CFP: kon-paper No. 10 zum Thema ›Raum‹ (25.01.2023)

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Das interdisziplinäre Literatur- und Kulturmagazin [kon]-paper schreibt seit 2015 mit jeder Ausgabe ein Wort aus, dem sich Feuilleton- und Essaybeiträge sowie Gedichte, kurze Prosa und szenische Texte widmen. Das Thema der zehnten Ausgabe, die voraussichtlich im Oktober 2023 erscheinen wird, ist ebenso aktuell wie interdisziplinär: ›Raum‹ durchzieht alle Disziplinen, ist ebenso physikalische wie ökonomische und soziale Kategorie. Raum (ist) begrenzt, trennt Innen und Außen, hat Schwellen und Peripherien, ist privat oder öffentlich, gekerbt oder glatt – er kann imaginiert sein, er dehnt sich aus, wird eingenommen, geöffnet oder geschlossen. Seit der Humangeograph Edward Soja in den 1980er Jahren den ›Spatial Turn‹ begründete, wird Raum nicht mehr als Starres, Unbelebtes, uns Umgebendes gedacht. Von der schlichten Bühne, dem neutralen Container von Theorien und Handlungen wurde der Raum als solcher zur:m Protagonistïn: Dabei ist es Zeit, wieder über Konzepte von Raum nachzudenken, seine sozialen und ökonomischen Komponenten zu reevaluieren und aktuelle gesellschaftliche Veränderungen weltweit zu betrachten. Zeigen Denkerïnnen der Gender- oder Postcolonialstudies ebenso wie die der Umweltforschung, wie stark das Konzept Raum aufgrund der in- und exkludierenden Grundstrukturen mit Herrschaftsfragen verknüpft ist – heißt es nun, den Raum intersektional neu zu betrachten: Wo werden zum Beispiel in aktuellen Romanen, in Utopien oder Dystopien, Zukunftsvisionen imaginiert, die mit den dichotomen Vorstellungen von Raum brechen? Welche (historischen) Räume lassen den Status marginalisierter Gruppen sichtbar werden? Wo finden sich bereits in der Geschichte kleine oder große revolutionäre Momente, in denen Freiräume erkämpft wurden – sei es durch die Einnahme von Sitzplätzen oder die der Produktionsstätten durch Arbeiterïnnen? 

 

Dass ein Denken des Raums außerhalb von Innen und Außen möglich ist, haben nicht nur Gérard Genette (1987) in Seuils oder Juliane Vogel in Aus dem Grund (2018) gezeigt, wenn hier Raum ausgehend von der Schwelle gedacht wird – von der Textgrenze oder dem Auftritt im Bühnenraum –, sondern auch Homi Bhabha, der 1994 mit dem ›Third Space‹ über geografische Hybridität nachdenkt. Zudem zeigen Beispiele wie die Kritik am Berliner Humboldt Forum oder dem British Museum in London, dass einerseits Institutionen wie Museen, Konzerthäuser, Bibliotheken und Theater immer wieder in ihrer vermeintlichen Neutralität als Orte des Ausschlusses hinterfragt werden. Zum anderen sind es die Werke der Kunstschaffenden selbst, in denen das Thema ›Raum‹ zu Kritik an Politik und Gesellschaft wird. Hier verbinden sich erneut Raum und Bühne: Was wird (wie) gezeigt, was verborgen? Wer hat Zugang, wem wird die Teilhabe verwehrt? Sprach- und literaturwissenschaftliche Beiträge zum, gegen und über den Raum als Phänomen und Politikum, als Chance und Einladung sind ebenso willkommen, wie historische, geographische, philosophische oder sozial- und kulturwissenschaftliche Analysen des Raums.

 

Denkbare Themenkomplexe sind:

• KUNSTRÄUME:

Analysen imaginierter Räume in Literatur, Theater, Computerspielen oder Kunst – etwa zu Virginia Woolfs A Room of One’s Own (1929), James Baldwins Giovanni’s Room (1956) oder Rachel Whitereads Shoah-Mahnmal in Wien (2000). Ebenso sind kritische oder explorative Beiträge zu allgemeinen oder konkreten (Kultur-)Räumen und Institutionen wie ethnologische Museen, der Gestaltung szenischer Räume oder der Ballroom-Szene in New York der 1980er möglich.

• RAUM UND GESCHLECHT:

Wie und wo ist Raum geschlechtlich konnotiert? Analysen sprachlicher Verknüpfungen wie Freuds Raummetapher für den weiblichen Körper, Haus-frauen oder Frauen-zimmern sind ebenso willkommen, wie Überlegungen zu (non-)binären geschlechtsspezifischen Raumerfahrungen, etwa in Form von feministischen Dekonstruktionen eines privat/weiblichen und öffentlich/männlichen Raums – ebenso, wie solche zu Kreißsälen, Menstruationshütten oder gläsernen Decken.

• GEWALT UND RAUM:

Raum wird und wurde instrumentalisiert, um gewaltsam Hierarchien herzustellen und Grenzen zu setzen: In der Verschränkung von Sozialdarwinismus und Geographie im kolonialistischen ›Raumwillen‹, in Arbeits- und Konzentrationslagern bis hin zu Gefängnissen und Gerichtssälen. Doch Aggression und Unterdrückung erzeugen Widerstand – auch im Raum: Hörsäle, Straßen und Sitzplätze in Bussen werden besetzt, Raum zurückgewonnen und Safe Spaces geschaffen.

• THEORIERÄUME:

Seien es theoretische Reflexionen zum Raum selbst durch Denkerïnnen wie Michel Foucault, Henri Lefebvre, Homi Bhabha, Amy Allen oder Ann Laura Stoler, die seit dem ›Spatial Turn‹ das Konzept Raum neu verhandelt und vermessen haben. Oder aber imaginäre Orte möglicher Zukünfte – als οὐτόπος, Nicht-Orte oder Dystopien, von Edwin Abbott Flatland (1884) über Jean-Luc Godards Alphaville (1965) und Jayna Browns Black Utopias (2021) hin zu Climate-Fiction wie Yoko Tawadas Sendbo-o-te (2019).

• VERMESSENER RAUM:

Pflanzen und (nicht-)menschliche Tiere orientieren sich permanent im Raum – nach der Sonne, mit dem Vestibularapparat, mit Kompass, Blindenstock oder Google Maps. Mit Techniken, den Raum zu begreifen, ihn zu rekonstruieren und sich anzueignen, von Kartographie, Zentralperspektive, Schall und Computertomographie hin zu GPS, ›What3Words‹ und ›Forensic Architecture‹.

• ARCHITEKTONISCHER RAUM:

Wie werden Häuser und Städte geplant, um bestimmte Bewegungen zu ermöglichen und andere auszuschließen? Wie begegnen sich ›Stadt-‹ und ›Naturraum‹? Räume werden angepasst, um Inklusion, Umweltschutz oder Teilhabe zu ermöglichen bzw. zu verhindern, beispielsweise durch Brücken, Aufzüge, Rolltreppen, Naturschutzgebiete, Reservate oder ›Hostile Architectures‹.

• UNENDLICHE WEITEN:

Wenn die klaren Grenzen von Raum zerfallen, öffnen sich multidimensionale Räume. Man bewegt sich mit Raumschiffen, Tabs und Torrents oder U-Booten durch sie – OpenWorld Computerspiele, Utopien, das Darknet und der Cyberspace bieten Raum für (technische) Revolutionen und Zukunftsvisionen.

 

[kon] richtet sich an junge Geisteswissenschaftlerïnnen und Schreibende aus anderen Kontexten. Wir begrüßen Ideen und Beiträge, die sich sowohl inhaltlich als auch in der Form über das ganze Spektrum der Disziplinen verteilen. Willkommen sind alle Texte, die sensibel für die politische Dimension des Schreibens und Lebens sind und insbesondere solche, die die eurozentristische Perspektiven auf das Thema ›Raum‹ erweitern. Hierbei sind auch fremdsprachige Texte willkommen, solange deren Übersetzung – entweder ins Deutsche oder ins Englische – gewährleistet werden kann. Abstracts von max. 300 Wörtern für Essay- und Feuilletonbeiträge sowie vollständige Beiträge für das Ressort Wortkunst erbitten wir – zusammen mit einer Kurzbiografie und einer Literaturauswahl – bis zum 25.01.2023. Die Auswahl erfolgt bis Ende Februar 2023. Die fertiggestellten Essay- und Feuilleton-Beiträge mit entweder max. 11.000 oder max. 20.000 Zeichen sollen bis Ende Mai 2023 vorliegen. Die Festlegung der genauen Zeichenzahl erfolgt gemeinsam mit den Ressortleiterïnnen. Es besteht weiterhin die Möglichkeit kurzer Glossen für das Feuilleton und bebilderter Beiträge für unsere Webseite. Das Magazin erscheint voraussichtlich im Oktober 2023.

 

KONTAKT:

Laura Lo Conte und Coraly von Welser, Ressortleiterinnen Essay

essay@kon-paper.com

 

Felix Lindner und Johannes Spengler, Ressortleiter Feuilleton

feuilleton@kon-paper.com

 

Fabian Widerna, Ressortleiter Wortkunst

wortkunst@kon-paper.com

 

Pia Kristin Lobodzinski, Chefredakteurin

info@kon-paper.com

 

Alle weiteren Informationen für Schreibende, zum Heft selbst und den verschiedenen Ressorts finden sich auf https://kon-paper.com/.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu