TAGB „Brüchige Helden – Brüchiges Erzählen. Mittelhochdeutsche Heldenepik aus narratologischer Sicht“

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Tagungsbericht

„Brüchige Helden – Brüchiges Erzählen. Mittelhochdeutsche Heldenepik aus narratologischer Sicht“

17. bis 19. Februar 2016, Technische Universität Dresden

 

Bericht von Felix Prautzsch, Technische Universität Dresden (felix.prautzsch@tu-dresden.de)

 

Der mittelhochdeutschen Heldenepik aus narratologischer Sicht widmete sich die Dresdner Tagung „Brüchige Helden – Brüchiges Erzählen“ vom 17. bis 19. Februar 2016. Inhaltlicher Ausgangspunkt war die Beobachtung einer doppelten Brüchigkeit mittelhochdeutscher Heldenepen, bei denen auf spezifische und nicht immer leicht zu erklärende Weise die Ebene der Handlung und die Ebene ihrer narrativen Organisation zu korrelieren scheinen. Gegenüber den an modernen Texten gewonnenen narratologischen Modellen, so Marina Münkler (Dresden) in ihren Eröffnungsworten, erweise sich die Heldenepik oft als sperrig, was die einseitige Präferenz der Forschung für den modernen Vorstellungen näherstehenden höfischen Roman erklären dürfte (vgl. den Band: Historische Narratologie – Mediävistische Perspektiven. Hrsg. von Harald Haferland und Matthias Meyer. Berlin 2010 (= Trends in Medieval Philology, Bd. 19)). Aber gerade weil das heldenepische Erzählen den an modernen Idealen geschulten literaturwissenschaftlichen Blick nachhaltig zu irritieren vermöge, biete es das Potenzial, die Möglichkeiten narratologischer Modelle – über ältere erzähltheoretische Ansätze im Bereich der Heldenepik hinaus – zu erproben und auf ihre Tauglichkeit hin zu überprüfen. Dieser Aufgabe stellten sich die Vortragenden mit verschiedenen theoretischen Ansätzen und anhand einer Vielzahl von heldenepischen Texten.

 

Die erste Sektion „Motivationen und Modi heldenepischen Erzählens“ eröffnete Gerd Althoff (Münster) mit seinem Vortrag „Spielregeln für die ‚brüchigen Helden‘ im ›Herzog Ernst‹“, in dem er die Brüchigkeit der Helden eines fiktionalen Textes anhand historischer Rollenmuster überprüfte, die durch christliche Ideale von Herrschaft und Ritterlichkeit sowie adlige Vorstellungen von Rang und Stand „Spielregeln“ vorgeben, deren Einhaltung oder Bruch für den Plot von entscheidender Bedeutung ist. Aus Sicht des Historikers zeigte er, wie im ›Herzog Ernst B‹ gängige Verfahren der Konfliktführung unterlaufen werden, um den versuchten Königsmord verständlicher und entschuldbar zu machen, jedenfalls der eindeutig negativen Bewertung zu entziehen, und nannte den Text daher einen konstruierten Präzedenzfall oder ein ‚exemplum‘ für den Königsmord von Bamberg 1208. Die Brüchigkeit der Helden beschrieb er als unvermeidlichen Kollateralschaden bei der Bewältigung der literarischen Darstellung eines Königsmords.

Anne-Katrin Federow (Dresden) verband in ihrem Vortrag „da het der ritter edle vil manigen gedangk. Fokalisierung und Topologie im ›Otnit‹/›Wolfdietrich‹“ Genettes Kategorie der internen Fokalisierung mit der Kultursemiotik Lotmans, also den Kategorien von Raum und Grenze, und zeigte dabei überzeugend, dass Fokalisierung nicht unbedingt moderne Individualität zur Voraussetzung hat, sondern in den von ihr untersuchten Texten mit den räumlichen Ordnungen korreliert. Fokalisierung finde sich an ereignishaften Stellen des Plots, immer dann, wenn der eigentliche Held der Geschichte in der Peripherie agiert oder die Grenze überschreitet. Lotmans intensivierte Semiose in der Peripherie werde also in der internen Fokalisierung umgesetzt. Die Frage nach Fokalisierung erweise sich daher nicht nur für den höfischen Roman, sondern auch für die Heldenepik über das ›Nibelungenlied‹ hinaus als fruchtbar, die Heldenepik damit erzählerisch als weit weniger holzschnittartig als oft unterstellt.

Rabea Kohnen (Bochum) beschrieb unter dem Titel „Was Schurken wollen“ in ihren „Überlegungen zum Zusammenhang von Kausalität und Narrativität am Beispiel der Figur des Terramer in Wolframs ›Willehalm‹“, wie diese Figur bei Wolfram gegenüber seiner Vorlage vielfach motiviert und damit ambiguisiert wird. Warum, wofür und gegen wen er eigentlich kämpfe, bleibe letztlich offen. Die in der Erzählung markierte Leerstelle werde nur experimentell gefüllt durch eine komplexe Anhäufung kausaler Begründungszusammenhänge, die dazu beitrügen, die Legitimation des Krieges insgesamt zu hinterfragen, indem sie die Grenzen von Held und Gegner verwischten.

 

In der zweiten Sektion „Narrative Ebenen in der Dietrichepik“ erprobte Markus Greulich (Paderborn) in seinem Vortrag „Räume der Artifizialität. Zu Struktur und Raum im ›Rosengarten‹“ die Optionen narratologischer Zugriffe für einen Text der späten Heldenepik, die er als Dichtung zweiten Grades, als Dichtung über Heldendichtung verstand. Dabei zeigte er anhand der Kategorien von Raum und Sujet im Lotmanschen Sinne, wie im ›Rosengarten‹ räumliche und semantische Muster montiert werden und sich Sujets überlagern, zudem die Erzählmuster schablonenartig überblendet werden, was strukturelle Offenheit und mehrere gleichrangige Deutungsperspektiven zur Folge habe. Für eine narratologische Strukturierung als schwierig erwiesen sich aber die Zwölfer-Reihen, die unterschiedliche Handlungssequenzen miteinander verknüpften, etwa wenn die Listen von Helden und Kämpfen in Handlung transformiert würden. Auf diese Weise werde, so Greulich, die Grenze vom ‚discours‘ zur ‚histoire‘ hin überschritten und darin sei das eigentliche Sujet des Textes zu sehen, der sich auf diese Weise metapoetisch und in seinen medialen Bedingungen reflektiere.

Julia Zimmermann (München) untersuchte die „Vervielfältigung des Erzählens in der ›Virginal‹“. Durch Erzählungen in der Erzählung, wiederholte Narrationen und Rückblenden, die keine Informationslücken schließen, sondern Deutungsperspektiven vervielfältigen, werde diese zerdehnt und redundant. Außerdem ließen sich die Ebenen des Erzählens nur schwer auseinanderhalten, unter anderem weil die Wechsel von Erzähler- und Figurenrede nicht konsequent markiert würden. Offensichtlich gehe es nicht um das „Was“, sondern das „Wie“ des Erzählens, nicht um das Hinzufügen neuer Informationen, sondern eine ständige Neuordnung des Wissens in einem Erzählen über das Erzählen. Diese Offenheit für immer neue Ansätze könne als grundlegendes Charakteristikum heldenepischen Erzählens verstanden werden, das in seinem mündlichen Status gründe.

Kay Malcher (Dresden) ging mit seinem Beitrag „Nach der Struktur. Zu Narration und Diagramm am Beispiel der historischen Dietrichepik“ von der Beobachtung aus, dass Dietrich, obwohl er in der Tradition alles andere als christusgleich gelten kann, an einigen Stellen auf spezifische Weise in Christusnähe gerückt wird. Malcher untersuchte aber nicht die einzelnen Christusmotive, sondern fragte nach der narratologischen Positionierung für diese Zuschreibungen und schlug dazu einen diagrammatischen Ansatz vor, der transkategoriales Wissen ermöglicht, indem er Ähnlichkeiten über Relationen und Proportionen herstellt. Sein Fazit: Die Texte der historischen Dietrichepik nutzten das Explizitwerden der Christusförmigkeit, die dem König grundsätzlich zu eigen sein könne (Kantorowicz, „Die zwei Körper des Königs“), holten sie aus der Latenz, um die Distanz zwischen Christus und Dietrich herauszuarbeiten. Die Ambiguität oder Brüchigkeit liege also nicht in den Figuren selbst, sondern poetisch im Gegensatz von Narration und Diagramm.

 

Die dritte Sektion untersuchte verschiedene „Figurationen des Helden“. Den Anfang machte Teresa Cordes (Saarbrücken), die in ihrem Vortrag „Narratologie und Sprachpragmatik. Die Erprobung eines Ansatzes zur Beschreibung von Figuren am Beispiel der ›Kudrun‹“ Literatur- und Sprachwissenschaft, Historische Narratologie und Sprachpragmatik verband, indem sie sprachliche Äußerungen, die erzählerisch eine ganz entscheidende Form indirekter Charakterisierung von Figuren sind, hinsichtlich ihrer Funktion illokutionslogisch untersuchte. Durch die Analyse der Illokutionen in den Reizreden der Entführungsszene lasse sich die Figur der Kudrun differenzierter beschreiben: Sie spiegele zentrale Eigenschaften der Hagen-Figur und die Sprechakte evozierten entgegen der ansonsten für die Szene oft vorgebrachten hagiographischen Muster eine heldenepische Atmosphäre, was dem männlich-heroischen Habitus Kudruns in einigen anderen Szenen entspreche.

Den Brückenschlag zur klassischen Philologie vollzog Dennis Pausch (Dresden) mit seinem Vortrag „Unentschlossene Helden, unzuverlässige Erzähler? Narrative Ambiguität in Vergils ›Aeneis‹“. Entgegen der herrschenden und herrschaftsfreundlichen allegorischen Interpretation der ›Aeneis‹ sowie der postheroischen Deutung einer versteckten kritischen Stimme des Autors (‚two-voices‘) bot er eine Lektüre des Epos, die die Annahme einer semantischen und ideologischen Eindeutigkeit konsequent durch die einer programmatischen narrativen Ambiguität ablöste. Schon von Beginn an erweise sich der Erzähler als unzuverlässig, denn das Epos finde nicht das versprochene ‚happy-end‘, münde vielmehr in der höchst fragwürdigen Tötung des Turnus durch Aeneas. Aber auch in vielen anderen Szenen im Lauf der Handlung zeige sich die Brüchigkeit der heroischen Qualitäten des Heros.

 

Ein publikumswirksamer Höhepunkt war der öffentliche Abendvortrag des Neugermanisten und Medienwissenschaftlers Lars Koch (Dresden) im mit über 350 Besuchern voll besetzten Vortragssaal des Militärhistorischen Museums. Mit „‚Power resides where men believe it resides.‘ Macht, Gewalt und Heroismus in ›Game of Thrones‹“ öffnete er den mediävistischen Fokus der Tagung für aktuelle Mediävalisierungsphänomene. Die überaus erfolgreiche Serie des Kabelsenders HBO beschrieb Koch kulturdiagnostisch als populärkulturelle gesellschaftliche Selbstbeschreibung der Jetztzeit, die das politisch Unbewusste anspreche, durch Komplexitätsreduktion und Verfremdung in einer Art Allegorie der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft Fragen unserer Zeit verhandele. Dabei gehe es vor allem um widersprüchliche Machtressourcen, an den Peripherien der Herrschaft, der soziokulturellen Ordnung sowie des geopolitischen Zentrums. Und gerade hier spielten brüchige Helden eine entscheidende Rolle als Figuren, die Störungen auf der Ebene der Diegese darstellen und verkörpern. Diese permanente Ambiguisierung erweise sich als Strategie der Serie, die ihren Erfolg erkläre – und auf ihre Weise ein „Erzählen in der Erzählung“ in Gang setzt, wie die lebhafte Diskussion im Anschluss an den Vortrag eindrucksvoll zeigte.

 

Die beiden Beiträge der vierten und abschließenden Sektion waren dem „Nibelungischen Erzählen“ gewidmet und stellten die Ausgangsthese vom Zusammenhang der Brüchigkeit der Helden und der Brüchigkeit der Erzählung noch einmal auf pointierte Weise in Frage. Svenja Fahr (Kiel) schlug in ihrem Vortrag „Kohärente Helden? Zur Darstellung von Dietrich, Etzel und Hildebrand in ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹“ als Analysemodell die kognitive Figurentheorie vor, die Figuren als mentale Repräsentationen von Menschen versteht, und zeigte auf dieser Grundlage, wie sich die drei genannten Helden eben gerade nicht als brüchig erweisen, indem sie weniger nach Strukturen agieren, sondern eigenen, inneren Handlungsmotivationen folgen, die auch über die Grenze zwischen beiden Texten hinaus gelten.

Stephan Müller (Wien) untersuchte die Rolle von „Helden als Erzähler[n] im ›Nibelungenlied‹“ und beschrieb dabei mit Bezug auf Walter Benjamins kanonischen Aufsatz „Der Erzähler“ eine inszenierte Unsicherheit des nibelungischen Erzählens, die von der Sicherheit der Schriftlichkeit bewusst Abstand nehme und Mündlichkeit fingiere, um sich in die Tradition des anonymen Sagenvortrags einzureihen. Diese Brüchigkeit des Erzählens auf der Ebene der Figurenrede wie der des Erzählers müsse aber nicht unbedingt mit einer Brüchigkeit der Helden in Verbindung stehen. Beide ließen sich allenfalls über Kategorien wie die der Aufführung vermitteln, die dann aber den Rahmen narratologischer Entwürfe sprengten.

