CFP: KüstenLANDSCHAFTEN. Grenzen und Selektion – Unterbrechung und Störung. Heiner-Müller-Symposium, Hannover (15.04.2018)

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Till Nitschmann / Florian Vaßen

Veranstalter:  Deutsches Seminar der Leibniz Universität Hannover in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Hannover und der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft

Ort:                   Leibniz Universität Hannover und Staatstheater Hannover

Beginn:           21.03.2019, Donnerstagabend

Ende:               24.03.2019, Sonntagmittag

„Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.“ Nicht nur in Heiner Müllers Die Hamletmaschine, auch in Philoktet, Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten, Bildbeschreibung und Der Auftrag spielen Küste und Landschaft, Reise und Ankunft, Krieg und Zerstörung, Grenzen und Selektion sowie ästhetische Unterbrechung und Störung eine zentrale Rolle. Die Konstellation des Fremden und Anderen bricht in das Eigene und Vertraute ein und macht – trotz Abwehr und Ausgrenzung – das Fremde im Eigenen erfahrbar. Migration und Klimawandel verändern die Landschaften, an den Küsten, den Grenzen und Orten der Selektion, treten ihre Auswirkungen zuerst in Erscheinung. Der Mensch führt Krieg gegen die Landschaft, und die Landschaft führt Krieg gegen den Menschen, Peripherie und Zentrum bekämpfen einander, wie das Andere und das Eigene, die Subjektzentrierungen lösen sich auf in hybriden Identitäten. Heiner Müller schreibt:

„Der Aufstand der Toten wird der Krieg der Landschaften sein, unsre Waffen die Wälder, die Berge, die Meere, die Wüsten der Welt. Ich werde Wald sein, Berg, Meer, Wüste. Ich, das ist Afrika. Ich das ist Asien. Die beiden Amerika bin ich.“

und

„Inzwischen ist der Krieg der Landschaften, die am Verschwinden des Menschen arbeiten, der sie verwüstet hat, keine Metapher mehr. Finstere Zeiten als ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen war. Die Zeiten sind heller geworden, der Schatten geht aus, ein Verbrechen das Schweigen über Bäume.“

Die ‚Ränder‘ der ‚Festung Europa‘ bedrohen das ‚Zentrum‘, ihre Außengrenzen werden gleichzeitig immer stärker zu ‚Küsten der Barbaren‘, die in ‚kannibalischer‘ Art und Weise Menschen ‚fressen‘, wie Heiner Müller 1992 feststellte. Auf die Frage von Alexander Kluge, ob er ein „Prophet“ oder „Landvermesser“ sei, antwortet Heiner Müller 1994, aus Eitelkeit wäre er gern ein Prophet, „das wäre aber ganz falsch. Ich würde, wenn ich ehrlich bin, sagen: Ich bin ein Landvermesser.“ Zurzeit bewahrheitet sich, was Heiner Müller – der Kartograph von Katastrophen-Landschaften und -Zeiten – bereits vor über 20 Jahren durch genaue Beobachtung der Gesellschaft und ihrer politischen Diskurse ‚vermessenʻ hat. Der am 25. September 1992 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Text Die Küste der Barbaren endet folgendermaßen:

„Daß die hilflosen Asylgesetzdebatten der Politik nur, im Sinne der Karl-Kraus-Definition von Sozialdemokratie, um eine Hühneraugenoperation an einem Krebskranken kreisen, ist eine Binsenweisheit. ‚Das Boot ist voll‘ oder wird es so oder so bald sein, und auf der Tagesordnung steht der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein. Und vielleicht ist diese Einsamkeit Hoffnung.“

Gegen die ‚kannibalischen Küsten der Barbarenʻ, also Europas, setzt Müller in seinen Texten ästhetische Unterbrechung und Störung in Form von Wucherung gegen Selektion, Überschreitungen gegen Grenzen, Expansion gegen Globalisierung und Erinnerungen gegen ewige Gegenwart: „… wenn die Chancen vertan sind, beginnt, was Entwurf neuer Welt war, anders neu: als Dialog mit den Toten.“ Heiner Müllers Texte als ‚synthetische Fragmente‘ und als ‚Erinnerung an die Zukunft‘ stehen für eine Ästhetik der Störung, sie unterbrechen die Kontinuität des Bekannten und Alltäglichen. Literatur und Theater dienen ihm dabei als „Sprengsatz“, der das „Kontinuum“ aufsprengt als „die Lücke im Ablauf, das Andre in der Wiederkehr des Gleichen, das Stottern im sprachlosen Text, das Loch in der Ewigkeit, der vielleicht erlösende FEHLER“, sodass „die Wiederkehr des Gleichen als eines Anderen“ eben als „Differenz“ möglich wird.

Themen-Felder

Das Symposium zum 90. Geburtstag des ‚Landvermessers‘ Heiner Müller möchte seine Themen-Felder rund um KüstenLANDSCHAFTEN als performative Grenz-Linien und Orte der Selektion, aber auch als Unterbrechung und Störung des alltäglichen Kontinuums weiter ‚bestellenʻ. Der ‚Dialog mit den Toten‘ darf nicht abreißen, ihre Themen- und Text-Felder dürfen nicht brachliegen, sondern müssen weiter für eine mögliche Zukunft fruchtbar gemacht werden. Dies lehren die Herausforderungen der Gegenwart um globale Migration und die Folgen des Klimawandels als unmittelbar-aktuelles Resultat von Geschichte in eindringlicher Weise. Die Themen-Felder des Symposiums sind dabei selbst Fragmente eines Mosaiks, die gemeinsam an einem Bild von Utopie und Heterotopie arbeiten und damit die ästhetische Konstituierung von SprachLANDSCHAFTEN und poetischen Störungen mit Blick auf eine noch unbekannte Zukunft ermöglichen:

- Krieg der Landschaften und Krieg der Menschen

- Selektion und Auslöschung

- Dezentrierung und Hybridität

- Peripherie und Zentrum

- Grenzüberschreitungen und Schwellenerfahrungen

- Dialog mit den Toten und Ästhetik der Störung

Neben den Vorträgen und Plenarvorträgen beinhaltet das Symposium auch theaterpraktische Schwerpunkte zu Heiner Müller, vor allem zwei Inszenierungen des Staatstheaters Hannover, eine Präsentation des Studiengangs Theater/Darstellendes Spiel und ein Round-Table-Gespräch.

Abstracts von bis zu einer Seite sowie eine Kurzbiographie werden bis zum 15.04.2018 erbeten.

Bitte senden Sie Ihr Abstract per E-Mail an:

till.nitschmann@germanistik.uni-hannover.de

florian.vassen@germanistik.uni-hannover.de

Es ist ein Sammelband „KüstenLANDSCHAFTEN“ mit den Vorträgen des Symposiums geplant.

 

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

Categories: CFP
Keywords: Heiner Müller