CFP: Jahrestagung »Paratexte des Populären«, SFB 1472, Siegen (15.02.2023)

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Konferenz des Sonderforschungsbereichs »Transformationen des Populären« (SFB 1472), Universität Siegen, 4.–6. Oktober 2023 – [English version below]

 

Paratexte geben Texten und mit ihnen vergleichbaren kulturellen Produktionen eine für ihre Rezeption, Produktion und Zirkulation, kurz: für ihre Kommunikation unabdingbare Kontur. Das macht sie für die Frage nach den Transformationen des Populären interessant. Bereits Gérard Genette hatte darauf hingewiesen, dass Paratextualität zusammen mit der Medienevolution variiert und neue Formen etabliert. Die Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte hat diesen Hinweis insofern aufgenommen, als sie das Konzept erfolgreich auf den Kinofilm, auch auf den Fernsehflow hin bezogen und angepasst hat. In vielfältigen Ansätzen wird überdies inzwischen erprobt, prägnante Phänomene der digitalen Ära mit paratexttheoretischen Begriffen zu erfassen: Games, Posts und Threads in verschiedenen Umgebungen, Hypertexte aller Art. War Genettes initialer theoretischer Einsatz fast ausschließlich vom Werk-als-Buch-Paradigma bestimmt und entsprechend autorzentriert, so kommen mit medienhistorischer Differenzierung zunehmend alternative Bezugsgrößen in den Blick. Parallel dazu wird auch in der Literatur- und nicht zuletzt in der Editionswissenschaft versucht, im Hinblick auf Zeitungen und Zeitschriften, Briefe und Miszellaneen die jeweils gegebene Text-Paratext-Relation begrifflich neu zu fassen. Zwischenzeitlich sind vor allem Untersuchungen epitextueller Phänomene dazu übergegangen, ihrem Gegenstand Textstatus zuzuschreiben, das heißt ihn auf Paratexte zweiter Ordnung hin zu analysieren. Im Zuge solcher Forschungstendenzen löst sich die in der ursprünglichen Konzeption scheinbar ohne weiteres vorausgesetzte Differenz von Text und Paratext in eine relational komplexe paratextuelle Architektur hinein auf – womöglich bis hin zur Inversion der Unterscheidung.

 

Entgegen einem Begriffsverständnis, das Paratexte als umstandslos, das heißt unbeschadet des von ihnen eingefassten Textes ablösbare Randstücke auffasst, empfiehlt es sich, sie als Parerga im Sinne Jacques Derridas ernstzunehmen. Als solche bleiben sie weder in der peri- noch in der epitextuellen Dimension den von ihnen gerahmten Texten gegenüber äußerlich. Stattdessen sind sie ihnen eventuell bis in ihre materiale Faktur hinein eingewoben. Wenigstens der Möglichkeit nach prägt also der heteronome paratextuelle Hilfsdiskurs die autonome Gestalt des Textes ebenso mit wie vice versa. Kurz: selbst wenn sie die Form von Verpackungen oder Umschlägen annehmen, wirken Paratexte doch im Innern des Verpackten. Mögen viele Paratexte wesentliche Funktionen in Strategien und Taktiken des Marketings erfüllen, gehen sie darin doch so wenig auf, dass es sich zu fragen lohnt, ob ihnen im Verhältnis zu ihrem Text nicht die Rolle von Teilen im Verhältnis zum Ganzen zukommt. Das allerdings ist eine Frage, für die es keine Passepartout-Antwort gibt. War es Genettes strukturalistischer Ehrgeiz, eine Art allgemeine Grammatik des Paratexts zu entwerfen, so hat er doch der historisch-hermeneutischen Analyse einzelner paratextueller Erscheinungen das letzte Wort eingeräumt. Auch kritisch-prüfende, seinen Ansatz modifizierende Forschungen tun bis auf weiteres gut daran, ihm hierin zu folgen.

 

Paratexte unterhalten besondere Beziehungen zu Phänomenen des Populären. Denn in der Zone der Paratextualität wird ausgehandelt, wie Texte oder andere Artefakte in der Öffentlichkeit erscheinen, aufgenommen werden, zirkulieren. Paratexte konturieren also deren Profil parergonal auch nach außen hin. Bereits die frühneuzeitliche Kritik einer »Marktschreyerey der Gelehrten« und noch die in der digitalmedialen Gegenwart fällige Beanstandung von »Clickbaiting« machen klar, dass es sich hierbei um ein spannungsvolles Verhältnis handeln kann. Andere paratextuelle Formen allerdings rechtfertigen es geradezu, von Paratexten der Popularität zu sprechen. Diese bedienen sich einerseits der mitunter bis ins Drastische prägnanten Signifikanten der populären Kultur und versuchen andererseits selbst solche hervorzubringen. Die Praktiken der massenmedialen Blockbuster-Kultur dürften in dieser Hinsicht nach wie vor das maßgebliche Modell darstellen. Die für Popularität schlechthin konstitutiven Erfolgszahlen verdienen aber auch in weiteren Medien Beachtung: Auflagenzahlen spielen bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts in biblionomen Peritexten ihre Rolle; inzwischen sind Aufrufe, Clicks und Likes registrierende Zählwerke in vielen Digitalmedien geradezu Standard, auf Social Media-Plattformen sind sie bedeutende Bestandteile des dort programmierten paratextuellen Regimes. Es gibt »Goldene Schallplatten«; Bücher, DVDs, Videospiele werden mit Angaben zu ihrer Besten- und Bestsellerlistenplatzierung ausgezeichnet und so fort. Peri- und Epitexte werden hierbei nicht selten zu Treibern oder Erzeugern von Popularität, indem sie variierend vervielfältigt werden und proliferieren. Dass die Produktionen populärer Kultur zur Serialität inklinieren, stellt die von Haus aus auf Einzelwerke zentrierte Paratexttheorie vor besondere Herausforderungen. Das gilt auch für die Selbstverständlichkeit, mit der diese Produktionen neue intermediale und materielle Verbindungen eingehen, in denen die Funktion von Paratexten zu untersuchen wäre. Die zum Thema geplante Konferenz sieht vier Sektionen vor:

 

1. Buch und Taschenbuch

2. Heftliteratur, Zeitschriften und Briefe

3. Film, Fernsehen und Computerspiele

4. Digitale Plattformen

 

In allen genannten und weiteren Hinsichten bleibt für die Forschung sowohl eine enorme Bandbreite paratextueller Formen zu explorieren als auch teilweise erst neu zu konzeptualisieren. Hierzu laden wir interessierte Forscher*innen freundlich an die Universität Siegen ein (und bitten sie um ein kurzes Exposé ihres geplanten Beitrags zu unserer Konferenz bis zum 15.2.2023; zu senden an: stanitzek@germanistik.uni-siegen.de).

 

https://sfb1472.uni-siegen.de/veranstaltungen/jahrestagung-2023-paratexte-des-populaeren

 

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SFB 1472 Transformations of the Popular

CfP: Annual Conference: Paratexts of the Popular (Siegen, October 4.–6., 2023)

 

Paratexts, the framework of textual material and similar cultural forms, enable the reception, production, and circulation of texts; in short, they enable their communication. This makes paratexts relevant to the transformation of the popular. Early on, Gérard Genette pointed out that paratextuality changes and takes new forms as media evolve. Recent research has considered the paratextual concepts in the study of cinema, and has also adapted and applied them to the study of “television flow.” There have also been attempts to apply terms from the theory of paratextuality to significant digital phenomena such as games, posts and threads, and hypertexts of many kinds. While Genette’s original theoretical approach focussed on the work in book form and was therefore centred on the author, ever-evolving forms of media have opened up new frames of reference. Research in the fields of literary studies and scholarly editions focussing on magazines, letters and miscellany has led to a reconsideration of the text-paratext relation and a reconfiguration of its terminology. Research that focusses on epitextual phenomena has elevated its subject to textual status; that is to say, second-degree paratexts are analysed as text. In some cases, the seemingly easy original distinction between text and paratext has dissolved almost completely. It has been replaced by a complex architecture of paratextual relations, possibly even a reversal of the original distinction.

 

It is tempting to assume that paratext is a simplistic term; that its pieces can simply be added to or removed from a text without effect. Rather, as defined by Jacques Derrida, they are parerga. Whether in the peritextual or in the epitextual dimension, they are never completely internal, nor completely external to a text. Consider the relationship of the paratext to its interior: paratexts are liminal, in fact; interwoven, possibly even making up the fabric of the text. In the heteronomous supporting discourse that is the paratext, there is always some possibility that it is affecting the autonomous composite that is the text, and vice versa. Even when the paratext takes the form of packaging, it is exerting its influence on the contents. In many contexts, the paratext functions as a conduit for marketing strategies and tactics. However, it resonates beyond these limits. So, in relation to the text, are they as parts to a whole? This is a question for which there is no simple answer. While it was Genette’s ambition, as a structuralist, to create a generalized grammar of the paratext, he also suggested that individual paratextual phenomena should undergo a historical, hermeneutical analysis. Critical research which modifies and further develops his initial approach is strengthened by this recognition.

 

Paratexts maintain a special relationship to the objects of the popular. The paratextual zone is where the presentation, the reception, and the circulation of texts or other cultural artefacts are negotiated. As paratexts are parergonal, their profile is also directed externally. So, what is the relationship of the paratext to its exterior? It can be quite controversial. For example, the early modern age saw satirical critiques of “academic charlatanism” as blatant self-promotion. Today, in other contexts, we have the problem of “clickbaiting”. However, there are paratextual forms that deliver on the promises they make. They are true paratexts of the popular. They make use of signifiers of popular culture that catch our attention and resonate with meaning. At the same time, they also attempt to generate such signifiers. This is typified in the mass media practices of blockbuster movie-making. Sales rates are the constitutive measure of popularity and warrant consideration in other media. In books, the peritext has included the numbers of copies sold since the mid-19th century. Today, in many digital media, the standard measure is for views, clicks and likes to be registered and presented. They are programmed into the paratextual regime of social media. There are “golden” record albums; books, DVDs, and video games advertise their placements in bestseller lists, and so on. Peri- and epitexts not infrequently become drivers or generators of popularity, as they are varied, multiplied, and proliferate. Because the production of popular culture tends to be serial, it poses a challenge to paratext theory which began as centred on a single work. This also applies to the self-evidence with which these productions enter into new intermedial and material connections, in which the function of paratexts would have to be investigated. The conference devotes for four sections to these issues:

 

1. Book and Paperback

2. Periodical Literature, Journals, and Letters

3. Film, Television, and Videogames

4. Digital Platforms

 

In all of these areas, and in further areas, there is an enormous range of paratextual forms to explore, as well as, in some cases, new concepts to create. We invite interested researchers to apply to our conference at the University of Siegen by submitting a brief proposal by February 15, 2023 (please address submissions to: stanitzek@germanistik.uni-siegen.de).


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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