CFP: Brecht unter Fremden / Brecht among Strangers — 16. Symposium of the International Brecht Society (IBS), Leipzig (31.08.2018)

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Organized by / Veranstaltet von International Brecht Society (IBS) & Centre of Competence for Theatre (CCT) at / an der Universität Leipzig in cooperation with / in Zusammenarbeit mit Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig & Schauspiel Leipzig

[English version below]

Zeit seines Lebens war Bertolt Brecht konfrontiert mit dem Fremden. Er war ihm ausgesetzt an allen Schauplätzen seines Lebens, auf denen er sich als einer unter Fremden bewegte. Und er hat die Erfahrung des Fremden zum Angelpunkt seines gesamten künstlerischen Schaffens gemacht. Seine Stücke, Prosa und Gedichte ebenso wie die Texte zur Theaterarbeit und zu anderen Künsten sowie zu Politik und Gesellschaft insistieren darauf, dass Fremdheitserfahrung die Voraussetzung einer künftigen Gemeinschaft unter Fremden ist.

Brechts intensive Auseinandersetzung mit dem Fremden ist hochaktuell in einer Zeit, in der Fremdenangst und Fremdenhass tagtäglich unsere Unfähigkeit unter Beweis stellen, in einer Zeit der Globalisierung und der Migrationsgesellschaften unter Fremden zusammenzuleben. Zusammen mit Brecht einen Beitrag zur Konvivenz mit (dem) Fremden zu leisten, ist das generelle Ziel des Symposiums BRECHT UNTER FREMDEN.

Unter dem Fremden ist dabei nicht das Exotische und weit Entfernte zu verstehen. Gemeint sind nicht allein die Fremden (foreigners) von außerhalb und deren Sitten und Gebräuche, die uns fremd (strange) anmuten mögen. Eine von Brecht ausgehende Perspektive richtet sich vielmehr auf ein radikales, nicht integrierbares Fremdes, das zuallererst im Eigenen (der Kultur, der Lebensgeschichte, des Ich) zu finden ist. Erst die Erfahrung des Fremden im Eigenen durch das Fremdwerden der eigenen Erfahrung ermöglicht nach Brecht, dass Menschen, gleich ob Einheimische oder Migranten, als Fremde unter Fremden zusammenleben können.

Das Thema des Symposiums soll in seiner historischen, theoretischen, regionalen und praxeologischen Dimension anhand von vier zentralen Thesen untersucht und konkretisiert werden:

Brecht muss uns (wieder) fremd werden. Die Kanonisierung Brechts und des Epischen Theaters nach seinem Tod in Ost und West haben Brecht um den »Stachel des Fremden« (B. Waldenfels) gebracht, welcher ihn zu einem Zeitgenossen machte, der der Gegenwart etwas zu sagen hat. Erforderlich ist deshalb ein historisierender Blick auf Brecht, der ihn, in der Zeit seines Lebens wie seines Nachlebens, als einen wahrnimmt, der stets ein Fremdkörper in seiner Umgebung geblieben ist. Die Perspektive auf einen »Brecht unter Fremden« kann produktiv werden, wenn sie seiner Vereinnahmung in der Gegenwart entgegenwirkt und den Blick freigibt auf einen »fremden Brecht«. Die Wiedergewinnung eines fremden Blicks auf Brecht ist eine erste wichtige Aufgabe des Symposiums.

Mit Brecht arbeiten wir an der Theorie eines zeitgenössischen »Theater unter Fremden«. Die Dynamik der Globalisierung verlangt ein neues Nachdenken über die Idee von Theater, die der veränderten Gemengelage von Eigenem und Fremdem, Nahem und Fernem, Gleichzeitigem und Ungleichzeitigem, von Migration und Residenz gerecht wird. Sie verlangt nach der Theorie eines »transkulturellen Theaters« (G. Heeg). Anders als das Konzept des Interkulturalismus unterscheidet ein »transkulturelles Theater« nicht mehr zwischen dem kulturell Eigenen und dem Fremden, sondern fokussiert die Verschränkung des kulturell Eigenen und Fremden innerhalb der jeweils vermeintlich eigenen Kultur weltweit. Brechts Theaterarbeit hält die Ideen für ein zeitgenössisches »transkulturelles Theater« bereit. Es ist »Theater unter Fremden«. Auf Brechts Spuren weiterzuarbeiten an der Theorie eines transkulturellen Theaters ist eine zweite wichtige Aufgabe des Symposiums.

Brecht wird in einer globalisierten Welt dringend gebraucht. Ein Theater und eine Literatur unter Fremden nach Brecht sind an der Zeit. Von seiner Dringlichkeit zeugen die Massenflucht von Menschen vor Krieg, Hunger und Armut über Land und Meer, brennende Unterkünfte von Geflüchteten, Fremdenangst und Fremdenhass. Die Bruchzonen der Globalisierung, von denen keine Weltgegend ausgenommen ist, treiben Regionen und Länder in die Marginalisierung und lassen fundamentalistische Bewegungen entstehen. Ihre spezifischen lokalen und regionalen Verlaufsformen erfordern unterschiedliche künstlerische Verfahren, um ihnen zu begegnen. Sie erfordern einen jeweils anderen Brecht, der aus einem fremden kulturellen Setting heraus auf seine transkulturelle Relevanz befragt wird. Eine dritte wichtige Aufgabe des Symposiums wird sein, die lokalen und regionalen sozialen Brennpunkte in der Welt aufzusuchen und zu analysieren, wie ein Theater und eine Literatur unter Fremden nach Brecht hier eingreifende Wirkung entfalten können.

Theater nach Brecht ist kulturelle Praxis von allen für alle. So sehr Brecht an der Zusammenarbeit mit professionellen Schauspieler*innen interessiert war, so sehr hat er sich auch eingesetzt für ein erweitertes Verständnis von Theater als elementarer kultureller, gesellschaftlicher und anthropologischer Praxis, die nicht auf den Bereich des Kunsttheaters beschränkt ist. Ein Theater unter Fremden nach Brecht umfasst auch Theater mit nichtprofessionellen Akteuren. Theater als kulturelle Praxis für alle und von allen ist ein besonders geeignetes Medium, den Umgang mit dem/den Fremden zu erlernen. Für die Theaterarbeit mit nichtprofessionellen Akteuren hat Brecht das Modell des Lehrstücks entworfen, das seither vielerlei Ausprägungen und Fortentwicklungen erfahren hat. Die Weiterarbeit am Modell der Lehrstücke im Horizont eines Theaters unter Fremden ist die vierte wesentliche Aufgabe des Symposiums.

Das Symposium wird in vier Sektionen arbeiten, deren inhaltliche Beschreibung im ausführlichen Call for Papers auf der Konferenzwebseite www.brechtunterfremden.org ausgeführt ist.

  1. Brecht in der Fremde / Der fremde Brecht. Neue Perspektiven auf Brechts Zeit in der Migration und die Theaterarbeit »nach Brecht« in DDR und BRD
  2. Theater unter Fremden. Brechts Idee eines transkulturellen Theaters und deren Fortleben im Theater von Migrationsgesellschaften
  3. Foreign affairs in a global world. Künstlerische Verfahren nach Brecht in regionalen und sozialen Brennpunkten weltweit
  4. Fremde spielen. Theaterarbeit nach Brecht mit nichtprofessionellen Akteuren

Das Symposium setzt sich neben den vier Sektionen mit akademischen Vorträgen und Lectures auch in mehreren hochkarätig besetzten Keynotes sowie in einer Vielzahl von Workshops und Roundtables mit der Aktualität und Relevanz einer Theaterarbeit mit und nach Brecht auseinander. Integraler Bestandteil des Symposiums sind darüber hinaus eine große Anzahl von Theateraufführungen, szenischen Präsentationen und Lecture Performances von Künstler*innen aus Leipzig und der ganzen Welt. Über das genaue Programm informieren wir laufend auf der Konferenzwebseite www.brechtunterfremden.org.

Einreichungen
Abstracts für Vorträge, Panels, Kurzworkshops, Lecture Performances und verwandte Formate im Umfang von bis zu 20 min. (zzgl. 10 min Diskussion) können im Umfang von bis zu 1.500 Zeichen pro Beitrag bis zum 31. Juli 2018 unter der Adresse abstracts@brechtunterfremden.org eingereicht werden. Auch Vorschläge für gemeinsame oder aufeinander bezogene Beiträge im Rahmen eines ganzen Panels (bis zu drei Beitragende) nehmen wir sehr gern entgegen. Wir begrüßen ausdrücklich Einreichungen, die sich explizit auf eine der im ausführlichen Call for Papers beschriebenen Sektionen beziehen. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Eine Rückmeldung über die Annahme oder Ablehnung des Abstracts erfolgt bis spätestens 31. Oktober 2018.

Tagungsgebühr und weitere Kosten
Es wird eine Tagungsgebühr in Höhe von 140,00 EUR je Teilnehmer*in erhoben, Studierende zahlen einen ermäßigten Satz von 65,00 EUR. Bei verbindlicher Registrierung bis 31. Januar 2019 wird ein Rabatt auf die reguläre Tagungsgebühr in Höhe von 40,00 EUR gewährt.
Kosten für die Anreise, Übernachtung und Verpflegung vor Ort können nicht übernommen werden.

Publikation
Im Anschluss an das Symposium wird angestrebt, ausgewählte Beiträge im Rahmen des Brecht Yearbook und/oder des IBS-Journals e-cibs (=electronic communications of the international brecht society) zu publizieren. Die Mitgliedschaft in der IBS ist keine Voraussetzung für die Teilnahme am Symposium BRECHT UNTER FREMDEN/BRECHT AMONG STRANGERS. Allerdings erhalten nur Mitglieder der IBS ein Freiexemplar des Brecht Yearbook mit den Leipziger Konferenzbeiträgen. Über die Arbeit der International Brecht Society und ihre Publikationen, über Fragen der Mitgliedschaft sowie frühere Symposien informiert die Webseite www.brechtsociety.org.

 

[English version]

Bertolt Brecht was confronted with the alien throughout his life. He was exposed to it everywhere he lived, and in all venues he inhabited, he was as a stranger among strangers. Furthermore, he made the experience of the alien into the linchpin of his entire artistic project. His plays, prose, and poetry, as well as the texts he wrote about theater and the other arts, about politics and society, tell us that the experience of being alien is the precondition for the possibility of a future community among strangers.

Brecht’s intensive confrontation with the alien is more relevant now than ever in an era when, on a daily basis, fear and hatred of foreigners continue to demonstrate a fundamental inability to live among strangers even (or especially) in a period of increasing globalization and of societies affected by migration. The overarching goal of the symposium BRECHT AMONG STRANGERS/BRECHT UNTER FREMDEN is to make a contribution to cosmopolitan conviviality: living together as a stranger among strangers.

The alien is not simply that which is exotic and distanced. It does not mean merely »aliens« (or foreigners) from other countries, together with customs and moral attitudes that may appear alien (or strange) to those who perceive themselves, however correctly, to be »at home.« A perspective that takes its cues from Brecht starts by exploring that which is radically alien in one’s own world (culture, life history, personality): a strangeness that resists facile integration. It is only the experience of a fundamental strangeness within oneself that makes it possible, after Brecht, for people—whether »natives« or migrants—to live together as strangers among other strangers.

The topic of the symposium, in its historical, theoretical, regional, and praxis-oriented dimensions, will be explored and concretized by four central hypotheses:

Brecht must become alien to us (again). The canonization of Brecht and his epic theater in the East and West after his death have deprived him of the »sting of strangeness« (B. Waldenfels)—the very discomfiture that made Brecht into a contemporary who has something to say to the present. The domestication of Brecht has made a historicizing and alienating look at him urgently necessary: one that views Brecht, both in his own time and in his afterlife, as someone who always remained an alien body in alien surroundings. The perspective of a »Brecht among strangers« can be made productive to the extent that it is able to counteract Brecht’s cooptation and domestication and succeeds in offering a glimpse of an »alien Brecht.« The recovery of this alien Brecht is the first key task of the symposium.

Via Brecht, we will work toward a theory of a contemporary »theater among strangers.« The dynamics of globalization are forcing us to reflect in new ways upon the very idea of theater itself. These dynamics insist that we take into account the changed and changing relationship between that which we may view as our own and that which can be viewed as foreign; between what appears near to us and what appears far from us; between the simultaneous and the non-simultaneous; and between migration and residency/»at-homeness«. The dynamics of globalization call for a theory of the »transcultural theater« (G. Heeg). In contradistinction to the concept of the intercultural, a transcultural theater no longer makes a distinction between that which is culturally, and self-evidently, one’s own and that which is self-evidently foreign. Rather, the concept of the transcultural focuses on the interrelationship between the »native« and the »foreign« within—and as an integral part of—what one might believe to be one’s »own« domestic or »native« culture. Brecht’s theater work therefore offers considerable possibilities for a contemporary transcultural theater. It is a »theater among strangers.« The second key task of the symposium, following the clues left by Brecht, will be to work on a theory of the transcultural theater.

In a globalized world, Brecht is urgently needed. It is time for a theater and a literature among strangers. The urgency of this need can be measured by the masses of refugees fleeing from war, starvation, and poverty by land and by sea, as well as by arson attacks in Germany and elsewhere against residences for refugees, and by the fear and hatred of »natives« for »foreigners« that such attacks instantiate and demonstrate. The critical junctures of globalization—from which no region of the world is exempt—are marginalizing entire countries and regions and leading directly to a backlash: the creation of fundamentalist movements throughout the world. The specific local and regional instantiations of these fracture zones demand differentiated and targeted artistic procedures that are capable of confronting them. They call for a different Brecht, a Brecht who can be interrogated with a view to his transcultural relevance within the context of changed and changing cultural conditions worldwide. The third key task of the symposium will therefore be to seek out the world’s regional combustion points and to explore the ways in which a theater and a literature among strangers, following Brecht, can develop decisive agency in such a context.

Theater in the wake of Brecht is a cultural practice for everyone, by everyone. Although Brecht was keenly interested in work with professional actors, he also strove for a broader understanding of theater as a fundamental cultural, social, and anthropological practice that is by no means limited to the arena of professional theater. A theater among strangers, following Brecht, therefore encompasses theater with nonprofessional actors. Theater as a cultural praxis for and by everyone is an excellent medium for exploring relationships with what may appear alien, and with those who may seem to be foreign. Brecht formulated the model of the Lehrstück (learning play) for his theater work with nonprofessional actors, and this model has subsequently experienced numerous further developments and instantiations. The fourth key task of the symposium will be to continue work on the model of the Lehrstück within the framework of a theater among strangers.

The symposium will be organized in four sections that are further described in the extensive Call for Papers, which can be found at the conference website www.brechtunterfremden.org.

  1. Brecht in Foreign Lands/Brecht the Foreigner: New Perspectives on Brecht's Time as a Migrant and Theater Work »after Brecht« in the GDR and the FRG
  2. Theater among Strangers: Brecht’s Concept of a Transcultural Theater and Its Continuation in the Theater of Migration Societies
  3. Foreign Affairs in a Global World: Artistic Practices after Brecht in Regional and Social Combustion Points Worldwide
  4. Strangers Acting/Acting Strange: Theater Work with Nonprofessional Actors »after Brecht«

In addition to the four thematic sections, the symposium will address the contemporary significance and relevance of theater work with and after Brecht via a variety of keynote addresses by leading figures, as well as in multiple workshops and roundtables featuring theater practitioners and other experts. In addition, a large number of theatrical performances, scenic presentations, and lecture performances by artists from Leipzig and around the world will form an integral part of the symposium. We will make continual updates about the symposium program at our website www.brechtunterfremden.org.

Submissions
Abstracts—of no more than 1,500 characters—for presentations, panels, short workshops, lecture performances, and related formats—with a time limit of twenty minutes, plus ten minutes for discussion—may be sent, by July 31, 2018, to: abstracts@brechtunterfremden.org. The symposium organizers will be happy to consider proposals for entire panels (with up to three presenters), or for mutual or interconnected presentations. We particularly welcome submissions oriented to one of the four main thematic complexes, described in the extensive Call for Papers at the conference website. The languages of the symposium will be German and English. All who have submitted abstracts will receive information about acceptance or rejection by October 31, 2018 at the latest.

Symposium fee and additional costs
There will be a symposium fee of 140 euros per participant. Students will pay a reduced fee of 65 euros. Non-student participants who register and pay their fees by January 31, 2019 will receive a discount of 40 euros off the regular rate and thus pay 100 euros.
Travel and room and board costs must be covered by participants themselves. The symposium organizers will try to negotiate reduced-rate hotel prices as well as an affordable ticket system for reduced-price lunches and dinners for participants. In the event of an invitation to participate in the symposium, the organizers would be happy to support participants who wish to apply to their home universities or other funding agencies for support in covering travel and other participation costs.

Publication
Following the conclusion of the symposium, the organizers plan to publish selected contributions in the Brecht Yearbook or in the IBS journal e-cibs (=electronic communications of the international brecht society). Joining the IBS is not a requirement for participation in the symposium BRECHT UNTER FREMDEN/BRECHT AMONG STRANGERS. However, only members of the IBS will receive a free copy of the Brecht Yearbook, which will include the proceedings of the Leipzig symposium. Further details about the work of the International Brecht Society and its publications, about membership benefits as well as about previous IBS symposia, can be found at the website www.brechtsociety.org.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu