TAGB: Wahrnehmungskräfte – Kräfte wahrnehmen. Dynamiken der Sinne in Wissenschaft, Kunst und Literatur

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Tagungsbericht

 

Wahrnehmungskräfte – Kräfte wahrnehmen

Dynamiken der Sinne in Wissenschaft, Kunst und Literatur

 

Jahrestagung der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe Imaginarien der Kraft,

9. bis 11. Juni 2022 im Warburg-Haus Hamburg

 

Bericht von Dr. Dennis Borghardt (dennis.borghardt@uni-due.de)

Vom 9. bis 11. Juni 2022 fand im Hamburger Warburg-Haus die Tagung Wahrnehmungskräfte – Kräfte wahrnehmen. Dynamiken der Sinne in Wissenschaft, Kunst und Literatur statt. Sie bildete zugleich die Jahrestagung der an der Universität Hamburg situierten DFG-Kolleg-Forschungsgruppe Imaginarien der Kraft und deckte thematisch ein weites Spektrum an Dispositionen ab, die mit dem Paradigma ‚Wahrnehmungskraft‘ überhaupt in Verbindung gebracht werden können.

 

In ihrem Begrüßungsvortrag führten die Veranstalter:innen Cornelia Zumbusch, Frank Fehrenbach, Laura Isengard und Gerd Micheluzzi (weiterer Veranstalter: Dominik Hünniger) anhand traditionsreicher Begriffspaare wie enárgeia (evidentia) und enérgeia (actus), aísthesis (sensus) und dýnamis (vis [virtus], potentia) sowie Eindruck (impressio) und Spannkraft (intensio) in das Thema ein. Hierbei wurde besonders das Wechselspiel von externer und interiorer Sinnlichkeit hervorgehoben, aus dem heraus sich Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft begrifflich wie konzeptuell konstituieren und in Naturwissenschaft und -philosophie, Theologie, Poetik, Rhetorik sowie den bildenden Künsten leitende Rollen einnehmen. Modellierungen und Hierarchisierungen der Sinnesorgane, wie sie seit Aristoteles’ De anima vielfach diskutiert werden, überwinden gerade dadurch die Vorstellung von sinnlichen Wahrnehmungen als quantitativen, rezeptiven Größen, dass sie mit Größen wie der Unterscheidungskraft (vis/virtus distinctiva) dezidierte Qualitäten mit eigener epistemologischer Stärke – wie etwa die Sehkraft der Augen im Sinne einer Vermögensepistemologie – ins Spiel der Kräfte einbringen. Ästhetische Intensitäten sind demgemäß auch als Größen der Poetik und Rhetorik nicht auf ihre affektpoetischen Implikationen zu beschränken; vielmehr zeigen der frühneuzeitliche Empirismus und Sensualismus sowie insbesondere Baumgartens Ästhetik an, dass Wahrnehmung einerseits – in newtonscher actio/reactio-Korrespondenz – als mechanische Bewegung, andererseits aber auch als eine Abstimmung der Wahrnehmungsorgane auf die Natur (natura; phýsis) bzw. das Naturgemäße (secundum naturam; katà phýsin) lesbar sind. Anhand eines Abrisses der Diskussionen um 1800, worin Natur- und Wahrnehmungskräfte in der idealistischen und romantischen Philosophie – Goethes Farbenlehre mit dem Auge als Sonnenkraft im Sinne Plotins (dýnamis helíou) bildete hier nur ein prominentes Beispiel unter vielen – wurde gezeigt, dass aus ideengeschichtlicher Sicht gerade das menschliche Auge als ästhetisches Sinnesorgan par excellence modelliert wurde und wird; denn es zeigt sich – jedenfalls im Gros ideengeschichtlicher Hauptströmungen – besonders in der Lage, das ‚Geheimnis der Wahrnehmung‘, d.h. die Spezifika in den ‚unteren‘ Seelenbereichen befindlicher Kräfte und somit die „Dynamiken der Sinne“, wie im Tagungstitel annonciert, zu entbergen. Konzeptionen zur Optik bildeten daher einen – wenn auch nicht den einzigen – thematischen Schwerpunkt, der im Laufe der Tagung weiter entfaltet wurde.

 

Im ersten Vortrag Fische, Bienen, Farben befasste sich Christoph Hoffmann (Luzern) mit Aspekten der Mikrofauna und den Wahrnehmungsschwellen von Tieren. Dass die Perzeption der Welt bei Tier und Mensch offenkundig sehr verschieden ist, mündete insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder in der Fragestellung, welche spezifische Empfindung eine Sinneswahrnehmung hervorrufen könne. Hierzu wurden von Hoffmann die Arbeiten Ewald Herings in den 1880er Jahren zum Farbensinn von Tieren, insbesondere von Fischen, sowie diejenigen Carl von Hess’ zu Amphibien und Reptilien, besonders die sog. Helligkeitsgleichungen anhand der Entwicklung von Lichtsinn und Farbensinn in der Tierreihe (1914), ins Auge gefasst. Hess’ zeitgenössischer ‚Gegenspieler‘ Karl von Frisch wollte durch Bienenexperimente qua Dressur auf bestimmte Farben in einem in sich diversifizierten chromatischen Feld Rückschlüsse auf Farbunterscheidungsvermögen – etwa in Der Farbensinn und Formensinn der Biene (1915) – ziehen; Hess vertrat demgegenüber die Haltung, dass Fische und Bienen farbenblind sein müssten. Hoffmann führte im kontrastiven Vergleich von Frisch und Hess auf instruktive Weise vor, dass die Frage nach dem ‚Inneren Erleben‘ letztlich doch in der Aporie einer Unkenntnis münden müsse, da man sich in ein solches trotz induktiver Experimente nicht hineinversetzen könne; bei allem Geschick der Versuche lasse sich ein gewisser ‚Rest‘ nicht einfangen.

 

Der anschließende Vortrag von Wolfgang Welsch (Berlin) befasste sich mit Grenzphänomenen der Wahrnehmung. Hierzu wurden begriffliche und konzeptionelle Explikationen von Intensität, Sensorium und Fernwahrnehmung in den Blick genommen, namentlich mit dem Fluchtpunkt einer daraus resultierenden Ästhetikskepsis. Durch Schlaglichter auf ästhetische Elementarien konnte die Rolle der Intensität bei Wahrnehmungen im Sinne einer Über- und Unterstrapazierung hervorgehoben werden. Insbesondere ging Welsch auf den Sensoriumsmangel ein, der dem Menschen auch gegenüber Tieren in bestimmten Bereichen (bspw. in der Echolotung der Fledermäuse, dem Elektrosinn der Zitteraale oder der Orientierung der Zugvögel am Magnetfeld der Erde) zukomme. Die Kompensierung solcherlei Mängel durch Technik zeige wiederum an, dass die Grenzen des Wahrnehmbaren nicht für sich priorisch feststehen bzw. überhaupt eindeutig zu bestimmen seien; vielmehr seien die Sinneskapazitäten nicht auf die Einzelsinne und deren Kapazitäten allein reduzierbar. Welsch kam hierbei auf die Fernwahrnehmung als unerklärliches Phänomen zu sprechen. Im Begriff der intuitiven Erkenntnis (cognitio intuitiva) zeige sich wiederum gegenüber der sich der ratio verschreibenden Technik eine Überschreitung der Wahrnehmungsgrenzen durch die Kunst; sie sei der diskursiven Erkenntnis überlegen, prominent vorgeführt etwa in Goethes Metamorphose der Pflanzen, und bedeute eine instantane Erfassung der Idee qua Erkenntnis des Gesetzes ihres Zusammenhangs. Somit sei Kunsterkenntnis als intuitive Erkenntnis aufzufassen, mithin keine rationale – und auch nicht durch letztere substituierbar.

 

Mit einem Vortrag von Robert Jütte (Stuttgart) zu Judentum und die Sinne. Aisthesis und jüdischer Ritus von der Bibel bis heute wurde der erste Tag abgeschlossen. Jütte deklinierte darin die fünf Sinne anhand religiöser Paradigmen aus Schriftglauben und praktischem Ritus durch; leitend war hierbei die Annahme, dass die sinnliche Erfahrbarkeit Gottes in der jüdischen Religion, so sehr diese auch die Unkörperlichkeit Gottes betont, doch eine große Rolle spiele, insofern sich bspw. Belohnung und Bestrafung des Menschen allererst aus dem Einsatz der fünf Sinne ergeben; Hören und Sehen fungieren dabei als primäre Sinne (vgl. prominent das Schma Jisrael), und auch Praktiken wie die Hawdala-Zeremonie lassen sich zuvorderst als sinnliche Zelebrierung auffassen. Während der Sehsinn die Lichtstrahlen als Gottes Schöpfung wahrnehmen kann, wird das Hören wiederum enggeführt mit einer Wahrnehmungstätigkeit des Herzens. Der jüdische Gottesdienst fasst sinnliche Momente als Teil des Ritus auf, insofern bspw. das Schofar-Blasen als Erinnerung an die Opferszene Abrahams und Isaaks fungiert. Auch der Geruchssinn gilt im Judentum als heilig: Einen profanen Gebrauch von Düften gilt es zu verhindern, Wohlgeruch (bspw. das Riechen an der Besamimbüchse) hingegen erleichtert die Wehmut über das Ende des Schabbats. Auch der Tastsinn befördert eine sinnliche, weil taktile Annäherung an die Heilige Schrift, hier jedoch auch in Form eines Verdikts: Die Tora darf bei Betreten der Synagoge nur über einen Stab berührt werden. Solche multisensorialen Rollen und Funktionen seien zugleich als Symbol der Schöpfung Gottes und des Bundes zwischen Mensch und Gott aufzufassen.

 

Der zweite Tag wurde von Racha Kirakosian (Freiburg i. Br.) mit dem Vortrag „Daz inner ouge der sêle“ Vision bei Meister Eckhart eröffnet, der ein facettenreiches Bild des mittelalterlichen Mystikers nachzeichnete. Diskutiert wurden die drei Wahrnehmungskapazitäten äußere Sinne, innere Sinne sowie die ‚dritte perzeptive Kraft‘ zur Erkenntnis göttlicher Mysterien. Im Kontext des letzteren Kraftkonzepts stand die Beschäftigung mit Erkenntnis auf der Basis von Visionen im Vordergrund, die in der mystischen Vereinigung von Gott und Seele (unio mystica) münden solle. Durch intertextuelle Rekurse, insbesondere auf Gertrud von Helftas Legatus divinae pietatis, zeigte Kirakosian, dass das Verhältnis von visionärer Schau und inneren Sinnen durch die Modellierung von Seelenkräften in der Augustinus- und Albertus Magnus-Tradition nicht zuletzt dadurch bestehen bleiben konnte, dass die Gotteserkenntnis auch hier primär über die Optik bzw. optische Analoga funktioniert: Das gotterkennende Auge ist zugleich das Auge, mit dem Gott den Menschen sieht. Die Augen der Seele bedeuten ein inwendiges sowie ein simultan extrinsisches Sehen: Die Erkenntnis der puren Essenz Gottes bedeutet die Erkenntnis einer Essenz als Licht in der Dunkelheit, das ewig leuchtet. Visionen sind demgemäß – im Zusammenspiel mit den perzeptiven Kräften der Seele – Erkenntnismedien des Göttlichen in der Seele und erzielen die Gottesvereinigung auch in Interaktion mit dem – ideengeschichtlich ja eigentlich als inferior aufgefassten – Sinnesapparat der Seele zum Zwecke jener mystischen Vereinigung.

 

Johanna Schumm (München) zeigte im Anschluss mit Pfeile des Geistes. Über den barocken Scharfsinn als Wahrnehmungs- und Schöpfungskraft, dass im Spanien des 17. Jahrhunderts der Scharfsinn (agudeza) ein verbreitetes Paradigma zur Erfassung derjenigen Seelenkräfte darstellte, die – im Gegensatz zum cartesischen clare et distincte percipere – primär von einer Beziehungskraft zwischen den Seelenteilen und der Umwelt ausgehen. Hierzu wurden mit einer Predigt von Hortensio Paravicino (1625) sowie Baltasar Graciáns Agudeza y arte de ingenio (1648) zwei Texte einer präzisen philologischen Analyse unterzogen, die auf vielfältige Weise intertextuelle Bezüge zu antiken Lehrdichtern wie Manilius, aber auch der Bibel herstellen – teils gar in Synkretismen, wenn etwa die Schlange sowohl als Feindin der Argonauten als auch der biblischen Maria lesbar gemacht wurde. Dabei ließ sich nachweisen, dass Scharfsinn zum einen als Spannung erzeugendes Momentum, zum anderen als Fähigkeit, Spannung wahrzunehmen, konzipiert wurde – bei Gracián zudem als relationale Kraft, als regelrechte Reaktion auf die Umstände der Rede.

 

Yashar Mohagheghi (Aachen) ging im Folgenden mit seinem Vortrag Die Kraft der Ode. Paragone der Sinne in der Odenpoetik des 18. Jahrhunderts auf J.G. Herder und dessen ästhetisch-poetologischen Kraftbegriff ein. Hierbei wurde die bei Herder vielbemühte ‚Energie‘ als sprachliche Kraft vorgestellt, die im Spannungsfeld zwischen enérgeia und enárgeia anzusiedeln ist. Zudem betonte Mohagheghi, dass es gerade die Ode sei, die als Verkörperung ursprünglicher Poesie, mithin ursprünglicher Kräfte, im 18. Jahrhundert fungiere. Im Rahmen einer allgemeinen Odentheorie bedeute dies, dass ursprüngliche Poesie – und das sei die Ode gerade durch ihren Status als ‚atavistische Gattung‘ – Kraft unmittelbar in die Seele übertrage. Dabei stellten Klang, Ton und Melodie diejenigen ästhetischen Größen dar, die gleichsam in die Seele fließen. Lessings Laokoon wurde als Vor- und Gegenbild hierzu benannt und die Dynamisierung der enárgeia als dichterische Aktivierung der Phantasie ausgeführt; als Resultat steht hier die Aufwertung des Ohrs gegenüber den Augen: Der Schall versetzt die Seele in tiefere Schwingungen, als es der distinkt unterscheidende Sehsinn vermag.

 

Auch der anschließende Vortrag von Julia Weber (Berlin), „Die Würkung des Einen ins Andre.“ Herders dynamische Lebenskräfte, griff die Idee der energetischen Kraft der Literatur auf und entfaltete diese an Herders Ästhetik und Naturphilosophie. Im Gegensatz zu Mohagheghis Vortrag ging es Weber dabei noch dezidierter um Affektpsychologie: Herder rekurriere auf Aristoteles’ dynámeis sowie dessen plastische Konzeption der Seele und transformiere diese zugleich. Plastische Kräfte zeigten demzufolge zugleich eine naturalistische Weltsicht an, wie sie etwa im Traktat Vom Erkennen und Empfinden zum Ausdruck komme, während die intrinsische Bezogenheit von Zeit und Raum als operativer Kraftbegriff im Zentrum der Seele vorherrsche. Der Übersprung von Raum und Zeit ermögliche dabei allererst ästhetische Erfahrungen, mithin Wahrnehmungen.

 

Thomas Moser (Wien) widmete sich in seinem Vortrag Gips streicheln, in Marmor geschlagen den Tast- und Krafterfahrungen in den Arbeitsprozessen August Rodins und fokussierte dabei insbesondere die Tast- und Krafterfahrungen, die in Rodins Handstudie von 1904 zum Ausdruck kommen. Fokussiert wurden dabei das Konzept einer Kunst der Moderne in Anlehnung an antike Torsi, die Rekurrenzen auf den christlichen Reliquienkult sowie spätromantische und symbolistische Implikationen. Die Hand fungiere dabei als Ausdruck von Seelenzuständen und Emotionen. Insofern Skulpturen eher für den Tast- als für den Sehsinn gemacht seien (vgl. bspw. Rezeptionsurteile wie dasjenige von Paul Claudel), befinde sich Rodins Werk in einem liminalen Zustand zwischen Rezeption und Produktion. Die Gruppierung der Hände veranschauliche den Produktionsprozess und fordere zugleich zur haptischen Rezeption auf; Haptik bedeute in diesem Sinn als Wahrnehmungskraft insbesondere Taktilität.

 

Iris Laner (Salzburg) beschloss den zweiten Tag mit Einsam rezipieren oder gemeinsam betrachten? Über die Grenzen subjektiver Wahrnehmung von Bildern aus (post-)phänomenologischer Perspektive, worin sie Betrachtungen zu Husserls Phänomenologie anstellte. Bilder sprengen demzufolge die Grenzen subjektiver Wahrnehmung, weil sie als Differenzphänomene nicht nur auf die teilbare Wahrnehmung angewiesen seien, sondern weil sie auch im Imaginieren das Ich mit dem Anderen verflechten bzw. darauf verweisen, insofern beide immer schon verflochten seien. Somit beruhe die Bildwahrnehmung auf einem Differenzbewusstsein von Sein und Schein. Merleau-Ponty sehe, im Zuge einer solchen Phänomenologie, subjektive Vollzüge immer schon im Austausch mit anderen. Nicht alltägliche Formen des Wahrnehmens werden von Merleau-Ponty als Brücken zwischen Subjekt und Anderem aufgefasst; im künstlichen Bild werden die Wahrnehmungsgrenzen der Maler:innen manifest, wodurch es sich um die Dokumentation eines Prozesses, nicht als Darstellung, namentlich um den Prozess der Konfrontation mit den eigenen Grenzen, handelt. Der ídios kósmos wird dadurch zum koinós kósmos. Abschließend ließ Laner ihre Überlegungen in einem prägnanten Spivak-Zitat kulminieren, demzufolge Ästhetik als grundsätzliches „training of the imagination that can teach the subject to play“ aufzufassen sei.

 

Der Abschlusstag wurde von Ksenia Fedorova (Leiden) mit einem instruktiven Vortrag zu New Anthropology and the ‚homunculus‘ of science in artistic interpretation of physiological research eröffnet. Hierbei wurde auf neuere Entwicklungen physiologischer Instrumente und Methoden an den Schnittstellen von Wissenschaft und (Syn-)Ästhetik (artistic research) unter besonderer Fokussierung auf die russische Wissenschafts- und Kunstgeschichte eingegangen. So werden seit langem in Sankt Petersburg Umgebungen in Laborsituationen konstruiert, mit multisensorischen Instrumenten, die audiovisuelle und haptische Daten liefern. Gleichsam als Urvater dieser sich synästhetischen Verfahren in der Objekt- und Installationskunst verpflichtenden Strömung wurde Ivan Sechenov (1829–1905) vorgestellt; anhand exemplarischer Werke und programmatischer Einlassungen von Anna Martynenko, Wilder Graves Penfield, Alexander Tufanov, Ralph Baecker, Anastasia Alekhina und Boris Shershenkov konnten neue Perspektiven auf das Verhältnis von Körper und Gehirn sowie von Materie und Geist eröffnet werden, die im Wahrnehmungsdispositiv ‚Sich selbst im anderen finden und den anderen in sich selbst finden‘ konvergieren.

 

Alexander H. Schwan (Berlin) ging demgegenüber in Epiphanie und Ergebung. Inszenierungen göttlicher Kraft in der Tanzmoderne auf den Begriff der dýnamis theoû in dem Sinn ein, dass die erste dýnamis bereits im Handeln Gottes vorhanden sei und auf Menschen und Pflanzen übergehen könne; sie entfalte sich anhand der providentia als Fürsorge bzw. Heilshandeln. Schwan zeigte in seinem Vortrag, dass ebendiese Zuschreibung der dýnamis theoû auf Tänzer:innen der Tanzmoderne eine weit verbreitete Praktik im Feld von künstlerischer und theologischer Verwirklichung darstellte – auch mit kritischen Kehrseiten: So ließ etwa der methodistische Theologe Ted Shawn antisemitische Tendenzen erkennen; Martha Graham wiederum übersetzte Psalmen in Tanzperformances mit heiligen Gesten. Insgesamt lässt sich diese Form der Natürlichen Theologie als menschliches Handeln lesen, das teleologisch als Annäherung an Gott angelegt ist; die Welt wird demgemäß qua Tanzen als göttliche interpretiert. Dessen ungeachtet bleiben – wie Schwan überzeugend darlegte – wesentliche Aspekte merkwürdig unterrepräsentiert: So sehr die vieldiskutierte Möglichkeit einer theologischen Reduktion der Macht Gottes und das Theodizee-Problem im späten 19. Jh. noch virulente Diskurse waren, so wenig Geltung erlangen diese in der Tanzmoderne.

 

Anatol Heller (Zürich) wies anschließend in einem konzisen Vortrag, Zerstreuungskräfte bei Karl Philipp Moritz, darauf hin, dass die im Englischen angelegte lexikalische Doppeldeutigkeit der Zerstreuung (distraction: Zerstreuung melancholischer Geister vs. dispersion: Auflösen in Einzelteile) sich im Anton Reiser wiederfinden, darüber hinaus auch in Aus K…s Papieren, den Fragmenten aus dem Tagebuche eines Geistersehers sowie im Traktat Über die bildende Nachahmung des Schönen. Bildung und Zerstörung fallen demzufolge im Kunstwerk in eins. Die bei Moritz nachvollziehbare Komplexität von Kraftkonzepten postuliere – wie Heller nachzeichnete – eine Form von ‚fröhlichem Pessimismus‘ und weise der Melancholie eine wesentliche Rolle im Spiel der künstlerischen Wahrnehmungskräfte zu.

 

Zum Abschluss der Tagung führte Lee Chichester (Bochum) mit Kraftfelder und physische Gestalten: Kraftwirkungen in (organischen) Gestaltungsprozessen eine wissenschaftsgeschichtliche Strömung vor, die – insbesondere im Rekurs auf C. H. Waddington – eine zentrale Relevanz der Künste darin sieht, Wahrheiten der Wissenschaften mit Formen der Bildlichkeit aufzufüllen, namentlich mit einer ‚Bildlichkeit des Denkens‘. Prominentes Beispiel hierfür waren Vereinigungen wie der Theoretical Biology Club. Künstler:innen rücken demzufolge Prozesse ins Zentrum, die auf Analoga im Feld von Naturwissenschaft und Kunst verweisen: Surrealistische Landschaften entsprechen embryogenetischen Entwicklungswegen; die unergründliche Komplexität der Welt werde im abstrakten Expressionismus letztlich auf ebenso einfache Formen gebracht wie Einsteins E=mc².

 

Die Tagung brachte insgesamt sehr facettenreiche und überzeugende Ergebnisse hervor – nicht nur zu den polysemen Kraftbegriffen und -konzepten, die sich im Paradigma der ‚Wahrnehmung‘ niederschlagen, sondern insbesondere zu deren diskursiven, ästhetischen und (meta-)physischen Bedingungen, die sie ermöglichen und sie in immer wieder neuen Kontexten austarieren und verhandeln. Eine Publikation der Tagungsergebnisse ist geplant.

 

 

Programmübersicht:

Donnerstag, 9. Juni 2022:

15:30h   Begrüßung: Frank Fehrenbach, Cornelia Zumbusch, Laura Isengard

16:00h   Christoph Hoffmann (Luzern): Fische, Bienen, Farben

16:45h Wolfgang Welsch (Berlin): Grenzphänomene der Wahrnehmung: Intensitätsinadäquanz – Sensoriumsmangel – Fernwahrnehmung – Ästhetikskepsis

18:00h   Robert Jütte (Stuttgart): Judentum und die Sinne. Aisthesis und jüdischer Ritus von der Bibel bis heute

 

Freitag, 10. Juni 2022:

11:30h   Racha Kirakosian (Freiburg i.Br.): „Daz inner ouge der sêle.“ Vision bei Meister Eckhart

12:15h   Johanna Schumm (München): Pfeile des Geistes. Über den barocken Scharfsinn als Wahrnehmungs- und Schöpfungskraft

14:30h   Yashar Mohagheghi (Aachen): Die Kraft der Ode. Paragone der Sinne in der Odenpoetik des 18. Jahrhunderts (Herder, Klopstock, Hölderlin)

15:15h   Julia Weber (Berlin): „Die Würkung des Einen ins Andre“: Herders dynamische Lebenskräfte

16:30h   Thomas Moser (Wien): Gips streicheln, in Marmor geschlagen. Tast- und Krafterfahrungen in August Rodins Arbeitsprozess

17:15h Iris Laner (Salzburg): Einsam rezipieren oder gemeinsam betrachten? Über die Grenzen subjektiver Wahrnehmung von Bildern aus (post-)phänomenologischer Perspektive

 

Samstag, 11. Juni 2022:

9:30h   Ksenia Fedorova (Leiden): New Anthropology and the ‘homunculus’ of science in artistic interpretation of physiological research

10:15h Alexander H. Schwan (Berlin): Epiphanie und Ergebung: Inszenierungen göttlicher Kraft in der Tanzmoderne

11:30h Anatol Heller (Zürich): Zerstreuungskräfte bei Karl Philipp Moritz

12:15h Lee Chichester (Bochum): Kraftfelder und physische Gestalten: Kraftwirkungen in (organischen) Gestaltungsprozessen

 

Kurzfristig abgesagt werden mussten die Vorträge von William Tullett (Cambridge) und Margarete Vöhringer (Göttingen).

 

 

Redaktionelle Betreuung: Alexander Nebrig
 

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