CFP: IVG-Kongress: Mediävalismus und Renaissancismus im langen 19. Jahrhundert in transkultureller Perspektive, Palermo (30.06.2018)

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Die Untersuchung von Vergangenheitsbezügen in der neueren deutschen Literatur hat sich seit einigen Jahren als eigenständiges Forschungsfeld innerhalb der Germanistik etabliert. Insbesondere in der Mediä­vistik wurde unter dem Stichwort der »Mittelalter-Rezeption« eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Populärkultur entwickelt. Bereits seit den 1970er Jahren legte eine Arbeitsgruppe um den Salzburger Me­diävisten Ulrich Müller mehrere Tagungsbände vor (insbes. Göppingen 1979–1996) und versammelte darin unscheinbare wie auch spektakuläre Fälle mediävaler Geschichtsaneignung. Standen zunächst bei­nahe ausschließlich Einzelstudien im Fokus, so wird heute ein methodisch-systematischer Zugriff auf die Materie bevorzugt. Neue Impulse setzten zuletzt insbesondere Mathias Herweg und Stefan Keppler-Tasaki, die mehrere Tagungen zum Thema organisiert haben und mit Rezeptionskulturen in Literatur und Mediengeschichte (2015ff.) sogar eine eigene Buchreihe herausgeben. Gleichzeitig ist auch im angelsächsi­schen Raum mit dem Periodikum Postmedieval (2010ff.) in Konkurrenz zur etablierten Reihe Studies in Medievalism (1979ff.) eine moderne Forschungsplattform entstanden.

Die geplante Sektion möchte folglich Mediävalismus und Renaissancismus als transkulturelle europäische Rezeptions- und Imaginationsphänomene in ihrer produktiven Korrelation sowie ihrer geschichtlichen Kontinuität in den Blick nehmen. Besonders geeignet für diese Perspektive ist das ›lange 19. Jahrhundert‹ (Hobsbawm) – also die Epoche von der mittleren Goethezeit bis zum Ende der Klassischen Moderne, in der sich die allmähliche Ausdifferenzierung und Festigung der Nationalstaaten in stetem Rückgriff auf Mittelalter und Renaissance vollzog, was sich besonders an literarischen Phänomenen zeigen lässt. Ein solcher historisch wie komparatistisch erweiterter Zugriff zielt sowohl auf eine kritische Relektüre von Mediävalismus und Renaissancismus in ihrem wechselseitigen Verhältnis zueinander als auch auf den Ver­gleich zwischen verschiedenen Nationen, Kulturen und literaturgeschichtlichen Epochen.

Die gemeinsame Betrachtung als ›Doppelphänomen‹ bietet sich im Hinblick auf analoge Rezeptionsästhetiken und textuelle Implikationen ebenso an wie aufgrund von stofflichen Koinzidenzen der Mittelalter- und Renaissancerezeption im Werk einzelner Autorinnen und Autoren. Im Mittelpunkt soll der produktive Mehrwert eines ästhetisch ambitionierten und formalsprachlich vielgestaltigen Epochendialogs stehen. So ist die Geschichtsaneignung nicht zwingend auf ein spezifisches Sujet oder Motiv begrenzt, sondern konditioniert vielmehr den Text in seiner Gesamtheit, d. h. auf allen Konstituti­onsebenen sowohl inhaltlich als auch formal. Dies kann etwa mittels sprachlich-stilistischer Imitation älte­rer Sprachstufen oder generischer Formzitate gelingen, die vormoderne Gattungsmuster wie beispiels­weise die minnelyrische Dialogizität, Mysterienspiele oder das Erzählmodell des Decamerone aktualisieren. Weniger die Referenz auf einen einzelnen historischen Text, ein Medium oder Objekt steht demnach im Mittelpunkt des Interesses als vielmehr die Evokation einer im weitesten Sinne ›mittelalterlich‹ oder ›re­naissancehaft‹ anmutenden Atmosphäre. Der vage und unbestimmte Charakter der Bezugnahme ist für die Epochenimagination konstitutiv, da er referenzielle Vielfalt ermöglicht und einen semantisch polyva­lenten Resonanzraum mit dynamischen Bedeutungszuschreibungen erzeugen kann. Gleichwohl ist die erfolgreiche Suggestion literarisch vermittelter Vergangenheit immer auch abhängig vom historischen Wissen des adressierten Publikums – sei es ein populärkulturelles Kollektiv oder die zeitgenössische Bil­dungselite – über die evozierte Zeit.

Willkommen sind daher einerseits Beiträge, die an einzelnen Texten anhand formal-ästhetischer Kriterien Darstellungs- und Inszenierungsverfahren des Mediävalismus oder Renaissancismus aufzeigen. Anderer­seits wird nach diachronen, diskursbestimmenden Bewegungen gefragt. Der genius loci des Tagungsorts Palermo legt nahe, auch Formen textüberschreitender Epochenimagination in den Blick zu nehmen, etwa die performativen Dimensionen der Verehrung des hier begrabenen Stauferkaisers Friedrich II. oder die historistischen Inszenierungspraktiken eines Hans Makart im Rahmen des Wiener Festzuges für das öster­reichische Kaiserpaar. Neben text- und rezeptionsanalytischen Untersuchungen sind intertextuelle bzw. intermediale sowie komparatistische Ansätze ebenso erwünscht wie literaturgeschichtliche und -sozio­logische.

 

Als Leitfragen können dienen:

  • Aus welchen literarischen und historischen Traditionen speist sich die mediävale bzw. renaissancistische Epochenimagination und -rezeption (nationalliterarische vs. europäische Einflüsse, Kontinuität vs. Variabilität)?
  • Welche Vermittlungswege und (personelle oder institutionelle) Vermittlungsinstanzen sind im Kon­text der Mittelalter- und Renaissancerezeption relevant? Wo und wann bestehen Berührungspunkte bzw. unabhängige Entwicklungslinien?
  • Welche Rolle spielen (historiografische, philosophische oder religiöse) Geschichtsvorstellungen der jeweiligen Zeit oder der Rezipienten? Und inwieweit konditionieren diese das jeweils vermittelte Ge­schichtsbild?
  • Wie lassen sich die Wechselwirkungen zwischen literarischer, bildkünstlerischer, performativer, und architektonischer Epochenrezeption  im Sinne eines gesamtkulturellen Mediävalismus bzw. Renaissancismus analytisch fassen?
  • Welche Adaptions- und Transformationsprozesse finden qualitativ und quantitativ statt und wie sind deren Resultate ästhetisch zu bewerten?
  • Wie realisiert sich die Epochenrezeption in unterschiedlichen Medien und Genres, in Trivial- und Höhenkammliteratur? Welche (Leit)vorstellungen von der Epoche kommen dabei zum Tragen und inwieweit resultieren daraus ggf. Deutungskonkurrenzen (›kanonisiertes‹ vs. ›vergessenes‹ Mittelalter)?
  • Welche Autorinnen und Autoren partizipieren im Besonderen an der Rezeptionsbewegung und wel­che Wechselwirkungen bestehen zwischen individuellem Autorenstil und Mediävalismus/ Renaissancismus? Mögliche Autorinnen und Autoren sind: Heinrich Heine, Novalis, Wilhelm Hein­rich Wackenroder, Ludwig Tieck, Achim von Arnim, Walter Scott, Willibald Alexis, Nikolaus Lenau, Joseph Victor von Scheffel, Walter Pater, Friedrich Hebbel, Jakob Burckhardt, Johan Huizinga, Fer­dinand Gregorovius, Herman Grimm, Johannes Scherr, Friedrich Nietzsche, Arthur de Gobineau, Gustav Freytag, Conrad Ferdinand Meyer, Theodor Fontane, Wilhelm Walloth, Isolde Kurz, Ricarda Huch, Gertrud von le Fort, Franz Karl Ginzkey, Arthur Schnitzler, Felix Salten, Hugo von Hof­mannsthal, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Paul Heyse, Ludwig Fulda, Adolf Stern, Richard Voß, Ludwig Huna, Thomas Mann, Heinrich Mann, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, Paul Ernst, Emil Ludwig, Werner Bergengruen, Lion Feuchtwanger, Eduard Stucken, Leo Weismantel u.a.

 

Diesen und anderen Fragen möchten wir im Rahmen des XIV. Kongresses der Internationalen Vereini­gung für Germanistik in Palermo vom 26.7. bis 2.8.2020 nachgehen. Wir bitten Interessentinnen und Inte­ressenten, Vorschläge für Beiträge von 20 Minuten einschließlich Titel, Abstract (max. 3000 Zeichen) sowie bio-bibliographischen Angaben zur Person bis zum 30. Juni an folgende Mailadressen zu schicken: busch@germanistik.uni-siegen.de, ilgner@ndl-medien.uni-kiel.de, alessandra.molinari@uniurb.it, Jutta.Schloon@uib.no, robert.schoeller@germ.unibe.ch

 

SCHLAGWORTE

Mediävalismus, Renaissancismus, Mittelalter-/Renaissancerezeption, Geschichts-/Epochenrezeption, Epochenimagination, Imagologie, Geschichtsdichtung, Fiktionales und faktuales Erzählen

 

LITERATUR

ALTHAUS, Thomas/FAUSER, Markus (Hgg.): Der Renaissancismus-Diskurs um 1900. Geschichte und ästhetische Praktiken einer Bezugnahme. Bielefeld 2017 (Philologie und Kulturgeschichte); BACHORSKI, Hans-Jürgen/ KASTEN, Ingrid (Hgg.): Mittelalterrezeption. Bielefeld 1998 (Mitteilungen des deutschen Germanistenver­bandes 45, H. 1–2); BENNEWITZ, Ingrid/SCHINDLER, Andrea (Hgg.): Mittelalter im Kinder- und Jugendbuch. Akten der Tagung Bamberg 2010. Bamberg 2012 (Bamberger interdisziplinäre Mittelalterstudien 5); BUCK, August (Hg.): Renaissance und Renaissancismus von Jacob Burckhardt bis Thomas Mann. Tübingen 1990 (Reihe der Villa Vigoni 4); Ders./Vasoli, Cesare (Hgg.): Il Rinascimento nellʼOttocento in Italia e Germania/Die Renaissance im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland. Bologna/Berlin 1989 (Annali dell’ Istituto storico italo-germanico in Trento: Contributi, 3). Engelmann, Günther: Das historische Drama im ausgehen­den 19. Jahrhundert unter dem Zeichen des Renaissancismus und der nationalen Einigung. München 1957. FUGELSO, Karl (Hg.): Defining neomedievalism(s). Cambridge 2010, (Studies in Medievalism 19); FUHRMANN, Horst: Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. München 1996; Groebner, Valentin: Das Mit­telalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen. München 2008; Hausmann, Frank-Rutger: Renaissance und Renaissancismus im 19. Jahrhundert. In: Freiburger Universitätsblätter 38 (1999), S. 9–16. HERWEG, Ma­thias/KEPPLER-TASAKI, Stefan (Hgg.): Rezeptionskulturen. Fünfhundert Jahre literarischer Mittelalterrezeption zwischen Kanon und Populärkultur. Berlin/New York 2012 (Trends in Medieval Philology 27); DIES. (Hgg.): Das Mittelalter des Historismus. Formen und Funktion in Literatur und Kunst, Film und Technik. Würzburg 2015 (Rezeptionskulturen in Literatur- und Mediengeschichte 3); Klubertanz, Alex: Ruinen voll Gefühl und Härte. Historisches Erzählen im 19. Jahrhundert zwischen glücklosen Liebhabern und machtvollen Erzählern. Aachen 1992 (Reihe Literaturwissenschaft). KOOPMANN, Helmut/BARON, Frank (Hgg.): Die Wiederkehr der Renaissance im 19. und 20. Jahrhundert. The Revival of the Renaissance in Nineteenth and Twentieth Centu­ries. Münster 2013; Linke, Hansjürgen: Mittelalter-Renaissance auf der Bühne. Wiederaufleben des mittelalterlichen Dramas und Theaters in der Neuzeit. Wiesbaden 2013 (Imagines medii aevi 32). Müller, Ulrich u.a. (Hgg.): Gesammelte Vorträge des 1.–5. Salzburger Symposions zur Mittelalter-Rezeption. Göppin­gen 1979–1996; Ders.: Gesammelte Schriften Bd. 3 u. Bd. 4: Mittelalterrezeption I u. II. Hg. von Franz Viktor Spechtler. Göppingen 2010; OEXLE, Otto Gerhard: Die Moderne und ihr Mittelalter. Eine folgenreiche Problemgeschichte. In: Mittelalter und Moderne. Entdeckung und Rekonstruktion der mittelalterlichen Welt. Hg. von Peter SEGL. Sigmaringen 1997 (Veröffentlichungen des Mediävistenverbandes 2), S. 307–364; DERS.: Krise des Historismus – Krise der Wirk­lichkeit. Wissenschaft, Kunst und Literatur 1880–1932. Göttingen 2007 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 228); Oʼ PECKO, M. T.: Renaissancism und Fin de siècle. Die italienische Renaissance in der deutschen Dramatik der letzten Jahrhundertwende. Berlin/New York 1985. (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der Germanischen Völker 84); Potthast, Barbara: Die Ganzheit der Ge­schichte. Historische Romane im 19. Jahrhundert. Göttingen 2007. Reisenleitner, Markus: Die Produktion histo­rischen Sinnes. Mittelalterrezeption im deutschsprachigen historischen Trivialroman vor 1848. Frankfurt a. M. u. a. 1992 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur 1338). Ruehl, Martin A.: The Italian Renaissance in the German Historical Imagination, 1860–1930. Cambridge 2015 (Ideas in Context). SCHLÜTER, Bastian: Explodierende Altertümlichkeit. Imaginationen vom Mittelalter zwischen den Weltkriegen. Göt­tingen 2011; UEKERMANN, Gerd: Renaissancismus und Fin de siècle. Die italienische Renaissance in der deutschen Dramatik der letzten Jahrhundertwende. Berlin 1985 (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturge­schichte der germanischen Völker 208. N. F. 84); VIETTA, Silvio (Hg.): Romantik und Renaissance. Die Re­zeption der italienischen Renaissance in der deutschen Romantik. Stuttgart/Weimar 1994; WAPNEWSKI, Peter (Hg.): Mittelalter-Rezeption. Ein Symposion. Stuttgart 1986 (Germanistische Symposien-Berichtsbände 6); Utz, Ri­chard: Medievalism. A Manifesto, Kalamazoo/Bradford 2017; Ders./SHIPPEY, Tom (Hg.): Medievalism in the Modern World. Essays in Honour of Leslie J. Workman. Turnhout 1998 (Making the Middle Ages 1); UTZ, Richard/SWAN, Jesse G. (Hgg.): Postmodern Medievalism. Cambridge 2005 (Studies in Medievalism 13).


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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