CFP: Interdisziplinärer Workshop: Gleichgewicht und Ökonomie, Tübingen (01.06.2018)

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Im Kontext des Promotionsverbunds „Theorie der Balance“, erforscht der Workshop den Zusammenhang von Ökonomie und Gleichgewicht aus interdisziplinärer Perspektive. Ökonomisches Denken ist seit Adam Smith und Karl Marx geprägt von einem Diskurs des Gleichgewichts, der Stabilität und des Ausgleichs. Bei Smith wird die Stabilität garantiert durch die Selbstregulierung des Marktes – die unsichtbare Hand, die hinter dem Rücken der Einzelinteressen das Wohl des Gemeinwesens fördert. Smith versöhnt so das unreglementierte Marktgeschehen mit dem Ideal einer stabilen Marktwirtschaft. Marx kritisiert diese harmonische Sicht des Liberalismus als Ideologie. Der Kapitalismus produziert auf der Basis des formellen Äquivalententauschs systematisch reales Ungleichgewicht zwischen den Klassen. Mehrwertproduktion und Ausbeutung des Proletariats bedingen sich gegenseitig und das Ideal der stabilen Marktwirtschaft bleibt eine Illusion. Kapitalismus ist für ihn wesentlich vom Exzess geprägt, der das ökonomische Gleichgewicht verhindert. Wirtschaftskrisen sind darum vorprogrammiert.

In der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert traten diese Weltwirtschaftskrisen offen zu tage, die zu neuen Stabilisierungsversuchen nach dem zweiten Weltkrieg führten (soziale Marktwirtschaft, Bretton-Woods-System). Weil aber auch diese Stabilisierungsversuche nicht vor Krisen schützen konnten (Ölkrise), wurde das ideologische Theorem der unsichtbaren Hand vom Neoliberalismus wiederbelebt und beherrscht seitdem den Diskurs über Ökonomie. Da er den Glauben an das natürliche Gleichgewicht des Marktes (Angebot und Nachfrage, Löhne und Preise) involviert, bedeutet seine Dominanz den Abbau nicht-markförmiger, demokratischer Strukturen, der in der Realität die Verstetigung und Zunahme sozialer Ungleichgewichte (global und lokal) bewirkt. Er fördert zudem eine individuelle Lebensgestaltung, die das Leben einseitig ökonomischen Prinzipien unterwirft, eine unternehmerische Subjektivität (Wendy Brown), die zum Investor ihrer selbst wird und darüber das am Leben verwirft, was sich nicht in ökonomischen Werten bemessen lässt. Derartige Tendenzen zeigen sich heute insbesondere auch in sogenannten Social Networks. Hier konkurrieren nicht nur die Betreiber von Plattformen, wie Facebook, Twitter und Instagram um die Aufmerksamkeit der NutzerInnen, auch letztere avancieren zu ihrer eigenen Marke, die sie in Fotos und Postings stetig inszenieren müssen, um die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Community zu erhalten. Der Selbstoptimierungsdruck führt dabei zu einem Verschwimmen der Grenzen von Arbeit- und Privatsphäre und somit zu einer Ökonomisierung vermeintlich distinkter Lebensbereiche.

Angesichts des durch Akkumulation erzeugten ökonomischen und sozialen Ungleichgewichts entstehen zahlreiche alternative Modelle und Bewegungen, die ein ‚ethisches Wirtschaften‘ als Mittelweg proklamieren und so versuchen ökonomische Ungleichheiten auszutarieren (‚Gemeinwohl-Ökonomie‘, Christian Felber). Doch auch in Bezug auf ökonomisch verankerte digitale Technologien findet ein Umdenken statt, das sich in de-mediatisierenden Tendenzen (Digital Detox) widerspiegelt, die ebenfalls den Menschen und seine Bedürfnisse ins Zentrum stellen (Achtsamkeit). Das Thema Gleichgewicht durchdringt so mehrere Dimensionen ökonomischen Handelns und reicht von der regulierenden Praxis von Notenbanken, über alternative Wirtschaftsmodelle und ökonomische geprägte Lebensweisen bis hin zur Etablierung unkontrollierter Geldsysteme (Kryptowährungen).

 

Wir laden zu 20-minütigen Vorträgen ein, die sich kritisch und aktualitätsbezogen mit dem Vexierspiel von Gleichgewicht und Ungleichgewicht, Stabilität und Krise in der Ökonomie aus wirtschaftswissenschaftlichen, politischen, philosophischen, historischen, künstlerischen oder medialen Blickwinkeln widmen.

Mögliche (aber nicht erschöpfende) Themengebiete sind:

  • Ungleichgewicht: integraler Bestandteil des Kapitalismus?
  • (Neo-)Kolonialismus/ Imperialismus/ Neoliberalismus: Ungleichgewicht der Aufteilung der Welt
  • Gleichgewicht politischer Partizipation
  • Gleichgewicht in der Währungsunion
  • Freihandel und Handelskriege: Ausdruck und Wege zum (Un-)Gleichgewicht
  • prekäres Gleichgewicht von Kryptowährung
  • Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Zentralbanken und Schattenbanken
  • Gleichgewicht des politischen Klimas
  • Ökonomie des Alltags – Leben, Liebe, Partnerschaft als wirtschaftliches Projekt
  • Ökonomie und Ausgeglichenheit - Work-life-balance
  • Ökonomie und Ecocriticism
  • Alternative Wirtschaftssysteme

Der anderthalbtägige Workshop (15. Und 16.11.2018) wird an der Universität Tübingen stattfinden. Fahrtkosten und eine Übernachtung können bis zu einem gewissen Rahmen übernommen werden. Es besteht außerdem der Plan, die Beiträge des Workshops zu sammeln und zu einem Sammelband auszuarbeiten. Bei Interesse freuen wir uns bis zum 01.06. auf kurze Abstracts (ca. 500 Wörter) an lukas.muesel@googlemail.com und matthiasroeck@gmx.de