Werke in Netzwerken. Kollaborative Autorschaft im 18. Jahrhundert (13.-15.11.2017, Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Bielefeld)

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Type: 
Conference
Date: 
November 13, 2017 to November 15, 2017
Location: 
Germany
Subject Fields: 
German History / Studies, Literature

Werke in Netzwerken. Kollaborative Autorschaft im 18. Jahrhundert

Internationale Fachtagung am Zentrum für interdisiziplinäre Forschung der Universität Bielefeld

Autoren machen keine Bücher. Roger Chartier hat in seinen kulturhistorischen Studien wiederholt darauf hingewiesen, dass Autoren auch des 18. Jahrhunderts keine Bücher schreiben, nicht einmal ihre eigenen. Bücher werden nicht geschrieben, sondern gemacht; gemacht werden sie nicht von ihren Autoren selbst, sondern von einem komplexen Netzwerk an Verlegern, Setzern, Druckern, Buchhändlern, Buchbindern und nicht zuletzt Buchkäufern. Autoren schreiben meist lediglich Texte, die sich erst in einem übergreifenden ökonomischbetrieblichen Sozialzusammenhang zu Büchern materialisieren. Was aber wäre, wenn nicht erst das verlegte Buch, sondern bereits der autorschaftliche Text das Ergebnis von komplexen
sozialen Beziehungsgefügen wäre, die sich als Netzwerke beschreiben ließen? Autoren machen, so die Leithypothese, alleine weder Bücher noch Texte.

In der literaturwissenschaftlichen Forschung zum 18. Jahrhundert hat das Konzept des „Netzwerks“ in jüngerer Zeit immer wieder Verwendung gefunden. „Netzwerke“ dienen dort meist als analytische Kategorie, um die strategischen und pragmatischen Aspekte der Zusammenarbeit von literarischen Akteuren in den medialen Infrastrukturen des 18. Jahrhunderts zu beschreiben und eine in der Aufklärungsepoche beobachtbare Verdichtung und Ausweitung der kulturellen Kommunikationsverhältnisse zu erfassen. Auffällig ist allerdings, dass die Beobachtungskategorie des „Netzwerks“ in literaturwissenschaftlichen Studien weitgehend metaphorisch gebraucht oder aber auf ihre Verwendung im Rahmen von quantitativ verfahrenden Rekonstruktionen reduziert wird. Damit sind die Potenziale und Anwendungsfelder soziologischer Netzwerktheorien aber erst ansatzweise ausgelotet. Gerade im Bereich der qualitativen Untersuchung von literarischen Netzwerken hat die Forschung zum 18. Jahrhundert bislang nicht viel vorzuweisen, obwohl jüngere Studien aus dem Bereich der soziologischen Netzwerktheorie und der relationalen Soziologie dafür eine sehr gute Basis bieten würden. Ihre Grundannahme, dass soziale Relationen und kulturelle Praktiken scheinbar stabilen Entitäten wie Subjekten oder Gruppen vorausgehen, scheint gerade für Fragen nach literarischer Autorschaft im 18. Jahrhundert ein äußerst
vielversprechender methodischer Ansatzpunkt zu sein.

Relationale Ansätze gehen bei der Untersuchung des Sozialen weder von Einzelpersonen und deren Motiven oder Bedürfnissen aus, noch von ebenso umfassenden wie grundlegenden gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen, die soziales Handeln determinieren. Sie beobachten vielmehr die vielfältigen Beziehungsgeflechte, in die soziale Akteure eingebunden sind. Der Fokus richtet sich dabei vor allem auf den Dissens und die Konflikte, die solche Beziehungsgefüge hervorbringen: Weil jeder Akteur in mehr als nur ein Netzwerk eingebunden ist, muss beständig zwischen divergierenden Erwartungen und Anforderungen vermittelt werden. Dazu dienen neben Selbstbeschreibungen oder kollektiven Erzählungen auch Medien und Objekte, die zwischen den Akteuren zirkulieren, von ihnen gestaltet werden, und so dazu beitragen, heterogene Gruppen miteinander zu verbinden. Die relationale Soziologie bietet daher auch Anschlussmöglichkeiten an medientheoretische Ansätze.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen gilt unser Forschungsinteresse nicht nur der Frage, wie Autoren literarische Texte in etablierte publizistische Netzwerke einspeisen, sondern auch der Frage, wie diese Texte überhaupt erst im Kontext bestimmter sozialer Relationen entstehen und werkförmig werden. Welche Vermittlungsleistungen müssen betrieben werden, damit Autoren als individuelle Urheber von Werken in Erscheinung treten? Wie tragen unterschiedliche Objekte, Textgattungen und Medien – Briefe, Manuskripte, Autographen, Bücher – dazu bei, Beziehungen zu stiften und Akteure im literarischen Feld miteinander zu vernetzen? In welcher Weise schreiben sich die Relationen, in die Autoren eingebunden sind, in Texte und Werke ein? Auf diese Weise kommen Autorschaft als kollektiver kreativer Vorgang und Textualität als weitverzweigtes soziales Beziehungsmodell in den Blick, an denen immer mehrere Akteure – Familie, Freunde, Lehrer, Mentoren, Herausgeber, Verleger, Kritiker, Patrone – von Anfang an mehr oder weniger direkt beteiligt sind. Wenn in der Forschung Autorschaft bisher als
soziales Relationengefüge untersucht wurde, so nur hinsichtlich des Sonderfalls einer koordinierten Zusammenarbeit weniger Akteure mit gemeinsamen Interessen und Intentionen (z.B. literarische Gruppen). Unser Frageinteresse ist breiter: Es richtet sich darüber hinaus auf Koordinationsformen und Kooperationspraktiken, die sehr viel zerstreuter und vermittelter sowie weniger abgestimmt und möglicherweise nicht einmal gewollt sind.

 

Programm:

Montag, 13.11.

Ab 13 Uhr Anreise und Kaffee

13:30 Begrüßung durch die Veranstalter

Netzwerke in Sammelmedien; Moderation: Kai Kauffmann (Bielefeld)

13:45-14:30 Dirk Werle (Heidelberg): Kollaborative Autorschaft in Lyriksammlungen vor und nach der ‚liederlosen Zeit‘ (1670-1730)

14:30-15:15 Gustav Frank (München): Tantum series juncturaque pollet. ‚Familienähnlichkeit‘, ‚lose Kopplung‘, ‚unfeste Texte‘ im medialen Netzwerk des 18. Jahrhunderts

15:15-16:00 Hannes Fischer (Berlin): „Sie haben Buchhändlerverbindungen - ich will, kann und werde nie welche haben.“ Zeitschriften als Medien der Netzwerkbildung

16 Uhr Kaffee

Netzwerke in Werken; Moderation: Erika Thomalla (Berlin)

16:30-17:15 Tobias Winnerling (Düsseldorf): Das Ego-Netzwerk einer Satire (1716): Ob die Neuern den Alten in der Gelehrsamkeit vorzuziehen?

17:15-18:00 Daniel Zimmer (Berlin): Widmungsrelationen und höfische Netzwerke im Werk Johann Christoph Gottscheds

Keynote-Lecture; Moderation: Carlos Spoerhase (Bielefeld)

18:30 Martin Mulsow (Erfurt): Dividualisierung und relationale Autorschaft

20:30 Abendessen

 

Dienstag, 14.11.

Netzwerke in Werken; Moderation: Ethel Matala de Mazza (Berlin)

9:30-10:15 Rainer Falk (Potsdam): Anekdoten aus dem Netzwerk. Zur Entstehung früher Biographica von König Friedrich II. von Preußen

10:15-11:00 Elisabeth Décultot (Halle): Vom kollektiven zum singulären Autor. Zur Entstehungsgeschichte von Sulzers Allgemeiner Theorie der Schönen Künste

11:00 Uhr Kaffee

Mittlerfiguren und Knotenpunkte; Moderation: Steffen Martus (Berlin)

11:15-12:30 Daniel Fulda (Halle): Brieflich oder persönlich? Netzwerke zwischen Autoren und Verleger bei Johann Justinus Gebauer

12:30 Uhr Mittagessen

14:00-14:45 Lore Knapp (Bielefeld): Das Akteur-Netzwerk um den Übersetzer Friedrich Gabriel Resewitz 1757/1758

14:45-15:30 Elisabeth Grabenweger (Wien): Caroline Pichler (1769-1843). Netzwerke der deutschen Romantik in Wien

15:30 Uhr Kaffee

Grenzobjekte; Moderation: Helga Lutz (Bielefeld)

16:00-16:45 Harun Maye (Weimar): Die Lesegesellschaft. Ein Grenzobjekt der Aufklärung

16:45-17:30 Uwe Korn (Heidelberg): Die Alpen als boundary object? Zur Textgeschichte eines carmen heroicum Albrecht von Hallers, mit einigen methodologischen Überlegungen

17:30-18:15 Erdmut Jost (Gotha): Phantasien fürs „Stumme Buch“ der Malerei: J. H. W. Tischbeins Sibyllisches Buch III als Grenzobjekt zwischen norddeutschen und Weimarer ‚Kunstfreunden‛

19:00 Abendessen

 

Mittwoch, 15.11.

Kommentatoren und Ko-Autoren; Moderation: Carlos Spoerhase (Bielefeld)

9:00-9:45 Paul Babinski (Princeton): Offenbar Geheimnis: Kommentar und Autorschaft in der frühen Orientalistik

9:45-10:30 Joëlle Weis (Luxemburg): Der Streit als Autor? Die Rolle der gelehrten Kontroverse beim Bücherschreiben

10:30 Uhr Kaffee

Kollektivwerke und Nicht-Werke; Moderation: Erika Thomalla (Berlin)

11:00-11:45 Daniel Ehrmann (Salzburg): Aggregation. Über volatile Kollektivprozesse in der Literatur. Ein Modell

11:45-12:30 Nacim Ghanbari (Siegen): Nicht-Werke im Netzwerk

12:30 Uhr Mittagsimbiss und Abreise

 

Works in Networks. Collaborative Authorship in the 18th Century. International Conference at the "Zentrum für interdisziplinäre Forschung" Bielefeld

Authors don’t make books. In his historico-cultural studies, Roger Chartier has repeatedly pointed out that authors – also in the 18th century – don’t write books, not even their own ones. Books aren’t written but made; they’re made not by authors but by a complex network of publishers, typesetters, printers and bookbinders. According to Chartier, authors only write texts that materialize into books in an overarching socioeconomic context. But what if not only the published book but already the author’s text itself would be the result of complex social relations that can be described as networks? Authors, we want to argue, aren’t making texts all by themselves either.

In literary studies on the 18th century, the term “network” has been frequently explored during the past years. It serves as analytical category to describe strategic and pragmatic aspects of the cooperation between literary agents or to capture the condensation and expansion of the communicational infrastructure during the age of enlightenment. But noticeably, the network category is being used mostly metaphorical in these contexts – or it is reduced to its usage within quantitative surveys. With these forms of implementation, the capabilities of sociological network theory are only explored rudimentarily.

Especially in the realm of qualitative network research, studies on 18th century literature haven’t shown a lot of results yet, even though recent theories in the field of relational sociology would provide a good basis for this. The assumption that relations and practices precede seemingly stable social entities like subjects or groups appears to be a promising approach for questions on authorship in the 18th century. Our research interest contains not only the question of how authors integrate their written texts in established media networks but how these texts emerge within the context of existing social relations in the first place. This way, authorship can be seen as collective creative process and texuality appears as a bundle of social relations that always includes several agents – like family, editors, friends, critics or patrons. When relational authorship has been examined in the past at all, researchers focused on a particular case: the collaboration of a few agents with shared interests and intentions (f.i. literary groups). Our interest is broader: It is also directed at forms of cooperation that are dispersed, less coordinated and maybe not even wanted.

 

Programme:

Monday, 11-13-17

1 p.m. Arrival and Coffee

1.30 Welcome by the Organisers

Networks in Collections; Chair: Kai Kauffmann (Bielefeld)

1:45-2:30 Dirk Werle (Heidelberg): Collaborative Authorship in Poetry Collections before and after the ‚Liederlose Zeit‘ (1670-1730)

2:30-3:15 Gustav Frank (München): Tantum series juncturaque pollet. ‚family resemblance‘, ‚loose coupling‘, ‚unfixed texts‘ in the media network of the 18th century

3:15-4:00 Hannes Fischer (Berlin): „Sie haben Buchhändlerverbindungen - ich will, kann und werde nie welche haben.“ Journals als media of network building

4 p.m. Coffee Break

Networks in Works; Chair: Erika Thomalla (Berlin)

4:30-5:15 Tobias Winnerling (Düsseldorf): The Ego-Network of a Satire (1716): 'Ob die Neuern den Alten in der Gelehrsamkeit vorzuziehen?'

5:15-6:00 Daniel Zimmer (Berlin): Dedications and Courtly Networks in the Work of Johann Christoph Gottscheds

Keynote-Lecture; Chair: Carlos Spoerhase (Bielefeld)

6:30 Martin Mulsow (Erfurt): Dividiualisation and Relational Authorship

8:30 Dinner

 

Tuesday, 11-14-17

Networks in Works; Chair: Ethel Matala de Mazza (Berlin)

9:30-10:15 Rainer Falk (Potsdam): Anecdotes from the Network. On the Genesis of early Biographies of King Frederick II. of Prussia

10:15-11:00 Elisabeth Décultot (Halle): From the Collective to the Singular Author. On the History of Sulzer's Allgemeiner Theorie der Schönen Künste

11:00 Uhr Coffee Break

Mediators and Junctions; Chair: Steffen Martus (Berlin)

11:15-12:30 Daniel Fulda (Halle): By Letter or in Person? Networks between Authors and Publishers with Johann Justinus Gebauer

12:30 Uhr Lunch Break

2:00-2:45 Lore Knapp (Bielefeld): The Actor-Network around the Translator Friedrich Gabriel Resewitz 1757/1758

2:45-3:30 Elisabeth Grabenweger (Wien): Caroline Pichler (1769-1843). Neworks of German Romanticism in Vienna

15:30 Uhr Coffee Break

Boundary Objects; Chair: Helga Lutz (Bielefeld)

4:00-4:45 Harun Maye (Weimar): The Reading Society. A Boundary Object of the Enlightenment

4:45-5:30 Uwe Korn (Heidelberg): Die Alpen as a Boundary Object? On the Text History of Albrecht von Haller's carmen heroicum, with some methodological reflections

5:30-6:15 Erdmut Jost (Gotha): Phantasies for the 'Silent Book' of painting: J. H. W. Tischbein's Sibyllisches Buch III als Boundary Object between North German and Weimar ‚Kunstfreunden‛

7:00 Dinner

 

Wednesday, 11-15-17

Commentators and Co-Authors; Chair: Carlos Spoerhase (Bielefeld)

9:00-9:45 Paul Babinski (Princeton): Apparent Secret: Commentary and Authership in Early Oriental Studies

9:45-10:30 Joëlle Weis (Luxemburg): The Fight as Author? On the Role of scholarly Controversies in writing Books

10:30 Uhr Coffee Break

Collective Works and Non-Works; Chair: Erika Thomalla (Berlin)

11:00-11:45 Daniel Ehrmann (Salzburg): Aggregation. On Volatile Collective Processes in Literature. A Modell

11:45-12:30 Nacim Ghanbari (Siegen): Non-Works in Networks

12:30 Uhr Lunch and Departure

 

Contact Info: 

Organisation: Steffen Martus, Carlos Spoerhase, Erika Thomalla

Anmeldungen / Registration: Angelika Schrottenloher, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft, Universität Bielefeld

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