PARTIZIPATION: teilhaben/teilnehmen

Christoph Lutz-Scheurle's picture
Type: 
Conference
Date: 
November 20, 2015 to November 21, 2015
Location: 
Germany
Subject Fields: 
Cultural History / Studies, Theatre & Performance History / Studies, Social Work

Fachtagung: PARTIZIPATION: teilhaben/teilnehmen

an der FH Dortmund

Der Begriff Partizipation hat im Bereich des Theaters Konjunktur und wird seit einigen Jahren als erfolgreicher, allerdings wenig reflektierter Slogan in der Theaterpädagogik genutzt. Was unter Partizipation verstanden werden soll, ist allerdings umstritten: dem Standpunkt, dass das Prinzip der Partizipation erfüllt ist, wenn allen Schichten der Bevölkerung der Zugang zu Theateraufführungen ermöglicht wird, steht die Überzeugung gegenüber, dass sich die Institution Theater nicht darauf beschränken darf, seine ästhetischen Studien zu betreiben. Es muss sich auch die Frage gefallen lassen, „wem das Theater in Zukunft gehören“ soll (Bicker) und: Wer stellt dessen Spielregeln auf?

Allein die Tatsache, dass Partizipation als wünschenswert oder konstitutiv für die Gesellschaft betrachtet wird, sagt wenig mehr aus, als dass es eine Situation gibt, in der Menschen handeln – gemeinsam, gegenläufig, separiert. Zudem wird Partizipation im Spannungsfeld von Teilhabe und Teilnahme diskutiert: „Passiv verstanden meint partizipieren Teil-haben ('mein' Tortenstück); in seiner aktiven Bedeutung steht es für Teil-nehmen ('meine' Wählerstimme).“ (Fach) Kulturelle Partizipation wird meist als „soziale Teilhabe“ (Lösch) verstanden, da sie aus sozialwissenschaftlicher Perspektive der „machtlosen Sphäre“ zugerechnet wird. Zu Fragen wäre, ob dies so zutreffend ist, oder ob Kunst nicht auch die Möglichkeit bietet, die „Wirklichkeitsinszenierungen um[zu]inszenieren“ (Schlingensief).

Im „kollektiven Prozess des Theaters“ (Kurzenberger) innerhalb der Theaterpädagogik erfährt diese Perspektive noch eine weitere Dimension: Insofern das Theater auch außerhalb szenischer Settings und jenseits künstlerischer Fragen im Probenprozess soziale Ensembles formt und auf Kooperation divergenter Peers setzt, ist Teilnahme auch auf Produktionsebene bedeutsam. Der „Sozialität des Theatralen“ (Weintz) ist daher sowohl innerhalb der konkreten künstlerischen Produktion wie auch an deren Rändern nachzuspüren, etwa in der Analyse von Rezeptionsprozessen oder auch in der Manifestation von Theaterhäusern im kommunalen Kontext.

Dementsprechend soll der primär sozialwissenschaftlich konturierte und breit aufgestellte Begriff der „Partizipation“ im Rahmen der Tagung in seiner Breite und Tiefe im ästhetischen Feld des Theaters befragt werden. Gleichzeitig soll er im Kontext und

Verständnis von „Theater als Sozialer Kunst“ einen konkreten Zugriff erfahren: Was meint hier Partizipation? Wem nutzt Partizipation? Wer nutzt Partizipation?

In diesem Sinne gilt es „Theater als Gesellungsereignis“ (Otto) den Begriff in seiner ästhetisch-performativen Wirkmächtigkeit zu befragen; gleichzeitig sollen die inszenatorischen Strategien, die zur Formung solch sozialer Zusammenkünfte führen, identifiziert werden. Schließlich gilt es auch die konkreten Prozesse der sozialen und ästhetischen Interaktionen zu analysieren.

In drei Panels wird das Thema „Partizipation: Teilhaben/Teilnehmen“ unter den Schlagworten „Partizipation von Anfang an?“, „Nazis eine Bühne geben? Zur Frage der Partizipationsfähigkeit“ und „Theater/Politik/Teilhabe“ diskutiert. Die Tagung mündet in einem interaktiven Format, bei dem alle Tagungsgäste eingeladen sind, ihr Wissen zu teilen. Näheres hierzu finden Sie auf dem Anmeldungsformular.

Die interaktive Tagungsdramaturgie lädt Expert_innen aus sämtlichen Disziplinen und Arbeitszusammenhängen ein, die eigene Expertise und Sichtweise als Praktiker_in oder Wissenschaftler_in einzubringen. Alle Beiträge, Diskussionen und Ergebnisse werden aufbereitet und fließen in eine Publikation ein.

Theater als Soziale Kunst (Teil 2 von 3)

Die Arbeitstagung ist der zweite Teil der Tagungstrilogie „Theater als Soziale Kunst“ an der FH Dortmund, die von Prof. Dr. Melanie Hinz, Prof. Dr. Norma Köhler und Prof. Dr. Christoph Lutz-Scheurle verantwortet wird. Partizipation ist nach „BIOGRAFIEren auf der Bühne“ (2014), die zweite Dimensionierung eines Sozialen Theaters. Der dritte Zugriff auf das Theater als einer Sozialen Praxis wird 2016 das Thema „Forschendes Theater in sozialen Feldern“ sein.

 

Literatur:

Bicker, B.: Für ein Theater der Teilhabe – Rede anlässlich des 125 jährigen Jubiläums des Burgtheaters; auf: www.nachtkritik.de; URL: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8626:wem-gehoert-die-kultur-bjoern-bickers-vortrag-auf-dem-kongress-125-jahre-burgtheater-in-wien&catid=101:debatte&Itemid=84; Zugriff: 12.6.2014.

Kurzenberger, H.: Der kollektive Prozess des Theaters. Bielefeld: Transcript 2010
.

Schlingensief, C. zit. in: Kurzenberger, Hajo 2007: „Die politischen Künste des Theaters der Gegenwart“, in: Jahrbuch für Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis 2007: Politische Künste, S. 59-76.

Fach, zit. in: Lösch, B.: „Keine Demokratie ohne Partizipation: Aktive Bürgerinnen und Bürger als Ziel der politischen Bildung“. In: Benedikt Widmaier, Frank Nonnenmacher (Hg.): Partizipation als Bildungsziel. Politische Aktion und politische Bildung. Wochenschau Verlag: Schwalbach/Ts. 2011; S. 111-124.

Weintz, J.: Theaterpädagogik und Schauspielkunst. Ästhetische und psychosoziale Erfahrung durch Rollenarbeit. Milow: Schibri 2008.

Otto, U.: Internetauftritte. transcript-Verlag: Bielefeld 2012.

 

Programm
 

FREITAG 20.11.2015

13:00             ANREISE UND REGISTRIERUNG zur Fachtagung

14:00              BEGRÜßUNG UND EINFÜHRUNG

Grußwort des Dekans des FBs Angewandte Sozialwissenschaften, Prof. Dr. Ahmet Toprak
Prof. Dr. Christoph Lutz-Scheurle (FH Dortmund), Ute Handwerg (BAG Spiel & Theater), Michael Zimmermann (LAG Spiel & Theater)

14:15
            KEYNOTE: Die politische Kunst, Begegnung zu inszenieren
Björn Bicker (Autor, Regisseur und Dramaturg, München)

15:00              KAFFEEPAUSE

15:15 - 16:45            PANEL I: Partizipation von Anfang an? – Fachimpulse

Theaterpädagogisches Handeln im framing von ‚risk, rules, reality and rhythm’
Prof. Dr. Dorothea Hilliger (HBK Braunschweig)

Teil sein und teilen im Produktionsprozess

Prof. Dr. Norma Köhler (FH Dortmund)

Partizipation als Performance des authentischen Selbst?

Johannes Kup (UdK Berlin)

Teilhabe proben? Zukunftsforschung als szenisch-performative Forschung mit Kindern
Eva Plischke (HCU Hamburg)

Chair: Michael Zimmermann

16:45              KUCHEN UND KAFFEE

17:15              PERFORMANCE: Nur mal kurz die Welt retten

(von und mit Studierenden aus dem Profilstudium „TaSK – Theater als Soziale Kunst“ der FH Dortmund, Leitung: Prof. Dr. Melanie Hinz)

18:00              ABENDSNACK

18:30 - 20:00            PANEL II: Nazis eine Bühne geben? Zur Frage der Partizipationsfähigkeit – Fachimpulse
Mit Nazis reden?
Prof. Dr. Dierk Borstel (FH Dortmund)

Partizipation im Theater als Resozialisierungsprogramm für Neonazis?
 Schlingensiefs „Hamlet“-Projekt
Prof. Dr. Melanie Hinz (FH-Dortmund)

Wildnis – Strategien eines Partizipativen Theaterprojekts in einem rechtspopulistischen Umfeld
Prof. Uli Jäckle (Theater Aspik/HBK-Braunschweig)

Chair: Prof. Dr. Norma Köhler

20:30             ABENDESSEN (Hövels Brauerei Dortmund)

 

SAMSTAG 21.11.2015

9:00 - 9:45    VORTRAG: „Im Dickicht der Dinge und Zeichen“ – Partizipation als Dissens
Prof. Dr. Christoph Lutz-Scheurle (FH Dortmund)

9:45 - 10:00   FRÜHSTÜCKSPAUSE

10:00 - 11:30            PANEL III: Theater/Politik/Teilhabe : zwischen Schein & Partizipation (Podiumsdiskussion):

David Brückel (Dramaturg, Regisseur, Bürgerbühne Dresden), Tom Braun (Geschäftsführer, BKJ - Remscheidt), Simone Dede Ayivi (Performerin,Kulturwissenschaftlerin, Berlin), Jan Deck (Dramaturg, Regisseur, Kurator, Frankfurt - Angefragt) und Karola Marsch (Leitende Dramaturgin, Theater an der Parkaue)

Chair: Ute Handwerg / Prof. Dr. Christoph Lutz-Scheurle

11:30              PAUSENKAFFEE

12:00 - 13:30            PARTI-HOPPING

Beim Parti-Hopping haben alle Tagungsteilnehmer_innen noch mal die Möglichkeit, sich mit anderen Tagungsgästen zu verabreden und in geselliger Runde bei Speisen und Getränken, offene Fragen zu klären, neue Fragen zu stellen, eigene Projekte vorzustellen, Wissen und Erfahrungen zu teilen.

13:30              ABSCHLUSS DER TAGUNG

14:00              ABREISE

Contact Info: 

BAG Spiel & Theater, Simrockstr. 8, 30171 Hannover
Tel.: 0511 458 17 99, E-Mail: info@bag-online.de

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