CFP: "Der Kritiker kann auch eine Kritikerin sein": Literaturkritikerinnen im deutschsprachigen Raum: Porträts und Perspektiven vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Workshop des Innsbrucker Zeitungsarchivs (28.2.2023)

Veronika Schuchter's picture

In ihrer Überschreibung von Walter Benjamins „13 Thesen des Literaturkritikers“ aus dem Jahr 2011 fügte Daniela Strigl als 14. ‚These‘ noch eine simple Feststellung an: „Der Kritiker kann auch eine Kritikerin sein“ (vgl. Thesen zur Literaturkritik, Neue Rundschau, Jg. 122, Nr. 1, S. 52). Dass es im 21. Jahrhundert noch immer notwendig ist, dies zu betonen, zielt in den Kern eines Problemfeldes, das in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus sowohl der Publizistik als auch der Forschung genommen worden ist und bis heute nicht an Brisanz verloren hat: Literaturkritik wurde und wird dominant als „Männlichkeitsdiskurs“ geführt (vgl. Veronika Schuchter: Adam und Eva der Literaturkritik. In: Das Geschlecht der Kritik. Hrsg. von Peter C. Pohl und Veronika Schuchter. München 2021, S. 46–64). Dies schließt ihre Historiographie mit ein: In den bisherigen Versuchen, die Geschichte der Literaturkritik im deutschsprachigen Raum zu schreiben, kommen Kritikerinnen kaum vor, von einschlägigen Textsammlungen und Anthologien zur Literaturkritik ganz zu schweigen (vgl. exemplarisch Deutsche Literaturkritik. Hrsg. von Hans Mayer. Frankfurt/Main 1978). Bestenfalls werden Akteurinnen wie Luise Adelgunde Gottsched, Therese Huber oder Dorothea Schlegel kursorisch genannt. Andere, in ihrer Zeit durchaus präsente Kritikerinnen werden dagegen notorisch unterschlagen, mögen sie Marie Herzfeld oder Laura Marholm, Sophie Görres, Margarete Susman, Frida Strindberg-Uhl oder Karena Niehoff heißen; ihre Texte werden kaum (noch) wahr- und ernstgenommen. In einem überwiegend journalistisch positionierten Praxiszusammenhang wie dem Rezensionsbetrieb, der als solcher kaum einen nennenswerten Kanon an Texten mit Werkcharakter ausbildet und allenfalls einzelne (männliche) Protagonisten als ‚Meister‘ ihres Faches oder zumindest als Prominente verbucht, deren Erfolge in der zeitgenössischen Aufmerksamkeitsökonomie auch noch posthume Wirksamkeit entfalten, ist der Status von Kritikerinnen mithin doppelt prekär. Erhard Schütz’ im weiteren Kontext der Feuilletonforschung getroffener Befund, „dass die wenigen Frauen noch immer nicht hinreichend beforscht werden“, trifft auch auf das Subfeld der Literaturkritik zu (vgl. Schütz: Unterm Strich. Über Grenzverläufe des klassischen Feuilletons. In: Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur. Hrsg. von Hildegard Kernmayer und Simone Jung. Bielefeld 2017, S. 34).

„Die Kritikerin ist von vornherein die personifizierte Gegenöffentlichkeit“, hielt Sigrid Löffler 1995 fest und beschreibt in diesem Satz die Stellung der Kritikerin als diskursive Opposition, allein durch ihr biologisches Geschlecht (vgl. Löffler: Kritiken, Portraits, Glossen. Wien: Deuticke 1995, S. 8). Diese pointierte Formulierung, die gerade von einer der renommiertesten Literaturkritikerinnen im deutschsprachigen Raum stammt, gründet auf ihren persönlichen Erfahrungen im Literaturbetrieb. Die Literaturkritik, so wird in dem kurzen historischen Abriss deutlich, ist ein beständig wachsender Machtdiskurs, dessen Regeln über drei Jahrhunderte von Männern bestimmt wurden. Was passiert nun, wenn Frauen beginnen, in diesem Diskurs eine aktive Rolle einzunehmen? Welchen Einfluss hat dieser Eintritt auf die Wertungskriterien, auf die Auswahl der besprochenen Bücher und auf den Kanon?

Ausgehend von diesen Fragen und Beobachtungen, möchte der für November 2023 geplante Workshop des Innsbrucker Zeitungsarchivs (IZA) mit der Fokussierung auf Leben und Schreiben von Literaturkritikerinnen im deutschsprachigen Raum zur Behebung eines Desiderats beitragen, indem er idealiter ein exemplarisches Ensemble literaturkritischer Stimmen von Frauen aus Geschichte und Gegenwart sichtbar und hörbar macht. Dazu suchen wir Beiträge, die sich mit einzelnen Kritikerinnen und ihren jeweiligen Positionen und Positionierungen im literarischen Feld ihrer Zeit beschäftigen, wobei der zeitliche Rahmen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart reicht. Erwünscht sind v. a. Einzelporträts, die selbstverständlich Raum für weitere Kontextualisierungen und Fragestellungen bieten. So ließe sich etwa am Beispiel einzelner Akteurinnen fragen nach

  • den konkreten Produktionsbedingungen für Frauen in bestimmten literaturkritischen Medien, medialen Formaten und Redaktionszusammenhängen;
  • nach den spezifischen Räumen, Limitierungen oder auch Festlegungen, die bestimmte institutionalisierte Rezensionskulturen (etwa im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, des Fachjournalismus oder des Bibliothekswesens) bieten;
  • nach bestimmten Milieus, Gruppierungen oder Bewegungen innerhalb wie außerhalb des literarischen Feldes, die die Tätigkeit von Kritikerinnen begünstigen oder erschweren
  • dem Wertungsverhalten exemplarischer Kritikerinnen und dem Umgang mit männlich geprägten Wertungssystemen
  • ihrer Selbstpositionierung und -inszenierung und der Referenz auf das eigene Geschlecht
  • der medialen Darstellung von Kritikerinnen …

Wir bitten um Zusendung von Themenvorschlägen für 30-minütige Vorträge im Umfang von ca. 500 Wörtern + Kurzbiographie bis zum 28.2.2023 an:

Veronika.Schuchter@uibk.ac.at und Michael.Pilz@uibk.ac.at

Der Workshop ist für 23./24.11.2023 in Innsbruck geplant. Die Übernahme der Reise- und Übernachtungskosten ist vorgesehen.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu