CFP: Zumutung Freiheit? Narrative von Partizipation und democratic backsliding in den postsozialistischen Gesellschaften, Lodz (30.11.2022)

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Call for Papers

Zumutung Freiheit? Narrative von Partizipation und democratic backsliding in den postsozialistischen Gesellschaften

11. – 13. 05. 2023, Universität Lodz / Uniwersytet Łódzki   

 

Der Befund, die Gesellschaft  zerfalle in Ich-zentrierte Singularitäten (Reckwitz 2019), während sich Politikverdrossenheit und Vertrauensverlust in Staat und Politik ausweiten, ist in den letzten Jahren von Krisenstimmung und Furcht vor gesellschaftlicher Spaltung und politischer Radikalisierung begleitet worden. Eine Erosion demokratischer Werte, der Erfolg populistischer Bewegungen und die Rückkehr zu autoritärem Denken sind Schlagworte, mit denen im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs ein democratic backsliding diagnostiziert wird. Demokratische Grundprinzipien, Traditionen und Partizipationsmechanismen werden geschwächt und abgebaut (Bermeo 2016; Levitsky/Ziblatt 2018; Crouch 2008; Crouch 2021).

Neben den politischen Krisen in älteren Demokratien sind es vor allem ehemals sozialistische Länder, die sich nach einem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg jüngst durch eine populistisch und nationalistisch markierte Abkehr von demokratischen Grundwerten auszeichnen. Das wirft die Frage auf, ob die erkämpften Freiheiten erodiert, mithin zur Zumutung degeneriert sind (Krastev 2017; Holmes/Krastev 2019).

Während radikale Gruppierungen wie ‚Pegida‘ und ‚Querdenker‘ die Demokratie auf Basis von Verschwörungstheorien „ent-demokratisieren“ (Manow 2020), zeigt sich durch eine Vielzahl lokaler sowie globaler Protestkulturen aber auch, dass Partizipation und bürgerliches Engagement im Rahmen der demokratischen Grundordnung und im Sinne einer lebendigen Demokratie bei der Demontage der Demokratie nicht zusehen, sondern sie erneuern (Marg et al 2013).

Mit den Schlagworten Partizipation und Demokratieskepsis setzen wir eine theoretische Klammer, um die künstlerischen Reflexionen der Transformationsgesellschaften nach über dreißig Jahren Demokratieerfahrung einer kritischen Bestandsaufnahme zu unterziehen, denn: Literatur, Film, Kunst, Pop- und Gegenkulturen registrieren und verarbeiten diese unterschiedlichen, ja: gegenläufigen Entwicklungen und erfassen seismographisch neben den politischen Großdiskursen auch die leichten Schwingungen und Verschiebungen der politischen Mentalitäten. Sie artikulieren Versuche der Teilhabe und der Verweigerung. Sie agieren politisch, indem sie Politik thematisieren, indem sie eine Stimme äußern, die im politischen Diskurs fehlt oder ‚unvernommen‘ bleibt (Rancière 2002) oder indem sie divergierende Positionen in einen textuellen Streit bringen. Sie zeichnen ein Panorama aktueller (Neu-)Aushandlungen von Demokratiebedrohung auf der einen und neuer Partizipation in den postsozialistischen Gesellschaften auf der anderen Seite, greifen dabei auf sich etablierende Narrative zurück oder sind selbst an der Entstehung neuer Erzählungen von Freiheit und ihren Zumutungen beteiligt.

Unser Ausgangspunkt sind deutschsprachige künstlerische Auseinandersetzungen mit den oben skizzierten Phänomenen. Vergleichende Studien und Beiträge sind hochwillkommen. Zur Orientierung können dabei folgende Fragen dienen:

  • Wo äußert sich politischer Verdruss und die Ablehnung der Institutionen? 
  • Wie wird politischer Vertrauensverlust literarisiert und fiktionalisiert?  
  • Haben Demokratiegewinn, die Expansion der (konsumistischen) Wahlfreiheit sowie die normative Orientierung am kapitalistischen Westen und die damit einhergehende Entwertung von Lebensleistung eine Über-Forderung etabliert, die zu Regression und der Installation neuer Opferdiskurse führt?
  • Wo sind künstlerische Ausdrucksformen zu untersuchen, die davon erzählen, dass Menschen sich an demokratischen Prozessen auch im Widerstreit beteiligen?
  • Überwiegen agonale Narrative oder lässt sich die Dominanz von Verlusterzählungen durch Erfolgsgeschichten individueller und kollektiver Freiheit reperspektivieren?
  • Etablieren sich mit der Freiheit neue künstlerische Formen oder erliegen sie einem ökonomisch argumentierten Konformitätsdruck?

Wir bitten um Abstracts von max. 350 Wörtern, die sich einem der folgenden Panels zuordnen lassen:

  • Narrative des Scheiterns
  • Narrative des Verlusts
  • Narrative der Gewalt
  • Narrative der Freiheit
  • Narrative der Partizipation

Bitte senden Sie Ihre Abstracts (ca. 350 Wörter) inklusive einer kurzen biographischen Notiz bis zum 30.11.2022 an alle drei Organisator:innen:

Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral (Uniwersytet Łódzki) elzbieta.kapral@uni.lodz.pl

Dr. Inga Probst (Uniwersytet Warszawski)   i.probst@uw.edu.pl

Torsten Erdbrügger (Uniwersytet Łódzki) torsten.erdbruegger@uni.lodz.pl

 

Im Anschluss werden double blind begutachtete Beiträge in einem Sammelband publiziert.

Zur anteiligen Finanzierung (darunter 2 ÜB pro Person im Tagungshotel der Universität, Mahlzeiten und Druckkosten der Publikation) möchten wir Sie bitten, folgende Gebühren zu entrichten:

300,- PLN für habilitierte und promovierte Wissenschaftler:innen

150,- PLN für Doktorand:innen, Absolvent:innen

Reisekosten können von den Veranstalter:innen nicht übernommen werden.

 

Auswahlliteratur:

Bermeo, Nancy (2016): On democratic backsliding. In: Journal of Democracy, Vol. 27., Nr.

1, S. 5 – 19.

Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Aus dem Englischen von Nikolaus Gramm. Berlin: Suhrkamp.

Crouch, Colin (2021): Postdemokratie revisited. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Berlin: Suhrkamp.

Krastev, Ivan (2017): Europadämmerung. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Berlin: Suhrkamp.

Krastev, Ivan/Holmes, Stephen (2019): Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Aus dem Englischen von Karin Schuler. Berlin: Ullstein.

Levitsky, Stephen/Ziblatt, Daniel (2018): Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. München: DVA.

Manow, Philip: Die politische Ökonomie des Populismus. Berlin: Suhrkamp 2018.

Manow, Philip (2020): (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Ein Essay. Berlin: Suhrkamp.

Marg, , Stine et al. (2013) (Hg.): Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Reinbek: Rowohlt.

Pytlas, Bartek (2021): Erodierung von Demokratie und Populismus an der Macht in Mittel- und Osteuropa. In: Muno, Wolfgang/Pfeiffer, Christian (Hg.): Populismus an der Macht. Strategien und Folgen populistischen Regierungshandelns. Springer VS, Wiesbaden, S. 249-270.

Rancière, Jacques (2002): Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Aus dem Französischen von Richard Steurer. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.

Contact Info: 

Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral

Dr. Inga Probst

Torsten Erdbrügger

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Constanze Baum] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

 

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