KONF: Exotismen in der Kritik. Symposium an der Sophia University, Tokyo (3.-5. Juni 2022)

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Der Exotismus war von jeher ein umstrittenes Konzept. Wer der Fremde Wertschätzung entgegenbrachte, sah sich im nationalistischen 19. Jahrhundert mit dem Vorwurf der „Ausländerei“ konfrontiert. Exotisten mögen sich als kosmopolitische Zivilisationskritiker mit einer antikolonialen Agenda ausgezeichnet haben. Doch literaturhistorisch geriet die Hochphase des literarischen Exotismus während der Jahrhundertwende als Zivilisationsflucht mit regressiven Tendenzen und aus postkolonialer Perspektive im Anschluss an Edward Said als Ästhetik einer imperialistischen Kultur ins Kreuzfeuer der Kritik. Jean Baudrillard dagegen plädierte unter Berufung auf Victor Segalen für einen radikalen Exotismus, der eine diverse Alterität in ihrer Unbegreiflichkeit respektiert. Schließlich zollte auch die postkoloniale Poetik Édouard Glissants der fragmentarischen Ästhetik des Diversen aus der Feder Segalens Tribut.

Das Sophia-Symposium 2022 hat sich zum Ziel gesetzt, unterschiedliche Exotismen auf den Prüfstand der Kritik zu stellen und Möglichkeiten ihrer Verteidigung auszuloten. Die Beiträge diskutieren verschiedene Formen der exotistischen Wahrnehmung und Aufzeichnung von Alterität in verschiedenen Diskursen und Medien, in Reiseliteratur, Theater und Film, Malerei und Musik, Philosophie und Anthropologie.

Programm (alle Angaben JST = CEST +7)

Freitag, 3. Juni 2022

14:30-15:15: Anmeldung
15:15-15:50: Grußworte von Mechthild Duppel (Sophia University), Takashi Okada (Vizepräsident der Sophia University), Manuela Sato-Prinz (Deutscher Akademischer Austauschdienst / DAAD, Keio University).

16:00-17:00 Diskussionsrunde mit
- Hyunseon Lee (SOAS University of London, Großbritannien / Universität Siegen, Deutschland)
- Rolf Parr (Universität Duisburg-Essen, Deutschland)
- Alexander Honold (Universität Basel, Schweiz)

17:30-18:15, Keynote: Alexander Honold (Universität Basel, Schweiz), „So habe ich mir Honolulu gedacht“. Zu Hermann Hesses Tessiner Überbietung des Exotismus

18:30-20:00, Sektion "Exotistische Globetrotter"
- Fermin Suter (Universität Basel, Schweiz / Donau-Universität Krems, Österreich), Bewundern und Beherrschen. Zur Ambivalenz exotistischer Triebpflege bei Willy Seidel (Indonesien)
- André Reichart (University of Fukuoka, Japan), Das Japan, das es nie gab. Dauthendeys Japanbild zwischen poetischem Kalkül und persönlicher Enttäuschung
- Junko Takamiya (Nihon University, Tokyo, Japan), Ein exotistischer Japan-Reisebericht von einer europäischen Weltreisenden: Alma Karlin als die „neue Frau der 20er Jahre“

Samstag, 4. Juni 2022

14:30-16:00, Sektion "Japanische Exotismen"
- Mechthild Duppel (Sophia University, Tokyo, Japan), Kopie und kopiertes Original. Zu den Sehnsüchten des kolonialen Exotisten Nakajima Atsushi
- Eriko Hirosawa (Meiji University, Tokyo, Japan), Koloniale Erinnerungen oder exotistische Phantasien? Hisakatsu Hijikatas Südseedarstellungen in der Nachkriegszeit
- Andreas Becker (Keio University, Tokyo, Japan), Autogame Visionen. Leibliche und kulturelle Alterität in Akino Kondohs zeichnerischem und erzählerischem Werk

16:30-18:00, Sektion "Japonismen"
- Azusa Takata (Chiba University, Japan), Christian Krachts Die Toten als Exotismus des „japanischen“ Films
- Christian Zemsauer (Sophia University, Tokyo, Japan), Japonismus in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Von Marion Poschmanns Die Kieferninseln zu Adolf Muschgs Heimkehr nach Fukushima
- Erich Havranek (Sophia University, Tokyo, Japan), Exotismus und die Konstruktion eines Japan-Images in Philipp Weiss‘ Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen
 

18:30-19:15, Keynote: Hyunseon Lee (SOAS University of London, Großbritannien / Universität Siegen, Deutschland), Exotismen der Madame Butterfly – Eine internationale Affäre über Jahrhunderte 

19:30-21:00, Sektion "Sexueller Exotismus"
- Michael Wetzel (Universität Bonn, Deutschland), „Monsieur Chrysanthème“- Exotik und Inversion in Pierre Lotis erotischer Vision des anderen Orients
- Thomas Schwarz (Nihon University, Tokyo, Japan), Sexueller Exotismus und Biopolitik. Robert Müllers Pazifik-Novelle Das Inselmädchen
- Thomas Pekar (Gakushuin University, Tokyo, Japan), An der Schnittstelle von Exotismus und Antikolonialismus: Ingeborg Bachmanns Gedicht „Liebe: Dunkler Erdteil“

Sonntag, 5. Juni 2022

14:00-15:00, Sektion "Kritiken und Verteidigungen"
- Johannes Waßmer (Osaka University, Japan), Wider die Exotik? Das eigentümliche Verhältnis von Exotismus, historischem Sinn und Nationalismus in Friedrich Nietzsches Nachgelassenen Fragmenten
-
Andreas Michel (Rose-Hulman Institute of Technology, Terre Haute, USA), Verpasste Anerkennung: Über den Exotismusbegriff bei Segalen und Baudrillard

15:30-16:15, Keynote: Rolf Parr (Universität Duisburg-Essen, Deutschland), Die schwierige Frage nach Exotismen im Werk von Claude Lévi-Strauss. Von Traurige Tropen über Rasse und Geschichte zu Die Luchsgeschichte

16:30-18:00, Sektion "Zum ethnologischen Umgang mit kultureller Distanz"
- Arne Klawitter (Waseda University, Tokyo, Japan), Epistemologischer Exotismus oder: Ein Ortswechsel im Denken. Der Umweg über Ostasien bei Claude Lévi-Strauss und François Jullien
- Manuel Kraus (Waseda University, Tokyo, Japan), Hakenkreuz, Kurbelkasten und Drilling. Exotischer Faschismus in Reise- und Abenteuerliteratur vor und während des Nationalsozialismus
- Angelika Jacobs (Universität Hamburg, Deutschland), Maske oder Person? Wahrnehmungen des Unbegreiflichen in Hubert Fichtes Schriften zum Vaudou

18:30-20:00, Sektion "Resonanzen auf radikale Alterität"
- Franziska Bergmann (Aarhus University, Dänemark), Die Nachtseiten der Naturkunde. Akustik und Exotik in Alexander von Humboldts Ansichten der Natur
- Aya Soika (Bard College Berlin, Deutschland), Der Exotismus der „Brücke“ im Kontext des Kolonialismus. Max Pechstein und Emil Nolde
- Shiori Kitaoka (Osaka University, Japan), „Echte Flüchtlinge?“ Katastrophen und die diskursive Konstruktion einer exotischen ‚Authentizität‘ der Anderen

Das Programm ist als Präsenzveranstaltung angelegt und wird in einem hybriden Format als ZOOM-Webinar durchgeführt, für das Sie sich hier anmelden können: 

https://exotismus.wordpress.com/exotismen-in-der-kritik-kolloquium-2022/anmeldung-symposium/


Hier finden Sie auch weitere Informationen zum Konzept des Symposiums und zum Hintergrund der Forschungsgruppe "Kulturkontakte".

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu