ZS: OBST 90 (2017), Band 1:Sprache und Geschlecht. Sprachpolitiken und Grammatik (Hrsg. von Constanze Spieß und Martin Reisigl)

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Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 90 (OBST 90) Sprache und Geschlecht. Band 1: Sprachpolitiken und Grammatik (Hrsg. von Constanze Spieß und Martin Reisigl)

Blieb die Annahme der Binarität der Geschlechter in der einschlägigen Debatte jahrzehntelang un­hinterfragt, so ist mittlerweile die Tendenz zu konstatieren, das bipolare Geschlechterweltbild zu dekonstruieren. Beispielsweise werden heute in institutionellen Zusammenhängen der Bildung und Verwaltung über Leitfäden verschiedene Formen geschlechtergerechten Sprachgebrauchs propagiert, die der Zweiteilung der Geschlechter und der Heteronormativität entgegentreten und eine Pluralität von Geschlecht und Geschlechtsidentität markieren. Ziel solcher Ratgeber ist es, sprachliche Diskrimini­erung zu verhindern. Gegenwärtige Bemühungen dieser Art kristallisieren z. B. im Leitfaden der AG Feministisch Sprachhandeln an der Humboldt-Universität Berlin oder im Leitfaden der Universität Leipzig, die beide zum Gegenstand heftiger medialer Debatten wurden.

Im Rahmen dieser Auseinandersetzungen wird etwa die Frage erörtert, inwieweit ein nominalisiertes Partizip Präsens zur Bezeichnung von Personen (z. B. „die Studierenden“) tatsächlich als geschlechtsneutrale Form rezipiert wird oder nicht vielmehr eine Tendenz zur maskulinen Repräsentation von Geschlecht favorisiert. Kontrovers diskutiert wird die Frage, inwiefern eine Resignifikation von Geschlecht durch den „dynamischen Unterstrich“ (z. B. Stu_dentin) oder die x-Form (z. B. Studierx) sinnvolle Wege der sprachlichen Repräsentation von Geschlechtspluralität sein können, die das Binnen-I ablösen, welches die Zweiteilung der Geschlechter fortzuschreiben scheint. Gefragt wird in diesem Zusammenhang auch, ob die Einführung widerständiger Resignifikationsformen mehr als nur ein Minderheitenprojekt sein könne und ob das Wuchern sperriger multipler Geschlechtsmarkierungen klassische feministische Anliegen vielleicht gar schwächen könnte. 

Ausgehend von derartigen Diskussionen zu sprachpolitischen und sprachsystematischen Belangen im Hinblick auf gendergerechtes Sprechen und Schreiben versammelt OBST 90 Beiträge, die die Möglichkeiten geschlechtergerechten Sprachgebrauchs in verschiedenen Sprachen – sozusagen sprachvergleichend und aus verschiedenen linguistischen Perspektiven – ausloten und mit sprachpolitischen Regelungen sowie der Sprachpraxis der Sprachteilhaber*innen ins Verhältnis setzen. Der Band schließt damit an bisherige Studien zur geschlechtergerechten Sprache an, um Rückschau zu halten, neue Perspektiven aufzuzeigen und Forschungslücken zu schließen. Der Band ist international ausgerichtet und bietet empirisch fundierte Untersuchungen zur Sprachpraxis. Er stellt einen wichtigen Beitrag dar für die Fachwissenschaft der Linguistik, aber auch über linguistische Fachgrenzen hinaus. 

 

Inhalt

Martin Reisigl & Constanze Spieß
Sprache und Geschlecht als Gegenstand der Linguistik

Karin Wetschanow
Von nicht-sexistischem Sprachgebrauch zu fairen W_ortungen
Ein Streifzug durch die Welt der Leitfäden
zu sprachlicher Gleichbehandlung

Daniel Elmiger, Eva Schaeffer-Lacroix, Verena Tunger
Geschlechtergerechte Sprache in Schweizer Behördentexten:
Möglichkeiten und Grenzen einer mehrsprachigen Umsetzung

Helga Kotthoff
Von Syrx, Sternchen, großem I und bedeutungsschweren Strichen.
Über geschlechtergerechte Personenbezeichnungen in Texten
und die Kreation eines schrägen Registers

Sayaka Sato, Anton Öttl, Ute Gabriel, Pascal Mark Gygax
Assessing the impact of gender grammaticization on thought:
A psychological and psycholinguistic perspective

Lars Bülow & Katharina Jakob
Genderassoziationen von Muttersprachlern und DaF-Lernern –
grammatik- und/oder kontextbedingt?

Magnus P. Ängsal
Die geschlechtsneutralen Indefinitpronomen en und mensch im
Schwedischen und Deutschen. Eine korpusgestützte Vergleichsstudie
zu Sprachkritik und Gebrauch

Nihan Demiryay & Derya Gür-Şeker
Personen- und Berufsbezeichnungen im Türkischen aus
genderlinguistischer Sicht. Eine Untersuchung am Beispiel
ausgewählter Medienartikel und Stellenanzeigen

Said Sahel
Die sprachliche Realisierung von geschlechtsspezifischer und
geschlechtsübergreifender Referenz im Hocharabischen

Michael Drommler
Rezension: Eckhardt, Carolin (2016): Diskursschranken im
interkulturellen Gespräch. Die Arbeit an kulturellen Grenzen in
deutsch-ägyptischen Gruppendiskussionen zum „Karikaturenstreit“

Katharina König
Rezension: Simon Meier (2013): Gesprächsideale. Normative
Gesprächsreflexion im 20. Jahrhundert

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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