CFP: Außerschulische Aneignungs- und Vermittlungsprozesse von Literatur - Perspektiven für die Literaturdidaktik, Würzburg (15.07.2016)

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Didaktik wird als Vermittlungswissenschaft zuvorderst und häufig ausschließlich mit dem LehrerInnenberuf und der Institution Schule zusammengedacht. Noch um die Jahrtausendwende gilt die außerschulische Literaturvermittlung als eine Leerstelle der literaturdidaktischen Forschung (vgl. z. B. Bogdal 2002). 15 Jahre später sind mit dem Konzept der „Öffentlichen Didaktik“ (Thielking 2009) und einer disziplinären Vermessung des Begriffs „Literaturvermittlung“ (z. B. Neuhaus/Ruf 2011) immerhin programmatische Grundlagen sowohl aus den Reihen der Literaturwissenschaft wie auch der Fachdidaktik Deutsch selbst für eine Auseinandersetzung der Deutschdidaktik mit außerschulischen literarischen Lehr-Lern-Prozessen gelegt. Vereinzelt liegen zudem best-practice-Beispiele vor, wie eine Betätigung der Literaturdidaktik in außerschulischen Vermittlungsfeldern aussehen kann.

Lehr-Lern-Prozesse an, mit und durch Literatur finden in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen statt: Über Literatur wird in Literaturmagazinen berichtet, sie wird in (Literatur-)Museen ausgestellt und ist beispielsweise in Form von Literaturwanderwegen Gegenstand bildungstouristischer Angebote. In Lesezirkeln wird über fremdverfasste, bei Werkstattgesprächen unter AutorInnen über eigene Literatur diskutiert; auf Lesebühnen wird sie aufgeführt bzw. konsumiert, in Schreibworkshops produziert. An ihre VerfasserInnen erinnern im öffentlichen Raum Gedenktafeln und Straßennamen. Wenig ist bislang darüber bekannt, wie Literaturaneignung in diesen Kontexten vonstattengeht, wie sich Aneignungsprozesse in den verschiedenen Lebensphasen voneinander unterscheiden und welche Konsequenzen dies ggfs. für die Modellierung von Literaturvermittlungssituationen hat. Mehrheitlich steht allein der schulische Literaturunterricht als Ort und/oder Institution der Literaturvermittlung im Fokus der Deutschdidaktik. Sigrid Thielking (u. a. 2009) forciert eine Literaturdidaktik als „Literaturlehrforschung“, die neue Zielgruppen jenseits der Dreißig in den Blick nimmt. Für eine Erweiterung plädiert auch Gerhard Rupp, der die Schule als nur ein Vermittlungsfeld der Deutschdidaktik versteht, dem unter anderen das Museum, das Theater und der Natur-/Stadtraum als Vermittlungsfelder gleichgestellt sind (vgl. z. B. Rupp/Abstiens/Reinsch 2011).

Wie ein deutschdidaktisches Engagement in außerschulischen Vermittlungsfeldern im Einzelnen aussehen kann, wurde bislang nicht hinreichend erörtert. Die Tagung setzt hier an und will eine solche Erweiterung der Literaturdidaktik theoretisch-systematisch fundieren sowie begleiten und an Praxisbeispielen den gegenwärtigen Entwicklungsstand aufzeigen. Im Rahmen der Tagung sind dabei Selbstverständnis sowie Gegenstände der Literaturdidaktik und ist die Rolle der Literaturdidaktik in bzw. neben anderen Vermittlungsfeldern zu diskutieren. Folgende Fragen sollten in diesem Zusammenhang vertieft werden, in theoretischer und/oder praxeologischer Perspektive:

  • Welches Selbstverständnis hat eine Literaturdidaktik außerhalb des Formats Fachunterricht?
  • Welche Aufgaben oder Forschungsfragen ergeben sich für eine erweiterte Literaturdidaktik?
  • Wo findet Literaturaneignung und Literaturvermittlung jenseits von Schule (oder anderen Bildungseinrichtungen) statt? Worin unterscheiden sich Literaturaneignungsprozesse (z. B. in der Variable Alter)? An welche Forschung aus anderen Disziplinen kann in diesen Fragen angeknüpft werden?
  • Wie kann eine Zusammenarbeit der Fachdidaktik mit anderen literaturvermittelnden Ak­teurInnen konkret aussehen?
  • Welches Selbstverständnis haben Orte und Institutionen (Schule, Literaturhaus, Theater, Museum usw.) sowie Organisationen (AutorInnenverbände, Stiftungen, Verlage usw.) der Literaturvermittlung in Bezug auf ihre Rolle als Literaturvermittlerin und als auf Literatur bezogene Bildungsinstanz?
  • Inwiefern unterscheiden und ähneln sich die verschiedenen literaturvermittelnden Instanzen in ihren Arbeitsweisen der Literaturvermittlung?
  • Welche Rückwirkung hat zudem eine Erweiterung der Literaturdidaktik um außerschulische literarische Vermittlungsfelder auf das Verhältnis zur Fachwissenschaft? Wie verhalten sich eine entsprechend erweiterte Literaturdidaktik und Literaturpädagogik zueinander?

Vortragsvorschläge im Umfang von ca. 1.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) werden bis spätestens 15.07.2016 als doc(x) oder rtf erbeten an Christine Ott (christine.ott@uni-wuerzburg.de). Bitte machen Sie auch einige kurze Angaben zu Ihrer Person (Funktion, Wirkungsstätte). Die Rückmeldung über die Annahme oder Ablehnung des Vorschlags erfolgt bis Anfang August. Eine Publikation der Beiträge ist für 2017 geplant.

Tagungsort ist Würzburg. Auch ohne Vortrag ist eine Teilnahme an der Tagung möglich (Anmeldung bitte bis 01.10.2016 ebenfalls per E-Mail an Christine Ott).

Im Herbst/Winter 2017 soll die Diskussion um eine Erweiterung der Deutschdidaktik in Bezug auf die Sprachdidaktik fortgesetzt werden.

Literatur: Bogdal, Klaus-Michael (2002): Literaturdidaktik im Spannungsfeld von Literaturwissenschaft, Schule und Bildungs- und Lerntheorien. In: Bogdal, Klaus-Michael/Korte, Hermann (Hrsg.): Grundzüge der Literaturdidaktik. München, S. 9-29; Rupp, Gerhard/Abstiens, Nicole/Reinsch, Maximilian (2011): Outdoordidaktik. In: Neuhaus, Stefan/Ruf, Oliver (Hrsg.): Perspektiven der Literaturvermittlung. Innsbruck, S. 336-348; Thielking, Sigrid (2009): Literaturbezogene Kulturvermittlung – Literaturlehrforschung an der Schnittstelle von Schulunterricht, Lebensspannenkonzept und „Öffentlicher Didaktik“. In: Hochreiter, Susanne u. a. (Hrsg.): Schnittstellen. Aspekte der Literaturlehr- und -lernforschung. Wien/Innsbruck, S. 21-35; Neuhaus, Stefan/Ruf, Oliver (Hrsg.) (2011): Perspektiven der Literaturvermittlung. Innsbruck.

 

 

 


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