CFP:„Glücksgefühle am Schneidetisch?“ Christian Geisslers Arbeit für Film und Fernsehen Hamburg (31.8.2023)

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Veranstalter: Christian-Geissler-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg, Cinegraph Hamburg, Hamburger Dokumentarfilmwoche e.V. & Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt

Federführung: Andreas Stuhlmann, Universität Hamburg

konferenz@christian-geissler-gesellschaft.de

Hamburg, 30. Mai – 1. Juni 2024

 

1960 betrat Christian Geissler (1928–2008) als ‚junger Wilder’ mit seinem Roman-Debüt „Anfrage“ die literarische Bühne. Aus dem jugendlichen Flak-Helfer war ein engagierter Literat geworden, der vehement die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit forderte und die Gegenwart der BRD-Gesellschaft sezierte. Dafür bediente er sich aller für ihn erreichbaren Medien. Sein erstes Hörspiel war schon im Herbst 1956 im WDR gesendet worden, 1962 strahlte der NDR die Fernsehspieladaption des Romandebuts aus. Seine Roman-Trilogie „Das Brot mit der Feile“ (1973), „Wird Zeit, dass wir leben“ (1976) und „kamalatta“ (1988) begründet bis heute seine Bedeutung als politischer Schriftsteller im radikalen Widerstand zum System der Bundesrepublik. Seine Film- und Fernseharbeiten standen bisher in deren Schatten. Geissler wurde u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden und dem Kunstpreis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet.

Geisslers Fernsehspiele in den 1960er Jahren waren bestimmt von der intensiven Zusammenarbeit mit Egon Monk, der, geprägt durch seine ‚Lehrjahre’ bei Brecht, seine politisch provokanten Botschaften zur besten Sendezeit in die Wohnzimmer seines Publikums bringen wollte. Nach Ende der Ära Monk beim NDR-Fernsehspiel arbeitete Geissler mit Hagen Müller-Stahl für den HR, drehte in den Jahren des sozialliberalen Aufbruchs dann über 20 Dokumentarfilme für den NDR und arbeitete dabei auch mit Klaus Wildenhahn zusammen. Er produzierte Beiträge für das Polit-Magazin „Panorama“, war als Dozent der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin tätig und arbeitete – während des Kalten Kriegs – auch als Autor für das Fernsehen der DDR. Last but not least schrieb das Drehbuch für einen von Alfred Neven DuMont produzierten Spielfilm („Kopfstand, Madame“, Regie Christian Rischert).

Nachdem sich zwei Tagungen 2016 und 2020 vorwiegend mit dem literarischen Werk Geisslers beschäftigt und es auf seine aktuelle ästhetische und politische Relevanz hin befragt haben, wollen wir uns in einer weiteren Tagung 2024 in Hamburg mit dem Film- und Fernsehautor Christian Geissler beschäftigen. Wir planen ein Programm von 14 Vorträgen (ca. 20 Minuten) und bitten um Vorschläge und Bewerbungen bis zum 31. August 2023 an konferenz@christian-geissler-gesellschaft.de. Im Rahmen-programm zeigen wir eine auf die Tagung abgestimmte Auswahl aus Geisslers Filmen.

 

Thematischer Rahmen

Die folgende Aufstellung von Themen soll lediglich dazu anregen, eigene Fragestellungen zu entwickeln. Sie ist weder zwingend, abschließend noch verbindlich. Wir sind auch gerne bei der Ausarbeitung von Vorschlägen behilflich: Alle Filme liegen hier vor und können für Zwecke der Tagungsvorbereitung zur Verfügung gestellt werden. Wir geben Hinweise, wo bestimmte Stoffe, Themen, Figuren und Motive quer durch das gesamte Werk auftauchen, beraten bei der Nutzung des Nachlasses von Christian Geissler im Fritz-Hüser-Institut in Dortmund und geben einen Überblick zur Sekundärliteratur. (Eine aktuelle Bibliografie und Filmografie liegt als PDF auf der Website der Christian-Geissler-Gesellschaft vor: https://christian-geissler-gesellschaft.de/christian-geissler-bibliographie.)

1. Der NDR als Zentrum des Geisslerschen Fernsehschaffens

In welcher Weise hat der NDR mit Egon Monk im Fernsehspiel und Klaus Wildenhahn als Dokumentarfilmer das Schaffen Geisslers ermöglicht und geprägt? Wie lassen sich seine Arbeitsbeziehungen als freier Autor und Regisseur innerhalb der Struktur der Institution beschreiben? Welche Wechselwirkungen lassen sich feststellen zwischen Geisslers Arbeiten und den Redaktionen, den vorherrschenden ‚Schulen’, innerhalb derer er sich bewegt hat? Wie verhält sich seine literarische Ästhetik zu den audiovisuellen Ästhetiken des Neorealismo oder des Direct Cinema, bzw. dem im Sender entwickelten Realismus-Konzept Monks? Was sagen seine Gutachten, die er für die Adaption von Texten anderer Autor:innen fürs Fernsehspiel geschrieben hat, über sein Verständnis beider Medien aus?

Welche (organisatorischen, inhaltlichen und ästhetischen) Grenzen hat der NDR gesetzt, die Geisslers Entwürfe immer wieder beschnitten haben? Wie reagierte er auf politische Einflussnahme und was motivierte den „Ausflug“ zum Fernsehen der DDR (DFF)?

2. Filmisches Erzählen

Mit welchen Formen filmischen Erzählens stehen Geisslers Drehbücher im Dialog, wie weit hat er selbst ‚in filmischen Bildern’ gedacht? Welche Rolle spielen Montage, Voiceover und Kameraperspektive? In welcher Beziehung stand er zum Neuen Deutschen Film und welche Bedeutung hat sein Abstecher ins große Kino, den er mit „Kopfstand, Madame“ (1966) unternommen hat?

Welchen Anteil hat Geissler an Filmen wie „Der Pannwitzblick“ von Didi Danquart (1991) oder „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ von Malte Ludin (2005).

3. Dekonstruktionen von Geschlechterbildern

Christian Geisslers oft aus dem proletarischen Milieu stammende Figuren bewegen sich innerhalb traditioneller Geschlechterverhältnisse als Resultat und Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Gewaltverhältnisse. Doch wie gestaltet Geissler den Blick auf die damit verbundenen Rollenbilder, wenn er bspw. den Alltag des Arbeiterpaares Ahlers („Wilhelmsburger Freitag“ und „Altersgenossen“) oder die Zukunftspläne junger Frauen („Wir heiraten ja doch“) zeigt? Welche Rolle kommt den Frauen zu, wenn die Männer den emanzipativen Aufbruch wagen („Gezählte Tage“ oder „Die Woche hat 57 Tage“)? Was haben emanzipatorische Lehrstücke wie „Kopfstand, Madame“ oder „Immer nur Fahrstuhl ist blöde“ im Kontext ihrer Entstehungszeit geleistet und halten sie heute einem (queer)feministischen Blick stand? Eine geschlechtstheoretische Analyse Geisslers Werk, die nach den Beziehungsweisen innerhalb der gesellschafts-verändernden Bewegungen fragt (vgl. Bini Adamczak: „Beziehungsweise Revolution“), steht noch aus.

4. Lebensthemen in Geisslers Werk

Faschismus und Antifaschismus, Macht- und Gewaltverhältnisse, gesellschaftliche Normierung durch Arbeit und Familie, Ausbruchsversuche, Widerstand und Scheitern, aber auch das Individuum, das die Gruppe braucht, um etwas zu verändern und doch allein für sein Handeln verantwortlich ist – das sind Lebensthemen Geisslers, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen. Immer wieder hat er sich auch mit Gruppen und Menschen beschäftigt, denen die Verhältnisse in besonderer Weise zusetzen: Jugendliche, denen ihr eigenes Leben verbaut ist („Wir heiraten ja doch“ & „Wir gehen ja doch zum Bund“, „Hamburg 6 – Karolinenviertel“), Straffällige und Drogenabhängige („Ein Jahr Knast“ & „Sie nennen sich Schießer“), Hochschulabsolventen, die keine Arbeit finden, die ihrer Qualifikation entspricht („Kluger Kopf, was nun“). Welche Motive und Stoffe lassen sich aus dem filmischen Werk herausdestillieren, wie entwickeln sie sich transmedial und welche Korrespondenzen ergeben sich zur Literatur und zum Hörspiel? In welcher Weise nutzt Geissler das Massenmedium (Fernseh-)Film im Unterschied zur Literatur?

5. Dokumentarismus als transmediales Verfahren

Dokumentarische Verfahren durchziehen das gesamte Werk von Christian Geissler. Teils offen, teils verdeckt unterfüttert er seine fiktionalen Arbeiten mit Zitaten und Belegen aus der außermedialen Wirklichkeit, teils gehen Figuren oder Ereignisse aus den Dokumentarfilmen in Hörspiele und in seine literarischen Arbeiten ein (z.B. der „Ahlers-Komplex“). Doch aus welcher Perspektive blickt er auf die Realitäten, wie setzt er sie zu seinem eigenen Bild der Wirklichkeit zusammen? Scheinen politische Parteilichkeit oder Voreingenommenheit auf? Zeigen seine Dokumentationen heute eher etwas von Christian Geisslers Haltung zu den Verhältnissen oder und inwiefern können sie heute wiederum als Quelle zeithistorischer Betrachtung dienen?

Die Publikation überarbeiteter Tagungsbeiträge ist wieder vorgesehen. Die Übernahme von Spesen (Reisekosten, Übernachtungen, Verpflegung) versuchen wir über Fördermittel sicherzustellen. Honorare können wir voraussichtlich nicht zahlen.