TAGB: "Kritik am Herrscher ‑ Möglichkeiten, Chancen, Methoden", Bonn (12.-14.04.2018)

Sophie Quander's picture

Veranstalter: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Sonderforschungsbereich 1167 ‚Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive’

Datum, Ort: 12.-14.04.2018, Bonn

Bericht von: Felix Bohlen, Dominik Büschken, Paul Fahr und Sophie Quander in Zusammenarbeit mit Karina Kellermann, Alheydis Plassmann und Christian Schwermann

Der Bonner SFB 1167 „Macht und Herrschaft ‑ Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“ veranstaltete vom 12.-14. April 2018 die internationale Tagung „Kritik am Herrscher ‑ Möglichkeiten, Chancen, Methoden“. Führende Wissenschaftler_innen der Anglistik, Germanistik, Geschichtswissenschaft, Hispanistik, Islamwissenschaft, Japanologie, Koreanistik, Kunstgeschichte, lateinischen Philologie und Sinologie traten dabei in Dialog, um Ausdrucksformen der Herrscherkritik transkulturell und interdisziplinär zu perspektivieren.

Im Namen der beiden Mitveranstalter eröffnete Karina Kellermann die Tagung, die in ihrer spezifischen Struktur dem übergreifenden Anspruch des SFB 1167 Rechnung tragen sollte: Nach thematischen Gemeinsamkeiten ausgewählt präsentierten jeweils zwei Vortragende unterschiedlicher Fächer ihre Impulse zu Fragen der Herrscherkritik, die darauffolgend in einer moderierten Diskussion zueinander in Bezug gebracht wurden. Im Anschluss an die Grußworte des Prodekans Volker Kronenberg und des SFB-Sprechers Matthias Becher führten Alheydis Plassmann und Christian Schwermann anhand der Bildzeugnisse auf Flyer und Poster der Tagung in die Thematik ein: In einer Handschrift von Johns von Worcester Weltchronik ist der Traum Heinrichs I. von den drei aufbegehrenden Gesellschaftsständen visualisiert; ein Steinrelief des Familienschreins von Wu Liang zeigt eine Beratungsszene von König und Großen in institutionalisierter Form. Der interdisziplinäre Vergleich diente den beiden Organisatoren dabei als Grundlage, den vorab entwickelten Fragenkatalog vorzustellen und somit bereits übergreifende Diskussionsforen der Tagung zu profilieren.

Sektion 1

In ihrem Vortrag „Variationen zwischen Herrscherkritik und ‑idealisierung in Veldekes ‘Eneasroman’” beleuchtete Annette Gerok-Reiter (Tübingen) auf Grundlage des mittelhochdeutschen Eneas, wie sich der höfische Roman des 12. Jahrhunderts aus der Diskussion um die Kategorien von guter und schlechter Herrschaft entwickelt hat. So übersetzt der Eneasroman die Herrschaftsfragen in komplexe Aushandlungsprozesse, in denen sich Lob und Kritik spannungsvoll gegenüberstehen. Die Wahl des antiken Stoffes wird dabei plausibilisiert, indem die Geschichte Roms in einen heilsgeschichtlichen Kontext integriert und der Protagonist Eneas zur Exempelfigur des höfisch christlichen Herrschers stilisiert wird. In der Mikrostruktur des Textes entfaltet sich dazu kontrastiv das kritische Potenzial: Veldeke zeigt Eneas als flüchtenden, angstvollen Helden und labilisiert so seinen Herrschaftsanspruch. Ähnlich inszeniert der Text seinen brüchigen Helden in der Minnehandlung: In Kontrast zu den antiken und altfranzösischen Bearbeitungen zeichnet Heinrich von Veldeke mit seiner Dido eine tragische Figur, während er Eneas überraschend distanziert darstellt und damit der Kritik aussetzt. Erst in der Begegnung mit seiner späteren Ehefrau Lavinia zeigt sich der Held verwundbar und erkennt die Wirkkraft der Minne an. Das alte heroische Männerideal tritt so in produktiven Gegensatz zu einem neuen, emotional fundierten Heldenkonzept. Die Demontage des Helden im Bereich von Kampf und Minne setzt eine Dynamik in Gang, in welcher der Bewährungsweg die strukturgebende Narrationslogik bildet. Diese institutionalisierte Herrscherkritik mit literarischen Mitteln findet sich auch in weiteren Erzähltexten des 12. Jahrhunderts und erweist sich somit als Ausdruck des neuen höfischen Romans.

Lisa Cordes (München) stellte in ihrem Beitrag “Umkodierung und ihre Alternativen ‑ Modi der Herrscherkritik im frühen Prinzipat” die unterschiedlichen Spielformen kritischer Herrscherdiskurse in der frühen Kaiserzeit Roms vor, indem sie panegyrische Texte zu Lebzeiten mit postumen Kommentaren in Bezug brachte und hierbei drei unterschiedliche Kritikformen isolierte: Im Zuge der Dynastiewechsel von den mali principes Nero und Domitian hin zu ihren Nachfolgern entwirft die entstehende Panegyrik ein neues Herrscherbild, in welchem die früheren Repräsentationsformen durch deren komplementäre Gegenstücke überschrieben werden, der Machtwechsel also zu einem Wechsel der sprachlichen Codes führt, mit denen Macht be- und geschrieben wird (1). Ebenso können frühere Repräsentationsformen auch bewusst negiert und ihr angebliches Fehlen kritisiert werden (2) oder aber sie finden überhaupt keine Erwähnung (3). Hieran anknüpfend warf Cordes die Frage auf, welche Faktoren die Wahl der jeweiligen Methode begünstigten, und verwies in diesem Zusammenhang auf die Wirkungsabsichten des tremendum (Angst einflößen) und ridiculum (ins Lächerliche ziehen). Neben Gattungskontext, Wirkungsabsicht und kritisiertem Gegenstand zeichnet sich vor allem die Selbstdarstellung der neuen Dynastie ab, die sich im impliziten Gegenbild des ‚guten Herrschers‘ glorifiziert.

Die beiden Vorträge der ersten Sektion führten vor Augen, wie sprachliche und inhaltliche Umcodierungen existierender Diskurstraditionen den Weg zu einem neuen Herrschermodell bereiten können.

Sektion 2

Gloria Chicote (Conicet/Argentinien) widmete sich in ihrem Beitrag „The Rebellious Discourse of Popular Classes in the Castilian Romances of the XV and XVI Centuries“ dem Thema Herrscherkritik in kastilischen Romanzen. Diese erzählenden Gedichte bilden historische Geschehnisse ab und kritisieren sie zugleich, womit sie die Diskurse niederer Gesellschaftsschichten reflektieren. Eine ganze Reihe solcher Texte übt Kritik an Peter I. (reg. 1350-1369), König von Kastilien. Vorgeworfen werden diesem u.a. die andauernden Konflikte zwischen Krone und Aristokratie, die Ermordung seiner Gattin sowie der Einfluss der Familie seiner Geliebten, María de Padilla. Indem die Texte Peter als grausamen Mörder porträtieren, legitimieren sie letztlich die Ermordung des Königs durch seinen Halbbruder und Nachfolger, Heinrich II. Das Gedicht Die Ermordung des Großmeisters des Santiagoordens, Don Fadrique aus dem Jahr 1358 etwa erzählt von der Ermordung Fadriques durch Getreue des Königs. Der Text verknüpft historische Fakten mit folkloristischen literarischen Motiven und dient offenbar dem Zweck, unter der Bevölkerung Hass gegen den ungeliebten Monarchen zu schüren. Das Gedicht Der Tod König Peters aus dem Jahr 1369 wiederum formuliert Zustimmung zur Ermordung des Königs durch seinen Halbbruder. Damit verleiht der Text nicht nur dem Machtkampf zwischen Monarch und Eliten Ausdruck. Er rechtfertigt zugleich den Widerstand der Beherrschten gegen den Monarchen samt seiner Ermordung, wenn besondere Umstände wie dessen Machtmissbrauch in Form ungerechtfertigter Grausamkeit dies notwendig erscheinen lassen. Anders formuliert: Die Romanzen sind nicht nur ein Beispiel für Kritik an einzelnen Herrscherfiguren, sondern zudem Medium eines abstrakteren Diskurses über politischen Protest, hier im Gewand des Tyrannenmordes.

Birgit Ulrike Münch (Bonn) nahm in ihrem Vortrag „nòstre bon rei Enric und la grosse banquière - Formen der subtilen und offenen Herrscherkritik anhand von Visualisierungen zu Heinrich IV. von Frankreich und Maria de’ Medici“ bildliche Darstellungen Marias de’ Medici (1575-1642), der italienischen Gattin des französischen Königs Heinrichs IV., in den Blick, welche nach dessen Tod 1610 eine Zeit lang die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn ausübte. Grundsätzlich erstaunt, dass Maria und ihre italienischen Vertrauten zwar Ziel heftiger zeitgenössischer Kritik waren, diese aber anscheinend nicht im Medium bildlicher Darstellung artikuliert wurde. Offen kritische Bildzeugnisse adressieren lediglich ihren grundsätzlich beliebten Gatten, den Monarchen, oder sind, im Falle Marias selbst, späteren Datums. Implizite Kritik andererseits lässt sich in zeitgenössischen bildlichen Darstellungen bisweilen identifizieren, etwa wenn die Kinderliebe des Königs eine mangelnde Sorge Marias um den gemeinsamen Nachwuchs nahelegt. Im Zentrum der Ausführungen stand der von Peter Paul Rubens (1577-1640) angefertigte sogenannte ‚Medici-Zyklus‘, der den Witwensitz Marias im Palais du Luxembourg zierte. Dessen Darstellungen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen nicht lediglich als Lob der Auftraggeberin, sondern zugleich als Stellungnahme zu und Reflex auf zeitgenössische Kritik. Mithin handelt es sich geradezu um den bildkünstlerischen Selbstausdruck einer Herrscherinnenfigur. So betont ein Gemälde etwa die Mutterrolle der Königin, um sie von dem erwähnten Vorwurf mangelnder Sorge um ihre Kinder freizusprechen. Eine andere Strategie, mit politischen Schwierigkeiten umzugehen, findet sich in der entindividualisierten Darstellung Marias. Insgesamt legte Münch also nahe, den Zyklus als Teil eines bildkünstlerischen Diskurses aufzufassen, in welchem Herrscherkritik eine zentrale Rolle spielt.

Die Gegenüberstellung von Text- und Bildmaterial in dieser Sektion demonstrierte anschaulich, wie populäre Herrscherdiskussionen Eingang in die künstlerische Repräsentation finden und öffnete die interdisziplinäre Diskussion darüber hinaus für Fragen zur Medialität von Herrscherkritik.

Abendvortrag

In seinem öffentlichen Abendvortrag „Herrschaftsformen im interkulturellen Vergleich. Differenzieren und Typisieren auf den Spuren von Max Weber“ zeigte Egon Flaig (Rostock/Berlin) grundsätzliche Verbindungslinien zwischen monarchischer Verfassung und der Möglichkeit, Herrscherkritik zu üben, auf. Konkret fokussierte er dabei den römischen Prinzipat, welchen er in Anlehnung an seine 1992 publizierte Habilitationsschrift als Akzeptanzsystem charakterisierte (Egon Flaig, Den Kaiser herausfordern. Die Usurpation im Römischen Reich, Frankfurt/ New York 1992). Dieses verlangte vom Herrscher, i.e. dem römischen Kaiser, beständig mit der Bevölkerung Roms im Rahmen offizieller Spiele zu interagieren, um den gemeinsamen Konsens in Bezug auf die Herrschaftsausübung bestätigen zu lassen. Die Stellung eines solchen Monarchen war, wie Flaig es formulierte, wenig „immunisiert“, d.h. er konnte zu Lebzeiten infrage gestellt und durch potentielle Konkurrenten „herausgefordert“ werden. Diesem System stehen Monarchien kontrastiv gegenüber, in denen nicht allein das Herrschaftssystem, sondern die Stellung des einzelnen Herrschers selbst soweit verrechtlicht war, dass dieser gegen entsprechende Anfechtungen ‑ zumindest zu Lebzeiten ‑ gefeit blieb. Da schwach immunisierte Monarchen auf kontinuierliche öffentliche Konsensbestätigung angewiesen waren, ließen derartige Systeme kaum Spielraum für direkte Herrscherkritik: Zwar konnte die römische Bevölkerung im Rahmen der Spiele Forderungen an ihren Herrscher herantragen. Explizite Kritik indes implizierte die Aufkündigung des zentralen Akzeptanzverhältnisses. Pointiert formuliert: Man konnte den römischen Kaiser herausfordern oder töten, ihn direkt kritisieren, um auf seine Entscheidungen korrigierenden Einfluss auszuüben, konnte man eher nicht. Auch wenn Flaig interkulturelle Vergleiche als Mittel und Ziel seiner Analyse lediglich andeutete, eröffnen sich von hier aus doch offensichtliche Differenzbeschreibungen. So scheint sich in ostasiatischen Monarchien wie der chinesischen das direkte Gegenmodell etabliert zu haben: Die Stellung des chinesischen Kaisers war vergleichsweise stark immunisiert, was die Einrichtung von Institutionen direkter Herrscherkritik ermöglichte. Anders gesagt: Den chinesischen Monarchen, einen nicht akzeptierten, sondern in der Wortwahl Flaigs „legitimen“ dynastischen Herrscher, konnte man nicht „herausfordern“, sehr wohl aber unmissverständlich auf persönliches Fehlverhalten hinweisen. Insgesamt gelang es Egon Flaig auf diese Weise, die Bedeutung des Themas der Tagung für die übergeordnete Frage des gesamten Forschungsverbundes nach Macht und Herrschaft in vormodernen Gesellschaften deutlich herauszuarbeiten.

Sektion 3

China wurde und wird häufiger vorgeworfen, dass es zu keiner Zeit eine Kultur des Dissenses hervorgebracht hätte. Heiner Roetz (Bochum) zeigte in seinem Beitrag „Dissent Beyond the System in Ancient China” aber, dass es bereits im antiken China einen vitalen und radikalen Diskurs der Kritik an Herrschern und Herrschaft gab. Als Reaktion auf die politische Krise und den Zusammenbruch der alten Ordnung in der „Zeit der Streitenden Reiche“ (5.‑3. Jhd. v. Chr.) diskutierten die klassischen Denkschulen Chinas die Frage, wie politisch-gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt werden könne. Heiner Roetz zeigte anhand zahlreicher klassischer Texte, dass es eine offene Streitkultur gab, in der ein konstruktiver Dissens und die Autonomie der Ratgeber gegenüber den Herrschenden als essentielle Elemente einer stabilen Ordnung konzipiert waren. Radikalere Denkschulen, wie die Legisten, stellten gar das traditionelle dynastische Herrschaftssystem in Frage und entwickelten alternative Formen und Modelle von Herrschaft ‑ beispielsweise ein meritokratisches System. Die Debatte um eine Kritik- und Dissens-Kultur ist also nicht nur eine aktuelle, sondern auch eine historische.

Matthew Strickland (Glasgow) widmete sich in seinem Vortrag „Dreaming of Reform: Admonition and Visions as Criticism of the Ruler in the Anglo-Norman and Angevin Realms“ den Formen der Herrscherkritik in der englischen Historiographie: Kritik am angevinischen Herrscher war durchaus üblich, dennoch nicht ungefährlich. Direkte Kritik und ihre Urheber mussten im Zweifelsfall mit harschen Sanktionen rechnen. Nicht erst seit dem 12. Jahrhundert zu beobachten, aber hier besonders gut zu belegen, sind Strategien, Kritik in Form von Träumen, Visionen oder Prophezeiungen vorzubringen. Die Träume Heinrichs I. in Johns von Worcester Weltchronik, in denen er wegen seiner Steuerpolitik von den drei Ständen heimgesucht wird, oder Adams of Eynsham Visionen des Fegefeuers für einen verstorbenen englischen König (mutmaßlich Heinrich II.) sind nur zwei populäre Beispiele. Daneben arbeitete der als kritische Geist bekannte Gerald of Wales (De instructione Principis) mit dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung. Egal ob Ermahnungen durch Geistliche, Visionen, die der König selbst erfahre, oder Träume: Die politische und herrschaftliche Konstellation der 1190er Jahre und die daraus resultierende drückende Steuerlast begünstigen das Aufleben kritischer Traditionen. So sind es oftmals konkrete Herrschaftsinstrumente, die durch die genannten Muster vor dem Hintergrund idealer Vorstellungen in der Kritik stehen.

In dieser Sektion wurde aus dem interkulturellen Vergleich entwickelt, welch unterschiedliche Ausdrucksformen Herrscherkritik annehmen und in welche diskursiven Freiräume sie vorstoßen kann.

Sektion 4

Matthew Giancarlo (Lexington) widmete sich in seinem Vortrag „The Other British Constitution. Fürstenspiegel-Texts, Popular Constitution and the Critic of Kingship in the Franco-british De regimine-Tradition” den herrschaftskritischen Diskursen in französischen und britischen Fürstenspiegel-Texten des 13. Jahrhunderts. Entgegen der geläufigen Ansicht, dass Fürstenspiegel für traditionalistische und autoritäre politische Ansichten stünden, argumentierte Matthew Giancarlo, dass sie vielmehr ein volkstümliches Medium waren, in dem Kritik an Herrschern und Herrschaft artikuliert werde konnte. Spiegel-Texte boten einen Ort, um eine alternative konstitutionelle Tradition zu diskutieren und zu befördern. Am Beispiel zahlreicher Textbeispiele wurde deutlich, dass in Fürstenspiegeln subtil, aber durchaus radikal gegen bestehende Herrschaftskonzeptionen argumentiert wurde. So rückte beispielweise auch der Volkswille bei der Frage nach rechtmäßiger Herrschaft oder die Möglichkeit auf Revolution ins Zentrum der Diskussion. Fürstenspiegel spielten aber auch eine wichtige Rolle bei dem sich entwickelnden Selbstverständnis der Bürokratie. Den Herrschenden wurde seitens der Bürokratie stets misstraut, sie selbst wurden kritisch beäugt. In diesem Kontext boten Fürstenspiegel ein geeignetes Medium, um die Forderung nach einer konstitutionellen Einbindung von Herrschenden einzufordern. Die Beispiele machten deutlich, dass Spiegel-Texte in einem ganz anderen Licht gelesen werden müssten ‑ als ein dynamisches Feld, das ein Forum für herrschaftskritisches Denken bietet.

Marion Eggert (Bochum) gab in ihrem Vortrag „Speaking Up to the Monarch in Chosŏn Korea: Institutions, Procedures, Legitimations” einen Einblick in die Formen institutionalisierter Herrscherkritik am Hof der Chosŏn-Dynastie (1392-1897 / 1910) in Korea. Anders als im weit verbreiteten Bild war der König von Chosŏn kein „orientalischer Despot“, sondern in ein kompliziertes Geflecht gegenseitiger Kontrollinstitutionen am Hof eingebunden. Insbesondere die Institution des „Dreigleisigen Censorats“ ermöglichte den Ministern und Aristokraten in Kommunikation mit den Herrschern zu treten und sie gegebenenfalls auch zu kritisieren. So existierte beispielsweise ein Amt, das speziell für Remonstrationen zuständig war. Andererseits konnte der König über diese Institutionen aber auch Rat und Hilfe von seinen Beamten einholen. Ferner verstanden sich die zuständigen Beamten als kritisches Sprachrohr für das beherrschte Volk gegenüber den Herrschenden. Marion Eggert machte weiterhin darauf aufmerksam, dass es auch Kritik an den Institutionen bzw. den jeweiligen Amtsträgern gab. So wurde der Beamtenschaft nicht selten Konformismus und Dilettantismus vorgeworfen. Am Beispiel der Kritik des vom Hof vertriebenen Philosophen Yulgok Yi I (1535-1584) wurde demonstriert, auf welche ideologischen Ressourcen ein Kritiker zurückgreifen konnte, um seinen herrscherkritischen Anliegen Autorität zu verleihen. Neben schlichten Warnungen und Appellen waren es sehr häufig Quellen der klassischen chinesischen Philosophie ‑ besonders solche des Konfuzianismus ‑, die als Legitimation für Kritik herangezogen wurden und mit denen man ein Recht auf Dissens einforderte.

Die vierte Sektion schärfte den Blick dafür, Herrscherkritik als Kontrollorgan und Kritiker als zum Teil sogar institutionalisiertes Sprachrohr der Beherrschten wahrzunehmen.

Sektion 5

Lena Oetzel (Salzburg) präsentierte in ihrem Beitrag „Debating, Petitioning, Legislating. Criticizing the Monarch in 16th Century English Parliaments“ Modi der Herrscherkritik im Spannungsverhältnis von Monarch und englischem Parlament. Fassbar wird diese Beziehung besonders in der Regierungszeit Elisabeths I. (1558‑1603). Themen der Kritik waren neben der Religionspolitik das Fehlen eines legitimen Nachfolgers und damit eng verbunden die Heiratspolitik Elisabeths sowie ihr Vorgehen gegen Maria Stuart. Neben diesen thematischen Aspekten analysierte Lena Oetzel die Formen der dargebrachten Kritik. Sie wurde in formellen parlamentarischen Debatten geäußert, mal offen, mal versteckt, und trat besonders deutlich in der Form der Bittschrift hervor. Eine solche direkt an den Regenten gerichtete Schrift verband Herrscherlob und ‑kritik, um die Bitte im Kern annehmbar zu machen. Nicht nur die Debatte, auch Gesetzesvorlagen selbst konnten Kritik enthalten, wie an den Vorlagen zur Bestrafung von Hochverrat eindrucksvoll gezeigt wurde. In einem weiter gefassten Rahmen konnte Kritik auch jenseits der Debatten vorgebracht werden. Die noch heute übliche zeremonielle Eröffnung und Schließung des Parlaments bot Raum für Kritik, die besonders in Form von Predigten dargeboten wurde, die als parlamentarische Meinungsäußerung zu verstehen sind. Sowohl Formen als auch Grad der Kritik variierten und lassen den Schluss zu, dass parlamentarische Kritik nur ein Teil öffentlicher frühneuzeitlicher Herrscherkritik gewesen ist.

Martin Powers (Ann Arbor) richtete in seinem Vortrag „Theories of Dissent and their Institutional Correlates in China” den Blick auf die institutionellen Rahmenbedingungen von Herrscherkritik im kaiserzeitlichen China. Bereits in der Han-Zeit (206/2 v.Chr. - 220 n.Chr.) haben Kaiser direkte Kritik seitens ihrer Beamten aktiv eingefordert. Damit korrelieren andere Formen des Widerstandes, etwa Studentenproteste oder der bewusste Rückzug aus der Sphäre der Politik. Diese bezeugen ein breit vorhandenes Bewusstsein von dem allgemeinen Recht eines jeden, politische Kritik zu üben, welches sich auch in bildlichen Darstellungen zeitgenössischer Steinreliefs nachweisen lässt. Eine Rückbesinnung auf jene Periode ist für die Song-Dynastie (960-1279 n.Chr.) zu diagnostizieren. Nach den stärker aristokratisch geprägten Jahrhunderten zuvor dominierte nun erneut ein meritokratisches Amtsverständnis, welches auch vor einer entsprechenden Interpretation der Herrscherrolle nicht haltmachte. Neben der allgemeinen Möglichkeit, offiziell Beschwerde vorzubringen, kannte die damalige Bürokratie spezielle Ämter für Herrscherkritik wie auch die informelle Institution der öffentlichen Meinung, welche durch eine rege Zivilgesellschaft getragen wurde. Insbesondere die Trennung zwischen Person und Amt, welche diesem politischen System ihren Stempel aufdrückte, stieß im England des 18. Jahrhunderts auf großes Interesse. Sie sei es gewesen, die altchinesischen Herrscherkritikern ihre Autorität verlieh, schließlich war es das entsprechend der Leistung verliehene Amt, welches sie zum Protest ermächtigte, nicht der Wille des Kaisers. Insgesamt betonte Powers, dass diese Trennung bzw. ihr Fehlen nicht nur im alten China oder Europa von großer Bedeutung war, sondern auch in politischen Systemen der Gegenwart, etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika, eine wichtige Rolle spielt.

Beide Vorträge verwiesen auf die Bedeutung einer erweiterten kritischen Öffentlichkeit. So besehen müssen institutionalisierte und nicht institutionalisierte Formen der Herrscherkritik wohl eher als komplementäre Phänomene gedacht werden, nicht als substanziell geschiedene Kategorien des politischen Diskurses.

Sektion 6

In seinem Beitrag „Critical Mythologies in Ancient und Medieval Japan” präsentierte Raji Steineck (Zürich) am Beispiel japanischer Mythen eine weitere Methode, Herrscherkritik zu artikulieren. Mythen wurden bisher vor allem als eine Kunstform betrachtet, welche die gemeinsame Anschauung und Denkform einer Gemeinschaft widerspiegelten und daher eher unkritisch seien. Raji Steineck argumentierte hingegen, dass Mythen durchaus als ein dynamisches Medium von Kritik oder Widerspruch dienen konnten, und illustrierte das anhand ausgewählter Quellen der antiken und mittelalterlichen Epoche. Der mythologische Diskurs war ein durchaus prominentes Format und gleichzeitig eine Beglaubigungsstrategie, um Kritik an den Herrschenden, ihren Entscheidungen, ihrer Politik und bis zu einem gewissen Grad auch am System äußern zu können. Interessanterweise waren solche Kritikäußerungen aber häufig konservativer und reaktionärer Natur gewesen, was dazu passt, dass Mythen oft als traditionsgebunden gelten.

Maureen Perrie (Birmingham) fokussierte in ihrem Vortrag „Holy Fools (iurodivye) as Critics of the Tsar in Early Modern Russia“ die Rolle der „heiligen Narren“ als Herrscherkritiker im russischen Zarenreich des 15., 16. und 17. Jahrhunderts. Bei diesen handelte es sich um Personen, i.d.R. Männer, bisweilen auch Frauen, die sich durch ein exzentrisches öffentliches Verhalten, etwa durch ihre Nacktheit, jenseits der sozialen Konventionen und Institutionen ihrer Zeit verorteten. Damit einher ging auf der anderen Seite die Freiheit, das Oberhaupt der institutionellen Ordnung, den Zaren oder einen Regenten, beispielsweise für grausame Taten zu kritisieren. Dies tat etwa Nikolas von Pskov, der Iwan den Schrecklichen (reg. 1533-1584) dafür schalt, dass dieser unschuldige Bürger getötet hatte. Offizielle Autoritäten verhielten sich auf unterschiedliche Weise zu diesen Personen: Während die orthodoxe Kirche im 17. Jh. einige als falsche heilige Narren verfolgte, genossen andere den Schutz des Zaren oder des Oberhauptes der russischen Kirche. Berichte über diese Personen sind u.a. von westlichen zeitgenössischen Beobachtern überliefert. Die russischen Viten dieser Personen sind zum Teil durch rollentypische Zuschreibungen gekennzeichnet, was den heiligen Narren als etablierten Typus des Herrscherkritikers ausweist. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Frage nach der Quelle ihrer Autorität zur Kritik. Perrie argumentierte, dass diese in der ursprünglichen Rolle der "heiligen Narren" als Propheten zu sehen sei, welche den Herrschenden die negativen Folgen ihres falschen Handelns vorhersagten. Dies macht sie zu einem spezifischen Phänomen des östlichen orthodoxen Christentums.

Im Gegensatz zu den vorangehenden Beispielen parlamentarischer und amtlich regulierter Kritik fokussierten die beiden Vorträge der sechsten Sektion Beispiele, in denen sich Herrscherkritik entweder in Form eines anonymen Kollektivs oder in Gestalt einer konkreten, sozial isolierten Einzelperson artikuliert.

Sektion 7

Wie Kritik in politisch instabilen Zeiten, in denen der oberste Herrschaftsträger nicht mehr als eine Repräsentationsfigur war, aussehen konnte, griff Mohamad El-Merheb (London) in seinem Vortrag „Criticizing the Rulers and Preserving the State: Patterns of Censure in Pre-Modern Islamic Political Thought“ am Beispiel der mittleren Periode in der syrisch-ägyptischen Geschichte (11.‑15. Jh.) auf. Auch hier war der Herrscher das Ziel der Kritik, nicht etwa Herrschaft per se. Geäußert wurde sie aber in unterschiedlichen Mustern durch die Gelehrten (ʿulamā), Angehörige der Elite. Ihre Legitimation bezogen die Gelehrten aus ihrer Stellung als Rechtsexperten. Die Form der Kritik lässt darauf schließen, dass sie zwar den Herrscher kritisiert, als Adressaten aber die mächtige Elite im Blick hat, da sie sprachlich und in der Auswahl des Genres auf eben jene gemünzt ist. Die Kritik verfolgte zudem auch die eigenen Ziele. So wurde an die Etablierung der guten Herrschaft als eine durch Gerechtigkeit (machteinschränkende) und professionelle Verwaltung gekennzeichnete Struktur appelliert ‑ Strukturen, die die Positionen der Kritiker stützten. El-Merheb illustrierte an Fallstudien einer Rechtsquelle (aḥkām al-bughāt) und historiographischen Mustern sowie an dem Genre des biographischen Wörterbuches (Ṭabaqāt) gleich mehrere Dimensionen möglicher Kritikformen. Kritik wurde auch in diesem Kontext an Handlungen ausgerichtet und mit ganz konkreten Empfehlungen verknüpft, die sich genrespezifisch legitimierten, mit dem Ziel, Herrschaft zu stabilisieren, um die eigene Position zu manifestieren.

Stephen Church (Norwich) beleuchtete mit seinem Beitrag „Criticizing King John before Magna Carta“ die zwölf turbulenten Monate während der Königsherrschaft Johann Ohnelands (1199‑1216) vom Sommer 1212 bis 1213, in denen er die Grenze zwischen Kritik, Rebellion und Verrat auslotete. Die besondere Situation des massiv in der Kritik stehenden Königs Johann Ohneland, der sich mit versteckter und offener Rebellion und ganz spezifischen Kritikformen konfrontiert sah, war der Ausgangspunkt der Analyse. Im Zentrum des königlichen Herrschaftssystems in England standen die königlichen Beamten, die insbesondere auf lokaler Ebene die Herrschaftsausübung ermöglichen sollten. Das Gerücht - der angebliche Tod des Königs, behauptet durch Baldwin Tirrel - destabilisierte nicht nur die Königsherrschaft, sondern diskreditierte auch die Person des Herrschers. Der erwähnte Fall kann als Hinweis auf eine adlige Opposition gegen den König verstanden werden, die möglicherweise das Ziel hatte, den König zu ersetzen. Anders gelagert, aber nicht minder einflussreich war der im selben politischen Kontext auftretende Fall der Todesvorhersage des Eremiten Peter von Wakefield. Diese Prophezeiung, die durchaus als Kritik verstanden werden kann, traf ins Mark der Auseinandersetzung um Johanns Herrschaft und warf die Frage auf, ob Johann als König das Versprechen der guten Herrschaft erfüllen konnte. Im Falle Peters von Wakefield wie auch Baldwin Tirrels sind es unterschiedlich legitimierte Behauptungen, die Johann kritisierten und seine königliche Herrschaft durch Untergangsszenarien destabilisierten.

Diese Sektion markierte deutlich, dass die Beschränkung herrscherlicher Gewalt ein zentrales Anliegen der Beherrschten war und wie Kritik im Spannungsverhältnis von Herrschern und Eliten zur Einschränkung des Herrschers instrumentalisiert werden konnte.

Sektion 8

Da das politische System der Frühen Neuzeit noch keine Plattform für direkte Herrscherkritik bot, entwickelten sich die literarischen Gattungen von Panegyrik und Herrscherdidaxe zu favorisierten Medien indirekter Kritikformen. Sowohl lobende als auch erzieherische Texte diskutierten die Vorstellungen idealer Herrschaft und erlaubten vor der Kontrastfolie des entworfenen Ideals subtile Distanz: Das unausgesprochene Gegenteil schloss eben jenes aus, was der beschriebenen Norm widersprach, und bot somit die Möglichkeit, abseits von namentlich erwähnten Herrschern Kritik zu üben. Am Beispiel des Erasmus von Rotterdam erläuterte Jan-Dirk Müller (München) in seinem Beitrag „Panegyrik und Didaxe als Herrscherkritik“ dieses intrikate Zusammenspiel von Kritik, Lob und Unterweisung und stellte somit unterschiedliche Kommunikationsmechanismen im Herrscherdiskurs der Frühen Neuzeit vor. So entwirft der Text Iulius exclusus e coelis (1513/14) einen Dialog zwischen dem Heiligen Petrus und dem kurz zuvor verstorbenen Papst Julius II., der in der Selbstverteidigung des Papstes seine kritische Haltung offenbart: In einer komplizierten Doppelrolle sucht der Papst sein Pontifikat vor dem Heiligen zu verteidigen, demaskiert dabei aber letztlich nur die Missstände in Kirche und Reich. Der an Karl V. und seinen Bruder Ferdinand adressierte Fürstenspiegel Institutio principis Christiani (1515) skizziert das Bild eines moralisch geschulten Herrschers. In scharfem Kontrast hierzu zählt der Text auf, wie man sich nicht verhalten soll, und gibt damit lebhafte Einblicke in das aktuelle Fehlverhalten zeitgenössischer Herrscher. Der Panegyricus de triumphali profectione Hispaniensi deque foelici eiusdem in patriam reditu gratulatorius schließlich richtet sich an den Erzherzog Philip I. anlässlich seiner Rückkehr aus Spanien im Jahr 1503. Um Philip den Schönen preisen zu können, redefiniert Erasmus die Standards idealer Herrschaft und diskutiert darüber hinaus die Probleme der Gattung, die ein formelhaftes Loben geradezu einfordert. In allen drei Beispielen äußert sich die Herrscherkritik letztlich immer nur im Raum indirekter Sprache.

Im abschließenden Beitrag „‘And how, if you are a Christian, can you hate the emperor?‘ The Ninth-century Reception of a Seventh-century Scandal“ widmete sich Charles West (Sheffield) der lateinischen Handschrift Paris Bnf Lat. 5095, die in ihrer Zusammenstellung der Schilderung vergangener Ereignisse aus unterschiedlichen Quellen aktuelle Herrschaftsfragen verhandelt. So werden in der Handschrift unter anderem die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst im oströmischen Reich thematisiert: Im 7. Jahrhundert beginnen die Diskussionen um die wahre Natur Christi Einheit und Stärke des oströmischen Reiches empfindlich zu bedrohen, so dass der byzantinische Kaiser Konstans II. alle theologischen Streitigkeiten verbietet. Gegen das kaiserliche Edikt setzt sich Maximus der Bekenner für die Einberufung eines Konzils ein, Papst Martin I. beruft daraufhin 649 die Lateransynode ein. Des Hochverrats bezichtigt, werden die beiden verhaftet und in Konstantinopel vor Gericht gestellt, verurteilt und verbannt. 200 Jahre später findet diese Episode Eingang in die vorliegende Handschrift, die von Anastasius Bibliotecarius vermutlich für den Erzbischof Hinkmar von Reims angefertigt wurde. Auf der Suche nach den Motiven dieser Auswahl verwies West auf die Möglichkeit, auf Grundlage historischer Geschehnisse generelle Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Reich aufzuwerfen. Indem die Handschrift Maximus‘ Ausspruch zitiert, der Kaiser dürfe nicht in religiösen Debatten intervenieren, stellt sie die Verurteilung der beiden Geistlichen als unrechtmäßig dar und favorisiert damit die kirchliche Autorität. Den Text durchzieht eine strenge, wenn auch implizite Kaiserkritik. Die weiteren Texte der Handschrift unterstützen diesen Eindruck, so enthält sie u.a. auch Papstbriefe, in denen der Kirchenvater den jeweiligen Herrscher unterweist und scharf kritisiert, z.T. sogar exkommuniziert. Die Leistung des Kompilators, bestimmte Texte auszuwählen und miteinander in Bezug zu setzen, gibt auf diese Weise Einblick in das Programm der Handschrift: Die kritische Darstellung der byzantinischen kaiserlichen Macht problematisiert letztlich die zeitgenössische Herrschaft der Karolinger.

Die unterschiedlichen lateinischen Quellen aus Historiographie, Panegyrik und Herrscherdidaxe führten in dieser letzten Sektion der Tagung vor, wie sich Herrscherkritik in der europäischen Vormoderne allein im Raum indirekter Sprache realisieren kann: indem sie Vergangenes, potentiell Mögliches oder aber Fiktives zum Gegenstand der Kritik machen.

Abschlussdiskussion

1. Zu dem auf den ersten Blick vielleicht erstaunlichsten Ergebnis dieser Konferenz führte der Vergleich der institutionellen Einbettung von Herrscherkritik in verschiedenen vormodernen monarchischen Gesellschaften. Während sie im antiken und mittelalterlichen arabischen und ostasiatischen Raum anscheinend hochgradig institutionalisiert war, kannten der römische Prinzipat und das mittelalterliche Europa keine Ämter, die für die Kontrolle und Maßregelung des Monarchen im Sinne einer von Mohamad El-Merheb angeführten “Herrschaft des Rechts” zuständig waren.

2. In vormodernen europäischen Monarchien wurde Herrscherkritik nur gelegentlich und, wenn überhaupt, dann zumeist indirekt geübt. So finden sich die subtilen Kritikformen häufig im Raum fiktionaler Literatur, wie Annette Gerok-Reiter für den mittelhochdeutschen Roman und Gloria Chicote für kastilische Romanzen nachwies. Besonders bot sich die Geschichtsschreibung für Formen indirekter Kritik an, in der Monarchen freilich erst nach ihrem Tod zur Zielscheibe von Kritik werden konnte. Hierfür dürfte im Prinzipat das sogenannte Akzeptanzsystem verantwortlich gewesen sein. Wie Egon Flaig ausführte, verlor ein Princeps seine Akzeptanz und in der Folge auch sein Leben, sobald er öffentlich kritisiert worden war. Diese Einsicht deckt sich mit der Beobachtung von Lisa Cordes, dass Herrscherkritik im Prinzipat primär postum durch Rekodierung erfolgte.

3. Zudem gab es in den Monarchien des europäischen Mittelalters keine klare terminologische und konzeptuelle Unterscheidung zwischen Ratschlag und Tadel oder zwischen interner und externer Kritik, wie Stephen Church und andere zeigten. Dieser Befund überrascht umso mehr, als derlei Differenzierungen in der europäischen Antike durchaus angelegt waren und ein Teil der antiken Texte im Mittelalter zur Verfügung standen, auch wenn sie erst ab dem Decretum Gratianum stärker benutzt wurden. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass entsprechende Begriffsunterscheidungen nur da zuverlässig gewährleistet sind, wo Herrscherkritik institutionalisiert wird. Nur die Sprachen derjenigen vormodernen monarchischen Gesellschaften, die diesen Institutionalisierungsprozess durchlaufen haben, scheinen entsprechende Wortfelder mit einer voll entwickelten terminologischen und begrifflichen Ausdifferenzierung von Herrscherkritik, darunter auch den von Heiner Roetz vorgestellten „dissent beyond the system“, nämlich den nicht-institutionalisierten Dissens, hervorgebracht zu haben. Zugleich konnten Birgit Ulrike Münch anhand von einem im Auftrag Marias de Medici erstellten Bilderzyklus und Charles West anhand der minutiösen Darlegung der Kompilation einer Handschrift zeigen, in welch medialer Vielfalt die Kritik am Herrscher stattfinden konnte.

4. Zugleich finden sich aber nur im politischen Denken des mittelalterlichen Europas erste Ansätze dazu, die monarchische Verfassung als solche in Frage zu stellen. Wie Matthew Giancarlo ausführte, argumentierte zum Beispiel Vinzenz von Beauvais 1264 in seinem De morali principis institutione, dass die Erhebung zum König auf dem Willen des Volkes und nicht auf dem Gottes beruhe. Da ist es nur folgerichtig, dass die Herrscherkritik und die Herrscherdidaxe sich in einem komplexen Wechselspiel aufeinander beziehen, wie Jan-Dirk Müller erläuterte. Dies deckt sich mit den Beobachtungen von Alheydis Plassmann zur Verbreitung rationalen Denkens im zwölften Jahrhundert. Im Sog eines „Stromes der Vernunft“ setzten hier zum ersten Mal Autoren ihren eigenen Verstand als Maßstab der Bewertung monarchischer Verfassung (Alheydis Plassmann, Der Strom der Vernunft – Die Verbreitung rationalen Denkens im 12. Jahrhundert, in: Jürgen Krahl /Josef Löffl (Hg.), Strömungen (Zwischen den Welten 2), Göttingen 2015, S. 35-42).

5. Egon Flaig wies darauf hin, dass diese Entwicklung nur auf der Grundlage der Rezeption römischen Rechts ab dem elften Jahrhundert denkbar war, welches den Monarchen als obersten Magistraten entwarf. So habe Marsilius von Padua (um 1275 – um 1342) in seinem Traktat Defensor pacis, der 1324 erschien, eine Vertragstheorie entwickelt, welche die Souveränität des Volkes bekräftigte und ihm das Recht zubilligte, seine Herrscher selbst zu ernennen und diese dem Gesetz zu unterstellen. Zudem standen mittelalterliche europäische Monarchen im Wettbewerb mit Stadtrepubliken, die in Norditalien seit dem zwölften Jahrhundert gegründet wurden, und damit unter einem erheblich höheren semantischen Druck als ihre orientalischen Zeitgenossen. Vor allem aber waren fast alle europäischen Monarchen auf Ständeversammlungen angewiesen, die mindestens jährlich tagten, so dass der Herrscher ohnehin einer ungewöhnlich starken Kontrolle unterlag.

6. Entsprechend kam es in Europa seit dem neunten Jahrhundert zu einer Zunahme der Herrscherkritik, die bis zum Ende des Mittelalters eine große Vielfalt an Formen entwickelte, wie Annette Gerok-Reiter, Matthew Strickland, Charles West und andere zeigten. Allerdings wurde Herrscherkritik hier erst mit dem Aufstieg des Parlamentarismus und der gemischten Monarchie institutionalisiert. Lena Oetzel betonte, dass Elisabeth I. parlamentarischen Rat in der Regel als Kritik aufnahm, aber diesen nicht länger verbieten konnte. Ebenso wenig konnten Ratgeber für ihre Kritik bestraft werden. Sie mussten nicht mehr um ihr Leben fürchten, so dass Peter Wentworth in seiner Rede vor dem Parlament am 8. Februar 1576 ausrufen konnte: “even perfit love voyd of dissimulacion will not suffer me to hide them [that is her Majesty’s mistakes] to her Majestie’s peril but to utter them to her Majestie’s safetye.”

7. Dies war – über die Institutionalisierung von Herrscherkritik hinaus – ein wichtiger Schritt zur Absicherung des Kritikers. Dieser musste nicht länger um sein Leben fürchten. Da die Verfassungen vormoderner arabischer Sultanate, koreanischer Königtümer und chinesischer sowie japanischer Kaiserreiche ihre Rechtsgelehrten und Remonstranten nicht vor Anschlägen auf Leib und Leben schützten, muss die eingangs aufgestellte These von ‘Institutionen mit dem Zweck, den Herrscher zu kritisieren’ relativiert werden. Denn institutionalisierte Kritik ist nur dann wirklich eine solche, wenn sie einen klaren ‘Rahmen’ hat, innerhalb dessen man gefahrlos agieren, also kritisieren kann – wie etwa das von Marion Eggert erwähnte Amt, dessen Aufgabe geradezu in der Kritik bestand; wenn die Kritisierenden dieselbe Gefährdung an Leib und Leben riskieren wie im Römischen Reich, dann kommt der Institutionalisierung von Herrscherkritik im Osten ein weniger hohes Gewicht zu als zunächst angenommen. Entsprechend tendierten eben auch ostasiatische Herrscherkritiker wie ihre mittelalterlichen europäischen Pendants oft dazu, Monarchen sehr allgemein und indirekt anzugreifen, indem sie z.B. Fürstenspiegel beim Thron einreichten oder sich mythologischer Diskurse bedienten, wie Raji Steineck zeigte. Oder sie schützten sich wie die iurodivyi im frühneuzeitlichen Russland, deren liminale Stellung von Maureen Perrie als Befähigung zur Kritik verstanden wurde.

8. Allerdings scheinen sowohl das Verfassungsdenken als auch die Verwaltungspraxis im neuzeitlichen Europa wiederum von chinesischem Institutionenwissen und chinesischer Institutionentheorie beeinflusst worden zu sein. Wie Martin Powers ausführte, wurden diese, zum Beispiel auch das oben erwähnte Remonstrationswesen, zuerst von den Jesuitenmissionaren des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts beschrieben, um dann von den Philosophen der Aufklärung aufgenommen zu werden. An diesem Punkt schließt sich ein Kreis der Herrscherkritik und eröffnet sich eine mögliche neue Perspektive auf ein ‘Weltkulturerbe’ der europäischen Ratgeber, der Remonstranten im kaiserlichen China, der arabischen Rechtgelehrten und der Heiligen Narren von Byzanz.

 

 

Die Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.

 

 

Konferenzübersicht:

Sektion 1

Annette Gerok-Reiter (Tübingen): Variationen zwischen Herrscherkritik und -idealisierung in Veldekes “Eneasroman”

Lisa Cordes (München): Umkodierung und ihre Alternativen – Modi der Herrscherkritik im frühen Prinzipat

Sektion 2

Gloria Chicote (Conicet, Argentinien): The Rebellious Discourse of Popular Classes in the Castilian Romances of the XV and XVI Centuries

Birgit Ulrike Münch (Bonn): nòstre bon rei Enric und la grosse banquière – Formen der subtilen und offenen Herrscherkritik anhand von Visualisierungen zu Heinrich IV. von Frankreich und Maria de’ Medici

Abendvortrag

Egon Flaig (Rostock / Berlin): Herrschaftsformen im interkulturellen Vergleich. Differenzieren und Typisieren auf den Spuren von Max Weber

Sektion 3

Heiner Roetz (Bochum): Dissent Beyond the System in Ancient China

Matthew Strickland (Glasgow): Dreaming of Reform: Admonition and Visions as Criticism of the Ruler in the Anglo-Norman and Angevin Realms

Sektion 4

Matthew Giancarlo (Lexington): The Other British Constitution. Fürstenspiegel-Texts, Popular Constitution and the Critic of Kingship in the Franco-british De regimine-Tradition

Marion Eggert (Bochum): Speaking Up to the Monarch in Chosŏn Korea: Institutions, Procedures, Legitimations

Sektion 5

Lena Oetzel (Salzburg): Debating, Petitioning, Legislating. Criticizing the Monarch in 16th Century English Parliaments

Martin Powers (Ann Arbor): Theories of Dissent and their Institutional Correlates in China

Sektion 6

Raji Steineck (Zürich): Critical Mythologies in Ancient and Medieval Japan

Maureen Perrie (Birmingham): Holy Fools (iurodivye) as Critics of the Tsar in Early Modern Russia

Sektion 7

Mohamad El-Merheb (London): Criticizing the Rulers and Preserving the State: Patterns of Censure in Pre-Modern Islamic Political Thought

Stephen Church (Norwich): Criticizing King John before Magna Carta

Sektion 8

Jan-Dirk Müller (München): Panegyrik und Didaxe als Herrscherkritik

Charles West (Sheffield): „And how, if you are a Christian, can you hate the emperor?“ The Ninth-century Reception of a Seventh-century Scandal

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu