TAGB: Humboldt-Kolleg "Autobiografie in der Literatur und den Künsten", Krakau (19.-22.10.2017)

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Veranstalterinnen: Dr. hab. Jadwiga Kita-Huber, Dr. Kalina Kupczynska

Ort: Collegium Maius, Jagiellonen-Universität Krakau

Datum: 19.-22.10.2017

 

Von Martin A. Hainz

 

Gefördert von der Alexander von Humboldt-Stiftung fand in Kraków 19.-22.10.2017 das Humboldt-Kolleg Autobiografie in der Literatur und den Künsten (Konferenzhomepage: https://kolleg-autobiografie2017.jimdo.com) statt. Veranstaltet von Jadwiga Kita-Huber (Institut für Germanistik der Jagiellonen-Universität) und Kalina Kupczynska (Institut für Germanistik der Universität Lódz) thematisierte die Tagung im Collegium Maius Fragen des Autobiographischen, das „seismographisch auf die Transformationen und Trends in der Literatur” reagiere, so die Organisatorinnen, denn zweierlei ist implizit hier immer zur Disposition gestellt: das Selbst (autos) und das Schreiben, durch das das Selbst entweder sichtbar wird oder überhaupt erst sich konstituiert. Insofern spielen noch Fragen von Authentizität versus Inszenierung in die Autobiographie. Es galt also, den historischen Rahmen der Autobiographie abzustecken, konkret ab 1750, Theorien zu verhandeln, aber auch zu diskutieren, was jeweils Strategien zu zeigen vermögen, seien es solche des Texts, seien es solche von Text und Bild – womit Kupczynskas Interesse und Expertise im Bereich der Comics die Konferenz nicht unwesentlich prägte.

 

Nach einer Skizze der Intention und des Rahmens der Tagung durch die Veranstalterinnen eröffnete der Festvortrag Paul Michael Lützelers (St. Louis) die Gespräche, ein Abriss seiner Lebensstationen, Meriten und Vernetzungen als Einführung in die „Möglichkeiten einer kosmopolitischen Literaturwissenschaft”. Dem folgten drei Vorträge, die die Vielschichtigkeit der Fragestellung exemplarisch aufzeigen sollten. Malgorzata Sugiera (Kraków) referierte zu Autobiographien der (nicht-)menschlichen Anderen, ob nämlich technische Modifikationen oder Prothetik neue Selbstkonzepte schaffen, wobei es über Daniel H. Wilsons Prosa-Zyklus Robocalypse und Robogenesis bis zur Gestalt des Terminators ging, die offenbar ein akuter Fall von Autobiographik ist. Mit Christian Moser (Bonn) ging es um Körperschriften, worin „zwischen Schrift, Bild und Spur” hin- und hergewechselt wurde, wie beispielsweise sich etwas „nachgerade zu ‚verkörpern’” vermag, das womöglich nicht Körper sei, wie tätowierte Körper Siginifikant und/oder Signifikat sein können. Im Zentrum stand Michel Leiris. Bob Dylans autobiographisches Maskenspiel stand als Autobiographik, die ex negativo verführe, bei Piotr de Bończa Bukowski (Kraków) zur Debatte: „It ain't me”: „I change during the course of a day. I wake and I’m one person, and when I go to sleep I know for certain I’m somebody else. I don't know who I am most of the time”…

Die literaturgeschichtliche Perspektive auf Autobiographie eröffnete Joachim Jacob (Gießen), der  „Kommunikationsformen der Authentizität in der pietistischen Autobiographie” präsentierte – wobei „Gnade”, die sich „ergieße”, das, was autos sei, in Frage stellt: Zu schreiben ist so, nämlich vor diesem Hintergrund von Pietismus und/als Medialität, eine „,dezentrierte’ Autobiographie avant la lettre”. Jan Röhnert und Nils Reichert (beide Braunschweig) problematisierten Christian von Massenbachs Memoiren zur Geschichte des preußischen Staates von 1809 als ein womöglich „gescheitertes autobiographisches Großprojekt der Goethezeit”.

Zur Frage der Pornographie und ihren autobiographischen Elementen sprach Urszula Bonter (Wrocław): etwa zur Herleitung des obszönen Charakters der Heldin qua obszöner Zeugung, wobei die Spermata von potenten, wilden Männern in einer Porno-Phantastik des 18. Jahrhunderts quasi gemischt worden wären.

Adalbert Stifters „poetischer Selbststilisierung” folgte hernach Wolfgang Hackl (Innsbruck), also anhand der wenigen autofiktional-autobiographischen Textzeugnisse (Aus dem bairischen Wald sowie Mein Leben) der Moderation des durchaus nicht ruhigen Autoren zu jenem, der das „sanfte Gesetz” für alles und somit auch sich selbst formulierte. Über Identität als Identitäten dachte Maria Kłańska (Kraków) nach. Ilma Rakusa Mehr Meer (2009) könne „als Beispiel für eine mitteleuropäische Mehrfachidentität” dienen, ein Thema, das Kłańska seit der Befassung mit dem Problemfeld Galizien (Wien, Köln, Weimar 1991) umtreibt und hier neue Nuancen erfuhr. Gudrun Heidemanns (Łódź) Thema war die „autobiographische Geopoetik“ in Katja Petrowskajas Vielleicht Esther und Tomasz Różyckis Zwölf Stationen, einer „speziellen Heimatliteratur”, in der die autobiographisch Erzählenden sich auf „den Spuren ihrer Vorfahren” redefinieren: ein vielleicht sogar zwecks Verankerung doch „‚mobilisiertes’ Schreiben”. In die jiddische Tradition führten Magdalena Sitarz und Andrzej Pawelec (beide Kraków), Dos lid funem oysgehargetn yidishn folk von Yitskhok Katsenelson (geläufiger die Schreibung Jizchak Katzenelson) erfuhr eine Würdigung als wesentliche Memoralistik der „Ereignisse aus dem Leben und Sterben seines Volkes” in der Shoa.

Die nächste Gruppe an Vorträgen eröffnete Monika Schmitz-Emans (Bochum), die die Möglichkeiten von „Lexika und Wörterbüchern als Selbstporträts” las. Dass sich Listen als subversive Strategien der Selbstschreibung eignen, wurde an Alberto Savinios Nuova Enciclopedia, einer „‚Privat’-Enzyklopädie”, an Roland Barthes’ Roland Barthes par Roland Barthes, aber auch an Ugresics My American Fictionary dargetan, übrigens mit spannenden Fragen der Übersetzung, ob/wie man nämlich diese Struktur wahren könne und solle. „Zum paratextuellen Aufbau ostdeutscher Autobiographik nach 1989” sprach Katarzyna Norkowska (Toruń). Der „autobiographische Pakt” im Sinne Philippe Lejeunes wurde hierbei mit Überlegungen Gérard Genettes (Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt/M. 2001) gekreuzt. Visual Storytelling und die Möglichkeiten des Webs für Comics besprach Oliver Ruf (Furtwangen): „Web-Comics erweisen sich bei näherer autobiographie-theoretischer Betrachtung gewissermaßen als […] bemerkenswertes Exemplum digitalen Designs zwischen Online-Tagebuch […] und ambitioniertem Visual Storytelling”, so die Bilanz.

 

Damit begannen die Explorationen des Comics – Marie Schröer (Koblenz) setzte sie fort, wie artifiziell oder performativ sei Autobiographie, so ihre Fragestellung zu einem Bluff: Judith Forest, von der Kritik wie von Comicforschern wie Thierry Groensteen oder Bart Beaty ob der Aufrichtigkeit und Behutsamkeit ihrer „autobiografischen” Erzählung gelobt, war das Produkt eines belgischen Verlagskollektivs. Inwiefern Tradition immer zu etwas dieser Art führt, zu epigonenhafter Produktion oder Rezeption, diskutierte Nina Heindl (Köln): „Jimmy Corrigan has my grandfather’s hair, Charlie Brown’s eyes and my self-doubt“, mit dieser (Selbst-)Aussage Chris Wares wurde in das nahezu inhärente Ironische insbesondere von Comics eingeführt. Ole Frahm (Hamburg) diskutierte „Parodien des Selbst” dann in einem souveränen Überblick als „Sub/Versionen von Form und Inhalt”, und zwar mit Fokus auf die Performativität (und Autodekonstruktion) in autobiographischen Comics seit 1972.

Taugt, so fragte Bernd Dolle-Weinkauff (Frankfurt a.M.), solche „Autofiktion als Geschichtsschreibung”? Die Verwiesenheit von Geschichte und Geschichten wurde so zugespitzt, in einer Auslotung der Relation zwischen Fiktionalem, (Auto-)biographischem und „manifest Historischem”, wenn es dieses denn gibt. Kalina Kupczynska (Łódź) schloss mit der Frage an, ob und wie hierbei literarische Autobiografie und Comic-Autobiographie Unterschiede aufweisen: ein unerschöpfliches Thema bis in die Rezeption, ob etwa „der Nimbus der antimainstream-Produktionen, den die autobiographischen Comics in Frankreich oder den USA trugen”, sich der Eigengesetzlichkeit des Mediums verdanke. Die schon von Kupczynska bedachte Frage des genderns in Comics, aber auch der jüdischen Identität, nämlich in Aline Kominskys Crumb, stand im Mittelpunkt der Überlegungen von Veronique Sina (Köln). Die „unbeständige und fragmentierte Qualität des […] Subjektes” wurde hier paradox konturiert.

In Richtung des ‚Theatralen‘ von Lebensentwürfen wies Lorella Boscos (Bari) Überlegung zu „Subjektkonstitution und theatralischer Sendung” bei Emmy Hennings – bis in den Namen, der Gegenstand des Spiels statt Garantie ist, entwickle sich hier eine Hybridität: „Hennings’ Texte” seien „Romane und Autobiographien zugleich, Autofiktionen.” Karolina Matuszewska (Szczecin) zeigte das Selbst als Limes: „Ich kann nicht lustiger sein – als ich bin!“ Am Schaffen Paul Scheerbarts wurde diese Kehrseite dessen, dass, was das Selbst sei, fraglich ist, beleuchtet: „Das Unmögliche möglich machen, was seinen Ausdruck in Scheerbarts ernst genommenen Versuchen fand, das Perpetuum mobile zu konstruieren, ist die Zusammenfassung seines ganzen Lebens und Schaffens.” Zurück zu den Fragen der Humanität führte Mateusz Chaberskis (Kraków) Beitrag, zu „contemporary performing arts including bioart, technoart and critical design where non-human agency is at the heart of the artistic event.”

Robert Walter-Jochum (Berlin) stellte sich hernach der Frage, was Affekte in autobiographischen Texten seien, wie diese und ihr Rahmen sich zum Authentischen verhalten: „Authentizität” sei eine „Kategorie, die im Text auf nachvollziehbare Weise hergestellt werden muss, ohne dass der Rückgriff auf das Autor-Ich oder gar seine Ausdrucksabsichten und seine tatsächliche Gefühlswelt zu Rate gezogen werden könnte.” Ist Affekt in der Folge ein deiktischer Kniff? Wolf Haas’ automediale Spiele diskutierte Monika Szczepaniak (Bydgoszcz). Der intertextuelle Ironiker sei im Text „Autor als Geste”, wie mit Giorgio Agamben festgehalten wurde. Christoph Schmitt-Maaß (München) begab sich auf die Suche nach etwas von dieser Art: von Hubert Fichte zu Clemens Meyer, in akribischen close readings des Schreibens durch Subkulturen und die Art der Analyse derselben, denen der Autor aber auch zuzugehören suggeriere, wie mit Rückgriff u.a. auf Steffen Martus’ Werkpolitik (Berlin, New York 2007) gezeigt wurde.

Joanna Jabłkowska (Łódź) widmete sich „Männerproblemen” in Martin Walsers Alterswerk, dass dieser nämlich nun die Rückkehr zu sich selbst betreibe, dass anders formuliert „sein Schaffen […] seine eigenen Obsessionen thematisiert: seine neurotische Heimatliebe, das Nationalgefühl oder das Kleinbürgerbewusstsein.” Joanna Drynda (Poznań) referierte zu Silvia Bovenschens Notizen mit dem Titel Älter werden; Bovenschen formuliert hier: „Ich muß den Schutz der Begriffsnetze verlassen”. Dieser Bewegung – Inszenierung, Authentifizierung – folgte der Beitrag über die Autorin und Philologin, die wenige Tage nach der Tagung leider verstarb. Dem Projekt Ein Tag im Jahr Christa Wolfs widmete sich Karin Wolgast (Kopenhagen): „Somit ergibt sich ein Schnitt durch die deutsche Geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts”, der „Nationalsozialismus, der Versuch eines deutschen Sozialismus und der heutige bundesdeutsche Neoliberalismus als die drei großen Formen gesellschaftlicher Macht kristallisieren sich im Verschwindungspunkt eines Menschenlebens”.

Martin A. Hainz (Wien) zeigte an Ralph Waldo Emersons Lektürenotizen zu Johann W. Goethe nicht ohne Ironie, wie Philologie – oder wenigstens literary criticism – zugleich ein Selbst inszeniert, das durch sein Verstehen, das es nur nebenbei protokolliere, seine Autobiographie wie eine Schmuggelware unter die Leser bringt. Provokant inszeniert habe sich dagegen Hermann Burger, so Dorota Sośnicka (Szczecin): seine Autobiographie eine der Übertreibung oder Ironisierung und schließlich ein Dementi in seinem Tractatus logico-suicidalis. Ob der Selbstmord diesen beglaubige, blieb dabei eine nicht belegbare Arbeitshypothese der Referentin. Michał Sobczak (Kraków) begab sich auf die Spuren christlicher Identitätsfindung bei Paula von Preradović.

Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur diskutierte Katarzyna Jaśtal (Kraków) – wie schreibt, wer vom Gegenstand seines Schreibens, einem Gehirntumor, gleichsam unmittelbar affiziert ist? Dieses „autobiografische Schreiben am Rande des Lebens” und der Kognition, das als blog und Buch die Zeit zwischen März 2010 und August 2013 umfasst, erweiterte die Fragen der Konferenz nochmals. Carola Hilmes (Frankfurt a.M.) führte aus, welche (Ausgangs-)Punkte das Schreiben habe und tilge: „Ich, Selbst, Jetzt”. Das, was schreibe, sei in Bezug auf sich „inventarisch” und „inventorisch”, so die Quintessenz der pointierten Summa. Jadwiga Kita-Hubers (Kraków) Ausführungen zum „Ich als Text” beschlossen die Tagung, wobei auf die Frankfurter Poetikvorlesungen 2005-2015 eingegangen wurde – den Anklang, die Rezeptionshemmnisse, das mehr oder weniger Elaborierte der Beiträge, die Form, worin, wer sich in Text verwandelt, den Text zu sich in Beziehung setzt.

 

Das reiche Rahmenprogramm umfasste neben einem Informationsvortrag über die Förderprogramme der Alexander von Humboldt-Stiftung von Marian Jaskuła (Societas Humboldtiana Polonorum) eine anregende Lesung samt Diskussion mit Thomas Meinecke, der sein Buch Selbst vorstellte.

(https://kolleg-autobiografie2017.jimdo.com/lesung)

 

Redaktionelle Betreuung: Lukas Büsse

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