CFP: Juristendichtung. Ferdinand von Schirachs Werk zwischen Literatur und Recht (31.08.2022)

Thomas Nehrlich's picture

Juristendichtung. Ferdinand von Schirachs Werk zwischen Literatur und Recht

Tagung in Bern, 17. und 18. November 2022

 

Ferdinand von Schirach, geboren 1964, war über 20 Jahre lang Strafverteidiger in Berlin, bevor er 2009 mit seinem ersten Erzählband Verbrechen, der auf Fällen aus seiner juristischen Praxis beruht, einen sensationellen Debüterfolg feierte. Inzwischen hat Schirach ein recht umfangreiches und vielfältiges Œuvre publiziert: weitere Kurzgeschichten und Erzählungen (Schuld 2010, Carl Tohrberg 2012, Strafe 2018), Romane (Der Fall Collini 2011, Tabu 2013), Theaterstücke (Terror 2015, Gott 2020), Essays (Die Würde des Menschen ist antastbar 2014), autobiographische Kurzprosa (Kaffee und Zigaretten 2019), Gesprächsbände mit Alexander Kluge (Die Herzlichkeit der Vernunft 2017, Trotzdem 2020), ein politisches Manifest (Jeder Mensch 2021) und zuletzt vermehrt TV-Formate (Feinde 2021, Glauben 2021). Daneben trat Schirach als Publizist in namhaften Zeitungen und als Gast in Talkshows in Erscheinung. Fast alle seine Veröffentlichungen sind äußerst erfolgreich, die Bücher belegen Dauerplätze in den Bestseller-Listen, mehrere Erzählungen und die Dramen wurden verfilmt. Außerdem wurde Schirach verschiedentlich von der Literaturkritik ausgezeichnet, u. a. mit dem Kleist-Preis 2010 und dem Ricarda-Huch-Preis 2018. Durch Übersetzungen in mehr als 30 Sprachen ist Schirach auch im Ausland einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren.

Wie erklärt sich Schirachs Erfolg? Was zeichnet seine Texte aus, literarisch, diskursiv, politisch? Die Tagung widmet sich Schirach und seinem Werk aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Neben seinen Texten sollen Schirachs Themen und seine Poetik erforscht werden, insbesondere die Verknüpfung von Literatur und Recht in der Tradition der Juristendichtung sowie die Einordnung in die deutschsprachige Kriminal- und Rechtsliteratur (u. a. Schiller, Kleist, Kafka, Dürrenmatt). Schirachs autofiktionale Selbstdarstellung zwischen Anwalt, engagiertem Autor und Dandy soll ebenso diskutiert werden wie die gesellschaftliche Rolle von Schriftsteller-Jurist*innen in der Gegenwart (zum Beispiel Juli Zeh und Bernhard Schlink) sowie die Aktualität und Attraktivität juristisch-kriminologischer Erzählungen und Diskurse (true crime, Aufarbeitung der NS-Verbrechen). Am Beispiel der Verfilmungen, Hörspiele und TV-Formate soll nicht zuletzt die zunehmende Transmedialität von Schirachs breitenwirksamen Produktionen in den Blick genommen werden.

Mit ersten verstreuten Beiträgen seit Mitte der 2010er Jahre hat die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Schirach begonnen. Die Tagung in Bern am 17. und 18. November 2022 soll einen konzentrierten Überblick über die aktuelle Schirach-Forschung geben. Die Beiträge sollen anschließend in einem Sammelband in der Reihe „Kontemporär. Schriften zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ bei Metzler veröffentlicht werden. Kosten für Reise und Unterkunft können voraussichtlich übernommen werden.

 

Mögliche Themen:

1. Schirach als Strafverteidiger und engagierter Jurist

– Schirachs Praxis als Strafverteidiger

– bekannte Mandate (u.a. Juretzko, Schabowski, Kinski) und historisch bedeutende Verfahren (Mauerschützenprozess, Strafanzeige gegen Bundesnachrichtendienst und Landesarchiv Berlin/Datenschutzbeauftragten)

– Schirachs juristische Publizistik (u.a. SPIEGEL-Kolumne)

– Schirachs rechtspolitische Initiativen (Jeder Mensch, Petition zu EU-Grundrechtecharta)

– Popularisierung und Didaktik von Rechtsfragen

2. Schirachs literarisches Werk

– Studien zu Einzeltexten oder Werkgruppen

– Gattungstheorie und -vielfalt

– Poetologie von Schirachs Schreiben

3. Schirach im Kontext

– Kriminalliteratur seit Pitaval

– Tradition der Juristendichtung

– intertextuelle Bezüge und literaturgeschichtliche Vorläufer (u.a. Kleist, Voltaire)

– Wissensgeschichte (Recht und Literatur)

– Diskurse (true crime, Nationalsozialismus, Europa, Verbrechen und Gender etc.)

4. Transmedialität

– Schirach in audiovisuellen Medien (Hörspiele, Kino- und TV-Verfilmungen, Websites zu Theaterstücken)

– Partizipationsformen im Theater und Fernsehen (Publikumsabstimmungen)

– zunehmende Eventisierung von Schirachs Produktionen

 

Bitte senden Sie Abstracts mit Themenvorschlägen bis zum 31. August 2022 an Thomas Nehrlich (thomas.nehrlich@unibe.ch) und Erik Schilling (erik.schilling@lmu.de).


Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Johannes Schmidt] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu