CFP: (Verlängerte Einsendefrist): Feindschaft – Verachtung: Inszenierungsformen des Hasses im Drama (1600–1800) (03.10.22)

Oliver Völker Discussion

CFP (Verlängerte Einsendefrist): Feindschaft – Verachtung: Inszenierungsformen des Hasses im Drama (1600–1800)

Dr. Oliver Völker

Workshop am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt 16.–17. März 2023

Als eine -  auf zeitliche Dauer gestellte Emotion, so die Bestimmung Kants, gräbt sich Hass tief in das fühlende Subjekt ein. Zugleich scheint die damit einhergehende Ausrichtung auf ein feindliches Gegenüber einen Punkt anzusteuern, an dem die Sprache an Bedeutung verliert und in Gewalt umschlägt. Die Metapher der verletzenden Rede auf ihre buchstäbliche Ebene drängend, ist ‚Hass‘ nicht einer beweglichen, dialoghaften Sprache angehörig, sondern zielt hartnäckig auf das Verstummen, die Herabwürdigung und die Zerstörung eines Gegenübers. Trotz oder gerade aufgrund dieser Grenzsituation zum Bereich des Körpers und der Gewalt provoziert Hass in der Literatur eine besondere sprachliche Dynamik, die sich u.a. in einer Rhetorik der Überbietung und in aufwendig durchchoreographierten Sprechakten wie Schwur oder Fluch äußert. Ästhetische Gestalt und Bühnenpräsenz gewinnt Hass oftmals in performativen Sprechakten, die an magisch-religiöse Vorstellungen einer sprachlichen Kraft anknüpfen, wie sich beispielsweise an Shakespeares Richard III, Racines La Thébaïde, ou les frères ennemis (1664) oder Klingers Sturm und Drang (1777) zeigen ließe.

Obschon das Verhältnis von Literatur und Emotionen in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen hat und dabei negative Emotionen wie Schmerz, Wut und Eifersucht in den Blick genommen wurden, ist die Bedeutung von Hass und Hassrede in diesem Zusammenhang noch vergleichsweise wenig erforscht. Hier soll die Veranstaltung neue Zugänge eröffnen, indem sie in einer komparatistischen und historischen Perspektive literarische Inszenierungsformen des Hasses und der Feindschaft in den Blick nimmt.

Dabei zeichnet sich gerade in Dramen des Zeitraums von 1600 bis um 1800 ein Korpus ab, in dem der Hass eine problematische, gleichwohl aber immer wieder handlungstreibende Emotion darstellt. Gehören hasserfüllte Figuren in den Dramen Shakespeares zum Kernbestand, so tritt auch in der Aufklärung Hass nicht allein als geschichtlich zu überwindender Anachronismus auf, wie sich etwa an einer Vielzahl von misanthropischen Figuren verdeutlichen ließe. Emotionen einer gewaltsamen, sich gegenüber konkreten Anlässen der Herabwürdigung oder Verletzung sukzessive verselbstständigenden Feindschaft scheinen Phänomene zu konstituieren, die sich durch einen historischen Prozess der Aufklärung und damit einhergehenden Postulaten von Mitleidsästhetik, Gemütsruhe, Toleranz und kritischer Vernunft nicht aufheben lassen. Wie diese vermeintlich archaischen Restbestände im Drama raumgreifend ausagiert und zum Gegenstand der ästhetischen Aufmerksamkeit werden, soll im Workshop untersucht werden. Dabei stehen unter anderem die folgenden Fragen im Vordergrund:

  • In welchen Formen sprachlichen Handelns gewinnt Hass in Dramen des Zeitraums von 1600 bis um 1800 Gestalt und inwieweit lässt sich die Vorstellung einer sprachlichen, die Wirklichkeit verändernden Kraft in Beziehung zu Wissensbeständen und Modellen der Rhetorik stellen?
  • In welchem Verhältnis stehen dramatische Inszenierungen von Hass zu philosophischen, medizinischen und anthropologischen Modellen von Körperlichkeit und Emotionen im hier gewählten historischen Ausschnitt?
  • In welchen Inszenierungsformen von Körperlichkeit (Gestik, Mimik) wird Hass im Drama ausagiert?
  • In welchem gattungspoetologischen Verhältnis stehen Feindschaft und Hass zu dramatischen Formen wie der Tragödie oder dem Trauerspiel? 
  • Wie verhalten sich dramatische Szenen von Hass und Feindschaft zu den politischen und kulturellen Konstruktionen von Identität, Gemeinschaft und Fremdheit ihrer jeweiligen Zeit?

Der Workshop findet am 16. und 17. März 2023 am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt statt. Beitragsvorschläge von bis zu 500 Wörtern sowie kurze biobibliographische richten Sie bitte bis zum 03. Oktober 2022 an Dr. Oliver Völker (voelker@em.uni-frankfurt.de).

Eine Publikation der Beiträge wird angestrebt. Reise- und Übernachtungskosten können in einem begrenzten Umfang übernommen werden.