Fristverlängerung! CFP: XV. IVG-Kongress 2025: Sektion "Vampire (und andere Monstren) als Krisenfiguren", Graz (10.12.2022)

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Historisch hat das lateinische Wort Monstrum die doppelte Bedeutung von „zeigen“ und „bösem Omen“; im Begriff des Wiedergängers wiederum steckt ein Konzept der Wiederholung. Unsere Sektion nimmt sich dementsprechend  eine Analyse dessen vor, was die folkloristisch/populärkulturellen Entlehnungen des Monströsen in Literatur und Film der deutschsprachigen Länder (auch in Beziehung zu anderssprachigen Kulturtexten) aufzeigen, und warum sich diese narrativ inszenierten Heimsuchungen, wie einem geheimen Zwang gehorchend, bis in die heutige Zeit fortsetzen. Als erste Arbeitshypothese sei formuliert, dass es sich meist um Krisenfiguren handelt, die in Umbruchzeiten auftreten.

Ein Hauptaugenmerk unserer Sektion soll dabei auf dem Vampir(ismus) liegen, der in antiker und mittelalterlicher Auffassung zu den schädlichen dämonischen Wiedergängern gehört und nicht zu den Monstren, aber durchaus monströs erscheinen mag. Denn wir leben heute, wie es scheint, wieder einmal in einem ‚untoten‘ Zeitalter: Bram Stokers Dracula wurde 2009 zum ‚Stadtbuch‘ von Dublin gewählt, und Stephenie Meyers Romane füllten immer wieder die Schaufenster der Buchhandlungen weltweit – wobei sich die latent aristokratische Vampirfigur im frühen 21. Jh. zusehends durch die entsubjektivierte proletarische Schwarmintelligenz der Zombie-Massen abgelöst sieht.

Weniger bekannt dürfte sein, dass Texte in deutscher Sprache eine wichtige Rolle spielten, als nach spektakulären Vorfällen in Serbien 1725-32 der Vampirismus als Seuchen-Dämon der Balkan-Folklore in Europa bekannt und zum Thema kultureller Debatten der Aufklärung wurde. Aber gibt es nicht bereits im Mittelalter ‚Vampire‘ (z.B. bei William von Newburgh, Saxo Grammaticus u.a.) und vor allem in Pestzeiten? 1748 erschien jedenfalls das erste Vampirgedicht westlicher Literaturen, verfasst vom Lessing-Freund H.A. Ossenfelder - in deutscher Sprache. Aber auch spätere Texte haben dem Thema bemerkenswerte Aspekte hinzugefügt, wie z.B. Goethes Braut von Korinth, E.T.A. Hoffmanns Cyprians Erzählung, die völkischen Vampire eines H.H. Ewers und K.H. Strobl, die suggestiven Dracula-Verfilmungen u.d.T Nosferatu (F.W. Murnau1921; Remake v. W. Herzog, 1979) bis hin zu Bachmanns Vampir-Gedicht Heimweg, H.C.Artmanns und E. Jelineks postmoderner Avantgarde etc. - nicht zu vergessen die zahllosen Vampir-Metaphern in Philosophie und politischer Publizistik (wie z.B. in Marx‘ Kapital). Hier erweist sich die Figur der Wiederholung,von Freuds Aufsatz zum Unheimlichen bis zu Aleida Assmanns Analysen zum kulturellen Trauma, als zentrales - buchstäblich: untotes - Element des Vampirnarrativs in Krisenzeiten.

In diesem Sinn soll sich unsere Sektion der Frage annehmen, mit welchen Bedeutungen das Phantasma des Vampirismus sich historisch aufladen kann: Welchen ‚unsichtbaren‘ Themen dient der untote Blutsauger, der angeblich kein Spiegelbild hat, als literarischer ‚Container‘? Und trinkt der Vampir wirklich notwendigerweise Blut? Welche Diskurse verbergen sich hinter seiner Gestalt, die sich als gleitender Signifikant stets wandelt? Was ist seine Ästhetik, seine Politik, sein/ihr Gender? 

Ist der/die Vampirin, das Vampirische bzw. Monströse also wie behauptet eine Krisen- und Traumafigur in Umbruchzeiten wie in den Epidemien der Frühneuzeit, dann um 1800 (französische Revolution bzw. Napoleon), um 1900 (wie dies etwa anhand von Bram Stokers Dracula in Bezug auf das Geschlechterverhältnis, Geopolitik, Technologie etc. gut dokumentiert ist) und rund um das Millennium? Eine Trope des Postreligiösen, der sexuellen Gewalt, des politischen Extremismus, des Klassen- und Geschlechterkampfs oder auch der Liminalität und Nostalgie? 

Dementsprechend laden wir Vorträge ein, die diesen Fokus anhand von deutschsprachiger Literatur (im weiteren Sinn) und Cinematografie germanistisch, mediävistisch, linguistisch oder auch komparatistisch, literatur-, ideen-, wissenschafts- und kulturgeschichtlich bzw. kulturphilosophisch bearbeiten. Damit versteht sich unsere Sektion auch als Impuls für ein künftiges Sammelbandprojekt, weshalb wir alle einschlägig Forschenden herzlich zur Mitarbeit einladen möchten. Verlängerte (Un)Deadline für Abstract-Einreichungen ist der 10. Dezember 2022, bitte um Email an clemens.ruthner@gmail.com.

Leitung/Moderation:
Prof. em. Dr. Hans R. Brittnacher (FU Berlin, D)
Prof. Dr. Clemens Ruthner (Trinity College Dublin, IRL)
PD Dr. Christa Tuczay (Universität Wien, A)