CFP: Lügen, Täuschen und Verstellen / Lying, cheating and pretending – International Conference for PhD-Students, Wuppertal (30.04.2018)

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CFP: Lügen, Täuschen und Verstellen – Internationale IPIW-Konferenz
für Promovierende der Geistes- und Kulturwissenschaften,
Human- und Sozialwissenschaften (30.4.2018)

IPIW – International promovieren in Wuppertal
Bergische Universität Wuppertal, 6.-9. November 2018   
Leitung: Prof. Dr. Ursula Kocher, PD Dr. Carmen Ulrich

„Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht.“ Oliver Hassencamp

Augustinus nannte die Lüge (lat. mendacium, nicht zu verwechseln mit error, dem versehentlichen Irrtum) bekanntlich „eine unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage“, also eine Rede gegen Wissen und Gewissen. Nach Montaigne zerstört die Lüge sogar die Sprachgemeinschaft: „Da wir uns allein durch das Wort verständigen können, verrät, wer es fälscht, die Gesellschaft.“ – Aber trifft dieser moralische Wertbegriff tatsächlich immer zu? Hat die Lüge eine ausschließlich schädigende Wirkung oder gibt es Situationen, in denen es angemessen und erlaubt sein kann zu lügen?
Das so klar definierte Phänomen bleibt in vielen Fällen undurchschaubar, und vielleicht gehört es schon zur Eigenwilligkeit der Lüge, sich an ihre Definition selbst nicht zu halten. Gerade ihre universale Bestimmung arbeitet der Unauffälligkeit der Lüge zu. Wie sie im konkreten Fall bestimmt und bewertet wird, ist kontextabhängig – man denke an die Geschichtslüge, Höflichkeitslüge, Lebenslüge, Notlüge, Propagandalüge oder Selbstlüge. Auch lassen sich verwandte Begriffe hinzuziehen wie Täuschung, Heuchelei, Simulation, Geheimhaltung, Tarnung, Verstellung oder List, deren Gebrauch im Falle des klugen Odysseus hochgerühmt wurde.
„Wir alle spielen Theater“ behauptet Erving Goffman in seinem einschlägigen Werk The Presentation of Self in Everyday Day Life (1959), bei dem es weniger um das Wie als vielmehr um das Warum der Lüge geht – welche Botschaft will das Individuum vermitteln, indem es lügt? Nicht wie der Mensch sich präsentiert, sondern wie er sich präsentieren will, verrät wirklich etwas über ihn. Nur wer einen Begriff von Wahrheit wie auch ein gewisses Maß an Fantasie und Einbildungskraft hat, kann auch lügen. So steht der Forderung nach Transparenz, Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit als Grundgeboten öffentlichen Verhaltens die Wahrnehmung der Welt als Bühne sowie des Handelns in sozialen Rollen und mit Masken als Schutzhaut gegenüber.
Entgegen der verbreiteten Annahme, dass noch nie so viel gelogen wurde wie heute im „postfaktischen“ Zeitalter, in der „Post-Truth Era“ (Ralph Keyes), ließe sich genauso gut behaupten: Das verlogenste Zeitalter war immer (Bettina Stangneth: Lügen lesen). Denn so stark wie unser Wille zum Wissen und zur Wahrheit ist unser Begehren, es nicht ganz genau wissen zu wollen, mithin belogen zu werden. So ist das Lügen nicht nur eine anthropologische Konstante, vielmehr auch eine philosophisch interessante, spezifisch menschliche Fähigkeit, die nicht nur moralische, sondern auch erkenntnistheoretische, psychologische, geschlechtertheoretische und kulturelle Fragen aufwirft. Der Kohärenztheorie der Wahrheit zufolge ist ein System von Sätzen genau dann wahr, wenn die Sätze dieses Systems alle miteinander verträglich, also widerspruchsfrei sind – aber wer bestimmt das Wesen und die Grenzen des Systems? Sind unsere Lebenswelt und unser (Denk-)System nicht auch gesellschafts- und kulturabhängig? Was Europäer als verlogen bezeichnen, mögen Asiaten der Höflichkeit zurechnen. Eine allzu deutliche Ehrlichkeit mag den einen oder anderen brüskieren, wenn sie nicht im Einklang steht mit anderen Werten des sozialen Miteinanders.
So lassen sich in der Bewertung des Phänomens Lüge mindestens drei Positionen ausmachen: 1) Der Wille zur unbedingten Wahrheitspflicht und das strikte Lügenverbot, 2) eine pragmatische Haltung, die das Merkmal der Lüge am Recht des Fragenden auf die Wahrheit oder aber am Kriterium des Schadens festmacht und daher Ausnahmen vom Lügenverbot kennt und 3) die Annahme, dass die unbedingte Wahrheitspflicht genauso wichtig ist wie andere ethische Pflichten.
Unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Dynamik und Funktion scheint die Lüge, neben ihrem subversiven Potential, auch gemeinschaftsstabilisierende Funktionen zu besitzen. Aber inwieweit kann die Lüge solche Eigenschaften für sich beanspruchen und welche Bedeutung kommt dann der Wahrhaftigkeit als geforderte Grundhaltung des Menschen zu? Schließlich gehört zur Sprach- und Kulturtechnik der Lüge auch das Unbehagen, auf Seiten des Lügenden wie auch des Belogenen, wodurch sie zur Antithese jeder aufrichtigen Kommunikation wird.
Wir haben es offenbar weniger mit einem Grenzphänomen, sondern eher mit einem Gleitphänomen zu tun, das interdisziplinäre und polyperspektivische Herangehensweisen erfordert. Neben diversen Theorien der Lüge sind ihre Herstellungsprozesse, ihre Kommunikationsstrukturen und ihre Medialisierung zu diskutieren. Von besonderer Brisanz sind politische Kulturen der Lüge sowie Staaten, die ihre ‚Wahrheit‘ mit Gewalt und mithilfe von Geschichtsfälschungen oder ‚Fake News‘ durchsetzen. In den Blick geraten materialisierte Lügen, aber auch soziale Normen, die auf verborgene Regelwerke, Tabus und Postulaten der ‚Political Correctness‘ basieren. Zudem sind interkulturelle Vergleiche, Begriffsgeschichten und Bedeutungswandlungen von Interesse. Im Feld der Fiktionen und Literaturen stellt sich die Frage nach Möglichkeiten der Verstellung, Täuschung, des Betrugs und einer ästhetischen Theorie der Lüge, die auch unter dem Begriff Semiotik kursiert (Umberto Eco).
Um die vielseitig philosophischen und theologischen, politischen und historischen, soziologischen und ethnologischen, psychologischen und ästhetischen, sprach- und kulturwissenschaftlichen Aspekte des Phänomens Lüge in den Blick zu nehmen, sind Promovierende aller Geistes- und Kulturwissenschaften, Human- und Sozialwissenschaften eingeladen, ihre Forschungen einem Fachpublikum zu präsentieren. Ziel ist es, gemeinsam Kriterien für die Bestimmung und Bewertung des Phänomens Lüge auszumachen unter Einbeziehung anthropologischer Konzepte, verbaler und non-verbaler Interaktionsmodelle, medialer Realitätskonstruktionen u.a.m.           
Die Tagung bietet die Möglichkeit der Präsentation aktueller Forschungsvorhaben, Diskussionen von Projektideen, Workshops und persönliches Mentoring. Bitte schicken Sie Ihr Exposé (max. 500 Wörter) sowie einen kurzen akademischen Lebenslauf bis spätestens 30.04.2018 an PD Dr. Carmen Ulrich, ulrich@uni-wuppertal.de.

Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Über die Annahme Ihres Beitrags entscheidet ein fächerübergreifender Beirat. Von den Teilnehmern erwarten wir bis zum 15.10.2018 den vollständigen Vortrag in deutscher bzw. englischer Sprache. Eine Veröffentlichung der Vorträge ist geplant.
Die Veranstaltungen finden im Rahmen des vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Programms International promovieren in Wuppertal (IPIW) statt. Ziel von IPIW ist es, Promovierende aus dem In- und Ausland miteinander zu vernetzen und interdisziplinäre Forschungsprojekte zu fördern. Für Promovierende, die nicht aus Deutschland anreisen, können Reise- und Aufenthaltsstipendien (DAAD-Pauschalen) vergeben werden. Weitere Informationen unter www.ipiw.de / Kontakt: ipiw@uni-wuppertal.de

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CFP: Lying, cheating and pretending
– International IPIW-Conference for PhD-Students of Humanities,
Human and Social Sciences (30.4.2018)

IPIW – International promovieren in Wuppertal 
Bergische Universität Wuppertal, 6.-9. November 2018  
Conducted by Prof. Dr. Ursula Kocher, PD Dr. Carmen Ulrich

“Who lies, has at least thought the truth.“ Oliver Hassencamp

Augustinus called the lie (lat. mendacium, not to be confused with error, the accidental mistake) an untrue statement made with the will to deceive, that means a speech against knowledge and conscience. According to Montaigne, the lie even destroys the speech community: “We have relations with one another only by speech” – whoever falsifies it betrays the society. But does this moral value concept always apply? Does the lie have an exclusively damaging effect? Or are there situations in which it can be appropriate and be allowed to lie?
This clearly defined phenomenon remains in many cases inscrutable, and perhaps it is the idiosyncrasy of a lie not to adhere to its own definition. Precisely its universal role works for the inconspicuousness of the lie. How it is determined and evaluated in the concrete situation depends on the context – think of wrong history versions, lying out of courtesy, lifelong delusion, white lie, propaganda lie or self-deception. Moreover, related terms can be considered, such as cheating, dissimulation, simulation, concealment, camouflage, disguise or deceitfulness, whose use in the case of cunning Odysseus highly appreciated.  
„We all play theatre“, Erving Goffman claims in his relevant work The Presentation of Self in Everyday Day Life, which is less about how someone lies but more about why someone does it – which message does the person want to convey by lying? Not how the person presents himself, but how he wants to present himself betrays something about him. Only the person, who owns the concept of truth as well as carries certain amount of imagination, possesses the ability to lie. Thus, the demand for transparency, sincerity and truthfulness as basic principles of public behavior is confronted with the perception of the world as a stage as well as acting in social roles and with masks as protective skin.
Contrary to the popular belief that it has never lied so much as today in the “post-fact” or “Post-Truth Era“ (Ralph Keyes), it could as well assert: The most mendacious age was always. (Bettina Stangneth: Lügen lesen) Our will to knowledge and truth is likely as strong as our desire not to know it exactly, and thus to be lied to. Therefore, lying is not only an anthropological constant, but also a philosophically interesting, a specific human ability that poses not only moral but also epistemological, psychological, gender-theoretical and cultural questions. According to the theory of coherence, a system of propositions is only true if the propositions of this system are all compatible and free from contradictions – but who determines the nature and limitations of the system? Are our lifeworld and (thinking) system not also socially and culturally dependent? What Europeans would call mendacious may be attributed by Asians to courtesy. Too much honesty may offend the other if it is not consistent with other values of social interaction.
Assessing the phenomenon of lie accounts for at least three positions: 1) The will to unconditional truth and the strict prohibition of lying, 2) a pragmatic attitude, that binds the characteristic of the lie to be rightfully questioned with respect to the truth or bound to the criterion of harm and therefore, is aware of the exception of the forbiddance of the lie; and 3) the assumption that unconditional truth is as important as other ethical obligations.
Taking into account their cultural dynamic and function, the lie not only has subversive potential but also community-stabilizing functions. But how far can lie claim such qualities for itself, and to which significance does then truthfulness as the required attitude of human being arrive? Finally, the language and culture of the lie also include the discomfort on the part of the liar as well as the one who has been lied to, whereby it becomes the antithesis of sincere communication.
Obviously, we are dealing less with a border phenomenon than with a sliding phenomenon that requires interdisciplinary and polyperspective approaches. In addition to various theories of lies, their production processes, their communication structures and their medialization are to be discussed. Of special interest are the political cultures of lie and states that enforce their ‘realities’ with violence and with the help of historical faking or fake news. Materialized lies but also social norms based on hidden rules, taboos and postulates of ‘political correctness’ get into focus. In addition, intercultural comparisons, conceptual histories and changes in meaning are of interest. In the field of fictions and literatures, it raises the question of the possibilities of dissimulation, deception, fraud and an aesthetic theory of falsehood, which also circulates under the term ‘semiotics’ (Umberto Eco). 
In order to take into account the diverse philosophical and theological, political and historical, sociological and ethnological, psychological and aesthetic, linguistic and cultural aspects of the phenomenon of lying, doctoral candidates of all humanities, cultural studies and social sciences are invited to present their research to a specialist audience. We shall try to collect and identify criteria for the determination and evaluation of the phenomenon of lies, including anthropological concepts, verbal and non-verbal interaction models, medial reality constructions and more.
The conference offers the possibility of presenting current research projects, discussions of project ideas, workshops and personal mentoring.         
Please send your abstract (max. 500 words) and a short academic CV by 30.04.2018 to PD Dr. Carmen Ulrich: ulrich@uni-wuppertal.de

The conference languages are German and English. The selection of the contributions shall be decided by an interdisciplinary committee. We expect the participants to send the full paper in German or English until 15.10.2018. A publication of papers is planned.         
The events take place as part of the International Doctoral Program in Wuppertal IPIW (international promovieren in Wuppertal) funded by the German Academic Exchange Service (DAAD) and the Federal Ministry of Education and Research (BMBF). The goal of IPIW is to connect doctoral candidates from Germany and abroad and to promote interdisciplinary research projects. For doctoral students who are not from Germany, travel and residence scholarships can be awarded.
Further information at: www.ipiw.de / Contact: ipiw@uni-wuppertal.de

PD Dr. Carmen Ulrich
Bergische Universität Wuppertal
IPIW -  International promovieren in Wuppertal
Gaußstraße 20 / 42119 Wuppertal
ulrich@uni-wuppertal.de


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

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