CFP: Fruchtbarkeit und Poiesis im 16. und 17. Jahrhundert, Zürich (30.09.16)

Sarina Tschachtli's picture

Workshop vom 8. bis 10. Februar 2017 an der Universität Zürich

Zeugen und Befruchten, Wachsen und Wuchern – um Schöpfungsprozesse in Worte zu fassen, bieten sich Metaphoriken der Fruchtbarkeit an, die spezifische Vorstellungen von der Erzeugung von Gedanken, Texten und Diskursen geprägt haben. In diesem Workshop soll es um narrative und poetische Reflexionen solcher Phantasmen der Texterzeugung gehen.
Der produktionsästhetische Diskurs um moderne Literatur ist von Vorstellungen individueller Schöpfungskraft geprägt, die in der Genieästhetik des 18. Jahrhunderts kulminieren und in der bis heute anhaltenden Dominanz von Originalität und Exzeptionalität wirken. Doch setzen diese Vorstellungen ein self-fashioning des Autors voraus, das für vormoderne Texte nicht im gleichen Sinn gegeben ist. Dennoch thematisieren und reflektieren auch frühere Texte ihre eigene Entstehung jenseits von Quellen(fiktion).
Texte weisen narrative Konstellationen auf, die den Ursprung der Erzählungen thematisieren, oder enthalten Bilder ihrer eigenen Erzeugung. Bilder der Inspiration, insbesondere der göttlichen Eingebung, spielen dabei eine bedeutende Rolle; sie erhielten von der Forschung viel Aufmerksamkeit, nicht zuletzt deshalb, weil sich Vorstellungen subjektiver Schöpfung der Moderne daran anschliessen lassen. Daneben gibt es jedoch auch Metaphoriken der Fruchtbarkeit, die keine entsprechende Übersetzung in die Moderne erfahren haben: Bilder einer schöpferischen Eigendynamik und einer kollektiven Erzeugung, die im Kontext einer Produktion ohne Rückbindung an individuelle Autorschaft und kollektiver Rezeption von Texten besonders aufschlussreich sind. Gerade literarische Texte an der Grenze zwischen Vormoderne und Frühneuzeit evozieren Bilder der Fruchtbarkeit für ihre eigene Entstehung.
Texte zum Melusinen-Stoff etwa, die im 16. Jahrhundert eine weite Rezeption erfahren, setzen die Fruchtbarkeit der Hauptfigur narratologisch zentral, indem der monströs-fruchtbare Unterleib zum entscheidenden Handlungsantrieb wird und indem durch die erzeugten Söhne neue Erzählstränge entstehen. In Dichtergesellschaften des 17. Jahrhunderts hingegen ist naturbezogene Fruchtbarkeit eine zentrale poetologische Metapher, die für gesellschaftsstiftende und texterzeugende Produktivität gleichermassen stehen kann. So konträr diese Beispiele sind, sie nutzen dennoch beide Fruchtbarkeit als narrative oder poetische Dynamisierung und weisen zugleich ein überpersonales Verständnis von Texterzeugung auf, durch den Rückgriff auf tradierte Stoffe einerseits und durch ein kollektives Dichterverständnis andererseits.  
Solche Vorstellungen der Textentstehung berühren u. a. folgende Themen- und Metaphernfelder:

Sexuelle Zeugung
Hier wären Texte zu prüfen, die sexuelle Zeugung als Ausgangs- oder Kernpunkt ihrer Erzählungen setzen, und zu fragen, inwiefern sie familiäre, textuelle und kulturelle Ursprungsmomente kurzschliessen.

Mutterschaft / Vaterschaft
So wäre etwa zu fragen, inwieweit (insbesondere problematische) Vater- und Mutterschaften in narrativen und dramatischen Texten nicht nur kausal für die Handlung entscheidend sind, sondern auch die Prekarität von Erzeugen und Erhalten verhandeln, welche Fragen sozialer und literarischer Kontinuität betrifft.

Fortpflanzung
Hier liesse sich beispielsweise untersuchen, inwieweit Metaphoriken von natürlicher Genese – des Wachsens und des Wucherns, des Fortplanzens und Vermehrens – mit der Textualität der Dichtung enggeführt wurden: indem etwa die überbordende Bildlichkeit barocker Texte die Eigendynamik bildlicher Rede als Wuchern inszeniert und reflektiert.

Ausgehend von diesen Bildfeldern ergeben sich text- und kulturtheoretische Fragestellungen, mit denen sich der Workshop beschäftigen möchte. Einige davon lassen sich wie folgt stellen:

  • Sind Bilder der Fruchtbarkeit ein geeigneter Fokus, um das historische Verständnis einer literarischen Erzeugung jenseits subjektiver Schöpfungskraft zu fassen, die gerade vor- und frühmoderne Texte motiviert?
  • Lässt sich anhand der Sprachbildlichkeit nachvollziehen, wie Texte ihre eigene Medialität zum Ausdruck bringen, insbesondere anhand von Zeugungsnarrativen und Metaphoriken der Fruchtbarkeit?
  • In welchem Verhältnis stehen orale und schriftliche Textkulturen zu individueller Autorschaft sowie kollektiver Textproduktion und -rezeption?
  • Sind diese Fruchtbarkeitsmetaphoriken geschlechterspezifisch konnotiert (gendered), sodass eine (männlich-konnotierte) intellektuelle Fruchtbarkeit kategorisch unterschieden wird von einer (weiblich-konnotierten) körperlichen Zeugungskraft?
  • Erfahren Metaphoriken der Fruchtbarkeit in verschiedenen Gattungen eine jeweils spezifische Ausprägung?
  • Wie könnten oder sollten Vorstellungen einer kollektiven Erzeugung von Texten, einer kulturellen Fruchtbarkeit von Erzählung und Dichtung, gerade in einer diskursiv pluralen Gesellschaft Modelle exzeptioneller Individualität erweitern und ergänzen?

Vorgesehen sind kurze Referate (20–30min); der Schwerpunkt soll auf der gemeinsamen Diskussion liegen (30–40min pro Referat). Wir bitten um eine Skizze Ihres Interesses und Vorhabens sowie einen kurzen Lebenslauf bis 30. September 2016 an folgende Adresse: sarina.tschachtli@ds.uzh.ch.

Die Reisekosten sowie die Kosten für die Unterbringung werden übernommen. Die Bestätigungen der Teilnahme werden bis zum 15. Oktober 2016 versandt.

 


Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu