CFP: Utopie und (Post-)Kolonialismus. Imaginäre Gemeinschaften in europäischen Krisendiskursen, Bremen (13.5.2022)

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Die Utopie ist als Textgattung in Europa entstanden, aber in ihren Ursprüngen gebunden an die Eroberung Amerikas und die Konfiguration einer „Neuen Welt“. Diese Bindung wird mitunter dadurch verdeckt, dass sich die Idee "Europa" seit der Eroberung insbesondere im Kontrast zu Amerika formiert hat. So lag der Akzent des europäischen Lateinamerika-Diskurses vornehmlich auf der Darstellung von Alterität. Den Zusammenhang von Utopie und Kolonialismus, kennzeichnend für Teile des europäischen und insbesondere auch des deutschen Übersee-Diskurses gilt es hingegen noch weitgehend zu erforschen. Lateinamerika-Topoi sind nicht nur Gegenbilder Europas, sondern auch Orte, in die sich Utopien alternativer Gemeinschaften und d.h. Entwürfe eines imaginären anderen Europas einschreiben. Die Utopie korrespondiert immer auch mit historisch-sozialen Krisensituationen, von denen ausgehend eine Gegenwelt imaginiert wird. Ambiguitäten ergeben sich spätestens dann, wenn diese aus der Krise geborene utopische Welt koloniale Muster weiterschreibt.

Eine besondere Sensibilität für den Zwiespalt eines "ideellen Kolonialismus", der Wunschbilder gesellschaftlichen Zusammenlebens geographisch auslagert und dabei zugleich grundlegende Machtasymmetrien reproduziert, lässt sich für den deutschsprachigen Kontext seit Mitte des 19. Jahrhunderts bei aus nationalen Gemeinschaften ausgeschlossenen Autoren und Autorinnen ausmachen. Hinter ihren Repräsentationen des Anderen verbergen sich in der beginnenden Moderne oft auch Fantasien politischer (Um-)Ordnung. So bildete sich Amerika im Bewusstsein Europas bereits früh zum Ort der Abenteurer und Ausgestoßenen heraus und wurde spätestens seit dem Vormärz zum Topos für exterritoriale Schriftsteller, deren Texte auf europäische Krisensituationen reagieren und selbst im Zeichen einer utopischen Kolonisierung von Raum stehen. Das Phänomen eines „Kolonialismus ohne Kolonien“ (Zantop, Bach) stellt unter Beweis, dass solche utopischen Diskurse auch jenseits der großen Kolonial-Imperien gestaltet und effektiv wurden.

In diesem Sinne möchte die Tagung am Bremer Institut für kulturwissenschaftliche Deutschland-Studien (IFKUD) dazu einladen, auch die Produktivität des bisher weitgehend auf die Nation fokussierten Begriffs der vorgestellten Gemeinschaften (Anderson) im Spannungsfeld von Utopie und Kolonialismus zu erproben, sowie Motive und Strategien zu identifizieren, mittels derer "Alte" und "Neue" Welt etablierte Zuschreibungen von Kolonisatoren und Kolonisierten durchbrechen und neue Entwürfe von Gemeinschaft entstehen lassen. Die produktive Wechselbeziehung zwischen den vorgestellten Gemeinschaften der narrativen Utopie und jenen des Nationen-Staates (Wegner) soll dabei mitbedacht werden.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG – Projektnummer 404354183) geförderte Tagung wird vom 13. bis 14. Oktober 2022 in Bremen stattfinden.

Erwünscht werden 30-minütige Beiträge insbesondere aus Germanistik, Romanistik und Komparatistik zu

-utopischen Neue Welt- / Lateinamerika-Konstruktionen und ihrem Verhältnis zu Europa

-anderen utopischen Darstellungen (post-)kolonialer Gemeinschaften in europäischen Texten

-grundsätzliche und nicht regionenspezifische Überlegungen zum Verhältnis von Utopie, (Post-)Kolonialimus und Moderne.

Eine zeitnahe Publikation der Beiträge ist geplant. Abstracts (max. 1 Seite) und Kurz-CV senden Sie bitte bis zum 13. Mai 2022 an: maeding@uni-bremen.de.

 

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Redaktion: Constanze Baum – Lukas Büsse – Mark-Georg Dehrmann – Nils Gelker – Markus Malo – Alexander Nebrig – Johannes Schmidt

Diese Ankündigung wurde von H-GERMANISTIK [Mark-Georg Dehrmann] betreut – editorial-germanistik@mail.h-net.msu.edu

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