CFP: Chaos, Unverbundenheit, Kombination. Aleatorische (Nicht-)Formen und ihre Rezeption (17.-18.03.2023)

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Chaos, Unverbundenheit, Kombination.

Aleatorische (Nicht-)Formen und ihre Rezeption

Aleatorische Texte transformieren nicht nur klassische Produktionsweisen und Buchformate, sondern eröffnen zugleich spezifische Form- und Rezeptionspoetiken. Texte, die als Loseblattsammlungen vorliegen (etwa Marc Saportas Composition No. 1), sich über verschiedene Einzelhefte zerstreuen (z.B. Aka Morchiladzes Santa Esperanza) oder in unterschiedlichen Reihenfolgen in den Buchhandel kommen (wie Ali Smiths How to be both), laden Leser*innen dazu ein, unverknüpfte Elemente zu verbinden und so den Akt der Formbildung selbst in die Hand zu nehmen. Eine buchmateriell konkretisierte „Formlosigkeit des Unverbundenen“ korreliert so mit einer an die Leser*innen delegierten „Formierung durch Verbindung“ (Klappert 2006, 390).

 

Die geplante Tagung widmet sich diesen spezifischen Dynamiken von (De-)Formation und Rezeption und wirft somit neue Perspektiven auf das bislang weitgehend produktionsästhetisch beleuchtete Phänomen ,Aleatorik‘. Gefragt wird nach den formkonzeptuellen Dimensionen aleatorischer Textkonkretisation und -rezeption, wobei sich verschiedene Schwerpunkte und Zugänge ergeben:

 

1) Zunächst sollen aleatorische Texte auf ihre form- und rezeptionspoetologischen Implikationen hin befragt werden. In der auf Potenzialität und Chaos setzenden Konfiguration aleatorischer Texte gewinnen tradierte, hylemorphe Form/Materie-Differenzen eine medien- und materialästhetische Evidenz. Insofern aleatorische Texte eine Inbezugsetzung von Einzelelementen als leser*innenabhängig und somit kontingent markieren, schließen sie zugleich an einen konstruktivistischen Formbegriff an. Die Aleatorik eröffnet somit einen eminent form- und rezeptionskonzeptuellen Reflexionsraum, der aus einer konzeptionsgeschichtlichen Perspektive zu beleuchten ist.

 

2) Eine form- und rezeptionsorientierte Perspektive ermöglicht es sodann, die Diachronie aleatorischer Textformen neu zu definieren. Zwar werden aleatorische Formexperimente erst seit den 1960er Jahren zu populären Phänomenen einer Buchkultur, die die klassische Werkgeschlossenheit zugunsten einer materialen Unverbundenheit aufbricht. Materialisierungen des Chaotischen und Unverbundenen, die das Phänomen ,Aleatorik‘ prägen, finden sich jedoch auch in anderen literaturgeschichtlichen Kontexten, die für eine diachrone (Neu-)Perspektivierung des Aleatorischen in Betracht kommen. Zu denken wäre etwa an Zettelkastenfiktionen, wie sie um 1800 bei Jean Paul entfaltet werden (Leben des Quintus Fixlein), im 19. Jahrhundert paratextuell bei Adalbert Stifter auftreten (Studien) und im frühen 20. Jahrhundert bei Richard Schaukal (Zettelkasten eines Zeitgenossen) zum Tragen kommen. Auch goethezeitliche Denkfiguren wie das Aggregat, das als „formlose Form“ (Kleymann 2021) ein unverbundenes Nebeneinander konzeptualisierbar macht, ließen sich möglicherweise in eine – noch zu erkundende – Denk- und Manifestationsgeschichte des Aleatorischen einrücken.

 

3) An diese Perspektiven anschließend lassen sich die Voraussetzungen und Folgen des Aleatorischen erkunden. Dazu zählt zum Beispiel der Zusammenhang von Aleatorik und Subversion. Wie verhalten sich aleatorische Texte zu (zeitgenössisch dominanten) Form- und Rezeptionskonzepten? Inwiefern ist vor allem die Formverweigerung aleatorischer Texte subversiv zu lesen? Werden etablierte Lektürekonventionen durch aleatorische Deformationen außer Kraft gesetzt? Eine (Neu-)Erkundung des subversiven Potenzials aleatorischer Texte kann so deren spezifische Stellung innerhalb der (historisch wandelbaren) Buch- und Rezeptionskulturen sichtbar machen.

 

4) Eine systematisierende Metaperspektive soll schließlich terminologische Konzeptualisierbarkeiten in den Fokus rücken. Eine Beschreibung von Texten, die in ihrer materiellen Konfiguration auf Unverbundenheit und kontingente Kombinatorik setzen, kann an verschiedene Begriffe anschließen, etwa an Konzepte der Ergodizität, Netzliterarizität und hyperfiction. Aus einer theoriereflexiven und methodologischen Perspektive gilt es zu erkunden, welcher dieser Begriffe die rezeptions- und formpoetologischen Implikationen aleatorischer Texte auch aus einer diachronen Perspektive zu erfassen vermag.

 

Aus den genannten Schwerpunkten lassen sich einige Fragen ableiten, denen wir in dieser Tagung nachgehen wollen:

  • Welche Form- und Rezeptionskonzepte gewinnen in/an aleatorischen Texten Konkretion?

  • In welchen literatur- und kulturgeschichtlichen Kontexten profiliert sich das Phänomen ,Aleatorik‘?

  • Wie lässt sich das Verhältnis von aleatorischer (Nicht-)Form und Subversion bestimmen?

  • Über welche Begriffe und Konzepte lassen sich aleatorisch-deformierende Textkonkretisationen beschreiben?

 

Die Tagung wird vom Departement Letterkunde der Universiteit Antwerpen gefördert und soll vom 17. bis 18. März 2023 an der Universität Antwerpen stattfinden. Eine Publikation der Beiträge ist geplant. Reise- und Übernachtungskosten können leider nicht übernommen werden. Vorschläge für einen 25-minütigen Vortrag auf Deutsch oder Englisch senden Sie bitte bis zum 31.08.2022 an dsteglic@uni-mainz.de und jana.vijayakumaran@uantwerpen.be.