CfP: Internationale Tagung "Ein Telefonat mit den Toten. Totengespräche und Medien im 20. und 21. Jahrhundert" (Universität Gent, 9-11 September 2020)

Zoë Ghyselinck's picture
Type: 
Call for Papers
Date: 
September 9, 2020 to September 11, 2020
Location: 
Belgium
Subject Fields: 
Anthropology, Cultural History / Studies, Literature, Religious Studies and Theology

*English version below*

Seit jeher ist die Kommunikation mit und zwischen den Toten durch technische und personale Medien geprägt. Der Antike entstammt nicht nur der satirische Dialog zwischen Toten (nach dem Muster der nekrikoì diálogoi von Lukian von Samosata), sondern auch das Gespräch der Lebenden mit den Toten, das sowohl als Medium der Wissensvermittlung als auch der (heroischen) Selbstwerdung in der episch-dramatischen, und späteren christlichen Katabasis-Tradition dient (vgl. Homer, Vergil und Dante). Kulturhistorische und religiöse Jenseitsvorstellungen, Totenkulte, Geisterglaube und Sterbelehren in europäischen und nordamerikanischen bzw. nicht-westlichen Kulturenwirkenbis heute auf die sich verändernde Gestaltung von ‚Totengesprächen‘, deren medialen Techniken (wie Ekstase, Traum und Meditation) und vermittelnde Personen (etwa Seher oder Priester) ein (vgl. Hahn & Schüttpelz 2009; Zillinger 2013; Behrend, Dreschke & Zillinger 2015; Kjaersgaard 2017). Es ist bekannt, dass die Entwicklung neuer technischer Medien im 19. Jahrhundert, die mit veränderten Wahrnehmungsweisen einhergeht, neue Formen einer spiritistisch geprägten Totenkommunikation ermöglicht hat (z.B. Geisterphotographie, aber auch Telefon,Phonograph und Radio, in denen körperlose Stimmen der Toten elektroakustisch erzeugt und gespeichert werden. Vgl. Geppert & Braidt 2003; Baßler, Gruber & Wagner-Egelhaaf 2005; Pytlik 2005). Wie sich das sich weiter entwickelnde Totengespräch im 20. und 21. Jahrhundert aber zu neuen technischen Medien verhält, wurde bisher kaum erforscht, obgleich das Phänomen medienübergreifend äußerst präsent ist. Zu denken ist hier an europäische und nordamerikanische Beispiele, wie das Drama Our Town (1938) von Wilder, Brechts Hörspiel Das Verhör des Lukullus (1939), Schmidts Dichtergespräche im Elysium (1941), Sartres Huis Clos (1944), den Film Orphée von Cocteau (1950), das Drama Frischs Triptychon (1979), Enzensbergers Dialog Ein Totengespräch (1999), aber auch die Fernsehserie Six feet under (2001-2005). Solche Totengespräche sollen im Kontext von kommunikativen Erfahrungen und medialen Praktiken in unterschiedlichen Kulturräumen verstanden werden, wie Mediumismus, Divination (Kalvig 2017), Trance, Besessenheitsrituale, und Trauerkulte wie der „hungry month“ in China oder „el día de los muertos“ in Mexico. 

Die Tagung widmet sich Totengesprächen aus dem 20. und 21. Jahrhundert in unterschiedlichen Medien (wie Literatur, Radio, Drama, Oper, Film und digitalen Medien) und aus unterschiedlichen, europäischen wie nicht-europäischen Sprachräumen. Mithilfe dieser interdisziplinären Perspektive sollen die Entstehung und Entwicklung von modernen Totengesprächen sowie die ihnen zugrundeliegenden, von (technischen bzw. neuen) Medien bedingten Vorstellungen untersucht werden. Ziel ist es, innerhalb eines breiten kulturhistorischen, anthropologischen und intermedialen Raums zu untersuchen, aufgrund welcher soziokulturellen Zusammenhänge moderne Totengespräche gestaltet werden und welche medientechnischen Voraussetzungen und Zeichensysteme (post-)moderne Totengespräche generieren und modifizieren. Unter Totengesprächen verstehen wir selbstständige oder eingebettete Dialoge oder Monologe, die sich als (Selbst-)Gespräche mit Toten/Verstorbenen (Gespenstern bzw. Schatten) gestalten. 

Die Konferenz soll Beiträge aus den verschiedenen Literaturwissenschaften, aus den Kulturwissenschaften, sowie aus den Medienwissenschaften, den Religionswissenschaften und der Anthropologie in einen Dialog bringen.

Mögliche Fragestellungen zum Thema sind:

_ in Bezug auf eine kulturhistorische und literarische Thematik: Erweckt das Gespräch bzw. der Abstieg in die Unterwelt Erinnerungs- und Vergangenheitsbewältigungsdiskurse? Was ist die Funktion von Gedächtnis und wie wird mit Sprache, bzw. dem Problem der Verständigung umgegangen? Inwieweit gilt die existenzielle Erfahrung der ‚Heimat- und Ortlosigkeit‘ bzw. des Exils als Anlass des Totengesprächs? 

_ auf der medienwissenschaftlichen Ebene: Auf welche Art und Weise nutzen oder repräsentieren moderne Totengespräche technische (Massen-)Medien und mediale Techniken als Kanäle, um die Toten mit den Lebenden oder die Lebenden mit den Toten in Kontakt zu setzen? Wie verhalten sich moderne Totengespräche zur Verwendung technischer und digitaler Kanäle, etwa das Radio, das Telefon oder das Internet? In wieweit funktionieren die Totengespräche als Figur der Selbstgespräche und Momente der medialen Selbstreflexion?

_ aus anthropologischer Sicht: Welche Rolle spielen religiös-mystische bzw. säkulare Todesvorstellungen und Trauerpraktiken für die Gestaltung des Totengesprächs? Wie prägen die Nekromantik und Thanatologie der jeweiligen Kulturen die Erstehung der Kommunikation mit den Toten ein? 

 

Keynote-Vortrag: Prof. Erhard Schüttpelz (Siegen)

Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Es wird eine Teilnahmegebühr von 50 Euro gehoben. Vorbehaltlich der Mittelzusage können Reise- und Übernachtungskosten übernommen werden. Die Beiträge sollen in einem Sammelband veröffentlicht werden. Die Tagung wird vom Institut für deutsche Literatur der Universität Gent in Zusammenarbeit mit dem Institut für Germanistik der Universität Regensburg organisiert von:
Dr. Zoë Ghyselinck. Postdoctoral Fellow der ‚Flanders Research Foundation‘ am Institut für deutsche Literatur der Universität Gent (Belgien). 
Dr. Elena Fabietti, Postdoctoral Fellow, Neuere deutsche Literatur, Institut für Germanistik der Universität Regensburg (Deutschland).

 

Bitte Abstracts von max. 200 Wörtern bis zum 1. Februar 2020 an zoe.ghyselinck@ugent.be und elena.fabietti@ur.de schicken.

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CFP: A Phone Call with the Dead. Dialogues with/of the Dead and Media in the 20th and 21st Century (Ghent University, 9-11 September 2020)

 

Communication with the dead and among the dead has always been represented and shaped through technical and personal media. In antiquity we find both the genre of the satiric dialogues of the dead (modeled after Lucian's nekrikoi dialogoi) and that of the conversation between the living and the dead in the tradition of katabasis (first epic and then Christian, from Homer through Virgil to Dante). Representations of the otherworld, as they are explored by cultural history and by religious studies, as well as different cults of the dead, the belief in ghosts, and different forms of ars moriendi, all affect until today the forms and uses of otherworldly dialogues, and particularly their media techniques (such as ecstasy, dream, or meditation) and their mediating agents (such as seers of priests) (see Hahn & Schüttpelz 2009; Zillinger 2013; Behrend, Dreschke & Zillinger 2015; Kjaersgaard 2017). It is well known how the development of new media in the 19th century, accompanied by new modes of perception, brought about Spiritism and a new wave of communication with the dead (i.e. through spirit photography but also telephone, phonograph, radio, where the voices of the dead can be intercepted and recorded) (see Geppert & Braidt 2003; Baßler, Gruber & Wagner-Egelhaaf 2005; Pytlik 2005). Despite the wide presence of the phenomenon throughout several media, it is yet to be investigated how new technical media relate to the otherworldly dialogues that have been developing continuously in the course of the 20th and 21st century. Just to name a few examples: Wilder, Our Town (1938, drama); Brecht, The Trial of Lucullus (1939, radio play); Schmidt, Dichtergespräche im Elysium (1941, dialogue); Sartre, No Exit (1944, drama); Cocteau, Orpheus (1950, film); Frisch, Triptychon (1979, drama and radio play); Enzensberger, Ein Totengespräch (1999, dialogue), Ball, Six feet under (2001-2005, TV seires)). These dialogues of/witht the dead shall be understood within the context of communicative experiences and medial practices that are active in different cultural spaces, such as mediumism, divination (Kalvig 2017), trance, posession, and cults of the dead such as the "hungry month" in China or "el dia de los muertos" in Mexico.

 

This conference focuses on dialogues with/of the dead from the 20th and 21st century in different media (literature, radio, drama, opera, film, digital media, etc ...) and in different cultural and linguistic spaces. From an interdisciplinary perspective we will investigate the emergence and development of modern dialogues with/of the dead considering their underlying representational conditions, especially those shaped by media. Our purpose is to explore, within a broad range of cultural, historical, anthropological, and inter-medial perspectives, the socio-cultural contexts in which (post-)modern dialogues with/of the dead are produced, and the media techniques and sign systems that generate and shape them. By dialogues with/of the dead we understand entire dialogic works or dialogues/monologues within larger works that are performed as (self-)conversations among/with the dead (for example in the form of ghosts, shadows, or the "spirits" of the dead).

 

This conference invites contributions from different areas of literary studies, cultural history, media studies, religious studies and anthropology.

 

Among the questions that we intend to investigate:

 

From a cultural-historical and literary perspective:

            Do these dialogues and the descent into the underworld help establishing discourses of remembrance and the overcoming of oblivion? 
            What is the function of memory and how does it intersect with language and the problem of understanding? How far do the existential
            experiences of homelessness, placeless-ness and exile provide an occasion for otherworldly dialogues? 

 

From a media studies perspective:

            In which way do modern dialogues with/of the dead use or represent technical and digital (mass-)media as well as media techniques as
            channels to establish a contact between the dead and the living? How do modern dialogues of the dead relate to the use of "dead" 
            channels, such as radio, telephone, or the Internet? In what way can the dialogues with/of the dead be understood as a form of 
            conversation with oneself and as moments of medial self-reflection?

 

From an anthropological perspective:

            What is the role of religious-mystical or secular representations of death and that of mourning practices for the production of the dialogues
            with/of the dead? How do necromantic and thanatology in different cultures affect the forms of communication with the dead?

 

Keynote speaker: Professor Erhard Schüttpelz (Siegen University)

 

The conference languages are German and English. A conference fee of 50 Euros will be required. Travel and accomodation costs will be reimbursed, subject to funding approval. The proceedings of the conference shall be published in an edited volume. The conference is organized by the German Department of Ghent University (Belgium) in collaboration with the German Department of the University of Regensburg (Germany) by:

 

Dr. Zoë Ghyselinck, Postdoctoral Fellow of the "Flanders Research Foundation", German Department, Ghent University (Belgium)
Dr. Elena Fabietti, Postdoctoral Fellow, German Department, University of Regensburg (Germany)

 

Please send abstract of max 200 words until 1 February 2020 to:

zoe.ghyselinck@ugent.be

elena.fabietti@ur.de

 

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