 

Die Abschlussdiskussion arbeitete die forschungsparadigmatischen Ergebnisse der Tagung im Hinblick auf die narratologischen Implikationen der beschriebenen doppelten Brüchigkeit heraus. Die Wahrnehmung von Ambivalenzen, Ambiguitäten, Heterogonie, Hybridität, um nur einige der Konzepte und Begriffe zu nennen, entspreche dem postmodernen Blick des Forschers, der sich von Vorstellungen fester Identitäten verabschiedet habe. Die Beschreibung von Brüchigkeit müsse aber nicht in der einer totalen Differenz enden, sondern könne mit klassischem narratologischem Instrumentarium beschrieben werden, weil Ganzheit gegenüber der Brüchigkeit immer mitzudenken sei, beide Kategorien epistemologisch wie analytisch aufeinander verwiesen blieben. Das bedeute für die Interpretation, im Blick zu behalten, dass nicht nur allein Inkohärenz, sondern auch Kohärenz ausgehalten werden müsse. Nur so werde man den mittelalterlichen Texten, ihren Autoren und ihrem primären Publikum und deren Kohärenzerwartungen gerecht. Der sinnstiftende Zusammenhang bestehe in der Erzähltradition, die die Helden durch eine Vielzahl von Erzählungen auf einer die Einzeltexte umfassenden Ebene als kohärente Figuren bestimme, unterhalb dieser Ebene aber schlage sich in den Einzeltexten eine „Arbeit am Mythos“ im Blumenberg‘schen Sinn nieder. Vor allem dürfe die Brüchigkeit der Heldenpik nicht länger als abschätziges Qualitätsurteil über vermeintlich langweilige Texte gelten, denn unter narratologischen Gesichtspunkten zeige sich bisweilen gerade das Gegenteil. Dafür müsse aber nicht nur die Ebene der Handlung und Strukturen untersucht werden, sondern das „Wie“ der Erzählung. Kognitive Dissonanzen in den behandelten Texten lösen Brüchigkeiten und Spannungen aus – diese produktiv zu bearbeiten, bleibt Aufgabe der Forschung. Die narratologischen Modelle, die die Tagung konsequent und umfassend auf dem Feld der Heldenepik erprobt hat, bieten dafür fruchtbare und verheißungsvolle Ansätze.

 

 

Konferenzübersicht:

 

Eröffnung: Marina Münkler (Dresden)

 

Sektion I. – Motivationen und Modi heldenepischen Erzählens

Moderation: UDO FRIEDRICH (Köln)

Gerd Althoff (Münster): Spielregeln für die ‚brüchigen Helden‘ im ›Herzog Ernst‹

Anne-Katrin Federow (Dresden): da het der ritter edle vil manigen gedangk. Fokalisierung und Topologie im ›Otnit‹/ ›Wolfdietrich‹

Rabea Kohnen (Bochum): Was Schurken wollen. Überlegungen zum Zusammenhang von Kausalität und Narrativität am Beispiel der Figur des Terramer in Wolframs ›Willehalm‹

 

Sektion II. – Narrative Ebenen in der Dietrichepik

Moderation: Jan-Dirk Müller (München)

Markus Greulich: Räume der Artifizialität. Zu Struktur und Raum im ›Rosengarten‹

Julia Zimmermann (München): Vervielfältigung des Erzählens in der ›Virginal‹

Kay Malcher (Dresden): Nach der Struktur. Zu Narration und Diagramm am Beispiel der historischen Dietrichepik

 

Sektion III. – Figurationen des Helden

Moderation: Cordula Kropik (Jena)

Teresa Cordes (Saarbrücken): Narratologie und Sprachpragmatik – Die Erprobung eines Ansatzes zur Beschreibung von Figuren am Beispiel der ›Kudrun‹

Dennis Pausch (Dresden): Unentschlossene Helden, unzuverlässige Erzähler? Narrative Ambiguität in Vergils ›Aeneis‹

 

Abendvortrag im Militärhistorischen Museum Dresden

Moderation: Marina Münkler (Dresden)

Lars Koch (Dresden): „Power resides where men believe it resides.“‘ Macht, Gewalt und Heroismus in ›Game of Thrones‹

 

Sektion IV. – Nibelungisches Erzählen

Moderation: Bernd Bastert (Bochum)

Svenja Fahr (Kiel): Kohärente Helden? Zur Darstellung von Dietrich, Etzel und Hildebrand in ›Nibelungenlied‹ und ›Klage‹

Stephan Müller (Wien): Helden als Erzähler im ›Nibelungenlied‹


Abschlussdiskussion