TAGB: Gender und Humor, Graz (11.11.2022)

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Gender und Humor

Workshop-Bericht

Veranstalter: Mario Huber, Zentrum für Kulturwissenschaften, Universität Graz

Datum, Ort: 11.11.2022, Graz

Bericht von: Mario Huber

 

Rechtzeitig zum Faschingsbeginn fand am 11. November 2022 in Graz der Workshop „Gender und Humor“ statt. Ziel der Veranstaltung war es, die vielfältigen Beziehungen zwischen sozialem Geschlecht und Humor im deutschsprachigen Raum in den Blick zu nehmen. Einen Schwerpunkt bildeten dabei Kabarett und Comedy seit den 1980er Jahren.

Den Anfang machte Mario Huber (Graz) mit einer theoriegeleiteten Standortbestimmung des gegenseitigen Einflusses von Gender und Humor in Kabarett und Comedy. Dabei musste er feststellen, dass in diesem künstlerischen Betätigungsfeld stereotype Vorstellungen von Männern und Frauen heute noch die Regel darstellen. Von dieser Dichotomie abweichende Genderentwürfe sind auf den ersten Blick nahezu abwesend. Dennoch lässt sich, wenn man die wenigen Ausnahmen genauer betrachtet, ein Spektrum ausmachen. Auf der einen Seite stehen gesellschaftsunkritische, affirmierende Kabarettformen z.B. eines Mario Barth mit klaren Unterscheidungen zwischen Männern und Frauen, auf der anderen Seite sehr kritische Stellungnahmen zur Geschlechteridentität z.B. aus dem Umkreis des „PCCC*“ (politically correct comedy club). Die Entwicklungen in der deutschsprachigen Kabarett- und Comedyszene zeigen damit zunehmende Relevanz von Komikformen, die intersektionelle Formen der Diskriminierung ins Zentrum stellen und politische Korrektheit als grundlegend erachten. Als unbeantwortete Frage musste dabei stehen bleiben, ob es sich dabei nun um Kabarett und Comedy handelt oder ob besser von politischem Aktionismus, der Komik einsetzt, zu sprechen wäre.

Stefan Maurer (Wien) zeigte in seinem Vortrag über Scherz, Satire, Ironie bei Brigitte Schwaiger eine eher unbekannte Seite der Autorin. Geleitet von Jérôme Meizoz’ Begriff der „posture“ zeichnete Maurer ein Bild einer humoristisch, speziell parodistisch begabten Schriftstellerin, die als solche wenig in Erscheinung treten konnte. Schwaigers satirisches Schreiben wurde, wenn nicht von der Autorin selbst zurückgehalten, in den Texten nicht als solches erkannt. Denn sie war, wie Maurer hervorhob, von Seiten des Literaturbetriebs bereits auf eine bestimmte Rolle und Schreibweise – sie verfasse im „Kleinmädchenton“ „Rollenprosa und Trivialfiktion“ – festgelegt. Anhand der Romane Wie kommt das Salz ins Meer (1977) und Der Himmel ist süß (1984) sowie vieler Dokumente aus dem Teilvorlass Schwaigers zeigte Maurer die komplexe Auseinandersetzung der Autorin mit ihrer humoristischen Fremd- und Selbstwahrnehmung, die sich an den starren Gendervorstellungen der Zeit abarbeitete. Bezeichnend schrieb Schwaiger z.B. in einem Brief an eine Kollegin: „[...] ich habe selbst eine sehr starke satirische Ader, und meine Hemmung ist: weil ich eine Frau bin. Ich schrecke davor zurück, witzig zu sein und grausam-satirisch, wie ein Mann.“

Maria Piok (Innsbruck) befasste sich in der Folge mit einer traditionellen Dialogform des Kabaretts – der Doppelconférence. Dieser sprachliche Zweikampf wird gemeinhin männlich gedacht, dabei bietet sich diese Form des Sprechens sehr gut an, um binäre Geschlechtervorstellungen zu verhandeln. Ausgehend von der geschlechtersensitiven linguistischen Gesprächsforschung von Helga Kotthoff machte Piok plausibel, dass in der Doppelconférence immer wieder Elemente der (stereotypen) Kommunikation zwischen Männern und Frauen zu finden sind, selbst wenn auf der Bühne nur Männer agieren. Anhand zweier Beispiele – „Frau Berger und Frau Schöberl“ (1966) von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn und „Die Nudel“ (1977) von Loriot und Evelyn Hamann – zeigte Piok, dass sich eine diachrone Entwicklung beim Gender-Indexing und bei der direkten und indirekten Thematisierung von Genderfragen ausmachen lässt. Gerade im Dialog zwischen Loriot und Hamann liesen sich subtile subversive Kommunikationsweisen erkennen, die einen emanzipatorischen Impetus nahelegen.

Thomas Stoppacher vom Österreichischen Kabarettarchiv (Graz) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit dem feministischen Kabarett der 1980er Jahre. Dabei lag das Augenmerk auf der Programmgestaltung und der Rezeption der Gruppen „Emmis“, „Menubeln“ und „Chin & Chilla“. Stoppacher machte dabei deutlich, dass sich mit Beginn der 1980er Jahre die Rolle der Frau im österreichischen Kabarett(-betrieb) zu wandeln begann: Die Darstellerinnen wurden auch zu Schreiberinnen und Regisseurinnen. In der Rezeption der Gruppen wurde sichtbar, dass dies nach anfänglichen Erfolgen nicht auf anhaltende Akzeptanz von Seiten der Kritik stieß. Der Begriff „Frauenkabarett“, der immer wieder in den Besprechungen auftaucht und sowohl eine inhaltliche Festschreibung als auch eine abwertende Beurteilung bezeichnet, zeigt an vielen Stellen das Unverständnis der Zeit. Selbst in positiven Rezensionen wurde oft zuerst von der wohltuenden Abwesenheit von „selbstmitleidigem Emanzengejammer“ gesprochen, bevor Leistungen hervorgehoben wurden.

Veronika Schuchter beschäftigte sich stark empirisch gestützt ebenfalls mit der Rezeption von Komikerinnen. Dabei fokussierte sie auf die Gegenwart und zeigte ein großes Missverhältnis: Nur rund ein Achtel der 2020 im gesamten deutschsprachigen Raum verfassten Kabarettbesprechungen berichteten von Programmen von weiblichen Künstlern. Bei einem allgemeineren Blick auf die Berichterstattung veränderte sich das Verhältnis zwar zu Gunsten der Künstlerinnen, jedoch mit der Einschränkung, dass ungefähr zwei Drittel der Texte nur von Lisa Eckhart handelten. Dabei zeigte Schuchter auch gleich, welche Stereotypen von Kabarettistinnen im Feuilleton Verbreitung finden: Von der „Kumpelin in High Heels“ Carolin Kebekus und der Kabarettistin „zum Mitdenken“ Hazel Brugger bis hin zur mit „Fäkalhumor“ hantierenden Lisa Eckhart. Eine traurige Klammer machte Schuchter auch mit Blick auf den vorausgegangenen Vortrag von Thomas Stoppacher: Seit ungefähr 40 Jahren wird im deutschen Feuilleton davon berichtet, dass die Frauen auf den Kabarettbühnen gerade im Kommen sind; ein gleichberechtigtes Ankommen scheint aber immer noch in weiter Ferne.

Den Abschluss der Veranstaltung bestritt Helmut Neundlinger (Krems) mit einem Versuch über „Hermes Phettbergs grotesken Körper“. Neundlinger, ein genauer Kenner des Phettbergschen Oeuvres, machte es sich zur Aufgabe, Michail Bachtins Überlegungen zur Karnevalisierung aus Rabelais und seine Welt (1965) am Wirken des Aktionskünstler weiterzuspinnen. Dabei näherte sich Neundlinger einerseits den Schriften Phettbergs, insbesondere einer homoerotisch aufgeladenen Sterbe- und Verwesungsphantasie. Andererseits setzten seine Überlegungen auch bei Phettbergs Körper an, einem mit Bachtins Augen betrachtet grotesken, aber äußerst vitalen Körper, der jenseits der geordneten feudalen Welt existiert. Neundlinger sieht in Phettbergs untrennbar verwobenem Sein und Schaffen eine Art von queerem Humor, der sich selbst aufs Spiel setzt und in einem „therapeutischem Wahrsprech“ Tragisches in Komisches verwandelt.

Die Vorträge und anregenden Diskussionen zeigten, dass sich mit dem Fokus auf Gender und Humor zwar eine Vielzahl an interessanten künstlerischen Lebensläufen und Werken finden lassen, die deutschsprachige akademische Beschäftigung mit diesen aber noch nicht weit gediehen ist und ein Aufholbedarf z. B. mit Blick auf den englischsprachigen Raum besteht. Eine Folgeveranstaltung ist deshalb ebenso bereits angedacht wie auch eine Veröffentlichung der Beiträge.

 

Übersicht

Mario Huber (Zentrum für Kulturwissenschaften, Universität Graz): Einführung

Stefan Maurer (Literaturhaus Wien): „also ich erzähl ganz schnell, was so hintereinander passiert ist, dass der Zuhörer dann lacht“ Scherz, Satire, Ironie und die Untiefen der Kindheit in Brigitte Schwaigers Texten

Maria Piok (Brenner-Archiv, Universität Innsbruck): Doppelconférencières. Gespielinnen auf der Kleinkunstbühne

Thomas Stoppacher (Österreichisches Kabarettarchiv, Graz): „Vorlaute Emmis“: Feministisches Kabarett der 1980er-Jahre – Programm und Rezeption

Veronika Schuchter (IZA, Institut für Germanistik, Universität Innsbruck): Von der „Krawallschachtel“ zum „blonden Gift“. Die Rezeption weiblicher Humoristinnen im deutschsprachigen Feuilleton

Helmut Neundlinger (Archiv der Zeitgenossen, Universität Krems): Ein neuer Gargantua? Mutmaßungen über Hermes Phettbergs grotesken Körper


Redaktionelle Betreuung: Nils Gelker

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