CFP: Tiere erzählen (01.08.2018)

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Tiere erzählen

Tierstudien, Ausgabe 15/2019

Herausgegeben von Jessica Ullrich und Alexandra Böhm

Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.

Ludwig Wittgenstein

 Narrative in the deer world is a track of scents that is passed on from deer to deer with an art of interpretation which is instinctive.  A literature of blood-stains, a bit of piss, a whiff of estrus, a hit of rut, a scrape on a sapling, and long gone.

Gary Snyder

 

Call for Papers

 

Die übernächste Ausgabe von Tierstudien wird unter dem Motto „Tiere erzählen“ stehen. Das ist durchaus doppeldeutig gemeint. Was wird wie und von wem über Tiere erzählt und zu welchem Zweck? Aber auch: Was erzählen Tiere selbst, in welcher Form und mit welcher Intention tun sie dies?  In der Geschichte des abendländischen Denkens wurde die Differenz zwischen Mensch und Tier durch die vermeintliche Abwesenheit von Logos, also von Sprache und Rationalität, bei den Tieren bestimmt. Viele Schriftsteller*innen und Künstler*innen in Geschichte und Gegenwart haben sich entgegen diesem Postulat dem Gedankenexperiment ‚sprechender Tiere‘ gewidmet und aus tierlicher Perspektive Romane geschrieben, Tiere als Protagonist*innen in Filmen eingesetzt oder Tiere als Künstler*innen auftreten lassen. In der Fabel, im Kinderbuch oder im Zeichentrickfilm treten sprechende Tiere in der Hauptrolle auf. Doch auch in Wissenschaft und Alltag werden Tiere zum Sprechen gebracht oder wird für Tiere gesprochen. Primatolog*innen bringen Tieren Zeichensprache bei, Haustierbesitzer*innen unterhalten sich mit ihren tierlichen Begleiter*innen oder ‚übersetzen‘ deren Beschwerden beim Tierarztbesuch, Kinder lesen Tierheimbewohner*innen aus Büchern vor, Künstler*innen drehen Spielfilme für Zootiere oder schaffen Bildergeschichten für sie. Menschen lassen Tiere aus vielerlei Gründen sprechen, etwa um als deren Anwälte zu fungieren, um deren Andersheit erfahrbar zu machen oder aber schlicht um etwas über andere Menschen auszusagen. Menschen können sich entscheiden, zu ignorieren, was Tiere sagen, oder sie können tierliche Erzählungen interpretieren und damit riskieren, diese misszuverstehen und Tiere zu bloßen Sprachrohren für menschliche Belange zu machen. Sollten Tiere deswegen besser in ihrer Fremdheit belassen werden oder ist das nur eine weitere Form, den menschlichen Exzeptionalismus zu bestätigen?

Uns interessiert, wie von Tieren erzählt und wie für Tiere erzählt wird, aber auch wie Tiere selbst erzählen. Können Tiere ihre Autobiographie schreiben oder von ihrem Leben erzählen? Menschen erkennen Kommunikation häufig nur in Form menschlicher Sprache. Die ethologische Forschung zeigt jedoch, dass viele Tiere nicht nur kommunizieren, sondern dem Menschen auch antworten und sogar von ihrem Erleben in nicht-diskursiver Weise erzählen. Wenn Gary Snyder sagt, dass die Narrative der Hirsche ihre Duftspuren sind, könnte es dann vielleicht auch Erzählungen anderer Tiere geben und falls ja, in welcher sinnlichen Form könnten diese transportiert werden? Inwiefern lassen sich beispielsweise die Koloraturen des Vogelgesangs als Narrativ verstehen oder das Quieken der Schweinemutter ihren Ferkeln gegenüber? 

Was geschieht mit den Tieren und auch den Menschen, wenn Tiere selbst zu Wort kommen und so eine Stimme erhalten? Wir fragen nach charakteristischen ‚Tiergattungen‘, spezifischen narrativen Strategien und deren Problematik ebenso wie nach Konzepten der Agency, der Empathie und des Anthropomorphismus. Inwiefern wird die anthropologische Differenz durch den Akt des „Tiere erzählen“ aufgelöst, neu definiert oder bestätigt? Welche Chancen und Möglichkeiten, die Beziehungen zu den anderen Tieren neu zu entwerfen, liegen in diesem Projekt? 

Wir suchen nach literatur-, kunst-, film-, musik- und kulturwissenschaftlichen, historischen, philosophischen, soziologischen, psychologischen und ethologischen Studien. Andere, hier nicht aufgeführte Beiträge zum Themenkomplex „Tiere erzählen“ sind ebenso willkommen.

Abstracts von nicht mehr als 2.000 Zeichen senden Sie bitte bis zum 1. August 2018 an jessica.ullrich@neofelisverlag.de und alexandra.boehm@fau.de.

Die fertigen Texte dürfen eine Länge von bis zu 22.000 Zeichen haben (inklusive Leerzeichen und Fußnoten) und müssen bis zum 1. November 2018 eingereicht werden. Danach gehen sie zur Peer Review an den wissenschaftlichen Beirat von Tierstudien. Auf Grundlage der Gutachten des wissenschaftlichen Beirats wird über die Annahme der Texte zur Veröffentlichung entschieden.

Erscheinungsdatum für die angenommenen Texte ist April 2019.

 

Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Alexander Nebrig] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

Categories: CFP
Keywords: animal studies, CFP