CFP (Verlängerung ): Musik, Literatur und Sprache in Zeiten der Krise - Sektion auf dem XV. IVG-Kongress 2025, Graz (12.12.2022)

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Für den XV. IVG-Kongress veranstalten Florian Gassner (University of British Columbia), Siobhán Donovan (University College Dublin) und Matthias Attig (Universität Vechta) zum Thema Musik, Literatur und Sprache eine Sektion mit dem Titel „Melopoetik in Zeiten der Krise“.

Der IVG-Kongress findet vom 20. bis zum 27. Juli 2025 in Graz statt.

Themenvorschläge für die Sektion werden bis zum 12. Dezember 2022 erbeten.


Melopoetik in Zeiten der Krise
Die Verbindung von Sprache, Musik und Literatur spielt in der deutschsprachigen Kulturgeschichte eine bedeutende Rolle im Umgang mit lebensweltlichen Krisen. Melopoetische Interventionen prägten die Epoche der Reformation auf beiden Seiten des Religionsstreits, sie verschafften im 19. Jahrhundert der deutschen Nationalbewegung musikalischen Ausdruck, und sie untermauerten zu Beginn des 21. die soziale Selbstvergewisserung und den politischen Protest gesellschaftlicher Randgruppen. Seit dem Anfang des Krieges in der Ukraine hören wir immer wieder, wie Musiker:innen und Musikant:innen in den Schutzbunkern musizieren, um ihren Mitmenschen Mut zu machen, nationale Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühle zu steigern und Hoffnung zu vermitteln. Es ergibt sich die Frage, ob sich das Krisenbewältigungspotenzial dieser Symbiose systematisch beschreiben lässt, sowohl in seiner intermedialen als auch in seiner historischen Dimension. Zu fragen wäre dabei insbesondere danach, inwieweit das musikalische Aussagesystem dazu beiträgt, soziale und linguistische Grenzen zu überschreiten und damit den Rezipientenkreis zu erweitern.

In der Verbindung von Sprache, Musik und Literatur suchten Künstler:innen oft auch Antworten auf ästhetische Krisen. Das berühmteste Beispiel ist hier gewiss der Schlusssatz der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven (zu betrachten im weiteren Kontext der romantischen Kunsttheorie). Doch auch das mélodrame des 18. und das melodramma des 19. Jahrhunderts, die atonalen Experimente des 20. Jahrhunderts und die multimedialen Innovationen der Gegenwart suchen in diesem Sinne die Grenzen der Kunst neu auszuloten und zu erweitern. Zu berücksichtigen sind dabei ebenso ästhetische Kategorien wie die Theorie des Erhabenen als auch der aktuelle Stand der kognitionswissenschaftlichen Forschung.

Es können auch zeichen- und medientheoretische Fragestellungen in den Blick genommen werden: Was bringt der Gesang alles zum Ausdruck, wie lässt sich sein eigentümlicher Verweischarakter bestimmen, inwieweit geht der Inhalt eines gesungenen Textes über den rein sprachlichen Inhalt hinaus und in welcher Weise wirkt die musikalische Umsetzung eines Textes auf dessen Aussage ein? Welche Funktion hat der Gesang etwa für die Figurencharakteristik in der Oper inne, inwiefern kann der Gesang vor- oder nicht-sprachliche Empfindungsgehalte versinnlichen und so dem Subjektiven zu einer objektivierenden Gestalt verhelfen, die eingängig, gar universell verständlich ist? Wie lässt sich die wirkungs- und rezeptionsästhetische Dimension des Gesangs erschließen, inwieweit beeinflusst er den Hörer auf affektiver und auf intellektueller Ebene? Es sind damit Gesichtspunkte bezeichnet, die auch für die Multimodalitätsforschung, soweit sie auf eine analytische Durchdringung des Zusammenspiels der Ausdrucksträger Sprache und Musik abzielt, von Relevanz sein dürften.

Schließlich ermöglicht der Blick auf die Schnittmenge von Sprache, Musik und Literatur auch eine grundsätzliche Analyse disziplinärer Krisen. Gerade das Verhältnis zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft hat noch immer als ein kritisches zu gelten, weil die Vertreter:innen der beiden Disziplinen auch in Zeiten wechselseitiger inhaltlicher Annäherung noch immer auf Arbeitsteilung bedacht sind und somit die für die Philologien bestimmenden Entwicklungstendenzen der Diversifizierung und Spezialisierungen verstärken, unter deren Maßstab sich die jeweiligen Profile der Disziplinen herausgebildet haben: Das Attribut kritisch stellt unter diesem Gesichtspunkt nicht darauf ab, dass man wechselseitig aneinander Kritik übte, sondern besagt vielmehr, dass das Zusammenwirken in einem grundsätzlichen Sinne etwas Prekäres hat. Einen rettenden Ausweg aus dieser verfahrenen Lage könnte die Beschäftigung mit melopoetischen und melodramatischen Werken und ihrer musikalischen Verwirklichung weisen: Die Musikalisierung von Sprache in Lied und Musiktheater ist sowohl für die Literatur- wie für die Sprachwissenschaft ein Forschungsgegenstand von höchstem Interesse, weil sie die künstlerisch geformte Sprache nicht nur in ein neues, nicht-verbales, gleichwohl sinnstiftendes Medium überführt, sondern in ihrem Inhalt wie in ihrem Ausdruck gestaltend interpretiert und interpretierend gestaltet, mithin ästhetisch durchdringt.

Um all diese Themen auszuloten, begrüßt diese Sektion nicht nur Forscher:innen aus der Germanistik/Musikwissenschaft/Sprachwissenschaft/Theologie. Wir wollen zudem Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen aus verwandten Disziplinen und Berufsfeldern ansprechen, aus der Musikpädagogik, der Kulturarbeit, etc.

Mögliche Themenbereiche (eine Auswahl)

  • Gesprochene und gesungene Sprache
  • Musikalische und literarische Wirkpoetik
  • Melopoetische Produktions- und Rezeptionsästhetik
  • Literatur, Musik und das Erhabene
  • Musik als Verfremdungseffekt
  • Die Musikalität romantischer Poetik und Sprachphilosophie
  • Literarische Texte, die für bestimmte Krisensituationen umfunktioniert und vertont werden
  • Multimodale Auseinandersetzungen mit Krieg und Trauma
  • Wort-Ton Symbiose als propagandistische(s) Werkzeug oder Waffe
  • Der Klang der Revolution: Sprache, Musik und Literatur in Umbruchssituationen
  • Von Krisen geprägte zeitgenössische Operninszenierungen oder Ballette
  • Gott, Glaube und Melopoetik: Die Rolle der Kirchenmusik in Krisen
  • Melopoetik als Schnittstelle zwischen Profanem und Sakralem (etwa Georg Friedrich Händel, Richard Wagner, Arthur Honegger, Hans Werner Henze)
  • Vom mélodrame zum HipHop: Ästhetische und soziale Interventionen
  • Populäre Musik in der Krise: Von Offenbach bis Blumfeld
  • HipHop, Pop und Punk: Krise und Revolution
  • Filmmusik – diegetische und nicht-diegetische
  • Intermediale Adaptationen mit Krisensituationen zum Thema
  • Melopoetische Unterrichtsstrategien
  • Melopoetik für “Lesemuffel”: Die Chancen der Multimodalität/Intermedialität
  • Melopoetische Kompetenz im Curriculum

Auswahlbibliografie
Walter Bernhart, Steven Paul Scher, Werner Wolf (Hrsg.): Word and Music Studies. Defining the Field: Proceedings of the First International Conference on Word and Music Studies at Graz, 1997. Word and music studies, Bd. 1, Amsterdam 1999.
Mark Evan Bonds: Absolute Music. The History of an Idea, Oxford 2014.
Bertolt Brecht: Über die Verwendung von Musik für ein episches Theater. In: Schriften zum Theater I, Gesammelte Werke, Bd. 15, Frankfurt a. M. 1967, S. 472–497.
Dieter Conrad: Schumanns Liedkomposition – von Schubert her gesehen. Einwendungen zu Th. Georgiades, Schubert. Musik und Lyrik. In: Die Musikforschung 24 (1971), H. 2, S. 135–163.
Hans Heinrich Eggbrecht: Musik als Tonsprache. In: Archiv für Musikwissenschaft 18 (1961), H. 1, S. 73–100.
Thrasybulos G. Geōrgiades: Musik und Sprache. Das Werden der abendländischen Musik dargestellt an der Vertonung der Messe. 4. Ausgabe, Darmstadt 2009.
Nicola Gess, Alexander Honold (Hrsg.): Handbuch Literatur & Musik. Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie, Bd. 2, Berlin 2017.
Albert Gier: Das Libretto. Theorie und Geschichte einer musikoliterarischen Gattung, Darmstadt 2010.
Irmgard Scheitler: Geistliches Lied und Kirchenlied im 19. Jahrhundert. Theologische, musikologische und literaturwissenschaftliche Aspekte, Tübingen 2000.
Uwe Schweikert: "Bald sind wir aber Gesang". Essays zu Oper, Musik und Literatur, Berlin 2021.

Themenvorschläge einreichen
Interessierte Kolleg:innen senden ihre Abstracts (ca. 300 Wörter) zusammen mit bio-bibliografischen Angaben bitte bis zum 12. Dezember 2022 an florian.gassner@ubc.ca.


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Nils Gelker] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu