CFP: GeschlechterKampfRegeln – Möglichkeiten und Grenzen der geschlechtsspezifischen (Selbst)Ermächtigung in den Künsten von der Antike bis zur Gegenwart (15.06.2018)

Salina Reinhardt's picture

Studentischer Workshop des Studiengangs Komparatistik / Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn; 26. – 27. September 2018

Wie aktuelle Diskussionen und Debatten in den Medien zeigen, ist die Frage nach Grenzüberschreitungen im Verhältnis der Geschlechter, vor allem im Zusammenhang mit Machtstrukturen, präsenter denn je. Eine Grenzüberschreitung setzt allerdings Regeln im Umgang der Geschlechter miteinander voraus, die gewissen, meist unausgesprochenen, Konventionen unterliegen, welche eben dieses Verhältnis in der Gesellschaft organisieren. Jene Regeln und ihre Verhandlung in den Künsten – von Literatur über Kunst und Musik bis hin zu Film und Fernsehen – sollen im Rahmen dieses Workshops aus interdisziplinärer Perspektive untersucht werden. Der Titel „GeschlechterKampfRegeln“ umfasst dabei verschiedene Dimensionen dieser Geschlechterverhältnisse, die es im Rahmen des Workshops näher zu bestimmen gilt. Denn wo Regeln und Konventionen eine Normierung des Umgangs der Geschlechter anstreben, ergeben sich für das jeweilige Subjekt innerhalb dieses Rahmens eventuell Handlungsspielräume, die es ermöglichen, sich gegen Konventionen zu richten, ohne sich dabei außerhalb der gesellschaftlichen Regeln zu bewegen oder diese gar zu brechen. Die Grenzen zwischen einem Miteinander und einem Gegeneinander der Geschlechter verlaufen somit innerhalb eines Regelwerks, in dem es zum Geschlechterkampf kommt.

Konkreter ausgedrückt: eine geschlechtsspezifische gesellschaftliche Praxis im Sinne des doing gender findet immer in einem Rahmen des staging gender statt. Doch welches Regelwerk definiert überhaupt die Parameter des staging gender? Hieraus ergeben sich eine Reihe weiterer Nachfragen zum Rahmen, etwa zu der Institution, die jeweils hinter diesen Regeln steht, wie beispielsweise die Kirche oder die Familie. Im Anschluss an diese Frage finden sich jedoch weitere Variablen, die der Definition bedürfen: Wie werden diese Regeln sichtbar? Was passiert, wenn Regeln überschritten werden, und andersherum - welches Ideal steht hinter diesen Regeln, was ist das Produkt ihrer Einhaltung, das sie möglicherweise selbst hervorbringen?

Der Aspekt des Einhaltens oder der Übertretung von Regeln bezieht sich dabei auch auf Formen der geschlechtsspezifischen Ermächtigung, welche die Bemächtigung des Gegenübers heißen kann, aber auch die Selbstermächtigung des Subjekts als eine Art Emanzipation. Zu jeder Zeit, wahlweise von der Antike oder der Postmoderne ausgehend, besteht, ob nun bewusst festgehalten oder unbewusst feststehend, eine gewisse Geschlechterordnung, die Umgangsformen, Lebensentwurf und gesellschaftliche Möglichkeiten aufgrund des jeweiligen Geschlechts aufwerfen oder beschränken. Der Fokus auf die Künste bietet dabei auf zwei Ebenen einen fruchtbaren Ausgangspunkt für diese Betrachtung. Zum einen im Hinblick auf die Kunst als Mimesis, die reale Verhältnisse im Sinne von Aristoteles wahrscheinlich und geschlechterpolitisch angemessen abzubilden sucht, zum anderen in der Funktion der Kunst als fiktionalem Raum, der die Verhandlung von Geschlechterkämpfen durchspielen kann, die in der Realität nicht möglich wären. Darüber hinaus können die Künste gegebenenfalls selbst zu Formen der Selbstermächtigung beitragen und eine Ermächtigung durch Kunst schaffen.

Aus dem hier skizzierten Themenbereich ergeben sich zahlreiche mögliche Forschungsfragen, die beispielhaft für die Vorträge und die daran angeschlossenen Diskussionen des Workshops aufgegriffen werden können. Auf welche Traditionslinien von Geschlecht wird in einzelnen Werken Bezug genommen? So verstehen moderne Interpretationen Aristophanes‘ Komödie Lysistrata (411 v. Chr.) als eine Geschichte weiblicher Emanzipation, tatsächlich stehen hier jedoch zeitgenössische Männlichkeitsideale im Fokus, die durch das Lächerlichmachen unmännlichen bzw. verweichlichten Verhaltens ex negativo herausgearbeitet werden. Welche Modi der Affirmation oder Subversion von Geschlechterregeln können in Literatur, Kunst, Musik, Film etc. verzeichnet werden? In Molières Stück L‘École des femmes (1662) beispielsweise wird mit der Regel der bienséance, des Anstandsgebotes im Theater, insofern gespielt, als dass sich absichtliche Leerstellen finden, die das Obszöne andeuten, ohne jemals offen gegen das Anstandsgebot zu verstoßen.

Welches Potential weist Fiktionalität für das Durchspielen von Geschlechterkämpfen auf? So zeigt Fontanes Effie Briest (1894) das Scheitern einer konventionellen Ehe, wobei eine Selbstermächtigung auf Seiten Effies nicht möglich ist, und mehr noch: ihr Ehebruch wird schließlich nicht zwischen den beiden Eheleuten Effie und Innstetten verhandelt, sondern als Kampf zwischen Ehemann und Liebhaber ausgetragen. Zu welcher Zeit werden auf welche Weise Geschlechterregeln stabilisiert bzw. dekonstruiert? Wie etwa wird mit dem expliziten Regelbruch Untreue in Mozarts Oper Cosí fan tutte (1790) ähnlich oder anders verfahren als im Film Closer (2004)? Sind geschlechtsspezifische Formen der Ermächtigung, ob nun in Form einer Be- oder Selbstermächtigung, zu erkennen und welche Bedeutung bergen sie? Das Motiv der Pygmaliontik wird in Neil LaButes Theaterstück The Shape of Things (2001) zu einem Beispiel für eine Bemächtigung, indem sich eine Künstlerin ihres vermeintlichen Partners als Versuchsobjekt bemächtigt. In diesem Zusammenhang schließt sich ebenfalls die Frage nach den Regeln und Grenzen der Kunst an, beziehungsweise was darf Kunst und wo geht sie zu weit? In welchem Maße sind Ermächtigungen überhaupt möglich und wo stoßen sie an ihre Grenzen?

Studierende sämtlicher kulturwissenschaftlicher Disziplinen sind herzlich eingeladen, sich mit einem kurzem Abstract für einen Vortrag im Rahmen der Veranstaltung zu bewerben. Die Dauer der Einzelvorträge wird sich auf 30 Minuten belaufen, unterteilt in etwa 20 Minuten Vortrag und einer anschließenden Diskussion von circa 10 Minuten. Im Anschluss an den Workshop ist die Publikation aller Beiträge im Rahmen einer Open-Access-Publikation geplant, die in der Reihe der Studien der Paderborner Komparatistik erscheinen wird. Anfallende Reisekosten können, die Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln vorausgesetzt, in begrenztem Umfang übernommen werden.

Interessenten werden gebeten, ein Abstract zum Vortragsthema im Umfang von 200-300 Wörtern bis zum 15.06.2018 an Salina Reinhardt (salinamr@campus.uni-paderborn.de) zu schicken, die ebenfalls Ansprechpartnerin für weitere Fragen ist:

 

Salina Reinhardt, M.A.

Universität Paderborn

Fakultät für Kulturwissenschaften

Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft

Warburger Straße 100

33098 Paderborn

Tel.: (+49) 5251 60-2879

E-Mail: salinamr@campus.uni-paderborn.de

________________________________________________________________________________________________________________

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu