CFP: Kafkas Kinder. Workshop für Nachwuchswissenschaftler:innen (Deutsche Kafka Gesellschaft), Leipzig/Online (31.05.2023)

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CFP: Kafkas Kinder

 

Workshop für Nachwuchswissenschaftler:innen

Deutsche Kafka Gesellschaft

Leipzig / Online 26.09.2023

Organisation: Prof. Dr. Dirk Oschmann (Leipzig), Eva Haude (Leipzig)

 

 

Kafkas Kinder

 

„Das unendliche tiefe warme erlösende Glück neben dem Korb seines Kindes zu sitzen der Mutter gegenüber. Es ist auch etwas darin von dem Gefühl: es kommt nicht mehr auf Dich an, es sei denn daß Du es willst. Dagegen das Gefühl des Kinderlosen: immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick bis zum Ende, jeden nervenzerrenden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis. Sisyphus war ein Junggeselle.“ (Tagebücher, 881)

 

Dass Kafka bis zu seinem Tod kinderlos und der prototypische „Junggeselle der Weltliteratur“ blieb (Reiner Stach), mag neben seinem Verständnis als „ewiger Sohn“ (Peter-André Alt) der wirkmächtigste Topos biographiebasierter Kafka-Forschung sein. Wenn der Workshop sich auf die Suche nach „Kafkas Kindern“ macht, ist damit aber nicht in erster Linie diese Leerstelle des Kafkaschen Familienstammbaumes gemeint (die immerhin in zahllosen Zeilen der Briefe und Tagebücher zur Entfaltung gelangt). Vielmehr möchte der Workshop die Kinder in den Blick nehmen, die in den Texten Kafkas tatsächlich anwesend sind.

 

Ob im Laufschritt auf der Landstraße, im Publikum der Hinrichtungen in der Strafkolonie und der Darbietungen des Hungerkünstlers, in der Dorfschulklasse des Schloß-Romans, im Haus des Malers Titorelli im Proceß – Kinder bevölkern die Kafkasche Erzählwelt. Kaum einer der längeren Texte kommt ganz ohne sie aus und wo keine Kinder zum Personal der Erzählung gehören, kommen immer wieder infantile Züge an anderen Figuren zum Vorschein. Das Volk der Mäuse schließlich, dem die gleichnamige Erzählung zuschreibt, keine Kindheit zu kennen, wird im Ganzen als seinem Wesen nach kindlich charakterisiert:

 

„Eine gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit durchdringt unser Volk; im geraden Widerspruch zu unserem Besten, dem untrüglichen praktischen Verstande, handeln wir manchmal ganz und gar töricht, und zwar eben in der Art, wie Kinder töricht handeln, sinnlos, verschwenderisch, großzügig, leichtsinnig und dies alles oft einem kleinen Spaß zuliebe. Und wenn unsere Freude darüber natürlich nicht mehr die volle Kraft der Kinderfreude haben kann, etwas von dieser lebt darin noch gewiß.“ (Drucke zu Lebzeiten, 364)

 

Kinderfreude, Leichtsinnigkeit, Großzügigkeit, Sinnleere, Törichtheit – dies sind nur einige Attribute, die der Kindheit in Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse zugeschrieben werden. Kinder sind demnach anders. Ihrem Verhalten liegen andere Regeln zu Grunde, ihr Handeln richtet sich auf andere Ziele. Und schließlich repräsentieren sie andere zeitliche Zusammenhänge. In den Kindheitserinnerungen, die immer wieder von verschiedenen Figuren aufgerufen werden, treten sie als verkörperte Vorstellung vergangener Zeiten auf, in ihrer unmittelbaren Präsenz verweisen sie auf die Zukunft, wenn der „Glanz ihrer forschenden Augen“ manches Mal – wie hier im Hungerkünstler – „etwas von neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten“ verrät.

Der Workshop soll sich dem Komplex des Kindlichen im Werk Kafkas annähern und dazu z.B. folgende Gegenstände in den Blick nehmen:

  • Kinderfiguren und kindliche Figuren in den Erzähltexten
  • Kindheitserinnerungen innerhalb der Erzähltexte bzw. innerhalb der biographischen Texte
  • Kindliche Gestaltungselemente der Texte
  • Kinderhumor
  • Diskurse über Kindheit und Pädagogik (Rousseauismus, Lebensreformbewegungen etc.)

Wir erbitten bis zum 31.05.2023 Kurzexposés im Umfang von ca. einer Seite mit Beitragsvorschlägen für Vorträge zu jeweils 25 Minuten sowie außerdem ein tabellarisches CV. Über die Annahme des Vorschlags werden wir zum 30.06.2023 informieren. Der Workshop richtet sich vor allem an Doktorand:innen und Masterstudierende. Er bildet den Auftakt der neu ins Leben gerufenen Serie von Nachwuchsworkshops der Deutschen Kafka Gesellschaft und findet als Hybridveranstaltung in Leipzig und online über die Plattform Zoom statt. Workshopsprachen sind Deutsch und Englisch.

Kurzexposés und CVs bitte an: dirk.oschmann@uni-leipzig.de und haude@studserv.uni-leipzig.de

 

 

Kafka‘s Children

 

„Das unendliche tiefe warme erlösende Glück neben dem Korb seines Kindes zu sitzen der Mutter gegenüber. Es ist auch etwas darin von dem Gefühl: es kommt nicht mehr auf Dich an, es sei denn daß Du es willst. Dagegen das Gefühl des Kinderlosen: immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick bis zum Ende, jeden nervenzerrenden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis. Sisyphus war ein Junggeselle.“ (Tagebücher, 881)

Along with his understanding as an "eternal son" (Peter-André Alt), the fact that Kafka remained childless until his death and the prototypical "bachelor of world literature" (Reiner Stach) may be the most powerful topos of biography-based Kafka research. When the workshop sets out in search of "Kafka's children," however, it does not primarily refer to this blank space in the Kafka family tree (which, after all, is unfolded in countless lines of the letters and diaries). Rather, the workshop aims to focus on the children who are actually present in Kafka's texts.

Whether On the Country Road, in the audience of the executions In the Penal Colony and the performances of the Hunger Artist, in the village school class of the Castle novel, in the house of the painter Titorelli in The Trial - children populate Kafka's narrative world. Hardly any of the longer texts does without them – yet, if a text does, infantile traits in adult characters may appear. Finally, The People of the Mice, to whom the story of the same title ascribes the absence of childhood, are characterized as childlike in their nature:

„Eine gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit durchdringt unser Volk; im geraden Widerspruch zu unserem Besten, dem untrüglichen praktischen Verstande, handeln wir manchmal ganz und gar töricht, und zwar eben in der Art, wie Kinder töricht handeln, sinnlos, verschwenderisch, großzügig, leichtsinnig und dies alles oft einem kleinen Spaß zuliebe. Und wenn unsere Freude darüber natürlich nicht mehr die volle Kraft der Kinderfreude haben kann, etwas von dieser lebt darin noch gewiß.“ (Drucke zu Lebzeiten, 364)

Childlike joy, imprudence, generosity, foolishness - these are just some of the attributes assigned to childhood in Josefine, the Singer or the People of the Mice. Accordingly, children are different. Their behavior is based on other rules, their actions are directed towards other goals. And finally, they represent other temporal contexts. In the childhood memories, which are recalled by various characters, they appear as embodied images of past times; in their immediate presence, they point to the future, when the "gleam of their inquiring eyes" foreshadows - as in the Hunger Artist - "something of new, coming, more gracious times".

The workshop will approach the complex of children and the childlike in Kafka's work and is not limited to addressing, but might consider, any of the following aspects:

  • Children and childlike characters in the narrative texts
  • Childhood memories within the narrative / biographical texts
  • Childlike elements of the texts
  • Childlike humor
  • Discourses on childhood and pedagogy (Rousseauism, life reform movements, etc.)

We invite short abstracts of approximately one page with proposed contributions for lectures of 25 minutes each, as well as a tabular CV, by May 31, 2023. We will inform about the acceptance of the proposal by June 30, 2023. The workshop is primarily aimed at doctoral and master's students. It is the first in a new series of workshops for young researchers initiated by the German Kafka Society and will take place as a hybrid event in Leipzig and online via Zoom. Workshop languages are German and English.

Please send short abstracts and CVs to dirk.oschmann@uni-leipzig.de and haude@studserv.uni-leipzig.de

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Lukas Büsse] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu