Texturen des NS-Ghettos

Alexander Mionskowski's picture
Type: 
Call for Papers
Date: 
February 1, 2021
Subject Fields: 
German History / Studies, Jewish History / Studies, Cultural History / Studies, Holocaust, Genocide, and Memory Studies, Literature

Schnittstelle Germanistik. Forum für Deutsche Sprache, Literatur und Kultur des mittleren und östlichen Europas , Drittes Heft / Frühjahr 2022: Texturen des NS-Ghettos.
Hrsg. von Rebekka Denz (Bamberg), Pavel Donec (Charkiw) und Alexander Mionskowski (Vilnius)

- for English version please see below -


Das NS-Ghetto als innerer Frontraum des 2. Weltkriegs ist ein verbindendes Merkmal sehr vieler Städte in
der Region Ostmittel- und Osteuropa. Denn die teils seit dem Mittelalter bestehenden urbanen Strukturen
der jüdischen Viertel wurden sofort nach dem Einmarsch der Wehrmacht zum Schauplatz
rassenhygienisch motivierter Bevölkerungspolitik (Cole 2003, Dieckmann/Quinkert 2009, Michman
2011). Auch heute noch ist die Erinnerung an die in der Nachkriegszeit vielfach überlagerte Geschichte
dieser Orte oft problematisch, während die letzten Zeitzeugen sterben und womöglich eine bleibende
Unbefragbarkeit im Sinne von „Geisterorten“ hinterlassen (Assmann 2018, 21).
Die dritte Ausgabe der Schnittstelle ist daher Texten gewidmet, die entweder an diesen Orten oder in deren
Erinnerung entstanden sind. Im Ghetto gab es anders als im Konzentrationslager noch die Grundzüge
einer Zivilgesellschaft und einen zumindest teilweise selbst gestalteten Alltag. Doch auch das soziale
Gefüge im Ghetto war nicht aus einer langjährigen, gemeinschaftlichen Sozialisation hervorgegangen. Es
diente nicht nur der Absonderung jüdischer Menschen, sondern u.a. auch ökonomischem Kalkül. Im
Alltagsleben der Ghettobewohnerinnen und -bewohner veränderten sich Vorstellungen und
Wahrnehmungsmuster permanent und oft abrupt (Bethge/Schmidt Holländer 2011).


Es ist evident, dass sich in Dokumentationen des Ghettos – neben Variationen des alltäglichen Terrors –
auch die konkrete, materielle und physische Schreibsituation der Berichtenden in den topographischen
Bildgebungs- und Erzählverfahren niederschlugen: dies ist mit „Texturen”* des NS-Ghettos“ gemeint.
Ähnlich wie es für den Lagerdiskurs in Zusammenhang mit apokalyptischen Bildfeldern vorgeschlagen
wurde, sollen in dieser Ausgabe der Schnittstelle heterogene Textsorten der Zeugenschaft: Poetiken des
Überlebens (Rothstein 2015) über die Perspektive einer kulturwissenschaftlich und komparatistisch
orientierten Germanistik erschlossen werden. Ausgehend von diesen Vorbemerkungen lassen sich Fragen
formulieren, die hinsichtlich solcher Überlieferungen in den Beiträgen geklärt bzw. problematisiert werden
könnten:
Wie wird das vom Nationalsozialismus militarisierte Ghetto als ursprünglich traditionaler innerstädtischer
Raum beschrieben? Rein transitorisch als Durchgangstation zur Vernichtung? Als Falle, aus der es kein
Entrinnen gibt? Oder hoffnungsvoll, hinter schützenden Mauern auszudauern?
Welche bildlichen Verfahren werden genutzt, welche Blickrichtungen eingeschlagen, wer oder was wird
überhaupt zum Subjekt bzw. Objekt der Betrachtung? Gibt es wiederkehrende bzw. typische Motive oder
Situationsbildungen? Wie wird der Alltag des Zusammenlebens und seiner Verwaltung durch Institutionen
geschildert, wie die soziale Fluktuation durch Ankunft neuer Internierter und Deportation, Ermordung
bzw. Tod vormaliger Bewohner?
Finden sich Darstellungen von Gemeinschaftlichkeit und gegenseitiger Hilfe? Gibt es (überdauernde)
kulturelle Konzepte des Überlebens, etwa in der Fluchtlinie der Doikayt des jüdischen Bundes? Kommen
theologische Deutungen oder erträumte idyllische Exile, Dispositive des Festes vor? Wie wird
dementgegen die Politik der Rassenhygiene und der totalitären Dehumanisierung erlebt, wie werden
Opfer, Täterinnen und Täter, Zeugen, Helfende beschrieben bzw. figuriert?
Und mehr noch auf die Ebene der Sprache bezogen: was gehört überhaupt zur Semiosphäre, zum
Wortfeld des Ghettos? Welche Imaginationen werden mit den Elementen dieses Wortfeldes als speziellen
Codes evoziert? Wo in der Sprache spannen sich die Risse auf, die der Umbruch zum eingekesselten
Raum des NS-Ghettos in die Textur der Städte schlug? Und in welcher Form sind Deutsche bzw. das
Deutsche in den Sprachen des Ghettos präsent?
Deutschsprachige Zeugnisse dieser Zone hat z.B. der deutsch-jüdisch-slowakische Dichter Hermann
Adler (1911-2001) hinterlassen. Als Flüchtling vor dem Nationalsozialismus und als Überlebender der NSGhettos
von Wilna und Warschau sowie des KZs Bergen-Belsen ist Adler in mehrfacher Hinsicht eine
Symbolgestalt (Nowrousian 2020). Sein z.T. im Wilnaer und Warschauer Ghetto entstandenes lyrisches
Werk gibt Gelegenheit zu vielfältigen Perspektivierungen. Es lässt sich mit Themen wie Ghetto- bzw.
Todeslager-Literatur, Flucht und Vertreibung, poetische und topologische Bildgebungsverfahren oder
auch Ästhetiken des Bösen kontextualisieren bzw. analysieren – Gesichtspunkte, die sich auf die
Zeugnisse anderer Autorinnen und Autoren übertragen lassen.


Zur Mitarbeit eingeladen sind alle, die sich von solchen Texten ausgehend transdisziplinär und komparativ
mit dem Werk von Zeitzeugen v.a. aus der Region Ostmitteleuropa beschäftigen (wollen). Sehr
willkommen sind auch Überblicksbeiträge über Ghetto- bzw. Lager-Literatur, über (Zeit-)Zeugenschaft
weiterer Autorinnen und Autoren sowie auch Projekt- oder Veranstaltungsberichte über die Arbeit an der
Erinnerung bzw. den Erinnerungsorten in der Region.


Abstracts zu Beiträgen mit max. 1.500 Zeichen sollten der Redaktion bis zum 01. Februar 2021
zugehen. Über die Annahme der Beiträge wird dann bis Ende Februar entschieden. Die Frist zur
Einreichung der ausgearbeiteten Beiträge bis zu 30.000 Zeichen ist der 30. September 2021. Sie werden
anschließend einem double blind-Begutachtungsverfahren unterzogen. Das Heft wird – mit freundlicher
Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) – im Frühjahr 2022 im Open
Access Format und in gedruckter Form beim Universitätsverlag Winter (Heidelberg) erscheinen.
Bei Interesse an einer Mitarbeit oder weiterem Informationsbedarf wenden Sie sich bitte an Rebekka
Denz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Professur für Judaistik, Universität Bamberg
(rebekka.de nz@uni-bamberg.d e), Pawel Donec, Professor an der Nationalen Karazin-Universität Charkiw
(pdonec@karazin.ua) oder Dr. Alexander Mionskowski, Assistent am Lehrstuhl für Deutsche Philologie
und DAAD-Lektor an der Universität Vilnius (alexander.mionskowski@flf.vu.lt).

 

* Die transdisziplinäre Mehrdeutigkeit des Begriffs „Textur“ entspricht hierbei der Vielfalt oft metaphorischer
Beschreibungsverfahren des innerstädtischen sozialen Raumes: als spezielle Gewebestruktur von Urbanität (etwa
im Sinne eines Palimpsests); in Form von Sinneswahrnehmungen von Oberflächenstrukturen (z.B. der
räumlichen Anordnung bestimmter Gesteinsmassen); als ein der Musik analoges Aneinanderreihens von Motiv-
Variationen – es ließen sich zudem Anlehnungen an (gotisch-)gebrochene Schrifttypen oder Assoziationen mit
Kristallen und der Gesamtheit der Orientierungen ihrer Kristallite denken.

 

CfA: Textures of the NS Ghetto
Schnittstelle Germanistik. Forum of German language, literature and culture studies in Central and Eastern Europe, third volume / spring 2022.
Edited by Rebekka Denz (Bamberg), Pavel Donec (Charkiw) and Alexander Mionskowski (Vilnius)


The NS ghetto as an inner front area of World War II is a common feature of many cities in the
region of East-Central and Eastern Europe. The urban structures of the Jewish quarters, some of
which have existed since the Middle Ages, immediately after the invasion of the Wehrmacht
became the arena for population policy motivated by racial hygiene (Cole 2003, Dieckmann/
Quinkert 2009, Michman 2011). Even today, historical memory of these places, which was
often overlaid during the post-war period, is rather problematic. The perception is further
complicated by the last contemporary witnesses dying and possibly leaving behind a remaining
unquestionable fact in the sense of “ghost places” (Assmann 2018, 21).


The third edition of the new journal Schnittstelle Germanistik is, therefore, dedicated to texts that
are either located at such places or have been created in their memory. The ghetto, unlike the
concentration camp, still encompassed some basic elements of civil society and at least partially
self-determined everyday life. However, the social structure of the NS ghetto was not a result of
many years of communal socialization. It did serve not only to segregate Jewish people but also to
profit from them economically. Therefore, in everyday life of the ghetto inhabitants, ideas and
patterns of perception changed permanently and often abruptly (Bethge/Schmidt Holländer 2011).


It is evident that in documentations of the ghetto - besides variations of everyday terror - the
topographical image-making and narrative processes were also influenced by the concrete,
material and physical writing situation of the witnesses; these factors are expressed by the term
„textures”* of the NS ghetto. Similar to what has been suggested for the concentration camp
discourse in connection with apocalyptic image fields, in this volume of the Schnittstelle
heterogeneous text types of the testimony, such as poetics of the surviving (Rothstein 2015), get
into the focus of the cultural and comparative German studies. Based on these
preliminary remarks, questions to be clarified or problematized in the contributions with regard
to such traditions could be:
How is the ghetto, militarized by National Socialism as an originally traditional inner-city space,
described? Purely transitory, as a station on the road to perdition? As a trap with no escape? Or,
perhaps, with a hope to persevere behind protective walls? Which visual techniques are used, which
lines of sight are taken? Who or what becomes the subject or object of narration? Are there
recurring or typical motifs or situation formations? How is the everyday life of living together and
its administration by institutions described? What techniques are employed to depict the social
fluctuation due to the arrival of new internees and deportation, murder or death of former
residents?

Are there representations of community and mutual help? Can we find (remaining) cultural
concepts of survival, for example in the sense of the doikayt of the Jewish Bund? Are
(apocalyptical) theological interpretations or dreamed up idyllic exiles present there, as dispositifs
of the feast? On the other hand, how is the politics of racial hygiene and totalitarian
dehumanization, as well as victims, perpetrators, witnesses, and helpers, described or embodied?
And, more related to the level of language: what belongs to the semiosphere, to the lexical
field of the ghetto? Which imaginations are evoked as special codes in association with the
elements of this field or concept? Where in the language of these testimonials do the cracks open
up that the encircled spaces of the NS ghetto has driven into the texture of the cities? And in which
way is German or are speakers of German present in the languages of the ghetto?

German language testimonials of this zone are given, e.g. by the German-Jewish-Slovakian poet
Hermann Adler (1911-2001), a refugee from National Socialism and a survivor of the NS ghettos
of Wilna and Warsaw and the Bergen-Belsen concentration camp, Adler is a symbolic figure of
this time (Nowrousian 2020). His lyrical work, partly created in the NS ghettos, provides the
opportunity for a variety of perspectives. It can be combined with themes like the following:
ghetto or death camp literature, flight and expulsion, poetic and topological imaging processes
or aesthetics of evil - points of view that may be transferred to several testimonies of other
known and less known authors who have suffered during the NS time (e.g. Rose Ausländer,
Paul Celan, Edgar Hilsenrath, Selma Meerbaum-Eisiger, Oskar Rosenfeld & Oskar Singer).

Starting from such texts, all those are invited to participate who want to work transdisciplinary and
comparative research on the writings of contemporary witnesses, especially from the region of
East Central Europe. Very welcome are as well contributions like surveys on ghetto or camp
literature, on (contemporary) testimony of other authors as well as project or event reports about
the work on memory or the places of memory in the region.
Abstracts of contributions with a maximum of 1,500 characters should be submitted to the
editors by February 01, 2021. A decision on the acceptance of the contributions will be made by
the end of February. The deadline for submission of prepared contributions in German language
of up to 30,000 characters is September 30, 2021. They will be reviewed in a double-blind
assessment procedure. The volume will be published - with the support of the German
Academic Exchange Service (DAAD) - in spring 2022 in the Open Access format and in printed
form from Universitätsverlag Winter (Heidelberg).

If you are interested in cooperation or require further information, please contact Rebekka
Denz, Research Assistant of Jewish Studies at the University of Bamberg
(rebekka.denz@uni-bamberg.de), Pawel Donec, Professor at the National Karazin University
in Kharkiv (pdonec@karazin.ua) or Dr. Alexander Mionskowski, Assistant to the Chair of
German Philology and DAAD lecturer at Vilnius University (alexander.mionskowski@flf.vu.lt).


* The transdisciplinary ambiguity of the term „texture“ here corresponds to the diversity of often
metaphorical methods of describing inner-city social space: as a special fabric structure of
urbanity (such as in the sense of a palimpsest); in the form of sensory perceptions of surface
structures (e.g. spatial arrangement of certain rock masses); as a series of motives, analogous to
music, which can be variations - or even in association with (gothic) broken fonts or with crystals
and the totality of the orientations of their crystallites.

 

Erwähnte Literatur / References:
Assmann, Aleida (2018): Erinnerungsräume Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München:
Beck.
Bethke, Svenja/ Schmidt Holländer, Hanna: Lebenswelt Ghetto. Raumtheorie und interpretatives
Paradigma als Bereicherung für die Erforschung jüdischer Ghettos im Nationalsozialismus. – In: Denz,
Rebekka / Jurewicz, Grażyna (Hgg.) (2011): Ghetto. Räume und Grenzen im Judentum (= Pardes. Zeitschrift
der Vereinigung für Jüdische Studien e.V. Nr.17). Potsdam: Universitätsverlag, 35-52.
Cole, Tim (2003): Holocaust City. The Making of a Jewish Ghetto. New York/London: Psychology Press.
Dieckmann, Christoph / Quinkert, Babette (Hgg.) (2009): Im Ghetto 1936 – 1945. Neue Forschung zum
Alltag und Umfeld (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 25). Göttingen: Wallstein.
Michman, Dan (2011): Angst vor den „Ostjuden“. Die Entstehung der Ghettos während des Holocaust. Aus dem
Engl. übers. von Udo Rennert (= Die Zeit des Nationalsozialismus; 18208), Frankfurt/Main: Fischer
Taschenbuch Verlag.
Nowrousian, Schirin (2020): „Gesänge aus der Stadt des Todes“ - „Gesänge vom Meer des Todes“. Poetische
Zeugenschaft aus dem Wilnaer Ghetto. – In: Peter Weiss Jahrbuch. Band 28 (2019), 111-148.
Rothstein, Anne-Berenike (2015): Poetik des Überlebens. Kulturproduktion im Konzentrationslager. Berlin, Boston:
de Gruyter/Oldenbourg.

 

Contact Info: 

Dr. Alexander Mionskowski, Vilnius University