CFP: Kunst der Beratung, Hildesheim (30.09.18)

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Wir leben in einer Gesellschaft der Beratung: Politische Entscheidungen sind nicht mehr ohne Strategiepapiere von policy advisern, Empfehlungen des Ethikrats oder Gedankenspiele von Think Tanks denkbar. Investitionen und Rationalisierungsmaßnahmen in Unternehmen werden unausweichlich durch Consultingfirmen begleitet und kaum ein Aspekt individueller Lebensführung entgeht einer zunehmend ausdifferenzierten Coachingindustrie, dank der die Biografie eines heute geborenen Menschen lückenlos als Kette von Konsultationen erzählbar wäre: angefangen bei der Erziehungsberatung der Eltern über Studien- und Berufsberatung, Karrierecoaching und Empathietraining, Flirtkurse und Paartherapie, Achtsamkeitsseminare, Ernährungsratgeber und kuratierte Kulturprogramme bis hin zur Trauerbegleitung der Nachkommen. Die hier vorgeschlagene Tagung vom 04.-06.04.2019 an der Universität Hildesheim strebt eine Diskussion über die kulturwissenschaftliche Genealogie des konsultierenden Menschen der Gegenwart mit besonderer Berücksichtigung der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts an.

So unterschiedlich die Funktion von Beratungskonstellationen im Detail sein mag, ist doch ein Grundmuster erkennbar: Coaches und Consultants überprüfen Ressourcen, treffen Vorhersagen über die möglichen Folgen einer Entscheidung oder stellen normative Maximen für Handlungsweisen auf und leiten daraus Forderungen an das Verhalten der Subjekte ab. Dabei beruht Beratung, so die Ausgangsthese der Veranstaltung, auf Technologien des Selbst, wie sie Michel Foucault im Rahmen seiner Theorie der Ästhetik der Existenz beschreibt: Der Gebrauch von Praktiken, Techniken und ästhetischen Formen macht Wissen in Dispositiven des professionellen Ratschlags sichtbar, fühlbar und handhabbar, setzt Subjekte dabei in Bezug zu einer normativen Wahrheit, die ihre Selbsterkenntnis und Selbstführung bestimmt (Foucault 2016). Besondere Beachtung soll im Rahmen dieser Tagung der Funktion ästhetischer Praktiken und ihren Effekten der Sichtbarmachung von Wissen zukommen, etwa im Kreativitätscoaching oder im Ratgeber als literarischer Gattung. Damit soll auch aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Beitrag zur bisher vor allem innerhalb der Soziologie geführten Diskussion zum »Prozess der gesellschaftlichen Ästhetisierung« geleistet werden (Reckwitz 2012). Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf der Gegenwart und der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, geografisch werden Europa und Nordamerika als Ort einer Proliferation und Intensivierung von Beratungskonstellationen in den Blick genommen.

Bestehende Forschungen zur Kulturgeschichte der Beratung beschäftigen sich nicht explizit mit der instrumentell-praktischen Zurichtung von Subjekten in ihren jeweiligen Dispositiven, jedoch lassen sich in der Literatur Hinweise auf die lohnende Perspektive dieser Veranstaltung finden: So war die Ausübung von Beratungsfunktionen durch Auguren und Orakel und ihre charismatische Inszenierung immer an Kulturtechniken und Formen der Selbstinszenierung geknüpft (Macho 2010). Der interdisziplinäre Gedankenaustausch in der für das Zwanzigste Jahrhundert eigentümlichen institutionellen Form des Think Tanks wird durch planvolle Architektur ermöglicht, in der die Wahrscheinlichkeit der Kommunikation zwischen den Mitarbeitern strategisch durch die Maximierung von Begegnungsorten erhöht wurde (Brandstetter et al. 2010). In anderer Hinsicht beruhen die auf förderliche Verhaltensbildung und Ressourcenverwendung zielenden Maßnahmen des Life-Coachings seit den Siebziger Jahren auf künstlerischen Praktiken, deren Genealogie aus dem Psychodrama oder Gestalttherapie offensichtlich ist (Traue 2010). Nicht zuletzt ist ein popularisiertes Beratungswissen seit geraumer Zeit an Sprachspiele und die Ausbreitung der Gattung Ratgeberliteratur gebunden, in der Psycho-, Ehe- und Ernährungskonsultation unter Maßgabe der Regeln einer Poetik des Beratungswissens ermöglicht wird (vgl. die Beiträge in Niehaus/Peeters 2014). Formen der sinnlichen Disposition von Wissen legen dem Subjekt also in sehr unterschiedlichen historischen Konstellationen der Beratung Maximen seines Handelns nahe.

Häufig zeigt sich die Geschichte dieser Beratungsmittel wiederum mit Diskursen der Führung und Selbstführung verknüpft, deren Entstehungszeit grob auf die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg datiert werden kann und die dabei verschiedenen Rückkopplungsmomente aufweisen: Dazu gehört die Migration militärischer Führungslehren in die Managementtheorie in die Arbeitspsychologie und die Unternehmensführung (Rose 1999), ebenso die in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts popularisierte psychoanalytische, behavioristische oder kognitionspsychologische Deutung sozialer Prozesse, durch die Techniken des Coachings und der Therapie entscheidende Anregungen erhalten haben (Illouz 2011). Erweist sich das Dispositiv Beratung innerhalb dieser Transfer- und Austauschprozesse als Teil eines gouvernementalen Systems der »Menschenregierungskünste« (Bröckling 2017), so soll die genealogische Perspektive dieser Tagung zu seiner Analyse und Kritik beitragen.

Beratung als Netzwerk ästhetischer Praktiken, Techniken und Formen wird durch Beiträgen aus Literatur-, Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaft zu drei folgenden Themenschwerpunkten untersucht:

1. Praktiken

Beratungssituationen implementieren häufig Techniken des Körpers, die Beobachtungspositionen auf das beratene Ich einüben, wenn z. B. Führungskräfte flexible Situationsbewältigung durch Übungen aus dem Improvisationstheater lernen. Aus welchen Formen des Trainings sind diese Praktiken hervorgegangen? Welche institutionelle Herkunft ästhetischer und nicht-ästhetischer Beratungshandlungen lassen sich angeben? In welcher Weise unterbrechen Formen der Übung in einer »Zeit der Beratung« den Prozess politischer oder unternehmerischer Entscheidungsfindung? Beratung kann hier auch und gerade im Blick auf die aktuelle Diskussion um das Austauschverhältnis von künstlerischer und ästhetische Praxis in den Blick genommen werden.

2. Techniken

Perspektiven auf das Selbst- und Weltverhältnis von Beratenen werden immer wieder durch technische Medien oder Dinge ermöglicht, etwa in den Visualisierungen von Whiteboards, Scorecards und biografische Kartierungen. Welche disziplinäre Migration weisen diese Techniken auf? Wo stellen sie Beobachtungspositionen her, etwa durch diagrammatische Zusammenstellung von Informationen? Sowohl Einzeluntersuchungen zu scheinbar randständigen Objekten der Beratung wie dem Moderationskoffer sind hier möglich als auch großformative genealogische Untersuchungen einer Digitalisierung der Beratung durch Coaching-Apps und Assistenzsysteme.

3. Poetik

Besondere Aufmerksamkeit soll auf der Tagung den spezifischen visuellen oder literarischen Gattungen der Beratung zukommen. Neben neuen Untersuchungen zur bereits genannten Ratgeberliteratur können dabei auch Formen wie der Lehrfilm oder das Youtube-Tutorial zur Sprache kommen. Ebenso Momente der Performanz in der Herstellung charismatischer Beratungssituationen, oder die Narrativierung von Biografien durch storytelling. Auch historische Narrative, wie etwas die Rede vom Krisenmoment in der politischen Beratung können hier verhandelt werden. Hier wie auch im Hinblick auf Techniken und Praktiken der Beratung stellt sich eine genealogische Frage: Welche disziplinären Herkünfte und Austauschbeziehung bestehen zwischen Mediengeschichte, künstlerischer Praxis und den ästhetischen Mitteln der Konsultation?

Unterbringung und Reisekosten im Rahmen der Tagung werden übernommen. Bitte reichen Sie ein nicht länger als einseitiges Exposés sowie einen kurzen akademischen Lebenslauf bis zum 30.09.18 ein unter simon.roloff@uni-hildesheim.de

JProf. Dr. Simon Roloff

Institut für literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft

Universitätsplatz 1, 31141 Hildesheim


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu