Schön und rein? – Normierung und Ästhetik im Sprachpurismus der Frühen Neuzeit

Martin Sinn's picture
Type: 
Call for Papers
Date: 
May 31, 2021
Location: 
Germany
Subject Fields: 
Cultural History / Studies, French History / Studies, Italian History / Studies, Linguistics, Literature

For English version please see below.

 

Schön und rein? – Normierung und Ästhetik im Sprachpurismus der Frühen Neuzeit

Call for Papers zur geplanten Tagung des TP A03 im SFB 1391 Andere Ästhetik

Tübingen, 19.01.–21.01.2022

 

Sprachpuristische Bestrebungen haben eine lange Tradition: Reinheit der Sprache bzw. des Ausdrucks (puritas sermonis, sermo purus) ist schon in der antiken Grammatik und Rhetorik zentrale Voraussetzung wohl geformter, ‚schöner‘ Rede. In der Frühen Neuzeit wird mit der antiken Rhetorik auch das Konzept der puritas sermonis breit rezipiert. Vergleicht man die antiken Reflexionen über Sprachpurismus (v. a. bei Quintilian) mit ihrer Wiederaufnahme vom 15. bis ins 18. Jahrhundert, so zeichnen sich Akzentverschiebungen in Begründungen, Reichweiten und Kontexten ab: In der Antike bleiben sprachpuristische Argumentationen im Wesentlichen auf Grammatik und Stiltheorie (elocutio) begrenzt. Als ‚rein‘ oder ‚unrein‘ wird hier zunächst vor allem der individuelle Sprachgebrauch (sermo / parole) bewertet und weniger die Sprache als System (lingua langue). Dies ändert bzw. verschiebt sich in der Frühen Neuzeit: In Italien betont etwa Lionardo Salviati, der die Wörterbucharbeit der Accademia della Crusca maßgeblich vorantreiben wird, dass den „scritture, adunque che lungamente restar debbano in vita, le pure voci solamente convengono, e i puri favellari.“ (Avvertimenti, 1584). Die Académie française benennt es als ihr Hauptziel, die französische Sprache in ihrer Ganzheit „pure, éloquente et capable de traiter les arts et les sciences“ (Art. 24 der Satzung) zu machen, in Deutschland wählt Georg Philipp Harsdörffer den prägnanten Begriff der „Spracharbeit“ zur Bezeichnung seines Vorhabens (Schutzschrift für die Teutsche Spracharbeit, 1644). Als rein oder unrein, kultiviert oder barbarisch gelten nun also ganze Sprachen. Die Debatte um die ‚reine Sprache‘ findet Eingang in eine Pluralität von Normierungsmodellen, welche nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen des (Un-)Reinen und (Un-)Schönen zueinander in Konkurrenz treten. Sie bilden das theoretische Fundament einer institutionell verankerten Sprachpolitik, insofern aus ihnen Praktiken der Normierung abgeleitet werden, an deren Verwirklichung insbesondere die Sprachakademien und -gesellschaften maßgeblich beteiligt sind. Damit gewinnt der Sprachpurismus mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen auch eine programmatische Bedeutung für die Konstitution der europäischen Volkssprachen. Er wird Teil einer Sprach- und Identitätspolitik, die sich in ganz Europa in unterschiedlichen Konstellationen und interkulturellen Wechselwirkungen vollzieht. 

 

Die Forschung hat zuletzt gezeigt, dass Fragen der Sprachnormierung in der Frühen Neuzeit eng mit allgemeinen Prozessen der Pluralisierung und Praktiken der Autorisierung bzw. der „normativen Zentrierung“ (Berndt Hamm) verbunden sind. Damit tritt hier – im Sinne des praxeologischen Modells des SFBs 1391 Andere Ästhetik, der Akte und Artefakte der europäischen Vormoderne in einem dynamischen Spannungsfeld von Autologie und Heterologie untersucht – insbesondere die heterologische Sphäre stärker zutage: Einerseits verwenden (mehr oder weniger puristische) sprachtheoretische Texte Bilder und Metaphern aus sozialen Systemen – sie stellen u.a. Bezüge zu Fragen des Rechts, der Religion, Politik oder Moral her –, andererseits avanciert aber auch umgekehrt die ‚schöne‘ Sprache zu einem wichtigen Aspekt sozialen Verhaltens: Im Diskurs um den idealen Hofmann (Il Cortegiano von Castiglione, 1528) etwa wird die Normierung der Sprache unentbehrlicher Bestandteil der Normierung höfischer Manier, denn das höfische Verhaltensideal der sprezzatura vereint die rhetorisch-poetologischen Konzepte der dissimulatio und der elegantia. Die ‚schöne‘ Sprache ist Teil der ‚schönen‘ und ‚richtigen‘ Performanz am Hof. Doch während für Claude Favre de Vaugelas in Frankreich einzig „la façon de parler de la plus saine partie de la Cour, conformément à la façon d’escrire de la plus saine partie des Autheurs du temps“ (Préface in Remarques sur la langue françoise, 1647), als Vorbild des ‚schönen‘ Sprachgebrauchs dient, bildet sich in Italien eine Vielzahl unterschiedlicher Normierungsmodelle aus. Bemerkenswert ist dabei die Dynamik des Zusammenhangs des Reinen bzw. Unreinen mit dem Schönen bzw. Hässlichen, denn ‚schön‘ ist bei Castiglione gerade nicht die ‚reine‘ Sprache, sondern vielmehr das ‚unreine‘ Prisma des Eklektizismus.

 

Die geplante interdisziplinäre Tagung fragt nach solchen soziokulturellen Rahmenbedingungen und den Wechselwirkungen zwischen den einzelnen europäischen Sprachpurismen der Frühen Neuzeit. Im Zentrum stehen sprachpuristische Normierungsprozesse und Argumentationen in Italien, Frankreich und Deutschland. An ihnen soll untersucht werden, wie sich autologische und heterologische Bezüge in unterschiedlichen Diskurs- und Gattungstraditionen – von Sprachtraktaten über Poetiken, Grammatiken und Wörterbücher bis hin zu Briefen, Übersetzungen und satirischen Texten – verflechten. Konkrete Praktiken, Institutionen und Akteure der Sprachnormierung werden ebenso untersucht wie die Metaphorik der Sprachreinheit bzw. -reinigung. So stellen sich folgende Leitfragen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Forderung nach Reinheit und Schönheit der Rede bzw. Sprache und wie wird dieser Zusammenhang normativ begründet (z.B. im Verweis auf ältere Sprachstufen oder regionale Varietäten)? Wie gestaltet sich der Umgang mit der Pluralität alternativer und konkurrierender Modelle, Autoritäten und Normierungen? Welche Interaktionen bestehen zwischen den europäischen Sprachpurismen und welche Besonderheiten prägen sich in den einzelnen Sprachräumen aus? Welche Funktion kommt dem Sprachpurismus bei der Entwicklung europäischer Literaturen in der Frühen Neuzeit zu? Welche Phasen lassen sich unterscheiden? Welche Rolle spielen dabei einzelne Diskurstraditionen? Welche Institutionen (z.B. Sprachakademien, Sprachgesellschaften) und Akteure sind an diesen Prozessen beteiligt und wie werden diese institutionell gestaltet?

Ziel der Tagung ist es, solche Fragestellungen vergleichend und in interdisziplinärer Perspektive zu diskutieren. Erwünscht sind Beiträge aus den Literatur- und Sprachwissenschaften, der Sprachgeschichte und den Kulturwissenschaften ebenso wie Studien aus benachbarten Disziplinen, die die Verbindung der Kategorien ‚schön‘ und ‚rein‘ ergründen oder das enge, spannungsvolle Geflecht von Autologie und Heterologie, von ästhetischer Alltags- und Eigenlogik, untersuchen.

 

Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Vorschläge für Vorträge werden mit aussagekräftigem Exposé (insgesamt max. 400 Wörter, in einer der Tagungssprachen) und einem Kurz-CV in einer PDF-Datei bis zum 31.05.2021 erbeten an: sarah.dessi@uni-tuebingen.de, eva-katharina.fezer@uni-tuebingen.de und joerg.robert@uni-tuebingen.de (bitte immer an alle drei Adressen).

Die Beiträge werden in einem Tagungsband publiziert. Die Tagung wird, falls es die Entwicklung der Corona-Pandemie zulässt, als Präsenzveranstaltung mit entsprechendem Hygienekonzept durchgeführt, aber es sind auch hybride Lösungen möglich. Das Tagungsteam bemüht sich, in diesem Punkt besonders flexibel auf die Wünsche und Bedürfnisse der Tagungsteilnehmenden zu reagieren.

 

 

 

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Beautiful and Pure? – Standardization and Aesthetics in Linguistic Purism of the Early Modern Period
Call for papers for the conference scheduled by project A03 within the CRC 1391 Different Aesthetics
Tübingen, 19-21 January 2022

 

Aspirations towards linguistic purity have a long tradition: as early as in classical grammar and rhetoric, purity of language and expression (puritas sermonissermo purus) is a fundamental prerequisite for well-formed, ‘beautiful’ speech. During the early modern period, the concept of puritas sermonis undergoes a broad reception along with classical rhetoric. In a comparison of classical reflections on linguistic purity (especially in Quintilian) with their revival from the 15th until the 18th century, shifts in arguments, scope and contexts become apparent: in the classical period, puristic arguments are essentially limited to grammar and theory of style (elocutio). Initially, it is not so much the language system (lingua langue) which is judged to be ‘pure’ or ‘impure’, but rather the individual language use (sermo / parole). During the early modern period, then, there is a change or a shift: In Italy, for example, Lionardo Salviati, who was to be crucial in advancing the Accademia della Crusca’s work on dictionaries, stresses that for “scritture, adunque che lungamente restar debbano in vita, le pure voci solamente convengono, e i puri favellari.“ (Avvertimenti, 1584). The Académie française states as its main objective to render the French language in its entirety “pure, éloquente et capable de traiter les arts et les sciences“ (art. 24 of its statutes); and in Germany, Georg Philipp Harsdörffer describes his project with the term of “Spracharbeit” (‘work on language’, Schutzschrift für die Teutsche Spracharbeit, 1644). Accordingly, languages as a whole are perceived in terms of being pure or impure, cultivated or barbaric. The debate on ‘pure language’ translates into a plurality of models for normalization which enter into a competition with each other, in large part due to different conceptions of the (im)pure and the (un)beautiful. These models provide the theoretical basis for an institutionalized language policy, since they provide the basis for practices of standardization which are implemented in particular by language academies and language societies. Linguistic purism in its different forms hence also acquires programmatic meaning for the constitution of the European vernaculars. It becomes part of a language and identity policy which, in different constellations and resulting in various intercultural exchange processes, influences the whole of Europe. 

Recently, academic research has shown that issues concerning the standardization of language in the early modern period are closely interconnected with general processes of pluralization, practices of authorization and ‘normative centring’ (“normative Zentrierung”, as Berndt Hamm calls it).The praxeological model, as put forward by the CRC 1391 Different Aesthetics which examines acts and artefacts from the European pre-modern era within the dynamic field of tension between an autological and a heterological dimension, underscores the heterological sphere : On the one hand, more or less puristic language-theoretical texts employ figures and metaphors taken from social systems – for instance, they refer to judicial, religious, political and moral issues; on the other hand, ‘beautiful’ speech is increasingly seen as a vital aspect of social conduct. In the discourse on the ideal courtier (Il Cortegiano by Castiglione, 1528), for example, the standardization of language plays an essential role in the standardization of courtly manners; for sprezzatura, the concept of ideal courtly behaviour, combines the rhetorical and poetological concepts of dissimulatio and elegantia. ‘Beautiful’ speech is part of performing ‘beautifully’ and correctly at court. Whereas in France Claude Favre de Vaugelas merely accepts “la façon de parler de la plus saine partie de la Cour, conformément à la façon d’escrire de la plus saine partie des Autheurs du temps“ (Préface in Remarques sur la langue françoise, 1647) as a model example of ‘beautiful’ parlance, in Italy numerous different models for standardization are developed. What is striking here is the relationship between the pure/impure and the beautiful/ugly, because, for Castiglione, it is indeed not ‘pure’ language that is ‘beautiful’ but, instead, the ‘impure’ prism of eclecticism. 

 

The planned interdisciplinary conference explores such underlying socio-cultural conditions as well as the interplay between the different linguistic purisms of early modern Europe. The focus is on puristic arguments and processes of standardization in Italy, France and Germany that will serve as examples in order to examine how autological and heterological references intertwine in different discourse and genre traditions – ranging from linguistic treatises, poetics, grammars and dictionaries to letters, translations and satirical texts. Objects of analysis include concrete practices, institutions and players involved in language regulation as well as the imagery of linguistic purity and purification. Thus, our key questions are the following: How are the demands for beauty and purity of language and speech connected, and how is this connection justified in a normative sense (e.g. by referring to older forms of the language or regional varieties)? How is the plurality of alternative and competing models, authorities and regulations dealt with? How do the various European linguistic purisms interact, and what are the particularities that develop in individual language areas? What role does linguistic purism play in the development of the European literatures in the early modern period? Which different phases can we distinguish? In what way(s) do individual discourse traditions come into play? Which institutions (e.g. language academies, language societies) and players are involved in these processes, and what institutional form do they take? 

The conference aims at discussing these (and other) questions in a comparative and interdisciplinary setup. We welcome contributions from literary studies and linguistics, language history and cultural studies as well as analyses from related disciplines which explore the link between the categories of ‘beautiful’ and ‘pure’ or which analyse in what way the autological and the heterological dimension, i.e. the aesthetic logic of everyday life and the inner artistic logic, are tightly and dynamically intertwined. 

 

The conference will be held in German, English, French and Italian. Please send your proposals for talks to sarah.dessi@uni-tuebingen.de, eva-katharina.fezer@uni-tuebingen.de and joerg.robert@uni-tuebingen.de (please send everything to all three addresses) by 31 May 2021, along with an informative synopsis (max. 400 words, in one of the conference’s languages) and a short CV in a PDF file. 

The contributions will be published in a conference volume. If permitted by the coronavirus pandemic, the conference will be held as a face-to-face event with appropriate hygienic precautions, or else it will take place as a hybrid event. In our capacity as conference organizers, we will try our best to respond to the wishes and needs of the participants. 

 

Contact Info: 

Martin Sinn, research assistant, project A3: "Purism – Discourses and practices of linguistic purity", CRC 1391