CFP: „Unheimliche Heimaträume“: III. Fachtagung zu literarischen Repräsentationen von Heimat in der deutschsprachigen Literatur seit 1918, Vitoria-Gasteiz (15.20.2017)

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„Unheimliche Heimaträume“: III. Fachtagung zu literarischen Repräsentationen von Heimat in der deutschsprachigen Literatur seit 1918



20.-22. September 2017
Universität des Baskenlandes
Vitoria-Gasteiz, Spanien

 

 

Verflechtungen, Schichtungen und Verschiebungen des Begriffs von Heimat, verstanden als dynamisches und komplexes Raumkonstrukt, das aus sozialen und symbolischen menschlichen Interaktionen hervorgeht (Morley, Eigler, Gebhard et al., Blickle, Eichmanns/Francke), stehen seit Jahren im Zentrum des Interesses unserer Forschungsgruppe an der Universität des Baskenlandes, welches in mehreren Forschungsprojekten und zwei Tagungen in Vitoria-Gasteiz (2013 u. 2015) kristallisierte.

 

Die dabei gewonnenen Erkenntnisse führten dazu, die Rolle der Emotionen und Gefühle bei der Konzeptualisierung von Heimat stärker in den Mittelpunkt unserer Überlegungen zu rücken. Diese Verschränkung des spatial turn und des emotional turn (vgl. Lehnert 2011) erwies sich als besonders interessant für unsere Analyse, denn Heimat ist in der deutschen Gesellschaft genauso problematisch, vielschichtig und emotionsbeladen wie z. B. der entsprechende baskische Begriff aberria in der baskischen Gesellschaft.


Vor diesem Hintergrund wollen wir nun zum dritten Mal nach Vitoria-Gasteiz einladen, um weiterhin unseren Beitrag zur internationalen Debatte zu leisten sowie den Kontakt zu Forschungsgruppen mit verwandten Interessen aufzunehmen bzw. aufrechtzuerhalten und zu intensivieren. Aus diesem Grunde organisieren wir vom 20.—22. September 2017 die nächste Fachtagung, diesmal zum Thema „Unheimliche Heimaträume: Literarische Repräsentationen seit 1918“.


Anlass zu diesem thematischen Vorschlag bietet zunächst einmal die aktuelle Gesellschaftsdiagnose. In unserer globalen Gegenwart hat der Einfluss der Emotionen zur Mitgestaltung der Realität außerordentlich zugenommen. Insbesondere das Gefühl der Angst – und oft gesellt sich Wut dazu – konstituiert eine eigenständige Realität, die nicht widerlegbar scheint durch Fakten, Zahlen oder rationale Argumente. Diese emotionsbeladenen Heimatkonstruktionen bringen die negativen Seiten der jeweiligen Gesellschaft zutage, nämlich Fremdenhass, ausgrenzenden Nationalismus, Abwehr des Andersartigen. In diesem Zusammenhang tut es Not, so unser Standpunkt, die Analyse der emotionalen Dimension bei der Gestaltung von Identitäten und Heimaträumen in unabdingbarer Korrelation mit ethischen Parametern durchzuführen.

 

Bereits 2002 machte Peter Blickle auf den Zusammenhang von Heimat, heimlich und unheimlich aufmerksam, der Freud beschäftigte. Zur Konstellation des Unheimlichen gehört Freud zufolge das schreckhafte Aufkommen oder die Wiederkehr des Verdrängten, die unerwartet Heimatliches in Unheimatliches bzw. Unheimliches verwandelt und grundsätzlich in Verbindung mit Angst erscheint (Freud 1919). Diese Spannung zwischen Heimat und unheimlich wäre auch im Rahmen der Dialogizität Bachtins zu erschließen, der zufolge jedes Wort auch ein halb fremdes Wort ist. Wenn die dunkle, unheimliche Seite der eigenen Sprache zum Fokus wird, ergeben sich daraus Rückschlüsse über den Konstruktcharakter von Identität und Heimat.  

