CFP: Fragen zum Lyrischen in Friederike Mayröckers Poesie, Brüssel (30.09.2017)

Eleonore De Felip's picture

 

 

Internationale Tagung, Brüssel, 28.-29. Juni 2018

 

Fragen zum Lyrischen in Friederike Mayröckers Poesie

Friederike Mayröcker zählt zu den herausragenden lyrischen Stimmen der Gegenwart. Ihr mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes, umfangreiches lyrisches Oeuvre wird international hoch geschätzt, ist jedoch, im Vergleich etwa zu ihren Prosawerken, wissenschaftlich noch wenig erschlossen. Die Tagung bietet ein Forum, auf welchem der außerordentlichen formalen Vielfalt, sprachlichen Komplexität und emotionellen Intensität ihrer Gedichte Rechnung getragen werden soll.

Der Vers „1 Looping ohne der Worte Sinn zu kennen“ – er entstammt dem Gedicht die Leinwände, Maiglöckchen 2008 vom 31.7.08. aus dem Band Scardanelli (2009)  nennt zwei Aspekte, die vor allen anderen Mayröckers Poetik charakterisieren. Zum einen steht ‚Looping‘ für das komplexe System an wiederkehrenden intertextuellen und –medialen Bezügen, an Fremd- und Selbstzitaten, an motivischen Fortführungen und Variationen, welches Mayröckers gesamtes lyrisches Oeuvre zusammenhält und prägt. Seit Tod durch Musen (1966) überrascht zwar jeder neue Gedichtband durch innovative Formen. Jeder ist wie ein Neubeginn. Jeder präsentiert eine neue Stufe auf Mayröckers lyrischem Weg, fügt ihren zahlreichen Tönen stets einen neuen hinzu. Eine wirkliche Zäsur gibt es indes nicht zwischen den Bänden. Mayröcker präsentiert vielmehr ein kunstvolles Verfahren der verschiebenden Wiederholungen, in der vorangegangene Töne einerseits gehalten werden, andererseits variiert und weiterentwickelt werden. Es ist nie eine bloße Wiederholung, sondern eher ein „Ritornell“ im Sinne von Deleuze/Guattari (1992). Der Mehrwert der Mayröckerschen Wiederholungen liegt in der Evokation einer poetischen différance (Derrida).

Zum anderen hat Mayröcker ihre Gedichte stets von klaren Aussagen freigehalten, so wie sie in ihren Prosawerken nie Geschichten erzählen wollte. Bei Mayröcker ist das lyrische Subjekt vage geworden, hat seine Individualität fast zur Gänze verloren. Es sieht von sich selbst ab. Es trägt keine Bedeutung in die Phänomene der Welt hinein, sondern vernimmt (unbeteiligt und äußerst beteiligt zugleich) deren Klänge und vielgestaltige Stille. ‚Aussagelose‘, ‚bedeutungslose‘ Details betonen (hinter den spezifischen, individuellen Formen) das Dahinter, die Fülle der Welt, ihre Intensität. Der Gedankengang führt zu keiner Aussage, sondern windet sich wie durch ein Labyrinth.

Mayröckers Sprache ist ‚intensiv‘ im Sinne von Deleuze und Guattari, da sie in einem Prozess der „Deterritorialisierung“ (Deleuze/Guattari 1976) begriffen ist. Gemeint ist damit eine Bewegung der sprachlichen Entfremdung, gewissermaßen eine Bewegung vom Zentrum zur Peripherie, von der mit einem bestimmten Inhalt verbundenen, fixierten Aussage zum bedeutungsvagen Wortklang an sich. In ihrer intensiven Ausprägung bildet Sprache nicht ab, transportiert keine fixen Bedeutungen und entzieht sich der metaphorischen Entschlüsselung. Dennoch ist Mayröckers Lyrik niemals Nonsense-Dichtung. Vielmehr öffnet sie „Fluchtlinien“ (Deleuze/Guattari 1976) im Sinne von Öffnungen oder auch Auswegen, auf denen die Wörter ihre tradierte Signifikanz ablegen und in momentane Beziehungen zu wechselnden Denotaten treten können. Mayröckers Kunst bricht erwartete Formationen auf und legt klangliche Tiefenschichten frei, wo unendliche Transformationen ausgelöst und unerwartete Verknüpfungen ermöglicht werden. Für die Rezipientinnen und Rezipienten besteht die Herausforderung darin, hinter den Versen keine Idee oder klare Aussage zu suchen, dem sprechenden Ich keine Intention zuzusprechen, sondern (wie das lyrische Ich) den Klängen im ‚Innenraum‘ des Gedichts zu folgen.

Mayröckers Texte werfen Fragen auf und lassen mehrfache, auch konträre Antworten zu. Die Organisatorinnen der Tagung gehen daher von der Annahme aus, dass nicht so sehr das Finden von Antworten als vielmehr das Stellen von Fragen eine der meistversprechenden Möglichkeiten ist, Mayröckers Texten zu begegnen. In diesem Sinne laden sie dazu ein, zu einzelnen Gedichten oder Aspekten der Mayröckerschen Lyrik (innovative) Fragen und (mehrfache) Mutmaßungen zu formulieren.

Folgende Aspekte, die durchaus mit einander verbunden werden können, könnten Impulse für weiterführende Fragen geben:

Methodischer Zugang:

  • Welche literaturtheoretischen Zugänge erweisen sich bei der Lektüre von Mayröckers Lyrik als hilfreich und innovativ? Willkommen sind insbesondere neuere und neueste literatur- und kulturtheoretische Positionen. Denkbar wäre zum Beispiel eine Lektüre anhand von Jonathan Cullers Theorie über das Lyrische (Theory of the Lyric, 2015). Culler setzt sich mit formalen Aspekten des Lyrischen und deren Geschichte auseinander, die für Mayröckers Lyrik einleuchten. So entwickelt und reflektiert er Begriffe wie die Hyperbel als eine exzentrische Figur, die eine befremdende, transsubjektive Welt schafft; die trianguläre Apostrophe und ihre rituelle Dimension; das lyrische Präsens als die geteilte Zeit der Artikulation und Rezeption des Gedichts.

 

Intertextualität, Intermedialität:

  • Intertextuelle und –mediale Bezüge spielen in Mayröckers Lyrik eine zentrale Rolle. Das lyrische Subjekt tritt in einen innigen, emphatischen Dialog (vgl. zur emphatischen Intertextualität Der Dichter und sein Schatten, hrsg. v. Uta Degner und Elisabetta Mengaldo, 2014) mit literarischen und philosophischen Texten, mit Bildern und mit Musik. Häufig genannt und zitiert werden in den Gedichten frühere und zeitgenössische Dichterkolleginnen und -kollegen wie Hölderlin, Trakl, Ponge, Erb, Czernin, Graham, Kling, Grünbein, Derrida (dessen Texte Mayröcker literarisch liest), Updike u. a. Gefragt wird danach, inwiefern und auf welche Weise Mayröcker als Hölderlin-Erbin gesehen werden kann, inwiefern sie aber auch in einer Traditionslinie mit anderen Dichtern wie etwa Georg Trakl oder Paul Celan steht; inwiefern Mayröcker auch die literarische Produktion sowie die literatur- und kunsttheoretische Debatten ihrer eigenen Zeit umfassend rezipiert; wie Mayröckers Lyrik innerhalb der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik zu positionieren ist und wie die Einzigartigkeit ihrer Dichtung zu beschreiben ist.

  • Gefragt werden soll nach der Rezeption von Musikwerken (Bach, Couperin, Schubert, Schumann, Dowland … ), nach der Musikalität der Sprache, nach Sprachmelodie und Sprach(klang)magie.

  • Gefragt werden soll schließlich nach dem Dialog mit bildenden Künstlerinnen und Künstlern und ihren Bildern (Goya, Velásquez, Magritte, Stefanek, Warhol …).

Text, Emotion, Körper:

  • Mayröckers unverkennbarer Ton ist hochemotionell und hochartifiziell zugleich. Eine Grundkonstante bildet Mayröckers Liebe zum geliebten ‚Du‘, zu den natürlichen Phänomenen der Welt (den Tieren wie Schwalben, Hunden, Ringelnattern, den Amseln und Lerchen …), den Blumen und Bäumen, sowie zu allen Formen von Kunst. Das lyrische Ich hängt am Leben. Tod und Vergänglichkeit werden als Skandalon empfunden. Seit dem Tod ihres Lebens- und Schreibgefährten Ernst Jandl prägen Trauer, Angst und Verzweiflung Mayröckers Texte.

    Wie ist Mayröckers poetischer Umgang mit Emotionen? Welche Metaphern dienen dem Ausdruck von Gefühlen? Mit welchen Begriffen lässt sich die Intensität der Emotionen in Mayröckers Texten beschreiben?

  • Gibt es eine Mayröckersche Spiritualität? Welche Bedeutung haben die Zitate aus dem christlich-religiösen Sprachschatz?

  • Wie treten Körperlichkeit und Materialität in Mayröckers Lyrik in Erscheinung? Wie rhythmisieren die Gedichte die Materialität der Welt, die Begegnung zwischen Ich und Welt? (Vgl. zum Begriff des Rhythmus rhythmos. Formen des Unbeständigen nach Hölderlin, hrsg. v. Jörn Etzold und Moritz Hannemann, 2016.)

 

 

Form, Gattung:

  • Wie hat sich die Form der Gedichte im Laufe der Jahre gewandelt? Stellen die Gedichte Neuschreibungen tradierter Gatttungen wie Ode, Hymne, Elegie dar? Wie verhalten sie sich zu neueren Kategorien wie das lange Gedicht oder das Proëm, zu Gattungen des Gesangs wie Litanei und Psalm? Willkommen sind Tiefenbohrungen in die frühen ‚experimentellen‘ 60er-Jahre, Analysen der Langgedichte, (vergleichende) Fragen zu den Texten aus den 70er, 80er und 90er-Jahren, zur Stellung von Scardanelli, aber auch zur jüngsten Trilogie études, cahier, fleurs , in welcher sich Prosa- und Lyrikpassagen abwechseln.

  • Wie lassen sich die Übergänge zwischen Lyrik und Prosa, aber auch zwischen Lyrik und Hörspiel beschreiben und gattungstheoretisch erfassen? Welche Bedeutung hat das Prinzip des Dialogischen und Polyphonen für die Gattungsbestimmung?

Geplant ist im Anschluss an die Tagung die Publikation eines Bandes mit ausgewählten Beiträgen.

Deadline für Abstracts im Umfang von 300–500 Wörtern (samt einer
Kurzbiographie und Liste der Veröffentlichungen): 30.9.2017, per E-Mail
an: inge.arteel@vub.be und eleonore.defelip@uibk.ac.at

Die Rückmeldung erfolgt nach Sichtung der Abstracts per E-Mail bis spätestens 31. Oktober 2017.

Organisation: Prof. Dr. Inge Arteel (Vrije Universiteit Brussel) und Dr. Eleonore De Felip (Universität Innsbruck)
 


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