CFP: Reinheit und die Ordnung des Politischen (1900–2000), Koblenz (15.1.2023)

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Bereits die antike Rhetorik verzeichnet Reinheit – puritas – neben Deutlichkeit, Schmuck und Angemessenheit als elementar für die Rede: „pure et latine“ sollen wir sprechen, so Cicero in De Oratore. Reinheit ist in der antiken Tradition jedoch nicht nur auf das Ästhetische der Rede, also auf die Form und Performanz des Sprechakts, sondern auch auf das Ethisch-Moralische des Sprechenden zu beziehen: puritas setzt einen „inneren Zustand der Unbeflecktheit, Makellosigkeit und Keuschheit“ (Gerhard Härle, 1996) voraus. Mit dem Rekurs auf Reinheit werden folglich sowohl ästhetische als auch ethisch-moralische Ordnungen formuliert, evaluiert und vollzogen. Der Diskurs der Reinheit ermöglicht und legitimiert damit grundsätzlich eine Differenzierung von dichotomen Zuständen (rein/unrein, befleckt/unbefleckt, das Eigene/das Fremde etc.), die oftmals in der politischen und/oder religiösen Rhetorik maximal aufgeladen werden. Die typische Struktur der Erzählung der ‚verlorenen Reinheit‘ ergibt sich aus diesen Differenzierungen: Der ‚reine‘ Ursprung, der im Regelfall eine Fiktion, ein Ursprungsmythos ist, wird als verloren diagnostiziert und betrauert. Die Diagnose der Differenz zu dem vormaligen Idealzustand erfordert dann die Operation der Reinigungspraktiken, die das ‚Unreine‘ eliminieren oder transformieren, um so die Reinheit des Ausgangszustands wiederherzustellen.

Reinheit/Unreinheit sind somit als „asymmetrische Gegenbegriffe“ (Reinhart Koselleck, 1979) zu verstehen: Reinheit und Unreinheit werden also einerseits als wechselseitige Negation gesetzt, sind andererseits aber zugleich aufeinander bezogen. Reinheit bedeutet die Abwesenheit eines störenden Elements – nämlich des verunreinigenden Schmutzes. Hieraus ergibt sich, dass Reinheit/Unreinheit wie Schmutz mit Ordnung/Unordnung korreliert; „Schmutz [ist] wesentlich Unordnung“ (Mary Douglas, 1985). Reinigungen oder (Wieder-)Herstellungen von Reinheit sind folglich als (Wieder-)Herstellungen von Ordnung zu verstehen. Somit sind Schmutz oder Unreinheit nicht auf ihren ontologischen oder essentialistischen Gehalt, sondern auf ihre Position zu untersuchen. Schmutz – wie etwa das Haar in der Suppe – zeichnet sich dadurch aus, dass er „erkennbar fehl am Platz“ (Mary Douglas, 1985) ist. Das relationale und arbiträre Konzept definiert Reinheit als Ordnung und als Nicht-Verstoß gegen die Regeln der räumlichen Zuordnung, woraus sich im Umkehrschluss ergibt, dass Schmutz bzw. Unreinheit mit Unordnung und unzulässigen Vermischungen in Verbindung stehen.

Die Negativwertung der Vermischung, die mit der Absolutsetzung eines starren Ordnungssystems einhergeht, ist nicht nur aus einer ästhetischen, sondern vor allem aus einer politischen Perspektive als problematisch einzustufen. Jean-Luc Nancy hält hierzu pointiert fest: „Zunächst, um das klarzustellen: das simple Lob der Mischung hat vielleicht Irrtümer hervorgebracht, aber das simple Lob der Reinheit war und ist für Verbrechen verantwortlich“ (Jean-Luc Nancy, 1993).

Ausgehend von diesen Überlegungen will die Tagung die Erzählungen der Reinheit (oder der Unreinheit) und ihre politischen Implikationen wie Logiken in den Blick nehmen. Zeitlich soll die Veranstaltung um 1900 einsetzen und die Zeit bis in die Gegenwart in den Blick nehmen.

Beiträge wären u.a. zu folgenden Fragen denkbar:

  • Wie lässt sich die jeweilige (politische) Logik der Reinheit in dem Text beschreiben? Welche Ordnungen werden installiert?
  • Ist der Fluchtpunkt der Erzählung der Reinheit zwangsläufig ein wie auch immer gefasstes Totalitäres? Oder lässt sich Reinheit auch in einer demokratischen Logik denken?
  • Wie sind die Reinigungspraktiken strukturiert und legitimiert?
  • Wie (und warum) wird in der Gegenwartsliteratur Reinheit erzählt? Lässt sich diese ironisch erzählen?
  • Gibt es nur ein ‚Lob der Reinheit‘ oder auch ein ‚Lob der Unreinheit‘?
  • Wie wird das Konzept der Reinheit in aktuellen (politischen und ästhetischen) Debatten in Anschlag gebracht?

Die Tagung wird vom 11.05.–12.05.2023 an der Universität Koblenz stattfinden. Beitragsvorschläge (ca. 1500–2000 Zeichen plus Kurzbiobibliographie) für die 20-minütigen Vorträge können bis zum 15.01.2023 eingereicht werden. Über die Annahme Ihres Vorschlags werden Sie bis Ende Januar 2023 informiert. Die Übernahme der Kosten für Anfahrt und Unterkunft ist angestrebt, kann aber noch nicht zugesichert werden. Die Publikation der Beiträge ist geplant.

Ihre Abstracts für Vorträge senden Sie bitte an:
PD Dr. Immanuel Nover: nover@uni-koblenz.de

PD Dr. Immanuel Nover
Universität Koblenz
Institut für Germanistik
Universitätsstraße 1
56070 Koblenz

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu