Text & Textur. WeiterDichten und AndersErzählen im Mittelalter

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Type: 
Call for Papers
Date: 
September 26, 2018 to September 28, 2018
Location: 
Germany
Subject Fields: 
German History / Studies, Languages, Literature

Text & Textur. WeiterDichten und AndersErzählen im Mittelalter

Internationale mediävistische Fachtagung an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn,

26.-28. September 2018

Veranstaltet von:

Dr. Susanne Flecken-Büttner, PD Dr. Peter Glasner, Dr. Satu Heiland, Dr. Birgit Zacke

 

Call for Papers

Der metaphorische Ursprung des Wortes ‚Text‘ ist heute kaum noch bewusst: der Text als ein Produkt des Webens und Flechtens (lat. texere), ein Gewebe oder Geflecht (lat. textus), das auf Grund seiner semantischen, rhetorischen, poetischen und narrativen Ausformung eine je spezifische Textur erhält. Die mittelhochdeutsche Literaturproduktion kennt keine volkssprachige normative Poetik, sie leitet ihr Wissen um die Ästhetik von Texten ebenso aus der antiken Rhetorik wie aus vorgängiger und zeitgenössischer Literatur unmittelbar ab. Es ist folglich die rhetorische und die literarische Tradition selbst, die die Konzepte der imitatio und aemulatio als Formen des Retextualisierens von Motiven, Stoffen und Gattungen zur Verfügung stellt.

Mittelalterliche Literaturen sind immer in einem doppelten Sinne intertextuell: Zum einen literatur- und zeichentheoretisch als Text-Phänomene, die – seit Bachtin und Kristeva – grundsätzlich interreferentiell verwoben sind. Zum anderen bereits materiell bedingt: als handschriftliche Abschrift einer Textvariante oder -fassung, als Ergänzung oder als Abbreviatur einerseits und als Bestandteil eines mehr oder weniger zusammenhängenden Textkorpus innerhalb eines Codex andererseits. Vor dem Hintergrund der Alteritätsaspekte vormoderner Literatur versteht es sich von selbst, dass in der Germanistischen Mediävistik ‚Intertextualität‘ als Forschungsgegenstand und deren Beschreibung und Deutung als Methode gängig sind. Die Forschung zum spezifischen Phänomen des Wieder- resp. Weitererzählens und -dichtens hingegen befindet sich noch in den Anfängen – obwohl dieses nach Worstbrock (1999) womöglich „die fundamentale allgemeinste Kategorie mittelalterlicher Erzählpoetik“ (S. 130) darstellt. Unter Begriffen wie „Wiedererzählen“ (Worstbrock 1999), „rewriting“ (Kelly 1999) oder „Retextualisieren“ (Bumke/Peters 2005) werden in der mediävistischen Literaturwissenschaft verschiedenste Phänomene der Textualität diskutiert, die vielfach schier unterschiedslos als „literarische Bearbeitungen von Vorgängigem“ (Bumke/Peters 2005, S. 1) bezeichnet und bisher kaum systematisch gefasst wurden.

Was in der modernen Forschungsdebatte über Intertextuelles in mittelalterlicher Literatur noch im Besonderen fehlt, ist eine systematische Herausarbeitung der Zusammenhänge von unterschiedlichen Erscheinungsformen von Intertext im Mittelalter: Inwiefern bedingen Alteritätskonstituenten mittelalterlicher Literatur wie Textualität und Autorschaft, Materialität und Medialität die Gesamtheit des literarischen Feldes der Vormoderne als vielfältig verwobenes Geflecht wechselseitiger Bezugnahmen?

 

1. Materia und Textur – Wieder-, Anders- und Weiterdichten im Mittelalter

Bei mittelalterlicher Literatur als per se intertextueller Dichtung stellt sich auch die Frage nach der konzeptionellen Teilhabe einzelner Texte am jeweiligen Gattungskontinuum, sei es durch das Zitat oder das Spiel mit Figuren, Strukturen oder Motiven. Für die Heldenepik und den höfischen Roman ist die Gattungsthematik zentral, denn für die Epik ist es das Wiederzählen, für den Roman die adaptation courtoise, die als intertextuelle Verfahren die Gattungszugehörigkeit mitkonstruieren. Wie tragen einzelne Texte durch gemeinsame Strukturen, durch ein gemeinsames Figureninventar oder durch das Aufrufen sich wiederholender Motive zu einer Etablierung der jeweiligen Gattung und damit auch zu einer Kanonbildung innerhalb der Gattung bei?

 

2. Ornatus und Textur – Metanarrativik mittelhochdeutscher Literatur

‚Textur‘ gilt seit der Antike als fein Versponnenes, eng Verwobenes, als beziehungsreich Verflochtenes – als ‚Text‘ im antik-etymologischen Sinne des Wortes. Material für die Handlung eines Werkes bildet der Stoff, dessen je spezifische Be- und Verarbeitung sich als Textur begreifen lässt. Textur in ihrer ‚Materialität‘ weist demnach aus, in welcher Art und Weise in einem bestimmten Werk mit dem Stoff verfahren wird, um eine eigene Geschichte daraus herzustellen.

Die mittelalterliche Dichtung basiert auf vorfindlichen Stoffen (materia), die nach-, wieder- oder neugedichtet wurden. Angesichts der Vielfalt koexistierender Gestaltungen einer spezifischen materia ist ebenso zu diskutieren, inwiefern sich diese neuerlich definitorisch fassen ließe. Als ebenso ungeklärt gilt bislang der Freiraum sog. Wiedererzählungen – wo endet die Bearbeitung der materia und wo beginnt die Neuschöpfung?

Darüber hinaus sind von Phänomenen materiell bzw. medial begründeter Interreferentialität mittelalterliche Textphänomene zu unterscheiden, die sich durch ein nachweisliches ‚Bewusstsein von Intertextualität‘ auszeichnen. Nicht zuletzt könnte die Tagung auch einen Beitrag dazu leisten, die durch das Textile des Metanarrativen bereits diffus gemachte Unterscheidbarkeit von materia und artificium, wenn nicht sogar von histoire und discours, neu zu fassen.

 

3. Imago und Textur – Mittelalterliche Intermedialität

Das Mittelalter ist eine Zeit der spezifisch eigenen Medialität. In Anlehnung an Belting (2001) könnte man auch von einem medialen ‚Nomadentum der Geschichten’ sprechen: Diese werden aus dem Gedächtnis memoriert, in die Schriftlichkeit übertragen, im Codex fixiert und von Bildern begleitet, um dann wiederum auch allein im Bild – mit oder ohne schriftsprachliche Unterstützung – präsent zu sein. Und doch unterscheiden sich beide Medien in ihrer Präsenz und ihrer Wahrnehmbarkeit. Vor diesem Hintergrund bieten die Visual Culture Studies einen weiteren Zugriff auf das Phänomen ‚Textur‘. Im Interesse der Analyse stehen nicht mehr ‚nur‘ Texte oder ‚nur‘ Bilder, sondern auch deren Wechselbezug, der ein „Interfeld“ konstituiert (Stiegler 2014, S. 168). Der Begriff der ‚Intermedialität‘ löst den Begriff der ‚Intertextualität‘ ab, welcher bisher auch für die Beziehung zwischen Texten und Bildern benutzt wurde. Drei Kategorien werden durch klare Mediengrenzen voneinander getrennt:

  1. Medienkombination, das Zusammenwirken zweier Medien (z.B. Text und Bild in der Handschrift),
  2. Medienwechsel, Medientransfer oder Medientransformation (z.B. die Adaption einer im Text erzählten Geschichte allein im Bild),
  3. intermediale Bezüge (z.B. die Bezugnahme eines literarischen Textes auf ein Bild und umgekehrt).

Nicht die eine Kunst wird aus der anderen erklärt, sondern Gegenstand ist ihr gemeinsames Interesse am Erzählen einer Geschichte durch die ihnen ureigenen Darstellungsmodi.

 

Für die geplante Tagung sollen die skizzierten Ansätze von Intertextualität für Fragen nach Sinnkonstitutionen, -stiftungen, -fortschreibungen oder gar -erweiterungen zwischen Prätexten und Referenztexten/manifesten Texten oder aber zwischen Systemreferenzen und manifesten Texten öffnen. Gewünscht werden Beiträge zu Einzeltextreferenzen eines Textes der imitatio und der aemulatio, der Parodie oder Kontrafaktur, der (Neu-)Fassung, Übersetzung oder Bearbeitung usw. Darüberhinausgehend wären auch Themen wie die Systemreferenz von Texten für die Tagung interessant, die Strukturen, Figuren, narrative Standards, Motivhaushalt etc. in den Blick nehmen.

Mittelalterlicher Texturen (in Text und Bild) sollen jenseits des etablierten Kanons zur Kenntnis genommen und nicht abwertend als ‚bloße Fortsetzungen‘, sondern als eigenständige Poetiken analysiert werden. Ziel ist es, die etablierten und eher negativ konnotierten Begriffe des Nach-, Neu-, Wieder- oder Zudichtens u.a. durch, wenn nicht positive, so doch zumindest aber angemessenere, neutrale Begriffe zu ersetzen. Bei dieser neuartigen Betrachtung vermeintlich epigonaler Literatur ist auch eine begriffliche Schärfung derartiger intertextueller Phänomene zu erwarten. Mit dem Konzept etwa des Wieder- und Anderserzählens (Dimpel 2013) bzw. des Retextualisierens ist die Metapher des Textes als Gewebe eng verbunden. ‚Textur‘ wird im Zusammenhang mit der vorgenommenen Tagung entsprechend gleichgesetzt mit der „Textoberfläche als Ergebnis eines künstlerischen Verfahrens“ (RLW, Baßler 2007, S. 618) und bezeichnet die jeweiligen Gestaltungsformen literarischer und bildlicher Umschreibungspraxis im weitesten Sinne.

 

Die Tagung findet vom 26. bis 28. September 2018 im Bonner Universitätsforum (Heussallee 18–24) statt. Zu den drei genannten Themenfeldern werden Vorschläge insbesondere auch des wissenschaftlichen Nachwuchses für Vorträge erbeten, die den Umfang von 30 Minuten nicht überschreiten sollten. Die Kosten für Reise und Unterkunft werden vorbehaltlich der Einwerbung von Drittmitteln zur Finanzierung der Tagung übernommen. Eine Veröffentlichung der Beiträge ist vorgesehen. Ihre Bewerbung senden Sie bitte mit Vortragstitel und einem Exposé in einem Umfang von maximal 2000 Zeichen bis zum 3. April 2018 in elektronischer Form an folgende Adressen:

 

Fabian Böker: fabian.boeker@uni-bonn.de

Dr. Birgit Zacke: birgit.zacke@uni-bonn.de

 

 

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Text & Texture. ContinueNarrating and NarratingDifferently

International Conference in Medieval Studies at Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, September 26-28, 2018

Organised by:

Dr. Susanne Flecken-Büttner, PD Dr. Peter Glasner, Dr. Satu Heiland, Dr. Birgit Zacke

Call for Papers

The international conference that will take place at Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn focuses on the medieval phenomenon of re-narrating, continue-narrating or re-textualising within German literature. It concentrates especially on intertextual as well as intermedial ‚interweaving‘ of single texts that are situated beyond the literary canon and brings into question the system of references of specific textures of a materia that is perpetually changing. Re-evaluating originality in medieval literature, specifying the terminology and gaining new insights into previously less regarded texts are the conference’s objectives. The conference is structured in three distinct thematic fields:

1. Materia and texture – re-narrating, continue- narrating and narrating differently

The first thematic field is dedicated to the relevance of re-narrating, continue-narrating and narrating differently in the Middle Ages in regards to the constitution of genres by using either mutual structures, mutual characters or invoking recurring motives.

2. Ornatus and texture – meta-narratology of Middle High German literature

The second thematic field focusses on reflections of narrative processes where intertextuality goes along with implicit and explicit poetics. In the light of meta-narratology, the definitions and discriminability of materia and artificium as well as the demarcation of revision and creation shall be questioned.

3. Imago and texture – medieval intermediality

The third thematic field addresses the intermediality of stories within the framework of visual culture studies. Stories can find their expression – in diverse variations and interdependencies – in the media of text as well as illustration. In this respect, three categories shall be differentiated: 1) combination of media, 2) change, transfer or transformation of media and 3) intermedial references.

The conference will take place at Bonner Universtitätsforum (Heussallee 18-24) from September 26th to 28th, 2018. We are requesting paper proposals for presentations not exceeding 30 minutes, and would especially like to encourage junior researchers to apply. The payment of travel and accommodation expenses is dependent upon third-party fund-raising to finance the conference. We plan to publish the papers. Please e-mail your application with your presentation’s title and an abstract with a maximum of 2000 characters until April 3rd, 2018 to:  

Fabian Böker:   fabian.boeker@uni-bonn.de

Dr. Birgit Zacke: birgit.zacke@uni-bonn.de

 

Contact Email: