CFP: Das (Un)menschliche im Menschen. Anthropologische Konzepte um 1800, ihre Inspirationen und moderne Kontinuitäten in der Literatur, Gdańsk (15.9.2018)

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Lehrstuhl für Literatur- und Kulturwissenschaft am Institut für germanistische Philologie der Universität Gdańsk  und Forschungsstelle für die deutsche Literatur der Romantik, ihre Quellen und Rezeption lädt zu einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz ein.

 

„Das (Un)menschliche im Menschen. Anthropologische Konzepte um 1800, ihre Inspirationen und moderne Kontinuitäten in der Literatur“

 

Gdańsk, 15. - 16. November 2018

 

Die zu Beginn des 18. Jahrhunderts populäre neuplatonische Idee „der großen Kette der Wesen“, die alle von Gott geschaffenen Lebewesen umfasste, stellte eine prädestinierte Harmonie als Prinzip der Weltordnung dar, in der alle Geschöpfe miteinander verbunden sind und auseinander hervorgehen. In Leibniz‘ Neuem System der Natur nimmt der Mensch in jener Hierarchie einen besonderen Platz ein. Er befindet sich zwischen dem Körperreich der Tiere und Pflanzen und der geistigen Welt mit ihrem Schöpfer an der Spitze. Nach Leibniz durchläuft jeder Mensch in seinem Leben alle Etappen dieser Entwicklung – seine Natur steht im Zusammenhang mit Pflanzen, Tieren, aber auch Engeln. Die große Kette der Wesen, die seit der Antike in der Literatur verbreitet war, stellte die Komplexität der menschlichen Natur dar.  Denn was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Besteht der Mensch aus einem Leib und einer Seele oder auch aus einem Geist? Oder steckt in ihm auch ein Tier? Ein Engel? Unterschiedet er sich vom Tier durch seine Vernunft oder ist es die unsterbliche Seele, die ihn unter anderen Geschöpfen außergewöhnlich macht? Ist der Mensch einer Puppe, einer Maschine ähnlich? In der Literatur der Romantik wird die Grenze zwischen dem Menschlichen und Nicht-Menschlichen aufgehoben. Das Mechanische ist vom Lebendigen nicht mehr unterscheidbar.

Phantastische Figuren der Literatur repräsentieren versteckte Inhalte, die auf unbekannte Sphären des menschlichen Bewusstseins hinweisen. Die Romantiker zeigen, dass im Menschen auch das Tierische, Dämonische, Teuflische, Puppenhafte, Göttliche steckt.  In der Literatur um 1800 bleibt das Thema der Auffassung der Seele aktuell. Goethes Faust, Platons Worte aufgreifend, muss verzweifelt ausrufen: „Zwei Seelen, wohnen, ach! in meiner Brust“.

Die Anwesenheit des schwer definierbaren „(Un)menschlichen“ im Menschen wurde auch in den früheren Epochen diagnostiziert. Im Gegensatz zu den Romantikern, die immer wieder unkontrollierbare Dimensionen der menschlichen Psyche aufdeckten, glaubte noch Christoph Martin Wieland, dass „etwas Dämonisches in unsrer Natur“ unleugbar ist. Wieland war wie andere Aufklärer davon überzeugt, dass der Mensch „zwischen Himmel und Erde in der Mitte“ schwebe. Das Tierische, als etwas Negatives und Böses im Menschen, sollte gebändigt werden. Der menschliche Geist sei nach Wieland aufgefordert, sich emporzuarbeiten, um sich nicht „am Ende in ein Tier verwandelt“ zu finden.

Der Mensch in der Literatur der Romantik wird nicht als Vernunftwesen angesehen, sondern als Wesen, das noch mit seinen unbeherrschbaren Trieben und Affekten konfrontiert wird. Im Roman Das Schloß Dürrande von Joseph von Eichendorff wird es davor gewarnt: „hüte dich, das wilde Tier zu wecken in der Brust, dass es nicht plötzlich ausbricht und dich selbst zerreißt.“ Ein Teil des menschlichen Wesens zeigt sich als unbekannt und fremd. Wenn das Tier in der Aufklärung als Symbol der Natur, ihrer Triebe und Instinkte fungiert, die gebändigt werden müssen, damit der Mensch eine „höhere Stufe der Weisheit und Tugend“ erreichen konnte, bricht paradoxerweise in dem romantischen „Labyrinth der Menschenbrust" die eigentliche Phantasie, die schöpferische, künstlerische Macht wie ein „wildes Tier“ heraus und formt „phantastisch blitzende Eispalaste“. Es zeigt sich, dass nicht das typisch Menschliche, das Vernünftige, Tugendhafte, Bürgerliche, sondern seine unbekannte und ungebändigte Natur eine Quelle der Inspiration und der Wahrheit ist.

Die Fragen nach dem Wesen des Menschen werden in der naturphilosophischen Reflexion und den anthropologischen Schriften u.a. von Gotthilf Heinrich Schubert, Carl Gustav Carus oder Johann Michael Leupoldt um 1800 aufgeworfen. Die „romantische“ Anthropologie verdrängt die transzendentale Subjektphilosophie des Deutschen Idealismus und setzt sich zum Ziel, eine praktische Orientierungshilfe für Menschen zu liefern und wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ihre Leitfragen nach dem Gottes-, Welt- und Menschenbild werden in den literarischen Texten der Romantik aufgenommen und umgesetzt. Solche Autoren wie Achim von Arnim, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff oder E.T.A. Hoffmann ließen sich von anthropologischem Wissen der damaligen Zeit inspirieren. Ihre Werke beeinflussten auch die nächsten Generationen. Die auf den romantischen Konzepten basierte Anthropologie erlebt besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts  eine Renaissance.

Daraus ergibt sich eine breite Perspektive der literarischen Forschung, die weit über die Grenzen des Zeitalters der Romantik hinauslaufend, die literarischen Darstellungen des (Un)menschlichen ins neue Licht rücken lässt. Demnach wird nicht das typisch Menschliche, sondern das Untypische am Menschen, das Verdrängte, Fremde, Befremdende zur Quelle der Kreativität und zum Thema literarischer Werke.

Im vorliegenden Band soll aus interdisziplinärer Perspektive erkundet werden, wo und wie diese Auffassungen der menschlichen Natur und die Überschreitung der Grenze zwischen der bekannten und unbekannten Sphäre des menschlichen Daseins zum Ausdruck gebracht werden.

 

Die Herausgeber des Bandes warten auf Ihre Beiträge, die zum Ziel hätten, jene Darstellungen des (Un)menschlichen in der Literatur der Romantik, aber auch in den früheren und späteren Epochen aufzudecken.

 

Folgende Problembereiche können dabei beispielsweise erforscht werden:

  • das Fremde im Menschen; Symbole der unbekannten Sphären der Psyche;
  • der Wahnsinn, Überschreitungen der Norm und ihre Metapher;
  • das Tierische als Metapher der unbeherrschbaren menschlichen Natur;
  • Tiere in der romantischen Literatur als Medium der Selbsterkenntnis;
  • die romantischen Metaphern des Unbewussten und ihre Rezeption in der späteren Literatur;
  • menschlicher Körper als Maschine; Automat, Puppe; Marionette;
  • Verdrängung der Natur durch die Vergesellschaftung im Prozess der Erziehung;
  • phantastische Gestalten der Literatur seit der Antike als Medium der Erfassung von Welt und Mensch;
  • harmonischer Übergang von materieller zu immaterieller Substanz
  • die große Kette der Wesen und ihre Interpretation in der Literatur nach 1800.

Anmeldung

Wir bitten alle interessierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Ihre Themenvorschläge für Vorträge und Referate mit Abstracts auf Deutsch und Englisch (bis etwa 8 Zeilen pro Sprache) mit 5 Schlüsselwörtern elektronisch (Word) bis zum 15.09. 2018 an die Adressen der Organisatoren (unten) einzureichen. Die Information über die Aufnahme des Themenvorschlags in das Konferenzprogramm, sowie das endgültige Programm der Konferenz und Auskünfte zur Anreise und Unterkunft werden Ihnen bis zum 30.09.2018 zugeschickt.

 

Ihre Vorträge / Referate sollten nicht die Dauer von 20 Minuten überschreiten (circa 6-7 normalisierte Seiten DIN A4).

Die Arbeitssprache der Konferenz ist Deutsch. Das Anmeldeformular finden Sie unter

https://fil.ug.edu.pl/wydzial/instytuty_i_katedry/instytut_filologii_germanskiej_institut_fur_germanistik/instytut_filologii_germanskiej/pracownie_badawcze/pracownia_badan_nad_niemiecka_literatura_romantyczna_jej_zrodlami_i_recepcja

 

 

Nach der Konferenz bieten wir die Möglichkeit, Ihre Texte in Form einer rezensierten Monografie in der Zeitschrift „Studia Germanica Gedanensia“ zu veröffentlichen (max. Länge des Beitrags: circa 30000 Anschläge).

 

Konferenzgebühr

Die Konferenzgebühr beträgt 70 EUR (oder 200 PLN). Damit soll ein Teil der Verpflegungs- und Übernachtungskosten (darüber hinaus feierliches Abendessen/Begrüßungsabend am ersten Tag der Konferenz, Kaffeepausen und Snacks) finanziert werden. Die Anreisekosten können nicht zurückerstattet werden. 

 

Die Konferenzgebühr ist bis zum 15.10.2018 auf folgende Kontoverbindung zu zahlen:

Uniwersytet Gdański w Gdańsku

Bank PEKAO S.A. IV O/Gdańsk

Vor- und Nachname

Als Verwendungszweck geben Sie bitte die Subkontonummer: KF 62-18 an.

SWIFT: PKO PPL PW

IBAN: PL 59 1240 1271 1111 0010 4368 2415

Beachten Sie, dass die Konferenzgebühr nicht zurückerstattet werden kann.

 

Kontakt

Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an den Organisator der Konferenz.

Prof. UG, Dr. habil. Agnieszka Haas: filah@univ.gda.pl

Dr. Dariusz Pakalski: dariusz.pakalski@ug.edu.pl

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu