CFP: Der Nobelpreis für Literatur und PEN, München (15.02.2023)

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Der Nobelpreis für Literatur und PEN
Workshop, 29./30. Juni 2023 
Ludwig-Maximilians-Universität München

Organisation: Jørgen Sneis, Sven Hanuschek


Als der Nobelpreis für Literatur zum zweiten Mal vergeben werden sollte, im Jahr 1902, wurde Herbert Spencer von 49 Mitgliedern der Society of Authors nominiert. Die britische Schriftstellergewerkschaft hatte ein eigenes Nobelpreiskomitee gegründet und versuchte nun Jahr für Jahr durch koordinierte Sammelnominationen ihrem Wunschkandidaten den Nobelpreis zu sichern. Die Nominationen der Society of Authors waren letztlich nicht besonders erfolgreich, aber liefern ein frühes und eindrückliches Beispiel für die Symbiose von Schriftstellervereinigungen und Preiswesen: Der Nobelpreis wurde nicht lediglich aus der Distanz beobachtet, sondern schlug sich im Selbstverständnis der Society sowie in deren Organisation und institutionellen Praktiken nieder, durchaus mit der Ambition, auf den Preis einzuwirken.

Im Mittelpunkt des Workshops steht das bislang wenig erforschte Verhältnis von Schriftstellerverbänden und Literaturpreisen, am Beispiel des PEN-Clubs und des Nobelpreises. Der 1921 gegründete PEN-Club und der Nobelpreis haben nicht nur eine ähnlich lange Geschichte, sie konvergieren auch in zweierlei Hinsicht: Zum einen verbindet den Club mit dem Preis eine dezidiert internationale und gleichsam humanitäre Ausrichtung. Literatur, so die PEN-Charta, kenne „keine Landesgrenzen“ und müsse „eine allen Menschen gemeinsame Währung bleiben“; und die aus allen Ecken der Welt stammenden Mitglieder „verpflichten sich, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhass und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken“. In vergleichbarer Weise hatte Alfred Nobel in seinem Testament verordnet, dass seine Preise an Personen zu vergeben sind, die „der Menschheit […] die größten Dienste geleistet haben“, und zwar „ohne irgendwelche nationalen Rücksichten“. Zum anderen lassen sich auch durchaus handfeste persönliche und institutionelle Verbindungen zwischen PEN und dem Nobelpreis beobachten. So erhielt beispielsweise der erste Präsident von PEN International, John Galsworthy, während seiner Amtszeit den Nobelpreis. Dasselbe gilt für Heinrich Böll, der von 1971 bis 1974 das Amt innehatte. Ferner nehmen die PEN-Zentren seit langer Zeit, wie einst schon die britische Society of Authors, ihr Nominationsrecht für den Literaturnobelpreis fleißig in Anspruch. Allein im Jahr 1950 etwa kamen 14 der insgesamt 54 Nominierungen von PEN-Zentren. Von keiner anderen Institution kamen mehr als zwei. Welche Gründe könnte es für diese auffällige Häufung geben?

Ziel des Workshops ist es, die Spielarten der Liaison zwischen PEN und dem Nobelpreis zu beleuchten. Welche Modi der wechselseitigen Beobachtung, welche Arten der Interaktion hat es gegeben? Standen diese im Zeichen der Konkurrenz und Kollision oder vielmehr im Zeichen wechselseitiger Anregung? Welche Vorstellungen von Wert und Funktion der Literatur, welche damit verbundenen Diskurse und Praktiken haben dem PEN-Club und dem Literaturnobelpreis zu ihrem herausragenden Stellenwert verholfen bzw. ihre Legitimität auf Dauer gestellt? Und inwieweit haben PEN und Nobelpreis ihrerseits solche Vorstellungen, Diskurse und Praktiken mitgeformt oder gar hervorgebracht? Hat sich die Ausstrahlungskraft des PEN in Abhängigkeit von der Ausstrahlungskraft des Nobelpreises entwickelt? Oder auch umgekehrt? Welche Rolle spielt die Internationalität von Schriftstellerverband und Literaturpreis in lokalen Kontexten? Fragen wie diese machen deutlich, dass am Verhältnis zwischen dem PEN-Club und dem Literaturnobelpreis nicht weniger als die Logik und Struktur des (internationalen) literarischen Feldes in den Blick gerät.

Der Workshop findet im Philologicum der LMU München statt. Vorgesehen sind Vorträge von ca. 25–30 Minuten und viel Zeit für Diskussion. Reisekosten werden rückerstattet, Übernachtungskosten übernommen.

Bitte senden Sie Ihr Abstract (max. 300 Wörter) bis zum 15.02.2023 an Jørgen Sneis (J.Sneis@lmu.de) und Sven Hanuschek (sven.hanuschek@lmu.de).


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu