TAGB: Die Macht des Herrschers – personale und transpersonale Aspekte, Bonn (23.11.-25.11.2017)

Prof. Dr. Elke Brüggen's picture

Veranstalter: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sonderforschungsbereich 1167 ‚Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive’

 

Datum, Ort: 23.11.-25.11.2017, Bonn

 

Bericht von: Mechthild Albert, Elke Brüggen und Konrad Klaus (auf der Basis der Vortragsprotokolle von Berit Andersson, Beryl Büma, Ann-Kathrin Deininger, Susanne Flecken-Büttner, Britta Hermans, Anna Kollatz, Diana Ordubadi, Sophie Quander, Lena Ringen, Viktoriya Shavlokhova, Daniel Schley, Tobias Weller und Theresa Wilke)

 

Vom 23. bis 25. November 2017 veranstaltete der Bonner SFB 1167 ‚Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive’ eine internationale Tagung zum Thema ‚Die Macht des Herrschers – personale und transpersonale Aspekte’. Die Organisatoren – Mechthild Albert, Elke Brüggen und Konrad Klaus – hatten als Aufgabe vorgegeben, die strikte Entgegensetzung von ‚Personalität’ und ‚Transpersonalität’ von Herrschaft und damit auch das einflussreiche Postulat einer vorwiegend personal geprägten vormodernen Herrschaft zu hinterfragen. Es ging darum, durch die Einbeziehung der Expertise für außereuropäische Räume und durch den transkulturellen Vergleich die Chance zu eröffnen, die Frage nach dem Stellenwert von Unterscheidungen wie ‚öffentlich/privat’ oder ‚repräsentativ/körperlich’ neu aufzuwerfen und mit Blick auf eine Gleichzeitigkeit und eine Überlagerung personeller und transpersoneller Elemente vormoderner Macht und Herrschaft zu diskutieren. Darüber hinaus sollte nach den Vorstellungen, Werten und Normen gefragt werden, welche die zeitgenössischen Leitbilder des ‚guten’ Herrschers fundieren und eine Grundlage für die konkrete Ausübung von Herrschaft darstellen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf der Interaktion des Herrschers mit den Eliten und den ‚Beherrschten’ liegen, wodurch Prozesse der Konsensbildung und der Legitimierung herrscherlicher Macht, aber auch Dynamiken ihrer Infragestellung und ihres Verlusts in den Vordergrund rückten.

Die internationale und interdisziplinäre Tagung, die durch Grußworte des Rektors der Bonner Universität, Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Hoch, und den Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Andreas Bartels, eröffnet wurde, brachte führende Fachvertreter_innen aus der Ägypotologie, der Anglistik, der Germanistik, der Geschichtswissenschaft, der Indologie, der Islamwissenschaft, der Japanologie, der Romanistik, der Slavistik und der Soziologie miteinander ins Gespräch und ermöglichte es so, neue Wege der methodisch-theoretischen Modellierung vormoderner Macht und Herrschaft auszuloten.

Zur Eröffnung der Tagung lenkte Elke Brüggen (Universität Bonn) den Blick auf die Miniatur, die in ausschnitthafter Präsentation den Flyer und das Plakat zur Tagung schmückte. Sie findet sich im ‚Ottonischen Evangeliar‘, das in der Aachener Domschatzkammer aufbewahrt wird und mit anderen Handschriften der Reichenauer Malerschule Aufnahme ins Weltdokumentenerbe der UNESCO gefunden hat. Elke Brüggen trug eine Bildbeschreibung vor, die in die Einschätzung mündete, dass die „Verherrlichung des Kaisers“ in diesem Codex alles übertreffe, „was damals in der Kunst in Ost und West üblich war“ – der Kaiser erscheine „fast wie der Himmelskönig selbst“. Erreicht werde „die Ähnlichkeit des Kaisers mit Christus [...] durch eine christologische, sozusagen metaphysische Assimilation“: Dargestellt seien „sozusagen unmittelbar die beiden Naturen des Kaisers [...], die menschliche und die göttliche“. Zu Gehör gebracht hatte Elke Brüggen damit Ausführungen eines Gelehrten, der zu Beginn einer Tagung mit dem Titel ‚Die Macht des Herrschers – personale und transpersonale Aspekte‘ genannt zu werden mehr als verdient – sie stammen von Ernst Kantorowicz, entnommen sind sie dem dritten Kapitel seines 1957 erschienenen Buches ‚The King’s Two Bodies‘, das mit ‚Christ-centered Kingship‘ überschrieben ist (Zitate: Die zwei Körper des Königs, 21994, S. 85f.). Ernst Kantorowicz habe hier die These verfolgt, dass der Meister des Evangeliars „die Übertragung der ‚zwei Naturen in einer Person‘ vom Gottmenschen auf den ottonischen Kaiser“ vollzogen und so „den Begriff der gemina persona verdeutlicht“ habe (S. 97), das Konzept einer sterblichen und einer unsterblichen Gestalt des Königs (Horst Fuhrmann, Überall ist Mittelalter, 32010, S. 261/Die Heimholung des Ernst Kantorowicz, ZEIT 13/1991), eines „body natural“ und eines „body politic“. Dass der Wissenschaftler, der seine Untersuchung im amerikanischen Exil verfasste, Deutschland nicht mehr als „total verloren“ gelten muss – so Marion Gräfin Dönhoffs Klage im Nekrolog der ZEIT vom 27. September 1963 –, sei nicht zuletzt der 1990 veröffentlichten Übersetzung zu verdanken; das Konzept der ‚Zwei Körper des Königs‘ werde heute disziplinübergreifend diskutiert. Für das Titelbild der deutschen Ausgabe, darauf wies Elke Brüggen abschließend hin, habe der dtv-Verlag eben jene Darstellung ausgewählt, die das Tagungsthema bildlich repräsentierte.

Fragen, wie sie Bertolt Brecht 1935 einem lesenden Arbeiter in den Mund legte, seien von der Wissenschaft auch zur Vormoderne längst aufgegriffen worden, stellte Matthias Becher (Universität Bonn) fest und leitete daraus als mögliche Kritik am SFB- und Tagungsthema ab, dass hier eine antiquierte Geschichtsauffassung zum Ausdruck komme, die gern durch die Quellenlage gerechtfertigt werde. Schon an Caesar, dem Exempel für eine Geschichtsschreibung aus der Perspektive des Siegers und strategisch Handelnden, und seinen Unteroffizieren lasse sich die gegenseitige Abhängigkeit von Herrscher und Helfern zeigen. Dabei habe man die Herrschaft teils mehr in Strukturen, teils mehr in Personenbeziehungen begründet gesehen. In der deutschen Mediävistik und darüber hinaus sei das Problem, inwiefern für die Verhältnisse des europäischen Mittelalters der Begriff ‚Staat‘ angemessen sei, kontrovers diskutiert worden, etwa, bezogen zunächst auf die Karolingerzeit, zwischen Hans-Werner Goetz und Johannes Fried. Von ‚Königsherrschaft ohne Staat‘ habe Gerd Althoff für die Ottonen gesprochen, Walter Demel habe ‚Reich‘ von ‚Staat‘ abgehoben, indem er das vormoderne politische Gebilde dadurch gekennzeichnet habe, dass es „weniger durch einen bürokratischen Apparat als vielmehr durch Tributbeziehungen zwischen den verschiedenen Reichsteilen beziehungsweise durch Loyalitätsbeziehungen zwischen Königtum und Reichselite(n) zusammengehalten wurde“ (Reichs- und Staatsbildungen, 2010, S. 171f.), und Peter von Moos habe der Trennung von ‚öffentlich‘ und ‚privat‘ sowie von ‚amtlich‘ und ‚persönlich‘ für das Mittelalter die Geltung abgesprochen (Das Öffentliche und Private im Mittelalter, 1998). Zeugnis eines regelrechten kleinen Historikerstreites sei der aus der Wiener Tagung ‚Staat und Staatlichkeit‘ im Jahr 2007 hervorgegangene Band zum ‚frühmittelalterlichen Staat‘. Rudolf Schieffer habe hier eine Quintessenz gezogen, indem er zwischen „Vorhandensein und Qualität staatstheoretischer Konzepte“ und „de[m] Aufbau[] und der Effizienz des Herrschaftsapparates“ differenzierte (Die internationale Forschung zur Staatlichkeit in der Karolingerzeit, 2009, S. 49). Ergänzend sei die Problematisierung des Begriffs der Institution zu bedenken, wie sie Karl-Siegbert Rehberg geleistet habe. So stelle sich die Frage, ob Georg Jellineks über hundert Jahre alte rechtswissenschaftliche Bestimmung des Staates mit Blick auf Gegenwart und Geschichte als tragfähig gelten könne. Für produktiver hielt Matthias Becher die Arbeit mit einer offeneren Definition, wie sie Susan Reynolds vorgenommen hat (The Historiography of the Medieval State, 1997, S. 118): „an organization of human society within a more or less fixed area in which the ruler or governing body more or less successfully controls the legitimate use of physical force“. Sie eigne sich auch besonders für die Erfoschung personaler und transpersonaler Aspekte von Herrschaft, die ja durch die Tagung weitergeführt werden solle.

In seinem öffentlichen Abendvortrag zum Thema ‚Herrscher als Typusfiguren der Verkörperung institutioneller Macht’ gab Karl-Siegbert Rehberg (TU Dresden) dem SFB 1167 und insbesondere der Tagung soziologische Impulse, indem er das Verhältnis von Phänomenologie und Terminologie problematisierte, Implikationen der von ihm im Titel verwendeten Begriffe reflektierte und, angeregt durch das SFB-Konzept der vier Spannungsfelder (Konflikt und Konsens, Personalität und Transpersonalität, Zentrum und Peripherie, Kritik und Idealisierung), weitere instrumentelle Polaritäten formulierte. Die Konstruktion weberscher ‚Idealtypen‘ sei in kontrollierter Anwendung ein auch für die auf die Vormoderne ausgerichtete und transkulturell angelegte Verbundforschung geeignetes Verfahren: ‚Idealtypen‘ beanspruchten keine allgemeine Gültigkeit, sie seien in eine Kontrastmethodologie eingebunden zu denken, die die Komplexität der Wirklichkeit erst sichtbar mache. Die Orientierung an Supertheorien mit allgemeinem Verbindlichkeitsanspruch wie der Systemtheorie wirke sich in einem solchen Forschungsprozess eher hemmend aus, sinnvoll sei eine Verständigung auf ‚Theorien mittlerer Reichweite‘ (Robert K. Merton). Idealtypisch seien unter ‚Institutionen‘ als legitim anerkannte soziale Regulatoren zu verstehen, deren Prinzipien symbolischen Ausdruck fänden und die kulturelle Werte vermittelten, wobei Idee und Verwirklichung nicht harmonieren müssten; bestimmend sei ihre Funktion, durch spezifische Mechanismen das Zusammenleben stabilisierende Leistungen zu erbringen. Nicht die Erfassung fixer Ordnungen, sondern die Herausarbeitung von Ordnungsbehauptungen sei produktiv, der Blick sei statt auf Normen auf Stilisierungen zu richten, Institutionen seien von Organisationen abzusetzen. Max Webers Bestimmungen von ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ und Norbert Elias’ Ausführungen zum Herrscherpersonal aufnehmend, lenkte Karl-Siegbert Rehberg die Aufmerksamkeit auf die Strategie der Machtsteigerung durch Machtverdeckung und zeigte Herrscher als Regenten, die Geistiges vermittelt und reale Ansprüche behauptet hätten, deren Bild durch interne Gegensätzlichkeit bestimmt gewesen sei (etwa Mäßigungsanspruch versus demonstrativer Konsum), denen innerhalb der Kriegerelite auch zivilisierende und pazifizierende Aufgaben zugekommen seien, die Spiegel gebildet (s. die Arbeiten Horst Wenzels) und über dem Gesetz gestanden hätten. Dabei hätten sich in der Stilisierung transpersonale Muster auch individualisieren lassen. Bei der Analyse von Herrschaft könnten weiterhin aus folgenden Paaren komplementär-kontrastiver Begriffe Beschreibungsmöglichkeiten gewonnen werden: Kalkül – Überwältigung (s. die durch Gerd Althoff geprägte Ritualforschung und Peter Dinzelbachers Kritik), Transzendierung – Edukation, Mystik – Verstaatlichung, Gebäude des Fürsten als erweiterter Körper – Palast als Gefängnis, höfisches Zeremoniell – Informalisierung, Öffentlichkeit – Geheimnis, Familienmacht – Externalisierung von Entscheidungen.

Stefan Esders (FU Berlin) näherte sich in seinem Vortrag Regem iura faciunt, non persona: Personale und transpersonale Konzepte der Legitimität von Herrschaft im Westgotenreich (7. Jh.)’ dem Thema der Tagung anhand des spanischen Westgotenreiches im 7. Jahrhundert. Schon zu Beginn seines Vortrages betonte er die Notwendigkeit, sich von der in der historischen Forschung weit verbreiteten ‚Meistererzählung‘ eines kontinuierlichen Wandels von der personalen Herrschaft hin zum transpersonalen Staat zu lösen, da immer sowohl personale als auch transpersonale Merkmale in der Herrschaft vorhanden gewesen seien. Das Westgotenreich biete dafür ein gutes Beispiel, weil sich hier die Verquickung personaler und transpersonaler Elemente besonders deutlich zeigen, etwa im politischen Eid. Durch den allgemeinen Treueid wurden die Untertanen zu Getreuen des Königs, ein personales Merkmal sei dabei bspw. der Akt der Selbstverpflichtung gewesen. Die Bezugsgrößen des Eides seien dagegen nicht rein personal, denn es lässt sich durchaus ein Amtsverständnis für das Königtum nachweisen und die geschworene Treue galt neben dem Herrscher auch zwei Kollektivbegriffen, der patria (Vater-Land) und der gens (Volk). Anhand der westgotischen Konziliengesetzgebung konnte Esders Versuche der Könige nachweisen, mithilfe der Treueide dafür zu sorgen, dass getroffene Maßnahmen auch über den eigenen Tod hinaus Gültigkeit behalten sollten. Dies stellte die Bischöfe unter den nachfolgenden Königen vor das Problem, eine Eidlösung ohne eine grundsätzliche Abwertung der Treueide vorzunehmen. Hier steht die personale Loyalität dem transpersonalen Gehorsam gegenüber. Obschon im Westgotenreich also ein hohes Maß an Transpersonalität vorhanden war, seien gleichzeitig immer auch personale Elemente erkennbar. Aus diesem Grund warf Esders schließlich die Frage auf, inwiefern eine Auffächerung in die beiden Kategorien überhaupt sinnvoll sei. Bei Begrifflichkeiten wie König und patria sei es relativ gut möglich, personale und transpersonale Elemente herauszuarbeiten, beim Begriff gens hingegen gestalte sich dies deutlich problematischer. Erkenntnisse in Bezug auf die Frage nach Personalität und Transpersonalität seien also nur bis zu einem gewissen Grad möglich und auch ein Gleichgewicht zwischen beidem könne nicht eindeutig festgestellt werden. Des Weiteren zeige sich im Westgotenreich eine Tendenz der Herrscher, über den Tod hinaus regieren zu wollen, weshalb verschiedene Instrumente zur Einschränkung und Kontrolle des Königs entwickelt worden seien. Dennoch lasse sich die ‚starke‘ Position der Könige daran erkennen, dass sie sich letztlich mit ihren Maßnahmen durchsetzen konnten, was gegen die Vorstellung eines schwachen Königtums aufgrund fehlender Dynastiebildung spreche. Die Idoneität des Königs spiele jedoch trotz fehlender dynastischer Legitimation im Westgotenreich keine große Rolle, da es sich hier um eine Reihe von Usurpationen mit nachträglicher Legitimierung handelte.

Unter dem Titel Corporate Personalities and Souvereign Illusions: Queenship in Asser’s Life of Alfred behandelte Stacy Klein (Rutgers University/New Brunswick) das Thema der Personalität und Transpersonalität von Herrschaft unter Berufung auf ihre Monographie Ruling Women (Notre Dame Press, 2006), in der sie schon zuvor das Amt angelsächsischer Königinnen des 9. Jhs durchleuchtet hatte. Da es keinen angelsächsischen Begriff für ‚queenship‘ (das Amt der Königinnen/Königinnentum) gab, demnach kein klares Vorbild wie eine Königin zu beschreiben wäre, war es den Autoren möglich, Königinnen nach beliebigen Charakteren zu gestalten. Dies vermittelte Klein anhand der Darstellungen zweier Königinnen, die in der Vita Alfredi des Mönchs Asser beschrieben werden, Judith und Eadburh. Erläutert wurde hier, dass Königinnen sowohl als folgsame Ehefrauen wie auch als niederträchtige Charaktere auftreten konnten, welches sich ebenfalls in dem altenglischen Begriff ‚cwen‘ (> queen) widerspiegelt, der sowohl ‚Frau‘ als auch ‚Prostituierte‘ heißen kann. Klein stellte außerdem fest, dass Königinnen häufig auch die positiven charakterlichen Merkmale ihrer Gatten unterstrichen und demnach für deren größere oder geringere Macht verantwortlich gemacht wurden (‚good king‘ vs. ‚bad queen‘ – guter König vs. schlechte Königin).

Kondo Shigekazu (The Open University of Japan/Chiba) umriss in seinem Vortrag ‚The Personal and Transpersonal Elements of the Medieval Japanese Government’ die politischen Strukturen der Regierungsverhältnisse in Japan im 13. Jahrhundert. Eingangs bestimmte er die beiden Leitbegriffe der Tagung, worunter er die jeder Regierung innewohnende Auseinandersetzung zwischen den wechselnden Ansprüchen der amtierenden Machthaber (personale Aspekte) und dem Bestreben, Herrschaft durch Kontrollmechanismen herrschaftlicher Willkür (transpersonale Elemente) auf Dauer einzurichten, verstand. Sodann benannte er als Hauptmerkmal der mittelalterlichen Regierung die Existenz zweier unabhängiger politischer Organisationen (‚Staaten‘), die in diplomatischem Austausch miteinander über Japan herrschten – des in Kyōto unter dem Tennō (天皇 aus dem Chinesischen übertragener, japanischer Königstitel, wörtl. ‚erhabene Hoheit‘, ‚himmlischer Herrscher‘) residierenden Hofes und einer weitgehend vom Hof gelösten Militärregierung in Kamakura –, und gab einen geographischen wie chronologischen Überblick über die abwechselnden Herrschaftszentren vom 7. bis zum 19. Jahrhundert. Im Folgenden beschrieb Kondō zunächst die internen Strukturen der höfischen Regierungsweise und deren schrittweise erfolgten Modifikationen. Vereinfacht gesagt war dem Tennō formal das Kanzleramt (dajōkan 太政官) mit weiteren Ministerien unterstellt. Zwei Abteilungen im Kanzleramt bearbeiteten und vermittelten die Anordnungen des Tennō. Diese für Stabilität sorgenden transpersonalen Strukturen wurden mit der Zeit allerdings um weitere Ämter ergänzt, in denen sich stärker personale Beziehungen formierten. So traten zwischen den Herrscher und sein Kanzleramt persönliche Sekretäre (kurōdo 蔵人) und ein Rat von Adeligen (shōkei上卿). Den zweiten Teil seines Vortrags widmete Kondō der Entstehung und Entwicklung der ersten von Kyōto unabhängigen Kriegerregierung in Kamakura. Dazu erläuterte er die gleichfalls komplizierten Mehrfachbeziehungen, in denen Herrschaft unter den Kriegern organisiert war. Stärker als am Hof war hier das Moment der persönlichen Gefolgschaft ausgeprägt, für die der Shōgun zuständig war. Mit dem auf die Losungsbegriffe der Tagung gemünzten Fazit, dass sowohl in Kyōto wie in Kamakura stets personale Elemente gegen die übergeordnetem Strukturen zur politischen Kontinuität aufgrund von Ministerien und Gesetzen agierten und diese tendenziell überwogen, schloss Kondō Shigekazu seinen konzisen Überblick über die vielfältigen Regierungsformen im mittelalterlichen Japan.

John Baines (University of Oxford) ergründete in seinem Vortrag Ruler, Court, and Power: The King and Institutions in Ancient Egypt’ den Ursprung des frühägyptischen Königtums und seiner Ikonographie. Symbole, die über die gesamte altägyptische Kultur hinweg mit dem Königtum und dem Herrscher assoziiert waren, finden sich bereits Jahrhunderte vor der Herausbildung des ägyptischen Territorialstaates im ausgehenden 4. Jahrtausend in der Bildkunst. Die in dynastischer Zeit Unterägypten zugeordnete ‚Rote Krone‘ etwa erscheint bereits 500 Jahre vor der Vereinigung Ober- und Unterägyptens zu einem einzigen Staat unter dem ersten gesamtägyptischen König Narmer auf einem Gefäßfragment im oberägyptischen Naqada, bevor sie auf der berühmten Narmer-Palette von eben diesem getragen wird. Andere Herrschersymbole wie der Stern, der Wels, der Elefant und der Skorpion finden sich in den folgenden Jahrhunderten auf Prunkobjekten in den Gräbern lokaler Potentaten. Auch die Grabanlagen der Nekropole HK6 im oberägyptischen Hierakonpolis bieten einen Einblick in die Entwicklung der ägyptischen Herrscherideologie. Dort finden sich ab 3600 v. Chr. Grabkomplexe der ansässigen Lokalherrscher. Während zu Beginn noch das Opfern gefährlicher Tiere (wie etwa von Elefanten oder Nilpferden) die Macht des Bestatteten demonstrieren sollte, findet dessen Prestige nur eine Generation später in Grab 72 in vielfältigen Grabbeigaben (Elfenbeinobjekte, Halbedelsteine etc.) als Statusmarkern seinen Ausdruck und das Herrschergrab ist von Gräbern seines Gefolges umgeben. Das junge Alter von nur 18 Jahren des im Grab 72 Beigesetzten spricht für eine bereits in dieser Zeit vorhandene Kontinuität und Vererbbarkeit von Herrschaftspositionen. Mit der Gründung der Stadt Memphis zu Beginn der 1. Dynastie wurden die Herrscherresidenz, das Verwaltungszentrum und auch die Herrscher- und Elitenekropolen des neuen gesamtägyptischen Staates nach Unterägypten verlegt. Stelen aus den nahen Elitegräbern von Saqqara und Helwan dieser und der folgenden 2. Dynastie zeigen ein bereits ausgeprägtes System von Amts- und Rangtiteln, mit denen sowohl Männer als auch Frauen erscheinen. Zeitgleich wird durch Domänengründungen zur Versorgung des königlichen Begräbniskultes, des Staatsapparates und der Bauprojekte des Herrschers die Landschaft nachhaltig transformiert und für das neu entstandene Staatsgebilde nutzbar gemacht. Mit dem Beginn des Alten Reiches findet diese Entwicklung dann ihren ersten Höhepunkt in der 3. und 4. Dynastie im Bau der Pyramidenanlagen von Sakkara, Meidum, Dashur und Gizeh, die für die folgenden Jahrtausende das Bild des Niltales und der ägyptischen Kultur prägen sollten.

Seraina Plotke (Universität Basel) leitete ihr Thema Narrative Verhandlungen herrscherlicher Macht im Kräftefeld von Orient und Okzident’ damit ein, dass sie die Bedeutung der Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident im europäischen Mittelalter herausstellte, an der sich drei Parteien beteiligten: Die westliche Christenheit, die die Überlegenheit des Okzidents propagierte, das mit dieser in Konkurrenz stehende byzantinische Reich sowie die muslimische Welt, deren Gebiete beide gleichermaßen aus europäischer Sicht als Orient gedacht wurden. Dass deutschsprachige Texte der Zeit die kulturellen Positionen zwischen Orient und Okzident facettenreich verhandeln, erläuterte Seraina Plotke im Folgenden am Beispiel des ‚König Rother‘. Mit Konstantinopel ist der Haupthandlungsraum des gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstandenen Textes in einem kulturellen Zwischenraum an der Grenze zwischen West und Ost angesiedelt; die Stadt ist gleichzeitig Teil der europäischen Welt sowie jenseits des Meeres gelegen. Ausgelöst durch das narrative Schema der Brautwerbung wird eine konfliktreiche Dreieckskonstellation zwischen drei Herrschern vorgeführt und ausgehandelt. Rother als Vertreter des Okzidents, sein Gegenspieler Konstantin sowie der spiegelbildlich zu Rother dargestellte heidnische König Ymelot versuchen dabei, ihre Machtposition mit Hilfe von List und Trug im Spannungsfeld von Differenz, Synthese und Identität durchzusetzen. Erst am Ende des Textes kommt es mit der Verlagerung auf das europäische Zentrum Bari zu einer versöhnlichen Verschmelzung von Machtpositionen und Geltungsansprüchen. Während auf der Figurenebene Ymelot zwar antipodisch zu Rother angelegt ist, kommt es zu keiner direkten Konfrontation beider Mächte und ihrer Armeen, vielmehr werden ihre Interessen über und mit der antagonistischen Konstantin-Figur ausgehandelt. Konstantin erscheint dabei als wenig vorbildlicher Herrscher, der sogar von seiner eigenen Frau kritisiert wird und daher nicht über uneingeschränkte Autorität verfügt. Demgegenüber ist Rother als idealer Herrscher dargestellt, der sich zur Herrschaftssicherung immer wieder mit seinen Eliten berät und einen Konsens herstellt. Auffällig sei zudem, so Seraina Plotke, dass das gängige Orientbild des Mittelalters als Lebensraum fabulöser Völker, Produzent kostbarer Stoffe und Lieferant zahlloser Luxusgüter miteinbezogen und auf Rother übertragen werde, in dessen Gefolge Riesen reisten und dessen Reichtum sich in zahllosen kostbaren Kleidungs- und Ausrüstungsstücken, Accessoires und Geschenken widerspiegele. Okzidentale Überlegenheit über den Orient werde somit durch typischerweise dem Orient zugeschriebene Attribute behauptet.

Beate Kellner (LMU München) ging in ihrem Beitrag ‚Herrscherpreis und Herrscherkritik. König Philipp in Sangsprüchen Walthers von der Vogelweide’ der Frage nach, inwiefern der Sangspruchdichter Walther von der Vogelweide seine Reichssprüche für politische Themen öffne und zu diesen in beratender und belehrender Funktion Stellung beziehe. Anhand von vier ausgewählten Beispielen demonstrierte sie, inwiefern Walther den Thronstreit zwischen Staufern und Welfen, der 1198 durch die Doppelwahl Philipps von Schwaben und Ottos von Braunschweig Fragen nach der Legitimität von Herrschaft aufwarf, literarisch diskutiert. Im Reichsspruch L 8,28 stilisiere sich der Sänger zu einem allwissenden Beobachter, der die kosmische Ordnung überblicke und von diesem Standpunkt aus die Missstände der Welt beklage. Die Naturordnung drohe zu zerfallen, setze man Philipp nicht als legitimen Herrscher ein. Hier kritisiere er vor allem den Wankelmut der Fürsten, deren wechselnde Loyalität die Herrschaft destabilisiere. Anhand der ‚Magdeburger Weihnacht‘ arbeitete Kellner heraus, wie Walther die Festkrönung Philipps 1199 zu einem poetischen Bild verdichtet. In der erhabenen Bewegung des Königspaares etabliere Walther Ruhe und Stabilität und setze damit dezidiert eine behauptete Ordnung gegen die Unruhen im Reich. So werde Philipp auch im Einklang mit den verfeindeten Fürsten präsentiert. Die Verweise auf Philipps Verwandtschaft mit Friedrich I. Barbarossa und Heinrich VI. zeigten ihn als rechtmäßigen Thronerben in genealogischer Folge, während die heilsgeschichtlichen Motive seine Herrschaft typologisch überformten, indem sie Philipp als Imitator Christi einführten. Philipps Gemahlin Irene trete dementsprechend in der Nachfolge Marias auf. Das Königspaar stehe somit an der Schnittstelle von Immanenz und Transzendenz. Ergänzend hierzu stellte Beate Kellner den ‚Kronenspruch‘ vor, in welchem der Sänger an die verirrten Fürsten appelliert, Philipps Herrschaftsanspruch anzuerkennen. Seine Legitimität werde in der untrennbaren Einheit von Krone und König visualisiert. Vergleichbar dem vorangehenden Beispiel argumentiere Walther hier vor allem mithilfe transpersonaler Merkmale. Kontrastiv hierzu betrachtete Beate Kellner abschließend die ‚Philippschelte‘, in welcher der Sänger Philipps unpolitische Freigebigkeit kritisiert und ihn zu richtigem politischen Handeln ermahnt. Walther formuliere seine Aufforderung vor dem kontrastiven Hintergrund von Saladin und Richard Löwenherz, die Freigebigkeit als politisches Mittel der Herrschaftssicherung einsetzen. In dieser Kritik zeige sich die Ambivalenz der Gattung. Entgegen der früheren Forschung wies Beate Kellner in ihrer Analyse nach, dass Walthers Reichssprüche nicht etwa seine Nähe zur staufischen Partei bezeugen und damit als Ausdruck politischer Propaganda stehen, sondern vielmehr von einer tiefen, z.T. ambivalenten Reflexion über das menschliche Zusammenleben zeugen.

Im Zentrum des Vortrags ‚Auftrag und Kritik: Trobadoreske Politik des Sirventes‘ von Kai Nonnenmacher (Regensburg/Aachen) stand das Sirventes, ein Genre der okzitanischen Trobadorlyrik, welches bereits den Gründervater der Romanischen Philologie, Friedrich Diez, eingehend beschäftigte. Im Rückgriff auf Diez, der seinerzeit schon die „große Vertraulichkeit […] zwischen den Mächtigen und ihren Hofsängern“ betonte, räumt Nonnenmacher dem Sirventes im Hinblick auf dessen politischen Gehalt eine besondere Stellung im Gattungssystem der Trobadorlyrik ein, zumal bereits die Denomination (von provenzalisch sirven = ‚Diener‘) etymologisch das Vasallentum impliziert. Zu fokussieren gilt es beim Sirventes demzufolge den Dienst als solchen, handelt es sich hierbei doch um eine teils abhängige, teils freie Dichtung von und über Herren und Vasallen (primäre Aspekte: Waffentaten, Herrenlob, Schmähungen). Grundsätzlich wird, wie bei den Trobadors allgemein, auch bezüglich der Sirventesdichter zwischen den am Hof fest angestellten und den ‚fahrenden‘ unterschieden. Nicht unüblich war, dass die aufgrund ihrer bedürftigen Ausgangsposition stetig nach festen Anstellungen strebenden Dichter nicht nur an einem, sondern zeitlich versetzt an mehreren Höfen tätig waren und sich das daraus resultierende Konfliktpotenzial wiederum in den Texten niederschlägt. Die Präsenz der Sirventes-Gattung in verschiedenen sozialen Schichten – Vertreter und Auftraggeber waren demnach sowohl Könige als auch Vertreter des (verarmten) Rittertums und des Klerus – reduziert die Wahrnehmung von Standesgrenzen bzw. lässt die Stände im Rahmen der Rezeption dieser Dichtung miteinander in Kontakt treten. Als Beispiel für Herrscherpersönlichkeiten im Kontext des Sirventes verwies Nonnenmacher u.a. auf Alfons II. von Aragón, sowie auf Bertran de Born bezüglich der Konflikte um Heinrich II. Plantagenet. Insbesondere in Abgrenzung zur (Liebes-)Kanzone und der charakteristischen Konstruktion von Idealwelten nahm Nonnenmacher Bezug auf die davon abweichende Diversität der Themen als Gattungsspezifikum des Sirventes, welche einerseits die historische Komplexität der höfischen Realität und der feudalen Gesellschaftsform spiegeln, vor allem den nach Aufstieg strebenden mittleren Adel, und andererseits im Spannungsfeld von Lob und Tadel durchaus politische Inhalte aufweisen. Im Sirventes sei damit der Ausdruck einer öffentlichen Meinung zwischen gelebter und künstlerisch wahrgenommener bzw. dargestellter Ordnung zu finden und habe mit den Worten Dietmar Riegers (1987) dadurch „einen besonderen Sitz im Leben“ inne. Die politischen Inhalte sind nicht etwa auf lexikalischer Ebene durch einschlägige politische Terminologie gekennzeichnet, sondern vielmehr in allgemeinen Begrifflichkeiten und in Form von Konstruktionen bzw. Dekonstruktionen in die Texte eingeschrieben. Mit Bertran de Born wurde auf einen der Hauptvertreter des politisch zu deutenden Sirventes im 12. Jh. verwiesen. Hinsichtlich der aus der Themenvielfalt resultierenden vielfältigen Kritikfunktion des Sirventesdichters als Sittenrichter und Fürstenratgeber wurden neben dem politischen Sirventes, welches konkrete Herrscher und Konflikte ins Auge fasst, noch drei weitere, das moralisch-zeitkritische, das literaturkritische und das persönlich-subjektive Sirventes unterschieden. Im Rückblick auf den germanistischen Beitrag von Prof. Dr. Beate Kellner betonte Nonnenmacher als Parallele zwischen der Sangspruchdichtung und dem Sirventes die performative Ausrichtung dieser didaktischen Lyrik bzw. die damit einhergehende Distanz zur Schriftlichkeit. Als Unterschied zur deutschen ‚Schelte‘ schrieb er dem Sirventes ein strukturell inhärentes Moment der Schmähung zu.

Annette Schmiedchen (Berlin/Halle) stellte in ihrem Vortrag ‚Leitbilder und Legitimierung herrscherlicher Macht im mittelalterlichen Zentralindien (8. bis 13. Jahrhundert) mit den Stiftungsinschriften eine wichtige Quelle für die Beantwortung von Fragen nach herrscherlicher Macht im mittelalterlichen Zentralindien vor. Dabei handelt es sich überwiegend um auf Sanskrit verfasste, gravierte Kupfertafelinschriften, in denen königliche Dorf- und Landstiftungen festgehalten sind. Sie enthalten neben den in Prosa gehaltenen Details über die jeweilige königliche Stiftung und den Titulaturen der Könige auch Angaben zu Genealogien und Eulogien in Versform. Daraus lassen sich umfassende Informationen über verschiedene Aspekte der Legitimation der Herrschenden und die damit verbundenen Leitbilder eines guten Herrschers gewinnen. Letztere finden sich auch durch das eigentliche Hauptanliegen der Stiftungsurkunden dokumentiert: die religiöse Stiftung des Herrschers selbst. Am Beispiel der Rāṣṭrakūṭa-Dynastie (8.–10. Jhd.) sowie der Śilāhāras und Yādavas (10.–13. Jhd.) wurden die Mechanismen der Selbstrepräsentation der Regenten in ihren Urkunden veranschaulicht. Dabei wurde deutlich, dass die genealogischen und eulogischen Darstellungen eine wichtige Funktion im Rahmen der Legitimation der Herrscher besaßen. Besonders der Nachweis verschiedener Versionen eines Stammbaums innerhalb einer Dynastie bezeugt den Versuch, Brüche in der Thronfolge zu erklären oder die eigene Legitimation zu verstärken bzw. die Legitimation von Konkurrenten zu schwächen. Darüber hinaus geben die Stiftungsurkunden Einblicke in Aspekte der Stabilisierungspolitik der Herrscher durch systematische Heiratsallianzen, den Aufbau von Vasallitätsstrukturen und die Ansiedlung von Brahmanen. Die Brahmanen wurden in besonderem Umfang mit Stiftungen gefördert, da sie als überregionale Garanten der Legitimation der Herrscher fungierten. Dies führte zu Wanderungsbewegungen der Brahmanen, die ebenfalls durch die Inschriften nachgewiesen werden können.

Die Vorstellung von einer Transpersonalität der russischen Herrscher war Cornelia Soldat (Cologne-Bonn Centre for Central and Eastern Europe, Universität zu Köln) zufolge in Moskowien im 14. und 15. Jahrhundert sowohl unter dem Klerus als auch unter den Herrschaftseliten fest etabliert. Das zeigte sie in ihrem Vortrag ‚Primogenitur und Konsensherrschaft unter Vasilij III.und Ivan IV. in Moskau an drei Erbfolgekrisen in Moskau in den Jahren 1498, 1533 und 1552. 1498 setzte die Schwiegertochter des Herrschers Ivans III., Elena, sich auf das Prinzip der Primogenitur stützend, durch, dass statt der Söhne Ivans III. aus zweiter Ehe ihr Sohn Dmitrij zum Nachfolger erklärt wurde. In diesem Fall hob Soldat die Stellung der Großfürstin am Hof hervor, die sich veränderte, wenn sie Söhne zur Welt brachte. Die These von den zwei Körpern des Königs brachte sie am Beispiel Vasilijs III. zur Anschauung, der 1533 auf dem Totenbett in Absprache mit Bojaren sein Testament machte und anschließend den Klerus darum bat, zum Mönch geschoren zu werden. Die Kleriker weigerten sich jedoch bis zum letzten Moment, denn sie sahen sich traditionell in der Verantwortung für den Weiterbestand der Herrschaft. Bereits im Akt der Thronbesteigung gab Vasilij seine natürliche Person auf und erhielt einen repräsentativen Körper des Herrschers. Beim Scheren zum Mönch wären beide Körper des Herrschers, sein natürlicher und sein staatlicher Körper, erloschen. Eine Genesung Vasilijs wäre von dem Moment an fatal gewesen, da die Mönchspersönlichkeit den Herrscherkörper übernommen hätte. In der überlieferten Bilderchronik wird die Transformierung des Herrschers zum Mönch durch Zeichnung von zwei Körpern im Bett des sterbenden Großfürsten gezeigt. Als Ivan IV. 1552 anscheinend zu Tode erkrankt festlegte, dass sein sechs Monate alter Sohn Dmitrij sein Nachfolger werden sollte, weigerten sich die Bojaren den Eid zu leisten, weil sie fürchteten, dass die Zarin Anastasija für den kleinen Nachfolger herrschen würde. Nach seiner Genesung war Ivan IV. wegen dieses sog. ‚Aufstands‘ der Bojaren offensichtlich verstimmt. Die Krise von 1552 zeigt laut Soldat, dass die Zaren den Übergang der Herrschaft auf ihre leiblichen Söhne mit Verweis auf ihre politischen Körper rechtfertigten und den Übergang der Transpersönlichkeit des Herrschers auch auf Minderjährige ernst nahmen. Im Falle der Erbfolge wurde der Herrscherkörper zum Körper in Transition und möglichst auf den eigenen Sohn übertragen. Dies geschah durch performative Akte und in dem Bewusstsein, dass diese Akte sakramentale Repräsentation schaffen.

Entscheiden, Befehlen, Siegen? Überlegungen zur militärischen Macht eines mittelalterlichen Herrschers am Beispiel Eduards III. von England’ war der Vortrag von Martin Clauss (TU Chemnitz) betitelt. Am Beispiel Eduards III. von England machte Clauss deutlich, in welchem Maße königliches Regierungshandeln auch noch im Spätmittelalter von personalen Momenten bestimmt war: Eduards Erfolge in der Anfangsphase des Hundertjährigen Krieges erklären sich durch eine Kombination von betont aggressiver Strategie mit taktischem Defensivverhalten, sobald sich der Gegner zur Schlacht stellte. Auf diese Weise gelang es ihm zunächst, die strukturelle Unterlegenheit auf englischer Seite in diesem Konflikt zu kompensieren. Freilich ging das Konzept nur in der ersten Phase des Krieges (bis 1360) auf. Langfristig konnte Eduard seine politische Agenda (Sicherung und Erweiterung des englischen Festlandbesitzes, Durchsetzung des Anspruchs auf den französischen Thron, Dominanz über Schottland) nicht oder nur unzureichend umsetzen. Allerdings erwies sich seine bewusste Inszenierung als warrior king als integrierender Faktor im heimischen England, wo seine Königsherrschaft und die reguläre Thronfolge innerhalb seines Hauses nie in Frage gestellt wurden – was für das englische Königtum im 14. Jh. alles andere als eine Selbstverständlichkeit darstellt. Sporadisch übernahm Eduard die Rolle des kommandierenden Feldherrn, aber er griff vereinzelt auch als Kombattant in das Kampfgeschehen ein. Mit diesem persönlichen Einsatz betonte er das zeittypische ritterliche Kriegerideal, das ihn mit seinen adligen Untertanen verband und das zudem in seinem Siegelbild und dem Wappenbild des Leoparden seinen Niederschlag fand. Von diesem persönlichen Image als ‚Kriegsheld‘ zehrte der König auch noch, als sich auf dem Kontinent militärische Rückschläge einstellten.

Azfar Moin (The University of Texas at Austin) präsentierte in seinem Vortrag Muslim Kingship and Religious Tolerance: A Comparative and Historical Look at the Mughal Policy of “Peace with All” (Sulh-i Kull) Religions’ einen weit angelegten Vergleich der Religions- bzw. Integrationspolitik im Mogulreich unter Akbar mit zwei weiteren Case Studies aus der islamischen Geschichte. Er verglich die Beispiele des Friedens von Hudaiba, in dem sich der Prophet Muhammad im 7. Jahrhundert mit den noch polytheistischen Mekkanern verständigte, die Religions- und Bündnispolitik des Mahmud von Ghazna, der im 11. Jahrhundert vom heutigen Afghanistan aus den Norden des indischen Subkontinents in Form von Beutezügen eroberte und damit eine erste Grundlage für die späteren Sultanate von Delhi legte, und schließlich die dem Mogulherrscher Akbar (r. 1556-1605) zugeschriebene Politik des sulh-i kull (etwa: ‚allgemeiner Religionsfriede‘). In einer Einführung in den historischen Kontext des Mogulreiches als post-timuridischer Herrschaftsverband verwies Azfar Moin auf die dreifache Prägung des Mogulreichs durch türkische Herrschaftskonzepte, persische Hofvorstellungen und schließlich sufische Orden und betonte große Forschungsdesiderata, da die Erforschung des Mogulreichs hinter der des zeitgenössischen osmanischen Reichs oder des Safavidenreichs im Iran zurücksteht. Sodann wandte er sich einem Überblick über seine Interpretation des sulh-i kull zu, den er als total peace verstehen möchte, womit er sich von anderen Sichtweisen der Forschung (etwa Rajeev Kinra, der ihn als absolute civility versteht) distanziert. Er betonte die Funktion des Konzepts als Säule der Herrschaft in der Akbarzeit, die Frieden im Reich gesichert habe und freie Ausübung der Religion für sämtliche Glaubensgemeinschaften im Reich bedeutet habe. Besonders betonte er die gewährte Religionsfreiheit auch für polytheistische Gemeinschaften (Hindu-Religionen) sowie häretische Gruppen und den Aufruf zu absoluter religiöser Toleranz, die auch gegen Kritik und Proteste durchgesetzt wurde. Er verwies auch auf die Rolle des sulh-i kull in der Selbstrepräsentation des Mogulreichs, das seine tolerante Religionspolitik als Alleinstellungsmerkmal in der Zeit erkannte und repräsentierte. Im zweiten Teil seines Vortrags stellte Azfar Moin die Aktionsmuster der drei politisch-religiös motivierten Akteure seiner Case studies vor und postulierte die Entwicklung einer innerasiatischen Form von Religions- und Integrationspolitik über drei Stufen: Den Fall des Friedens von Hudaiba sieht Azfar Moin als Beispiel für eine Form “biblischer” Herrschaft, die er für das 7.-9. Jahrhundert veranschlagt. Diese stütze sich auf spätantike Normvorstellungen im Kontext der Verschriftlichung der heiligen Texte des Islam und habe die Möglichkeit eines ‚temporären‘ Friedens bzw. der zeitweisen Akzeptanz von polytheistischen Glaubensvorstellungen erzeugt, die mit der zeitweisen Identifikation des Propheten als politischer, nicht religiöser Führer gegenüber den Muslimen legitimiert worden sei. Mahmud von Ghazna präsentierte Azfar Moin als Beispiel für die zweite Stufe seines Entwicklungsmodells, eine “kalifale” Herrschaft (10.-13. Jh), die auf einer speziellen Form innerasiatischer agency beruhe. Sie vereine türkische Herrschaftselemente mit ‚realpolitisch‘ ausgehandelten Pakten mit polytheistischen Gruppen, die Integration polytheistischer Männer in die Truppen, sowie den Rückbezug auf die Einsetzung des Herrschers durch den islamischen Kalifen als repräsentatives Relikt. Die Politik Akbars schließlich interpretiert Azvar Moin als dritte Stufe seines Modells, in der eine “kosmologische” Herrschaft einen “totalen Frieden” mit nichtislamischen und polytheistischen Gruppen ermögliche (14-18 Jh.) Durch den Bezug auf kosmologische Legitimationselemente wie den Titel des Sahib-qiran, des ‘Herrn der Glückskonjunktion’, welchen die Moguln von ihrem Ahnvater Timur übernommen haben, sei die Herrschaft final von orthodox islamischen Vorstellungen gelöst worden. Der Herrscher selbst als Herr über die weltliche wie die religiöse Sphäre sei nun in der Lage gewesen, einen umfassenden Religionsfrieden zu gewähren und seine Anhänger zu Toleranz aufzurufen und diese auch durchzusetzen. Als Beispiele für damit verbundene Herrschaftstaktiken nannte Azvar Moin den Rückbezug auf kosmologische und mystische Ideen, die Integration der verschiedenen Sekten durch Heirat, den Verzicht auf Konversionsverlangen gegenüber Polytheisten, die implizite Tolerierung einer Verehrung des Herrschers als Gott und schließlich den verlangten Treueschwur auf den Herrscher selbst, nicht etwa eine Religion. Azvar Moin plädiert damit für eine Longue-durée-Entwicklung vom Monotheismus zum Kosmologismus: Während Muhammads Herrschaft auf Charisma und der Untermauerung seines Herrschaftsanspruchs durch einen Gott, der gleichzeitig Gesetzgeber, oberster Herrscher und Erlöser war, basiert habe, seien diese drei Eigenschaften über die Zeit Mahmuds von Ghazna langsam vollständig auf den Herrscher übergegangen, bis sie in der Person Akbars vereint worden seien.

 

Die Publikation der Beiträge in einem Sammelband ist geplant.

 

Programm:

Donnerstag, 23.11.2017

Universitätshauptgebäude, Festsaal

18.15 Uhr

Eröffnung

Prof. Dr. Elke Brüggen (Stellvertretende Sprecherin

des SFB 1167)

Grußworte

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Hoch (Rektor der Universität Bonn)

Prof. Dr. Andreas Bartels (Dekan der Philosophischen

Fakultät der Universität Bonn)

Einführung

Prof. Dr. Matthias Becher (Sprecher des SFB 1167)

Öffentlicher Abendvortrag

Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg (TU Dresden)

Herrscher als Typusfiguren der Verkörperung

institutioneller Macht

20.00 Uhr

Empfang im Senatssaal

 

Freitag, 24.11.2017

Universitätshauptgebäude, Festsaal

9.00–10.00 Uhr

Prof. Dr. Stefan Esders (FU Berlin)

Regem iura faciunt, non persona: Personale und

transpersonale Konzepte der Legitimität von politischer

Herrschaft im spanischen Westgotenreich (7. Jh.)

10.00–11.00 Uhr

Assoc. Prof. Dr. Stacy Klein

(Rutgers University/New-Brunswick)

Transpersonality: From Eve to ‚Queen‘ Eadburh of Wessex

11.00–11.30 Uhr

Kaffeepause

11.30–12.30 Uhr

Prof. Dr. Shigekazu Kondo

(The Open University of Japan/Chiba)

The Personal and Transpersonal Elements of

the Medieval Japanese Government

12.30–14.00 Uhr

Mittagspause

14.00–15.00 Uhr

Prof. (em.) Dr. John Baines (University of Oxford)

Ruler, Court, and Power: The King and Institutions

in Ancient Egypt

15.00–16.00 Uhr

PD Dr. Seraina Plotke (Universität Basel)

Narrative Verhandlungen herrscherlicher Macht im

Kräftefeld von Orient und Okzident

16.00–16.30 Uhr

Kaffeepause

16.30–17.30 Uhr

Prof. Dr. Beate Kellner (LMU München)

Herrscherpreis und Herrscherkritik in der

mittelhochdeutschen Sangspruchdichtung Walthers

von der Vogelweide

17.30–18.30 Uhr

PD Dr. Kai Nonnenmacher (Universität Regensburg)

Auftrag und Kritik: Trobadoreske Politik des Sirventes

am Beispiel von Raimbaut de Vaqueiras

 

Samstag, 25.11.2017

Universitätshauptgebäude, Festsaal

9.00–10.00 Uhr

PD Dr. Annette Schmiedchen

(HU Berlin/Universität Halle a.d.S.)

Leitbilder und Legitimierung herrscherlicher Macht im

mittelalterlichen Zentralindien (8. bis 13. Jahrhundert)

10.00–11.00 Uhr

Dr. Cornelia Soldat (Cologne-Bonn Centre for

Central and Eastern Europe, Universität zu Köln)

Primogenitur und Konsensherrschaft unter Vasilij III.

und Ivan IV. in Moskau

11.00–11.30 Uhr

Kaffeepause

11.30–12.30 Uhr

Prof. Dr. Martin Clauss (TU Chemnitz)

Entscheiden, Befehlen, Siegen? Überlegungen zur

militärischen Macht eines mittelalterlichen Herrschers

am Beispiel Eduards III. von England

12.30–13.30 Uhr

Assoc. Prof. Dr. Azfar Moin

(The University of Texas at Austin)

Muslim Kingship and Religious Tolerance: A Comparative

and Historical Look at the Mughal Policy of “Peace with All”

(Sulh-i Kull) Religions

13.30 Uhr

Abschlussdiskussion

 

Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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