CFP: Workshop: Autosoziobiografie und Bourdieu, Wien (15.04.2023)

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Workshop: Autosoziobiografie und Bourdieu, Wien (2.–3.11.2023)

Im Dezember 2022 ist Annie Ernaux für ihr autosoziobiografisches Œuvre der Literaturnobelpreis verliehen worden. Eine Konsekration mit der höchsten internationalen Auszeichnung wäre im deutschsprachigen Raum vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen, hatte man die französische Schriftstellerin hier doch erst seit der Übersetzung von Didier Eribons Retour à Reims auf dem Radar. Die Autosoziobiografie ist in jüngerer Zeit zu einer globalen Gattungsbezeichnung avanciert. Den damit nominierten Texten ist gemein, dass sie die individuelle Biografie mit einer Sozioanalyse verknüpfen und dabei den sozialen Aufstieg durch Bildung zu ihrem Erzählgegenstand machen. In ihrer Thematisierung von sozialer Reproduktion – die eigenen Bildungsaufstiege werden nicht als individuelle Erfolge, sondern als Bestätigung der Regel dargestellt – stehen jene Texte in engem Zusammenhang mit der Bourdieu’schen Soziologie. So bezeichnet etwa Ernaux die Lektüre von Les héritiers als „un choc ontologique violent“ (Ernaux 2002, dt.: „ein heftiger ontologischer Schock“). Auch in der Rezeption spielt Bourdieu eine wichtige Rolle, etwa wenn eine befragte Französischlehrerin in einer Studie von Isabelle Charpentier pointiert herausstellt: „Annie Ernaux, c’est Bourdieu en roman“ (Ernaux 2005: 172, dt.: „Annie Ernaux, das ist Bourdieu als Roman“). Eribon und Édouard Louis betonen ihrerseits – ob in ihren Texten oder bei öffentlichen Auftritten – mehrfach ihre starke Bezogenheit auf Bourdieu, den Eva Blome als „soziologischen Patriarchen“ (Blome 2020: 563) dieser drei Autosoziobiografen bezeichnet.

Der geplante Workshop des Netzwerks „Bourdieu in den Geisteswissenschaften“ (BiG) soll den Einfluss Bourdieus auf das autosoziobiografische Genre nachzeichnen und vor allem eine literarsoziologische Bestandsaufnahme dieser Gattung im deutschsprachigen Raum vornehmen. Gefragt wird ebenso nach den methodischen Konsequenzen, die sich sowohl aus den intertextuellen als auch aus den literaturwissenschaftlichen Bezugnahmen auf Bourdieus Studien, zum Beispiel Les héritiers, La distinction, Méditations pascaliennes oder Esquisse pour une auto-analyse, ergeben. Statt den bislang vor allem namentlich und thematisch beobachteten Bourdieu-Bezügen des Genres oder dem zu kurz greifenden Umgang mit zentralen Analysekategorien (Kapital, Habitus oder Feld) soll es darum gehen, die Reich- und Tragweite der Verbindung zwischen Bourdieu und Autosoziobiografie zu untersuchen. Neben literaturwissenschaftlichen Beiträgen sind mit Blick auf die Bedeutung von Sprache ausdrücklich auch linguistische Perspektivierungen auf das Thema gewünscht. Mögliche Themen für Beitragsvorschläge, welche den Gegenstandsbereich der Autosoziobiografie erkunden, könnten daher sein:

  • Deutschsprachige Autosoziobiografien und/oder die Rezeption der entsprechenden französischen Debatte in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Die Rolle der Sprache bei der Konstruktion autosoziobiografischer Erzählungen.
  • Die Beziehung zwischen Sprache, Kultur und Gesellschaft in autosoziobiografischen Werken.
  • Autosoziobiografien avant la lettre bzw. historische Vorläufer der Gattung.

Für die Teilnahme mit einem Vortrag (ca. 20 Minuten) bitten wir bis zum 15. April 2023 um die Einsendung von Abstracts (max. 250 Wörter) einschließlich Titel, Kurzbiografie und institutioneller Verankerung an fabienne.steeger@germanistik.uni-muenchen.de.

Lydia Rammerstorfer, Fabienne Steeger, Haimo Stiemer und Norbert Christian Wolf für das Netzwerk „Bourdieu in den Geisteswissenschaften“ (BiG)


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu