victim Myth in Postwar Austria, New York 2003.
Wodak, Ruth; Cillia, Rudolph; Reisigl, Martin; Liebhart, Karin (Hg.), The Discursive Construction of National Identity, Edinburgh 2009.
 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu