CFP: Versammeln. Praktiken, Operationen, Verfahren (08.01.23)

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Call for contributions zu einem Buchprojekt im Zusammenhang des DFG-Netzwerkes „Versammeln. Mediale, räumliche und politische Konstellationen“

Versammeln ist Praxis der Relationen. Politische, religiöse, theatrale oder auch populärkulturelle Versammlungen bilden sich als dynamische Gefüge von menschlichen und nicht-menschlichen Teilhabenden durch eine Vielzahl von körperlichen wie auch technischen
Aktionen in einem Erzähl- und Deutungszusammenhang aus. Diese spezifischen, auch ineinandergreifenden Aktionen des Versammelns (hierzu zählen skandieren, klatschen, spielen, bezeugen, predigen und beten ebenso wie story-telling, liken oder twittern, aber auch essen und schlafen) überschreiten vielfach Grenzziehungen zwischen Politik und Kunst, Öffentlichkeit und Privatheit, Aktivität und Passivität, Subjekt und Objekt, Nähe und Ferne sowie zwischen On- und Offlineräumen. Sie durchqueren somit die Vorstellung von Versammlungen als zeit-räumlich und hinsichtlich ihrer Funktion begrenzbare phänomenale Formationen.

Das durch die DFG geförderte Buchprojekt (open access) folgt zunächst der kulturtechnischen Prämisse, dass das Versammeln nicht nur in En- und Akkulturationsprozesse eingebunden ist, sondern stets im Spannungsverhältnis zu Dekulturationsprozessen steht: Praktiken, Verfahren und Operationen des Versammelns internalisieren, institutionalisieren und verbreiten Zeichen- und Symbolsysteme ebenso, wie sie kulturelle Codes entsichern und (Körper-)Zeichen umdeuten (vgl. Engell/Siegert 2010). Die mediale Dimension des Versammelns, die die Beteiligung von Medien als versammlungsbildende Akteure einschließt wie auch die mediale Rahmung in der Dokumentation und Kommunikation von Versammlungsereignissen, impliziert eine fortlaufende Deterritorialisierung von Bildern und Tönen, aber auch von Körpern, Räumen und Zeiten. Ein Mechanismus, der etwa anhand der in Museen und Informationsmedien rekontextualisierten Folterfotos von Abu Ghraib, der Verbreitung von Fotos aus den Konzentrationslagern zu Propaganda- und Widerstandszwecken, der medial konstituierten Protestszene von Pussy Riots „Punk-Gebet“ oder auch am Beispiel der Einbindung von Video- und Fotomaterial von Fluchtbewegungen in theatrale Inszenierungen (z.B. Milo Raus „Empire“) nachvollzogen werden kann.

Die Konzeption des Bandes geht außerdem davon aus, dass sich das Versammeln nicht von affektiven wie auch machtvollen Dynamiken abkoppeln lässt und ebenso machtdestabilisierend wie machtkonsolidierend wirken kann. Hinsichtlich seiner widerständigen Potentiale könnte etwa in Einzelanalysen von Protestpraktiken herausgearbeitet werden, inwiefern diese sich nicht allein in den artikulierten Forderungen oder Inhalten formieren, sondern in der je spezifischen Bildung von Versammlungen selbst. Beispielhaft lassen sich hier nicht-legitime Beanspruchungen des Demonstrationsrechts etwa durch illegale Einwander*innen nennen. Es bleibt zu fragen, welche konkreten Praktiken des Versammelns Möglichkeiten nicht-souveränen politischen Sprechens und Handelns realisieren (vgl. Butler/Spivak 2007). In einer gegenläufigen Bewegung kann danach gefragt werden, wie Beanspruchungen scheinbar souveränen Sprechens und solche von Identitätszuweisungen durch versammlungsbildende Praktiken erst hergestellt, unterlaufen und verschoben werden. Kommen also an Stelle der Versammlung und ihrer narrativen Rahmung als Gesamtzusammenhang die jeweiligen heterogenen Aktionen des Versammelns in den Blick, so ermöglicht diese Perspektive auf Praktiken politischer Artikulation es, differenziert herauszuarbeiten, in welcher Weise diese auch exkludierend operieren und dabei versuchen, den prinzipiell unabschließbaren Kontext der Versammlung einzugrenzen und zu isolieren. Gleichzeitig steht in Frage, welche Dynamiken innerhalb von Versammlungen die artikulierten Forderungen selbst unterlaufen oder umdeuten – etwa in Bezug auf das mitunter gewaltvolle Moment des Besetzens „öffentlicher“ Räume. Eine solche Debatte gewinnt gerade im Kontext der aktuellen „Klimaproteste“ wieder an Aktualität.

Der Blick auf die machtgesättigte Dimension des Versammelns macht deutlich, dass sich seine Praktiken nicht getrennt von der zugleich aktiven und passiven Dimension von Zwang, Nötigung oder Zurichtung betrachten lassen. Machtvolle Anordnungen von Gefangenenlagern und Sklaverei, aber auch Raumsituationen von Theater, Organisationen von Protestlagern oder Regelsysteme von vernetzenden Technologien und Spielen nehmen in je verschiedener Weise das Verhältnis von Aktivität und Passivität in Anspruch. Aufgerufen sind damit die jeweiligen affektiven Dimensionen versammlungsbildender Aktionen. Das Buchprojekt interessiert sich hier u.a. für Wirkmächte von Rausch, katharsis, Wut/Hass, Ekstase oder Angst und widmet sich Fragen danach, welche Formen der Affektion (Anrufung/Adressierung, Massenbewegung, Ikonisierung etc.) in welchen Praktiken ausgetragen werden und welche medialen Techniken und Operationen dabei zum Tragen kommen.

Das breite, schier unbegrenzbare Spektrum, welches sich im Versammeln eröffnet, wird gerade nicht als Defizit einer unscharfen Forschungsperspektive betrachtet. Vielmehr möchte der Band dazu einladen, heterogene, transdisziplinäre Perspektiven auf spezifische Phänomene aus den Bereichen Kunst, Literatur, Theater, Protest, Politik, Populismus und Populärkultur zu werfen. Die im Buch versammelten Beiträge sollen beispielhaft zeigen, inwiefern die Perspektive einer unabschließbaren Suchbewegung vielversprechend erscheint, dem Komplex jedes Versammelns eben in seiner jeweiligen Unabschließbarkeit zu begegnen.

Insofern die kulturtechnische Rahmung des Bandes eine Verlagerung des Fokus von der Ebene „der Versammlung“ auf die Ebene des „Versammelns“ – vom Begriffsfeld der Substantive zum Aktionsfeld der Verben – verfolgt, wird um Beitragsvorschläge gebeten, die sich (von bestimmten Verben ausgehend) Praktiken, Operationen oder Verfahren des Versammelns zuwenden.

Beitragsvorschläge (unter Angabe der bearbeiteten Verben) werden erbeten bis 8.1.23. Die Beiträge (min. 15.000-max. 30.000 Zeichen inkl.) sollen eingehen bis zum 31.5.23.

 

Kontakt: julia.prager@tu-dresden.de