 

Ziel der ausgerufenen Tagung ist die Erkundung des Unheimlichen in den literarischen Repräsentationen von Heimaträumen. Angesichts der rasanten Entwicklung des Heimatkonzeptes, welches, einst als Garant der Geborgenheit und des Vertrauten verstanden, parallel zur historischen Entwicklung des 20. Jh. in ein mehrschichtiges multidimensionales Konstrukt überging, ist es heutzutage und vor dem Hintergrund der dargelegten Gesellschaftsdiagnose berechtigt, Heimat mit der semantischen Konstellation des Unheimlichen zu begegnen. Wichtig wäre dabei ein (erneutes) Verfallen in bipolare Konzeptualisierungen (etwa Heimat-Antiheimat) und eine Gleichsetzung von unheimlich und irrational zu vermeiden.

 

Folgende Diskussionsansätze möchten wir vorschlagen:

-         Bestandsaufnahme über aktuelle Heimatdefinitionen und die Herausforderung postbipolarer Konzeptualisierungen.

-         Ist eine Entwicklung vom traditionellen Heimatverständnis des Vertrauten hin zu einem heutigen Unheimlichen festzustellen und ist sie ebenfalls in der deutschsprachigen Fiktion zurückzuverfolgen?

-         Welche Definitionsaspekte des Unheimlichen treffen für das heutige Phänomen zu? Aktualität bzw. Entwicklung vom Begriff des Unheimlichen.

-         Welche Funktion spielt die Angst zur Homogenisierung der Unterschiede und zum Ausschluss der Andersartigen bzw. wie funktionieren Emotionen zur Aufstellung und Verstärkung gesellschaftlicher Asymmetrien? Wie werden diese Mechanismen in der Literatur konstruiert und wirkungsvoll eingesetzt? Wie werden sie dekonstruiert?

-         Stehen die wirkenden Emotionen in Verbindung zu einer ethischen Verantwortung?

-         Welche Rolle spielen dabei asymmetrische (Gender-)Verhältnisse?

-         Welche narratologischen Verfahren werden für die literarische Gestaltung von unheimlichen Heimaträumen verwendet? Welche Rolle spielen dabei intertextuelle Bezüge?

 

Nicht ausschließlich aber bevorzugt wird die thematische Verbindung mit folgenden oft zusammenhängenden Teilbereichen In der deutschsprachigen literarischen Fiktion seit 1918 berücksichtigt: 

-         Heimaträume und Gedächtnis

-         Heimaträume und Genderdiskurse

-         Heimaträume in der Korrelation von Emotion und Ethik

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Willkommen sind 20-minütige Vorträge (plus ca. 10 Minuten Diskussion). Abstracts im Umfang von max. 1 DIN-A-Seite (2000 Zeichen inkl. Leerzeichen) können ab sofort, spätestens jedoch bis zum 15. Februar 2017 mit vollständiger Anschrift (inkl. E-Mail-Adresse) bei der  Tagungsorganisation eingereicht werden, und zwar bei: carme.bescansa@ehu.es, garbine.iztueta@ehu.es, mario.saalbach@ehu.es, iraide.talavera@ehu.es.


Anmeldegebühren:
Vortragende: 35 Euro
ZuhörerInnen: 20 Euro
Studierende: 15 Euro

Wir freuen uns auf reges Interesse und verbleiben mit besten Grüßen
Die Organisation

Wissenschaftlicher Beirat:

Prof. Dr. Thomas Anz (Phillips-Universität Marburg)

Prof. Dr. Friederike Eigler (Georgetown University)

Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt (Universität Leipzig)

Prof. Dr. Jan Standke (Technische Universität Braunschweig)

Prof. Dr. Mario Saalbach (Universität des Baskenlandes)
Dr. Garbiñe Iztueta (Universität des Baskenlandes)
Dr. Carme Bescansa (Universität des Baskenlandes)
cand. phil. Iraide Talavera (Universität des Baskenlandes)

Organisationskomitee:


Dr. Carme Bescansa carme.bescansa@ehu.eus
Dr. Garbiñe Iztueta garbine.iztueta@ehu.eus
Prof. Dr. Mario Saalbach mario.saalbach@ehu.eus
cand. phil. Iraide Talavera iraide.talavera@ehu.eus


Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu