CFP: Todsicher ewiges Leben? Interdisziplinäre Perspektiven von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung, Düsseldorf (15.01.2019)

Amine El Maleq's picture

 

Interdisziplinäre Tagung: 15./16. November 2019, Düsseldorf

 

„Todsicher ewiges Leben? Interdisziplinäre Perspektiven von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung“

 

Leben und Tod bestimmen seit jeher das Verhältnis des Menschen zur Welt. Dabei lassen sich ganz unterschiedliche kulturgeschichtliche Haltungen im Umgang mit Leben und Tod etwa in Religion, Philosophie oder Kunst beobachten. Das Spektrum zu Bedeutung und Funktion des Todes lässt sich wesentlich in drei basalen Konzeptionen skizzieren: 1) Der Tod ist der endgültige Schluss individueller Existenz inklusive sämtlicher physischer, psychischer wie auch kognitiver Fähigkeiten. 2) Der Tod wird im Zuge des Sterbens als ein Übergang in einen anderen Seinszustand begriffen. Nicht selten gehen mit derlei Konzeptionen Vorstellungen von einem jenseitigen Leben nach dem Tod, einem Totenreich (z.B. griechische Mythologie) oder einem Himmel (z.B. Christentum) einher. 3) Bisweilen wird der Tod auch als Phase verstanden, die, einmal durchschritten, zu einem neuen individuellen Leben im Zuge von Wiederverkörperung (z.B. Hinduismus) führt.

     Indessen bleibt allen diesen kulturgeschichtlichen Konzeptionen über Bedeutung und Funktion des Todes zum Trotz eine (wissenschaftliche) Definition des Todes problematisch. Denn sie müsste die unterschiedlichen Weisen und Ursachen des Todes umfassen. In einem anschaulichen Extrem formuliert: Verlust von Zellteilungsfähigkeit und Zellintegrität treffen auf den Tod eines Einzellers zu, während der Tod von Säugetieren in der Regel durch Organversagen, Herzkreislaufkomplikationen und schwere Erkrankungen verursacht wird. Jedoch lässt sich infolge des medizinischen Fortschritts die Lebensspanne des Menschen immer weiter verlängern, der Todeszeitpunkt hinauszögern. Diese Tatsache impliziert eine Auseinandersetzung mit dem Tod insbesondere hinsichtlich der gegenwärtigen Bedingungen und Möglichkeiten in der näheren und ferneren Zukunft.

     Unser Verständnis von Leben und Tod, Sterben, Existenz und Selbstbestimmung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Vorstellung von Leben und Tod war durch das ganze Mittelalter mit dem Kreuzestod Jesu Christi verbunden, finden sich doch in der mittelalterlichen Literatur eben diese Spuren eines einzigartigen Selbstopfers. Der Ritter, vom Aussatz geschlagen, sieht in einem Blutopfer die einzige Möglichkeit, dem Tod zu entkommen, um zu (über-)leben. Das Opfer, das hier riskiert wird, gilt am Ende als Freifahrtschein ins Paradies. Ist es am Ende aber Gott oder der Mensch selbst, der über Leben und Tod entscheiden darf?

An die Finalität dieser irdischen Existenz angeknüpft, erfährt die Bezeichnung Quality of Dying and Death eine völlig andere Bedeutung. Ganz im Sinne des mors repentina – dem schnellen und ruhigen Tod, stehen uns heutzutage ganz andere Perspektiven auf den Tod offen. Wir sehen uns zunehmend in die Lage versetzt, Einfluss auf unseren Alterungsprozess zu nehmen, die Art und Weise unseres Sterbens zu bestimmen (aktive/passive Sterbehilfe) und die Bedingungen unserer Existenz neu zu definieren.

Im Bereich der Zukunftsforschung werden die Möglichkeiten untersucht, den Tod in fernerer Zukunft umzukehren. Man denke hierbei an medizintechnische Verfahren der Kryonik, die immer häufiger von Privatleuten erwogen werden. Die einfache Gleichung hierbei lautet: Lieber das Fünkchen einer Chance wahrnehmen, in 200 Jahren aufgetaut, verjüngt und geheilt zu werden, anstatt für immer und ewig ein für alle Mal tot zu sein. Science Fiction wird Fiction Science. Auch im Bereich digitaler Medien und Virtual Reality wird zunehmend das Potential von künstlicher Intelligenz und Cloudcomputing erkannt. Projekte wie das Human Brainproject oder das Brain Activity Map Project bemühen sich um Kartierung neuronaler Netze und des menschlichen Gehirns insbesondere sowie um computerbasierte Modelle zur Simulierung menschlicher Kognitionsfähigkeiten. Manche unken gar von einer Vision: Der Mindupload in eine digital generierte Welt. Hier wäre zu fragen, inwieweit sich der ontologische Status einer Person verändert. Bin das noch Ich, dessen Geist von einem Programm geleistet wird, für das Ich u.U. sogar den Tod meines Leibes in Kauf genommen habe? Bedeutet Person-Sein respektive Mensch-Sein die Aufrechterhaltung kognitiver Leistungsfähigkeit, für die die biologische Grundlage obsolet zu werden droht, um durch Maschinen ersetzt zu werden? Der Topos ewigen Lebens aus Mythologie, Religion und Philosophie, ja sogar der Literatur und Kunst erscheint angesichts dieser bahnbrechenden Möglichkeiten in einem völlig anderen Licht, der Himmel als Cloud, das digitale Paradies ewigen Lebens in greifbarer Nähe. Mag der ein oder andere auch diese Zukunftsmusik überhören, ein Fakt bleibt die gegenwärtige technologische Entwicklung, die auf die Möglichkeiten von Kryonik, Minduploading und Virtual Reality vorausdeutet.

     Jenseits gängiger Annäherungen an Leben und Tod möchte sich diese Tagung, explizit den modernen Entwicklungen verpflichtet, aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Disziplinen annähern. Erwünscht sind Beiträge der jeweiligen Fachdisziplinen, etwa aus Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie (im Bereich der Medizinethik, Medien- und Technikphilosophie), Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte u.a., die Bedingungen, Möglichkeiten, Perspektiven und Leistungsfähigkeiten dieser technologischen Entwicklungen kritisch untersuchen. Ihr Beitrag sollte Leben und Tod insbesondere im Spannungsverhältnis von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung behandeln. Von folgenden Fragestellungen können Sie sich hierbei leiten lassen: Welche Vorstellungen von einem guten Leben und dessen Ende gibt es und wie sind sie vor den aktuellen technologischen Möglichkeiten zu bewerten? Welche Veränderungen lassen sich feststellen und welche Implikationen resultieren hieraus in Bezug auf den Tod als ultimative Grenze individueller Selbstbestimmung? Trauen Sie sich zu, eine Definition des Todes zu formulieren? Schaffen wir das Sterben ab oder entscheiden wir selbst, wann wir welchen Tod sterben, um in eine andere Existenzform einzutreten?

     Die Tagung richtet sich nicht nur an fortgeschrittene Wissenschaftler/-innen, sondern auch an Nachwuchsforscher/-innen in der Promotionsphase und an PostDocs. Darüber hinaus werden weitere Fachwissenschaftler/-innen als Experten respektive Expertinnen ihres jeweiligen Fachbereiches eingeladen, um als Diskutanten den interdisziplinären Diskurs anzuregen. Dies gewährleistet ein langfristig angelegtes Ziel dieser Tagung, durch Impulse gegenwärtiger Entwicklungen in Medizin, Medien und Gesellschaft neue Perspektiven aus Literaturwissenschaft, Philosophie, Theologie u.a. auf das Verhältnis von Leben und Tod im Rahmen von Existenz, Sterben und Selbstbestimmung zu erschließen und damit die Vernetzung junger Nachwuchsforscher/-innen zu ermöglichen.

 

Eine mögliche Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten ist vorgesehen, kann aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zugesichert werden.

Eine Publikation in Form eines Sammelbandes ist geplant.

 

 

Bitte senden Sie uns ein maximal einseitiges Exposé sowie Ihren akademischen Lebenslauf bis zum 15.01.19 zu.

Geplant sind 20 Minuten Vortrag und 10 Minuten Diskussion.

 

E-Mail an: 

maleq@phil.hhu.de

twillmann@phil.hhu.de

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu